eForum zeitGeschichte 1/2001

 

Jüdische Studentinnen an der Medizinischen Fakultät in Wien1

von Michaela Raggam

Der Diskurs um das Frauenstudium

Ein Gutachten bezüglich des Frauenstudiums aus dem Jahre 1873 vom Akademischen Senat der Universität Wien ist in der Argumentationsweise charakteristisch für die damals vorherrschenden Anschauungen und verzögerte letztendlich die Öffnung der Universität für Frauen um ein weiteres Vierteljahrhundert:2

"Eine Änderung des szientifischen und disziplinären Charakters der Universität aber zuungunsten der Männer und zugunsten der Frauen, namentlich einiger im besten Falle lediglich neugieriger und solcher, welche, den ihnen durch Natur und Sitte angewiesenen Wirkungskreis verkennend, darüber hinaus in den Wirkungskreis der Männer störend einzutreten beabsichten, kann weder im Interesse der Wissenschaft liegen (?) und so lange die Gesellschaft, was ein gütiges Geschick verhüten möge, die Frauen nicht als Priester, Richter, Advokaten, Ärzte, Lehrer, Feldherrn, Krieger aufzunehmen das Bedürfnis hat (?) liegt auch keine Nötigung vor, den Frauen an der Universität ein Terrain einzuräumen, welches in den weiteren Folgen unmöglich zu begrenzen wäre."

Erst langsam begannen sich die Anschauungen bezüglich des Frauenstudiums zu ändern. Ein Verfechter des Frauenstudiums an der Juridischen Fakultät war Edmund Bernatzik, der sich auf das Gesetz der Bildungsfreiheit berief und den Ausschluß der Frauen von höherer Bildung als Verfassungsbruch interpretierte3. Der Altphilologe Theodor Gomperz hingegen hielt Frauen im allgemeinen für höhere geistige Leistungen unfähig und widersetzte sich auch nach der Öffnung der philosophischen Fakultät im Jahre 1897 der Aufnahme von Frauen in seine Lehrveranstaltungen4.Die Medizinische Fakultät wurde von der Diskussion um das Frauenstudium mit besonderer Intensität ergriffen. Marina Tichy gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, daß der Diskurs weit über den universitären Rahmen hinausreichte und gesellschaftliche Strukturen erfaßte5:

"Wenn aufgeklärte Anatomieprofessoren den weiblichen Arzt als eine ,Sünde' wider den heiligen Geist bezeichnen (...) geht es um mehr und um anderes als die männliche Realangst vor einer möglichen Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. (...) Was mit dem Anspruch der Frauen auf die Wissenschaft grundsätzlich zur Debatte stand, waren die Denk- und Wahrnehmungsmuster, auf denen Weiblichkeitsmythen der bürgerlichen Kultur jener Zeit beruhten, in ihrer Totalität."

Das Postulat der geistigen Inferiorität der Frau wurde durch den Münchner Anatom Theodor L. W. Bischoff im sogenannten "Hirnbeweis"6 szientifiziert. Sein Nachfolger Nikolas Rüdinger führte den Beweis einer generellen cerebralen Minderwertigkeit der Frau fort.Ein weiterer Verfechter der weiblichen Inferiorität war der Wiener Universitätsprofessor Eduard Albert. Sein Pamphlet "Frauen und das Studium der Medizin" erschien 1895 und erlangte als Kompendium des Antifeminismus zweifelhafte Berühmtheit7.

Im Diskurs um das Frauenstudium bediente man sich eines weiteren Arguments, welches Frauen für das Studium ungeeignet erscheinen ließ: Der Gynäkologe Joseph Spaeth wies in seiner Rektorsrede darauf hin, daß Frauen wesentlich durch ihre Geschlechtlichkeit bestimmt seien. Schwangerschaft, Geburt sowie "die gewißen Pausen" im Leben der Frau, in denen "eine partielle Störung des Intellectes" einträte, wurden zu "Calamitäten" der weiblichen Existenz erklärt, was in weiterer Konsequenz zu einer generellen Pathologisierung der weiblichen Konstitution führte8.

Weibliche Intellektuelle, die im Ausland ihr Studium begannen und die postulierten Weiblichkeitskonzeptionen hinterfragten, wurden zumeist als "Ausnahmefrauen" angesehen. Im Kontext der Entartungstheorien der Jahrhundertwende wurde das "Phänomen weiblicher Intelligenz" eher einer spektakulären "Posse der Natur" gleichgesetzt9.

Otto Weininger, der mit seiner Schrift "Geschlecht und Charakter" (1903) die antifeministische Grundstimmung seiner Zeit zum Ausdruck brachte, führt diesen Gedanken weiter. Emanzipierte Frauen besäßen nach Weininger einen besonders hohen Anteil an männlichen Anteilen, welches sich auch in einem körperlich dem Mann angenäherten Aussehen erkennbar zeige. Dies sei Ausdruck einer sexuellen Zwischenform, die laut Weininger "gerade noch den ,Weibern' beigezählt werden" könnte10.

Das Argument der Abnormalität weiblicher Gelehrtheit findet sich auch bei dem Leipziger Privatdozenten Paul Möbius. In seinem Werk: "Über den physiologischen Schwachsinn der Frau" (1900) verleiht er der Befürchtung Ausdruck, studierende Frauen würden ihre Gebärfähigkeit verlieren11:

"Soll das Weib das sein, wozu die Natur es bestimmt hat, so darf es nicht mit dem Manne wetteifern. Die modernen Närrinnen sind schlechte Gebärerinnen und schlechte Mütter. In dem Grade, in dem die ,Zivilisation' wächst, sinkt die Fruchtbarkeit, je besser die Schulen werden, umso schlechter werden die Wochenbetten (...) kurz, um so untauglicher werden die Weiber".

In weiterer Folge werden Frauen damit zu Zwitterwesen stilisiert und in einen Antagonismus zwischen Weiblichkeit und Intellektualität gezwängt. Dies äußert sich auch in diversen diffamierenden zeitgenössischen Karikaturen, welche weibliche Studierende als glatzköpfig und bebrillt darstellten und der Befürchtung Ausdruck gaben, studierende Frauen würden ihre Weiblichkeit verlieren12.In den Memoiren Rachel Straus´, die 1880 in Karsruhe geboren wurde und eine der ersten Medizinstudentinnen in Deutschland war, berichtet die Autorin von ähnlichen, ihr gegenüber geäußerten Vorurteilen13:

"Das Thema hieß: "Die Studentin", und ein Kollege erklärte uns da ganz wissenschaftlich, daß jede studierende Frau nicht nur geistig und seelisch als Frau verkümmern müsse, sondern daß auch ihr Äußeres sehr bald die Spuren davon zeige und sie häßlich und für Männer abstoßend erscheinen lasse."

Die Affektivität des Widerstandes gegen das Frauenstudium erklärt sich auch durch die Tatsache, daß die Universität in gewisser Weise Initiationsfunktion für die jungen Studenten innehatte, die im Rahmen ihres Studiums zur Reife gelangen sollten. Die Trink- und Mensurkultur der studentischen Verbindungen sind Ausdruck dieser Riten. In diesem Zusammenhang erschien es im Kontext der bürgerlichen Kultur "unzüchtig", die Universität auch für Frauen zugänglich zu machen14.Rachel Straus beschreibt die Ablehnung, die ihre Entscheidung zum Medizinstudium sogar im engsten Freundes- und Familienkreis erfuhr15:

"Unweiblich, ja sogar unmoralisch fanden sie diesen Schritt und versuchten mit aller Überredung mich davon abzuhalten."

Insbesondere an der Medizinischen Fakultät wurden das Argument der "weiblichen Schamhaftigkeit" sowie Bedenken um "Gesundheit und Sittlichkeit" instrumentalisiert, um Frauen vom Studium auszuschließen. Rosa Mayreder, Aktivistin des Allgemeinen Österreichischen Frauenverbandes, ironisierte in einer Rede die patriarchalen Weiblichkeitszuschreibungen und benützte diese als Argument für das Frauenstudium16:

"Da wird uns beständig vorgeflötet, daß das Schamgefühl die edelste Zierde eines edlen Weibes sei usw: wenn es sich aber darum handelt, praktische Konsequenzen zu ziehen, schweigen diese Flöten. Denn ohne Zweifel gehört die Behandlung durch einen männlichen Arzt in vielen Krankheitsfällen zu den schmerzlichsten Beleidigungen des weiblichen Schamgefühls."

Marina Tichy gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, daß in dieser Diskussion vor allem das männliche Monopol auf das Wissen um den eigenen und weiblichen Körper auf dem Spiel stand17. Allein die Vorstellung weiblicher Ärzte und Studierender wurde oft als obszöne Anmaßung empfunden, wie im folgenden zum Ausdruck kommt18:

"Man denke sich nur die junge Dame im Seziersaal mit Messer und Pincette vor der gänzlich entblößten männlichen Leiche sitzen und Muskeln oder Gefäße und Nerven oder Eingeweide präparieren (...) und man berücksichtige, daß das alles in Gegenwart der männlichen Studenten vor sich geht, daß die männlichen wie die weiblichen in der ersten Zeit der Mannbarkeit stehen, wo die Erregung der Sinnlichkeit ganz besonders leicht und gefahrvoll ist - man stelle sich das einmal so recht lebhaft vor und dann sage man, ob man junge weibliche Angehörige der eigenen Familie in solchen Verhältnissen sehen möchte."

Im März 1896 wurde durch eine Verordnung des Ministeriums für Kultus und Unterricht die Nostrifizierung19 der von Frauen im Ausland erworbenen medizinischen Doktorate erlaubt, nachdem bereits 1895 eine Petition durch den Allgemeinen Österreichischen Frauenverband dazu eingelangt war. Dies war der erste Schritt einer gesetzlichen Basis für das Frauenstudium. Im Jahre 1900 öffnen sich schließlich die Tore für Frauen an der Medizinischen Fakultät.In den meisten Biographien der Pionierinnen des Frauenstudiums ist die Grundstimmung trotz der ihnen entgegengebrachten Vorurteile positiv. Die auf die Studentinnen projezierte Ausnahmesituation wurde oft zum Anstoß neuen Selbstbewußtseins.

Anna Pölzl, 1908 erste Sekundarärztin an einem Wiener Krankenhaus, stellte die Situation folgendermaßen dar20:

"Es war uns vom Anfang an klar, daß wir Pionierinnen mehr leisten müßten als der Durchschnitt, um das Vorurteil gegenüber Studentinnen zu überwinden."

Rachel Straus berichtet von der Aufbruchsstimmung und dem großen Freiheitsbedürfnis in der ersten Generation von Studentinnen21:

"Fast alle waren nach schweren Kämpfen gegen tausend Vorurteile, gegen Familie und Gesellschaft, gegen Bindungen und Rücksichten auf ihren jetzigen Weg gelangt. Endlich waren sie frei, waren selbständig, man sah es ihnen an, wie froh, wie erleichtert sie waren... beteiligt am Aufbau eines neuen Frauendaseins`.`

Die Pionierinnen des Frauenstudiums bereiteten hiermit die Grundlage für nachfolgende Generationen, die bereits mit großer Selbstverständlichkeit ihrem Studium nachgingen. 

Jüdische Studentinnen an der Universität

Waltraud Heindl verweist auf den unproportionell hohen Anteil jüdischer Studentinnen unter den Frauen der ersten Generation an der Universität. Insbesondere an der Medizinischen Fakultät hatten Studentinnen mosaischer Konfession die Majorität: Statistisch schwankte die Zahl zwischen 1900 und 1914 zischen 51,2% und 68,3%. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß dies allein durch die in den Stammdatenblättern angegebene Religionszugehörigkeit nachzuvollziehen war. Studentinnen aus jüdischen Elternhäusern anderer Konfessionen sowie konfessionslose Studierende aus zumeist jüdisch-liberalem Milieu sind in dieser Quote nicht mitberücksichtigt. Man kann daher davon ausgehen, daß die tatsächliche Zahl demnach sogar höher lag22.Mit dem Wintersemester 1907/08 mehrt sich an der Medizinischen Fakultät zusehends die Zahl mosaischer Studentinnen aus Galizien. Bis zum Jahre 1918/19 wuchs die Zahl der Galizierinnen an der Medizin auf 36,2% an. Jiddisch als Muttersprache nahm nun eine nicht zu übersehende Stellung ein. 92,5% der aus Galizien stammenden Studierenden waren jüdisch.23

Dieser Umstand ist umso bedeutender, als ein Großteil der nach Wien emigrierten Galizier in ärmlichen Verhältnissen lebte und das Studium als Mittel des sozialen Aufstiegs einsetzten. Innerhalb der Bevölkerung bewirkt der Influx an osteuropäischen Juden eine gewisse Dynamik, sodaß "Geburtsort Galizien" bald gleichbedeutend mit "jüdisch" gesetzt wurde24.

Was ist nun der Grund für die hohe Bildungsbeteiligung jüdischer Frauen? Innerhalb der jüdischen Kultur spielte das Buch traditionsgemäß eine große Rolle, da auch die Religion selbst auf das Studium der Torah ausgerichtet ist. Ein weiterer Erklärungsansatz ist auch der bereits erwähnte Aspekt der Bildung als Medium der bürgerlichen Emanzipation und des sozialen Aufstiegs. In liberalen Elternhäusern nahm Bildung einen hohen Stellenwert ein und erschloß sich, sobald die Möglichkeit mit der Errichtung erster Mädchenlyzeen und Realgymnasien25 gegeben war, auf beide Geschlechter. Auch in weniger begüterten Familien legte man auf gute Schulbildung wert, sodaß der Anteil an jüdischen Gymnasialschülern und Gymnasialschülerinnen im Vergleich zur Gesamtpopulation unproportional hoch war. 

Kurzbiographie der im Rahmen der Studie erfaßten Frauen

Mira Broder* wurde 1910 in Delatin, Galizien geboren. Im Zuge des Ersten Weltkrieges floh die Familie vor den herannahenden russischen Truppen nach Ungarn und kam 1920 nach Wien. Der Vater, der später als Schriftsteller Bekanntheit erlangte, wurde zum Wehrdienst verpflichtet und war in diesem Rahmen als Rabbiner tätig. Ihre Mutter hatte während dieser Zeit aufgrund ihrer Sprachkenntnisse in Polnisch und Jiddisch eine Stelle in der Zensur der Kriegspost. Mira wuchs in einem gemildert orthodoxem Elternhaus im XX. Bezirk auf. Man feierte die jüdischen Festtage und hielt einen koscheren Haushalt. Mira Broder besuchte das Chajesgymnasium und begann 1928 mit dem Medizinstudium.Milica Draganic26 stammte aus einer assimilierten Familie und wurde 1912 als Trude Spitz in Wien geboren. Der Vater Herrmann Spitz war Kaufmann und kam aus der späteren Tschechoslowakei, ihre Mutter Olga Spitz, nee Kaunitz stammte aus Ungarn. Die Familie lebte im IX. Bezirk. Außer an den Feiertagen nahm man kaum am jüdischen Leben teil. Dennoch betont Milica (Trude Spitz), sich ihrer jüdischen Identität sehr bewußt gewesen zu sein. Im Jahre 1931 begann sie ihr Studium an der Medizinischen Fakultät Wien.

Alice Huppert27, nee Doktor wurde 1913 in Wien geboren. Ihr Vater Oskar Doktor kam aus Böhmen, ihre Mutter Gisella Doktor, nee Krieger war aus Wien. Die Eltern lernten sich im Textilgeschäft des Vaters kennen, wo die Mutter als Sekretärin tätig war. Die Familie lebte im XVIII. Bezirk und war weitreichend assimiliert, hielt sich jedoch an die jüdischen Feiertage. Chanukkah kam eine besondere Rolle zu und wurde ähnlich dem christlichen Weihnachtsfest mit Geschenken gefeiert. Alice gehörte auch einer Gruppe Jugendlicher an, die gemeinsam den jüdischen Jugendgottesdienst besuchten, und begeisterte sich durch ihren israelitischen Religionslehrer für die hebräische Sprache (Ivrit). Nach dem Abschluß des Mädchenrealgymnasiums begann Alice Huppert 1932 mit dem Studium der Medizin.

Die Familie Edith Hoppers28, die 1910 in Wien geboren wurde, war assimiliert. Ihre Mutter war aus Troppau, Böhmen. Ihr Vater stammte aus einer traditionsreichen Prager Rabbinerfamilie. Aufgrund seines Interesses an aufgeklärter Literatur entschloß er sich zum Studium nach Wien zu gehen, in dessen Folge es zum Bruch mit seiner Familie kam. Ihr Vater lehnte jegliche religiöse Affinität ab und ging höchstens zu Jom Kippur in die Synagoge, um seinen Vater zu ehren. Die Assimilation ging jedoch nicht soweit, daß man die Feste der christlichen Umwelt mitfeierte. Edith erinnert sich daran, als Kind immer bereut zu haben, keinen Weihnachtsbaum zu bekommen, der damals auch in jüdischen Häusern des Bürgertums sehr verbreitet war. Die Familie lebte im XIX. Bezirk in Wien. Edith besuchte gemeinsam mit sechs anderen Mädchen das Knabengymnasium in der Gymnasiumstraße in Döbling und begann 1929 mit dem Medizinstudium.

Else Pappenheim29 stammte aus einer traditionsreichen Ärztefamilie und wurde 1911 in Salzburg geboren. Ihr Vater Martin Pappenheim war Neurologe und Professor an der Universität in Wien. Seine Schwester Mitzi Pappenheim war ebenfalls Ärztin und eine der ersten Frauen, die in Wien an der Medizinischen Fakultät promovierte. Ihre Mutter Edith Pappenheim, nee Goldschmidt war Tochter eines bekannten Hals-Nasen-Ohrenarztes und Enkelin der Begründerin der ersten Frauenhochschule in Leipzig, Henriette Goldschmidt. Die jüdische Herkunft spielte in ihrer Familie überhaupt keine Rolle, da bereits ihre Mutter als Protestantin aufgewachsen war und ihr Vater sich im Rahmen der Eheschließung taufen ließ. Else besuchte den protestantischen Religionsunterricht an der Schwarzwaldschule und war abgesehen davon kaum in Belangen irgendeiner Religionszugehörigkeit involviert. Nach der Matura begann sie im Jahre 1928 das Studium an der Medizinischen Fakultät in Wien.

Vinca Safar30, nee Landauer wurde 1891 in Salzburg geboren. Ihr Vater Gustav Landauer stammte aus einer jüdischen Familie der Finanzaristokratie. Ihre Mutter Anna Scheuch war Tochter eines Wiener Cafetiers. Vinca wurde in der katholischen Tradition erzogen. In ihren Memoiren kommt mehrmals die Ambivalenz zum Ausdruck, die sie aufgrund der unterschiedlichen "Blutmischung" ihrer Herkunft empfand31. Vinca verbrachte ihre Kindheit in Cilli, einer Kleinstadt im slowenischen Teil der Südsteiermark. Da sie kaum Kontakt zu anderen jüdischen Kreisen hatte, gelang es ihr nicht, ein positives Verhältnis gegenüber ihrer jüdischen Herkunft zu entwickeln, und fühlte sie sich in ihrer Schulzeit oft minderwärtig gegenüber ihren blondzöpfigen, kräftigen Mitschülerinnen32. Im Jahre 1907 übersiedelte die Familie nach Wien, wo Vinca nach dem Abschluß der Bürgerschule in Cilli die 4-klassigen humanistischen Gymnasialkurse an der Schwarzwaldschule besuchte. Nach erfolgreichem Ablegen der Matura im Jahre 1911 begann Vinca Safar mit dem Studium der Medizin.

Stella Spitz33, nee Schleisner wurde 1909 in Wien geboren und definiert ihr Elternhaus als vollkommen assimiliert. Ihr Vater Siegfried Schleisner war Buchhändler und stammte aus der späteren Tschechoslowakei, ihre Mutter Emma Schleisner, nee Hermann kam aus Ungarn. Die Familie lebte eine zeitlang in der Leopoldstadt, übersiedelte aber im Jahre 1915 in den XIX. Bezirk. Man feierte Ostern und Weihnachten und hatte von jüdischen Feiertagen im Grunde keine Ahnung. Mit 14 Jahren entschloß sich Stella "konfessionslos" zu werden, da sie der Meinung war, man könne nur Jude sein, wenn man glaube. Sie besuchte das Döblinger Mädchen-Reform-Realgymnasium und begann nach der Matura mit dem Medizinstudium.

Beatrice Eugenie Steiner34 stammt aus einer assimilierten Familie und wurde 1905 in Wien geboren. Ihr Vater kam aus einer kleinen Stadt in Galizien, ihre Mutter war in Wien gebürtig. Beatrice besuchte die Schwarzwaldschule, an der zu dieser Zeit der noch unbekannte Rudolf Serkin Klavier unterrichtete, Oskar Kokoschka eine Zeichenklasse leitete und der Sohn August Strindbergs Vorlesungen hielt. 1924, nach dem Ablegen der Matura, inskribierte Beatrice mit fünf ihrer Schulkolleginnen an der Medizinischen Fakultät und begann ihr Studium. Nach der Promotion im Jahre 1930 bekam sie durch eine glückliche Fügung eine Anstellung im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien bei Professor Tandler. 

Elternhaus und soziales Umfeld

Ein Großteil der erfaßten Frauen stammt aus assimiliertem Elternhaus, in welchem die Verbindung zum Judentum eher formell war und sich zumeist auf die hohen Feiertage beschränkte ("Drei-Tage-Juden"). Die jüdische Identität dieser liberal/säkularen Kreise charakterisiert Harriet Pass Freidenreich35 folgendermaßen:

"They were Jews despite a lack of strong personal commitment to either Judaism or Jewish nationalism; for them, being a Jew who belonged to the Gemeinde was merely a fact of life rather than a source of either shame or joy."

Zwei Frauen wurden in einer nicht-jüdischen Konfession sozialisiert. Von den acht Frauen begannen sechs Frauen ihr Studium an der Medizinischen Fakultät im Zeitraum von 1928-1932. Dies ist insofern von Bedeutung, als sich dadurch trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Wirkungskreise Vergleichbares über die Situation der Studentinnen ableiten läßt. Eine der Studierenden, die erst im Jahre 1932 ihr Medizinstudium begann, konnte aufgrund der turbulenten politischen Ereignisse ihr Studium nicht mehr abschließen36.Pass Freidenreich (1998) geht von der These aus, daß sich bei den jüdischen Studierenden im Zuge des Bildungsprozesses und den daraus folgenden Karrieren oft eine bereits durch das Elternhaus vorhandene Entfremdung gegenüber der jüdischen Gemeinde verstärkte37.

So sehr dies auf die ersten Generationen an Studentinnen zutreffen mag, sind im Falle der in diesem Rahmen untersuchten Frauen Einschränkungen zu machen: Die Situation an der Universität in den dreißiger Jahren, auch und vor allem in Wien, verschärfte sich radikal. Schon allein aus diesem Grund hatten jüdische Studierende nicht mehr den "Luxus", ihre jüdische Identität als Belanglosigkeit hinter sich zu lassen, da sie bereits in der Prä-Nazi-Ära durch vermehrte antisemitische Übergriffe beinahe zu einer Reflexion genötigt wurden38. Nach wie vor war aber nur eine verschwindend geringe Minderheit aktiv in jüdisch/zionistischen Organisationen tätig, was bedeutet, daß Antisemitismus nicht notwendigerweise eine Renaissance jüdischen Bewußtseins bewirkte.

Die Majorität der erfaßten Studentinnen stand dem sozialistischen Lager nahe. Drei Frauen waren sogar ausgesprochen im Rahmen der sozialistischen Bewegung aktiv39.

Des weiteren verweist Harriet Pass Freidenreich auf den Umstand, daß viele der jüdischen Frauen im akademischen Milieu sich bereits früh von Religion lossagten und sich eher in säkularen politischen Organisationen engagierten, in gewissem Sinne als Alternative zum aktiven Judentum40. Diese Tendenz läßt sich auch im Rahmen dieser Studie nachvollziehen. Else Pappenheim, deren Eltern bereits getaufte Protestanten waren, betont immer wieder die Tatsache, daß bereits in ihrer Gymnasialzeit Religion kaum eine Rolle gespielt hatte:

"Ich hab jüdische Mitschülerinnen gehabt. Aber ich hab nie jemanden gekannt, der irgendwie gläubig war. Religionsunterricht war obligat. Aber weder die Katholiken, noch Protestanten oder Juden in meiner Klasse? ich glaube nicht, daß eine von uns irgendwie fromm war. Besonders unter Mädchen, die ins Gymnasium gegangen sind und später studieren wollten (...) Ich kann mich nicht erinnern, daß irgendeine von uns jemals in die Kirche gegangen wäre oder in einen Tempel."

Keine der hier in diesem Rahmen erfaßten Frauen war Mitglied in einer wie auch immer orientierten Frauenorganisation41. Dies zeugt auch von einer gewissen Selbstverständlichkeit gegenüber den Errungenschaften der ersten Frauenaktivistinnen und bot zum Teil Anlaß zu Kritik von deren Seite42. Des weiteren bestätigt diese Tatsache Harriet Pass Freidenreichs Beobachtung, daß sich jüdische Studentinnen an der Universität kaum den vorhandenen Frauenorganisationen anschlossen oder sich untereinander organisierten. Viele der männlichen jüdischen Studierenden hingegen, die von den traditionellen Kartellverbindungen (Burschenschaften) der Universität ausgeschlossen waren, gehörten zumeist einer der jüdischen Studentenverbindungen an:

"Jewish women students remained excluded from membership in these male fraternities as well as from most women's student societies (...) Despite their disproportionately large representation at many German and Austrian universities, Jewish women students were reluctant to establish their own organizations."43

Die Unterschiede zwischen Mutter- und Tochtergeneration nahmen zumeist nicht mehr die radikalen Ausmaße wie in der Zeit der Pionierinnen des Frauenstudiums an44. Viele Mütter der hier erfaßten Akademikerinnen waren zumindest eine zeitlang erwerbstätig gewesen und hatten bereits eine verbesserte Schulbildung genossen.Im Falle Else Pappenheims vollzog sich der erste Schritt zur akademischen Laufbahn bereits in der Generation ihrer Eltern45, dementsprechend groß war für sie daher das Selbstverständnis, diesen Weg selbst einzuschlagen. Im Gespräch betont sie immer wieder die fortschrittliche Atmosphäre dieser Zeit in Wien:

"In meiner Schule gab es kaum eine Mutter, die nicht einen Beruf gehabt hat. Die waren Lehrerinnen oder ähnliches. Es gab auch eine in der Klasse, deren Mutter Ärztin war. Aber ich hab natürlich sehr viele Ärztinnen durch den Bekanntenkreis meiner Eltern gekannt. Wissen sie, in Wien war das seit dem Ersten Weltkrieg anscheinend gar nicht mehr etwas so Seltenes. Ich habe nie etwas mitbekommen von irgendwo, daß Frauen minderwertig sind oder weniger Rechte haben. Die Sozialdemokratische Partei war höchstwahrscheinlich bereits seit dem Ersten Weltkrieg sehr aktiv, das hat es einfach nicht gegeben! Ich mein, politisch hab ich es gewußt, aber persönlich hab ich nie irgendeine Erfahrung gemacht!"

Auch wenn die Bildungsmöglichkeiten für Frauen ab den 20er Jahren bereits etablierter waren, muß das Elternhaus von Else Pappenheim dennoch eher als Ausnahmefall angesehen werden. Die Majorität der hier behandelten Akademikerinnen hielt nach wie vor eine gewisse Distanz gegenüber den Rollenmodellen der Muttergeneration. Dies zeigt sich zum Beispiel in puncto Kochen: Im Verlauf des Gesprächs mit Stella Spitz betont die Medizinerin mehrmals, im Gegensatz zu ihrer Schwester, niemals Interesse für Kochen und Haushaltsdinge entwickelt zu haben. Sie habe auch das Kochen aus diesem Grund nie erlernt. Auch Mira Broder*, die als einzige in orthodoxem Elternhaus aufwuchs, wies darauf hin, daß sich ihr Ehemann jetzt noch darüber beschwere, daß sie nie kochen gelernt habe, da das damals alles ihre Mutter gemacht hatte.Die Motive für den Arztberuf waren durchwegs sehr unterschiedlich: Während Stella Spitz sich durch sich eher zufällig ergebende Umstände für das Medizinstudium entschloß, war im Falle Edith Hoppers* der Kinderarzt der Familie, in den sie eine zeitlang verliebt war, ausschlaggebend. Else Pappenheim hingegen wuchs durch ihr Elternhaus bereits im Selbstverständnis einer zukünftigen medizinischen Karriere heran. Neben ihrem Vater und dessen Schwester waren auch im Bekanntenkreis der Eltern die meisten im Arztberuf tätig, darunter bereits viele Frauen, sodaß für Else bereits mit sechs Jahren ihr Berufswunsch feststand. Mira Broder*, die als Kind im Ersten Weltkrieg lange Zeit sehr unterernährt und von schwacher Konstitution war, wuchs in diesem Sinne ebenfalls mit Ärzten auf, sodaß bei ihr sehr früh ein Interesse für Medizin verankert wurde. Für Vinca Safar, die einer frühen Studentinnen-Generation um 1911 angehörte, war ihre ethische Grundhaltung ausschlaggebend - Mitleid und Hilfsbereitschaft gegenüber den anderen. Alice Huppert schließlich wurde entscheidend durch eine Jugendgruppenleiterin beeinflußt, die in ihr ein naturwissenschaftliches Interesse entfachte. 

Studium an der Medizinischen Fakultät

In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts war die Frauenquote an der Universität bereits zu einer signifikanten Größe herangewachsen: Im Wintersemester 1919/20 waren an die 16% der Studierenden Frauen. Im Jahre 1925/26 nahmen Studentinnen bereits 18% der Studierenden ein, und 1928/29 war der Prozentsatz auf 22% angestiegen46.Auch an der Medizinischen Fakultät kam es in dieser Zeit zu einem erheblichen Zuwachs an Studentinnen: 528 inskribierte Hörerinnen im Jahre 1918/19 wurden nur mehr durch 690 Inskriptionen im Wintersemester 1933/34 übertroffen. In den Jahren dazwischen lag die Anzahl der neu inskribierten Medizinstudentinnen durchschnittlich bei 23047.

Else Pappenheim begann ihr Studium im Jahre 1929. Zu diesem Zeitpunkt gab es ihren Erzählungen nach ungefähr 1000 Studenten in ihrem Jahrgang, davon vielleicht ein Drittel Frauen. Die Wiener Medizinische Fakultät hatte damals noch immer einen hervorragenden Ruf, obwohl sie sich bereits nicht mehr in ihrer Hochblüte befand48. Else betont den hohen Anteil an ausländischen Studierenden an der Fakultät49, die zumeist aus den ehemaligen Ländern der Monarchie stammten. Ein erheblicher Anteil davon waren Frauen, denen ein Studium in ihrem Land nicht möglich war. Aus diesem Grund war sich Else Pappenheim der Vorurteile und Restriktionen gegenüber dem Frauenstudium in anderen Ländern bewußt.

Edith Hopper* inskribierte nach der Matura im Jahre 1929 an der Medizinischen Fakultät. Da die Familie nicht besonders begütert war und sogar der geringe Betrag des Kolloquiumgeldes ins Gewicht fiel, bezog Edith ein Stipendium, welches ihr das Studium ermöglichte. Zu dieser Zeit gab es bereits "plenty of women" an der Fakultät. Sie erinnert sich an eine Gruppe amerikanisch-jüdischer Studenten, die zum Medizinstudium nach Wien kamen, da es in Amerika noch einen numerus clausus für Juden gab.

An der Medizinischen Fakultät in Wien wurde Anatomie zu dieser Zeit auf zwei Instituten gelehrt, welche von Prof. Julius Tandler und von Prof. Hochstetter geleitet wurden. Bei Tandler, der selbst jüdischer Herkunft war, studierten zumeist jüdische Studentenkreise, während Hochstetter den Rest der nicht-jüdischen Hörerschaft für sich rekrutierte.

Fast alle der hier erfaßten Medizinerinnen besuchten die Lehrveranstaltungen Julius Tandlers. Die Ausnahme bildet Vinca Safar, nee Landauer, die als einzige bei Professor Hochstetter Anatomie studierte. Dies ist vor allem im Zusammenhang mit ihrer ambivalenten Beziehung gegenüber ihrer (halb)jüdischen Herkunft zu sehen. In ihren Memoiren schildert sie den Gegensatz zwischen den beiden Anatomischen Instituten folgendermaßen50:

"Es gab 2 anatomische Lehrkanzeln: Wir studierten bei Hochstetter, einem formal und wesensmäßig vornehmen Mann, in seinem Fach ein wissenschaftlicher Pedant (...) Hochstetter war der Sohn aus gutem arischen Haus, ein Herr, korrekt, oder wie man früher sagte, soigniert, in seinem Fach, wie schon erwähnt, sehr systematisch, niemals spekulativ oder blendend. Er gab die solide Basis. Hochstetters Gegenspieler an der anatomischen Lehrkanzel war Julius Tandler. Er war ein Gegenspieler in jeder Weise: ein jüdischer intellektueller Feuergeist, als Mensch oft cynisch und launisch (...) Er schätzte also Mut und Geistesgegenwart, er schätzte auch hübsche Studentinnen, doch brachte er die Mädchen bei den Prüfungen durch seine lasciv-cynischen Bemerkungen in die unangenehmste Situation."

In weiteren Ausführungen beschreibt Vinca Safar jedoch auch die Genialität Tandlers, welcher in seinen Vorlesungen die topographische Anatomie einführte und als Stadtrat das Gesundheitswesen reformierte.Die bahnbrechenden Lehrmethoden waren mit ein Grund für die Faszination, die Julius Tandler auf den Großteil seiner Studenten und Studentinnen ausübte. In den Worten Else Pappenheims:

"Der wirklich größte Einfluß auf alle von uns war der Tandler! Also das war ein fantastischer Lehrer! Von dem haben wir nicht nur Anatomie, sondern wirklich viel Medizin gelernt. Er hat so einen Projektionsapparat gehabt, was damals noch neu war, und hat sehr vieles projeziert, Präparate und alles (...) Er war ein unglaublicher Mediziner, aber auch ein ekelhafter Kerl. Bei ihm die Prüfung zu machen, das war Leben oder Tod sozusagen. Die meisten sind durchgefallen beim ersten Mal. Aber seine Vorlesungen waren wie gesagt faszinierend. Der Hochstetter hingegen war ein Langweiler! Er war nicht unnett, er war ein netter Mensch, aber ein fader Kerl! Wissen sie, Anatomie kann sehr langweilig sein. Tandler hat immer die Funktion betont und immer erwähnt, was für anatomische Unterschiede zu der und der Krankheit führen können, also sozusagen die Anfälligkeit. Er hat das lebendig gemacht! Und der Hochstetter hat halt immer aus dem Buch vorgetragen. Natürlich seziert haben seine Studenten auch, aber er war ein fader Kerl."

Antifeminismus an der Universität

Trotz der ansteigenden Frauenquoten an der Medizinischen Fakultät schienen Vorurteile gegenüber weiblichen Studierenden nach wie vor nicht aus der Welt geschafft, sondern waren im Subtilen (und auch weniger Subtilen) weiterhin wirksam:Stella Spitz saß bei den Vorlesungen Professor Tandlers immer in der ersten Reihe. Dies geschah jedoch nicht aufgrund ihrer besonderen Verehrung für den Professor, sondern, wie sie im Verlauf des Gesprächs erklärte, wegen ihres schlechten Sehvermögens: "Es war damals nicht sehr ´fashionable´ als Frau eine Brille zu tragen. Man wollte ja auf keinen Fall zu intellektuell aussehen." Aus diesem Statement läßt sich unschwer erkennen, daß das Stereotyp der Unweiblichkeit weiblicher Intellektualität immer noch präsent war51.

Else Pappenheim, die im Gespräch die faszinierende Lehrtätigkeit Julius Tandlers mehrmals hervorhebt, erinnert sich daran, daß Tandler auch für seine Gewohnheit bekannt war, Studentinnen mit "Fräulein" und nicht, wie damals überall üblich, mit "Frau Doktor" anzureden. Abgesehen davon hatte er jedoch ausschließlich weibliche Demonstrantinnen und Assistentinnen sowie den größten Anteil der weiblichen und jüdischen Hörerschaft. Aus diesem Grund sei das Vorurteil bei ihm nicht über die Anredeform hinausgegangen.

Stella Spitz erlebte Julius Tandler gerade Frauen gegenüber besonders sarkastisch. Andere Professoren hatten hingegen die Gewohnheit, Frauen durch bestimmte Fragen in Verlegenheit zu bringen:

"Ich kann mich erinnern, in pathologische Anatomie hatte ich eine Frage, über ´rape´ ("Unzucht"), wie sich das abspielt. Das hab ich aber nicht gewußt, wie sich das genau abspielt! Damals hat es noch kein TV gegeben! Na, da hab ich halt gesagt, der kniet irgendwie auf der Frau. Da hat er gesagt, da wird er sie aber nie bekommen. Also das waren solche Sachen, das haben schon manche Professoren sehr ausgenützt gegenüber Frauen! Um sie in Verlegenheit zu bringen, oh ja! Dieser Pathologieprofessor offensichtlich. Bei den anderen habe ich das nicht so bemerkt."

Beatrice Eugenie Steiner52 erzählt von einem Erlebnis einer jungen Kollegin, die sexuellen "Avancen" an der Universität ausgesetzt war:

"Years later a younger colleague told me she could not pass pathology. The assistant of the professor who gave the test intimated she could pass if she were a little friendlier to him. She did not accept his offer, could not finish her studies in medicine and later worked as laboratory technician in a hospital."

Studentenleben

Unter den Medizinstudenten war es damals üblich, sich in kleinen Gruppen für die Prüfungen vorzubereiten, da es dadurch einfacher erschien, gemeinsam den Stoff zu bewältigen. Zu diesem Zweck waren "Studierlokale" unter den Studierenden sehr beliebt, die einzig und allein dem Studium dienten. Alice Huppert53 erinnert sich:

"So rather then study at home, we would met in one of the ´Studierlokale´ such as the Josefinum. That was quite customary at that time. The Josefinum is a small institute on Währingerstraße. (...) As a medical student you could use one of these ´Studierlokale´. So we spend a lot of time there or we went to the coffee house ´Café Josephinum´, right at the corner on Währinerstraße."

Antisemitismus an der Universität

Im Zuge der politischen Ereignisse am Beginn der dreißiger Jahre verschärfte sich die Stimmung an der Universität zusehends. Antisemitische Übergriffe erfolgten nun in konstanter Frequenz und machten auch vor weiblichen Studierenden nicht halt, denen zuvor verbale und physische Ausfälligkeiten zumeist erspart blieben. Insbesondere die Medizinische und Juridische Fakultät waren aufgrund des traditionell hohen Anteils an jüdischen Studierenden ein häufiges Ziel dieser Attacken.Alice Huppert schildert die Situation in Wien:

"We certainly knew that on Saturdays at the University there was something they called ´Rummel´ where the ´Couleurstudenten´ would march. There was a big to do, I think they would go around in the Aula and in the arcades. And at that time as a Jew you would not go near there. And what happened, that in some cases there were lectures also on Saturday morning. And it happened to my husband, who was a student at that time, that they would come into one of the little auditorium and yelled ´Juden heraus!´ He was terrible shocked and upset about it." (Alice Huppert)

Am Anatomischen Institut nahm die Ambivalenz zwischen den kontroversiellen Professoren54 und ihrer Hörerschaft im Zuge dieser Entwicklung politische Dimensionen an. Alice Huppert, nee Doktor beschreibt die Atmosphäre unter den Studenten:

"As a matter of fact, there was quite a hostility at that time. Have you ever been at the Anatomic Institute by any chance? When you go up the main staircase, one institute was at the right side and one was at the left side. So it happened that when everybody was leaving there were constantly fights going on at the stairs. And some of the students would break up some chairs and take the legs to hit somebody. The Jewish students didn't want to fight, only when they had to. But the others were very aggressive. And I remember one incident, when we couldn't get out of the room. We were on the first floor level and it was not very high, so we jumped out of the windows. They were beating us up. The girls as well, there was no difference."

Die Methode, Studenten aus der Hörerschaft Julius Tandlers zu bedrohen und im Vortragssaal einzusperren, wurde häufig angewandt, ohne daß die Polizei jemals eingeschritten wäre. Edith Hopper* berichtet von einem ähnlichen Erlebnis, das sich im Jahre 1930 ereignete:

"An der Anatomie waren zwei Institute: Beim Hochstetter waren alle Nazis, und beim Tandler waren alle Juden. Und die Nazis vom Hochstetter, mit der Hilfe von Technischen Studenten, die alle Nazis waren, haben uns eingesperrt im Anatomischen Institut. Und die haben uns nicht herausgelassen, lange Zeit über. Und als sie uns herausgelassen haben, haben sie ein Spalier gebildet. Jeder hat einen Knüppel gehabt, und im Vorbeigehen haben sie uns mit dem Knüppel geschlagen. Auch die Frauen? Das war vor der Nazizeit. Aber es waren bereits viele Nazis im akademischen Umfeld. Man hat es bereits gespürt an der Fakultät."

Stella Spitz und Milica Draganic (Trude Spitz) wurden ebenfalls Opfer dieser antisemitischen Übergriffe.  Stella erinnert sich daran, daß sie sich mit anderen Mitstudentinnen in der Toilette verbarg und von dort mitverfolgte, wie die Burschen verprügelt wurden. Auf die Frage, wie man auf den virulenten Antisemitismus reagiert habe, gibt Stella Spitz zu bedenken:

"Man hat das so hingenommen. Man hat sich weiter nicht so viel dabei gedacht! So war das! Das sind eben diese gräßlichen Antisemiten. Man hat weiterstudiert.(...)"

Durch den Putsch der Christlichsozialen verschärft sich das innenpolitische Klima in Österreich. Im Zuge des Februar-Aufstandes im Jahre 1934 kommt es zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei, wovon einige der Studentinnen zumindest indirekt betroffen waren55. Julius Tandler wird zwangspensioniert. Das Klima an der Universität wird nun offen antisemitisch. Studenten jüdischer Herkunft werden als Hospitanten nicht mehr bezahlt.Edith Hopper*, die zu dieser Zeit als Hospitantin im Kinderspital im X. Bezirk tätig war, erzählt:

"In manchen Dingen hat es schon damals eine Rolle gespielt. Wir konnten zum Beispiel nicht mehr angestellt werden. Die Ärzte wurden doch angestellt, auch als sie noch hospitiert haben, und haben einen Gehalt bekommen. Wir konnten keinen Gehalt mehr bekommen als Juden. Das war noch unter Dollfuß! Wir konnten hospitieren, aber kein Geld mehr bekommen. Es war ja vorher schon ein großer Antisemitismus."

Des weiteren war es von diesem Zeitpunkt an schwieriger, als Jüdin eine gute Position zu bekommen. Mira Broder* beschreibt die Situation folgendermaßen:

"More or less you couldn't get a good position any more. There were always reasons why they didn't take you. They had someone from a good university, you know, someone they had to take... so you just couldn't get a good position. I mean I was able to work, but they put me in a laboratory. And you were not paid! There were always somehow reasons...."

Der "Anschluß"

Mit dem Einmarsch Hitlers im März 1938 wurde den Karriere-Ansätzen dieser jungen Ärztinnen ein jähes Ende bereitet. Einzig Vinca Safar, die als Halbjüdin und Frau eines Nichtjuden geduldet wurde, verblieb in Wien. Alice Huppert war bereits seit Ende des Jahres 1937 in der Emigration, Stella Spitz wurde in Paris von der Nachricht der Annexion an das nationalsozialistische Deutschland überrascht. Alle anderen in Wien tätigen Frauen wurden von ihren Positionen suspendiert und von dem Land, dessen kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften durch sie bereichert wurden, zur Emigration gezwungen. In diesem Rahmen kann nicht auf die Schrecken und Verluste, die jede dieser Frauen erfahren mußte, eingegangen werden. Es sei dies jedoch in den Raum gestellt.Milica Draganic56:

"Ich hatte im Dezember 1937 an der medizinischen Fakultät in Wien promoviert. So begann ich sofort an der Klinik für interne Medizin bei Professor Eppiger zu hospitieren. Professor Rizak, bei dem ich mich meldete, fragte mich: "Trauen sie sich in die Höhle des Löwen?" Er war ein großer Antisemit. Am ersten Tag nach Hitlers Übernahme von Österreich wurde mir auf häßlichste Art mitgeteilt, daß ich die Klinik sofort zu verlassen hätte."

Mira Broder*:

"Naturally when Hitler came things changed very much. People, who were my best friends didn't talk to me anymore, and there were Nazis among the students. At this time I was at the Gynecological Clinic, and some of my teachers... all of a sudden they came in SS uniform and they let us know that we shouldn't come, for the moment. Even though I had an assignment at that time. Somehow we were told not to come in. For the moment, you know. And naturally it ment that we were discharged."

Else Pappenheim spezialisierte sich auf Psychiatrie und Neurologie, die damals noch ein gemeinsames Fach darstellten, und machte auch ihre eigene Analyse57. Nach der Promotion im Jahre 1935 machte Else ihren Turnus auf der Psychiatrischen Klinik in Wien, von der sie schließlich 1938 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft suspendiert wurde:

"Ich war noch im Spital, weil man bei mir nicht gewußt hat. Wie gesagt, ich war blond und ich war getauft. Dann hat man einen Brief bekommen, ob die Großeltern arisch waren. Wenn nicht, dann ist man entlassen. Das war über Nacht, wirklich! Ich bin dann einfach nicht mehr hingegangen."

Für Edith Pappenheim kam diese Entwicklung besonders abrupt, da sie sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht als Jüdin gefühlt hatte:

"Für Hitler war ich eine Jüdin. Ich hab nie etwas damit zu tun gehabt, aber für ihn war ich eine Jüdin. Ich wußte zwar, daß meine väterlichen Großeltern Juden waren, aber das ist auch alles, was ich davon weiß."

Emigration New York

Frauen, denen die Emigration gelang, sahen sich nun mit erheblichen kulturellen Differenzen konfrontiert. Dies betraf nicht nur den Alltag, sondern vor allem auch ihr berufliches Leben. In den USA gab es zu dieser Zeit noch kaum Ärztinnen, da die Frauenquote an den Universitäten auf etwa 7% begrenzt war. Berufsmöglichkeiten waren durch die geringe Anzahl an öffentlichen Spitälern ebenfalls beschränkt.Else Pappenheim beschreibt den sprichwörtlichen "Kulturschock" bei ihrer Ankunft in den Staaten:

"Und dann kommt noch dazu, daß an den Universitäten die Frauenquote begrenzt war. Ich habe sehr viele Amerikaner gekannt, die zu ihrer analytischen Ausbildung nach Wien gekommen sind, Männer und Frauen. Niemals hat das jemand erwähnt! Sie haben ja schließlich gewußt, daß die Verhältnisse in Wien anders sind... Und außerdem: Amerika, hat man immer gehört, ist so fortschrittlich und alles, nicht? Technisch ist es ja fortschrittlich. Ich glaub das war der Hauptgrund. Das hat man natürlich gewußt. Maschinen und dies und jenes. Aber daß es hier eine Quote für Frauen und für Juden gibt... Das weiß man alles vorher nicht! Das war absolut ein Schock, als ich hier ankam!"

Edith Hopper* konnte die kulturellen Differenzen in der Emigration bald überwinden, jedoch stieß sie in ihrem beruflichen Leben als Frau auf einige Hindernisse, da Ärztinnen zu dieser Zeit in den Staaten noch kaum verbreitet waren. Edith erzählt von der Zeit ihres internships an einer Klinik in New Jersey. Als sie einmal bei einem Mißhandlungsfall zu einer Patientin gerufen wurde und sich in den Polizeiwagen des sie begleitenden "officers" setzte, blieb dieser ungerührt. Nach einer Weile unschlüssigen Wartens wandte sie sich an ihn mit der Frage, ob man denn nicht nun bald abfahren könnte. Dieser meinte vehement, er müsse doch auf den zuständigen Arzt warten. Als Edith ihm nun unterbreitete, sie sei es selbst, stieß sie auf ungläubiges Erstaunen, da dieser offenbar noch nie eine weibliche Ärztin gesehen hatte und sie automatisch für die Krankenschwester gehalten hatte.Mira Broder*, die 1939 in die USA emigrierte, erzählte ebenfalls von den Schwierigkeiten, als Ärztin eine Stelle zu finden:

"It was very difficult to get a job. Apparently there were not many female physicians at the time. We had four women at the staff where I finally got a job. But they came from different parts of the country, not from New York. And it was not the best position anyhow. It was really emergency work most of it. It was very difficult, we had to go out at night on ambulance calls and all this. You didn't get the best medical education either in this part of work. It was a very bad neighborhood, near the fish stalls downtown. There was a terrible smell there, and they took terrible advantage of us. You had to work very long hours. I was sleeping in the nurses' quarter, because there were no facilities for women's doctors. And it was mainly an emergency clinic, so you didn't get the best training either."

Else Pappenheim gelang die Integration in das Berufsleben verhältnismäßig rasch, da sie durch einen amerikanischen Kollegen ihres Vaters sogleich eine Assistenzstelle am John Hopkins in Baltimore vermittelt bekam. Das scheint jedoch eine Ausnahme gewesen zu sein, da einige ihrer Kolleginnen und Kollegen sich in der Emigration erst eine zeitlang als Nannies oder Dishwasher durchschlagen mußten. Nur sehr wenige haben es auf Anhieb geschafft.Der Prozeß der Nostrifizierung des ärztlichen Diploms stellte eine weitere Hürde für die Medizinerinnen in der Emigration dar. Voraussetzung dafür war eine Sprachprüfung in Englisch, welche für viele mit erheblichem Aufwand verbunden war. Die Nostrifizierung bedeutete, daß jede einzelne Prüfung des Studiums nachgemacht werden mußte. Der Unterschied zur Wiener Universität schien damals erheblich, da man im Grunde nur mündliche Kolloquiumsprüfungen gewohnt war und nun alle Prüfungen schriftlich ablegen mußte.

Viele der Medizinerinnen aus Wien, geschult durch die topographische Lehrmethode Julius Tandlers, wunderten sich über das geringe Ausmaß an Anatomie-Lernstoff. Stella Spitz:

"Die Wiener Universität hatte eine gute Reputation. Ich habe dort im Studium viel mehr gelernt als hier, nicht zu vergleichen! Jetzt ist natürlich soviel dazugekommen, wo ich gar nicht mehr mitkomme. Aber damals war das nicht der Fall, und da hab ich mich gewundert, wieviel mehr wir in Wien gelernt haben. Wir haben doch zweieinhalb Jahre nur Anatomie studiert! Und da hier haben sie einen Bruchteil dessen wissen müssen, einen Bruchteil!"

In der Nachkriegszeit scheint sich die berufliche Situation für Frauen bereits um einiges gebessert zu haben. Stella Spitz58 kam 1954 nach New York und fand es zu dieser Zeit nicht mehr besonders schwierig, als Ärztin eine Stelle zu finden. Sie war 35 Jahre lang in einem bekannten jüdischen Altersheim als Ärztin tätig.Trotz der erfolgten Akkulturation konnten sich nicht alle der hier Befragten in den USA einleben und fühlen sich noch heute als "entwurzelte Europäer". Stella Spitz meint dazu:

"Nach beinahe fünfzig Jahren? Ich hab mich nie wirklich eingefühlt hier. Wenn man mir heute sagt, ich muß nach Europa zurück - mit Vergnügen!"

Fazit

Die in dieser Studie erfaßten Frauen stammten aus zum Teil sehr unterschiedlichen sozialen Kreisen. In ihren Erfahrungen verdichtet sich jedoch das Bild des Studentinnenlebens der dreißiger Jahre an der Universität.Einerseits profitierte die hier behandelte Frauengeneration von den Errungenschaften der Pionierinnen des Frauenstudiums, die gerade an der Medizinischen Fakultät traditionsgemäß auf ideologisch verbrämte Vorurteile stießen und sich erst den Weg dahin schwer erkämpfen mußten. Zu der Zeit, als Mira Broder*, Trude Spitz, Alice Doktor, Edith Hopper*, Else Pappenheim, Stella Schleisner und Beatrice Eugenie Steiner ihr Medizinstudium begannen, waren Frauen an der Universität bereits gut repräsentiert. Mit dementsprechend großer Selbstverständlichkeit verfolgten sie demnach auch ihr Berufsziel. Andererseits lassen sich in den dreißiger Jahren nach wie vor Tendenzen antifeministischer Stereotypien erkennen, die den Frauenalltag an der Universität subtil beeinflußten.

Die in diesem Rahmen skizzierten Karrieren der jungen Akademikerinnen standen von Beginn an unter einem schlechten Stern: Antisemitismus war bereits in der Zeit vor dem Nationalsozialismus gerade im universitären Kontext stark präsent. Durch die politischen Unruhen im Jahre 1934 und der darauffolgenden Zeit des Ständestaates wurde der berufliche Spielraum der Ärztinnen immer enger. Bereits zu dieser Zeit war es für diese Frauen schwierig, eine akzeptable Anstellung zu bekommen. Dazu kommt, daß sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr bezahlt wurden.

Im Anschluß an das nationalsozialistische Deutschland vollzog sich der fatale Höhepunkt antisemitischer Ausgrenzung, die den Karrieren der jungen Ärztinnen ein abruptes Ende bereitete.

Ein Teil der Frauen, denen die Emignen die Emigration gelang, konnte hier zu Wort kommen. Sie beschreiben die kulturellen und beruflichen Schwierigkeiten, in einer nicht primär selbst gewählten Umwelt ein neues Leben aufzubauen. Trotz der durch all die Jahre hindurch entstandenen Verbundenheit haben sich nicht alle vollständig in das Land ihrer Emigration einzuleben vermocht. Einige der Frauen, deren kulturelle Identität heimatlos geworden ist, fühlen sich nach wie vor als "entwurzelte Europäer".


* Name wurde auf Wunsch der Interviewpartnerin geändert.

1Diese Studie wurde im Rahmen eines Dissertationsvorhabens über jüdische Frauen in Wien des Fin de Siecle unternommen und bezieht sich auf Interviews und Memoiren eines kleinen Ausschnittes jüdischer Studierender an der Medizinischen Fakultät in Wien. Der Artikel ist ebenfalls erschienen in: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Sonia HORN (Hg.) Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich (Wien 2000).
2Gutachten anläßlich eines Antrags russischer Studentinnen an der Universität Graz. Vgl. Waltraud HAINDL und Marina TICHY (Hg.), Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück. Frauen an der Universität Wien. Schriftenreihe des Universitätsarchivs (Wien 1990), 19-20.
3Ebenda, 20.
4Ebenda, 21.
5Marina TICHY, Die geschlechtliche Un-Ordnung. Facetten des Widerstands gegen das Frauenstudium von 1870 bis zur Jahrhundertwende. In: HEINDL /TICHY, Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück (1990), 29-30.
6Ausgehend vom geringeren Gewicht weiblicher Gehirne postuliert Bischoff in seiner 1872 publizierten Abhandlung "Dass Studium und die Ausübung der Medicin durch Frauen" die Untauglichkeit der Frau zur Pflege der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften und der Medizin nach göttlicher und natürlicher Anordung. Vgl. Ebenda, 30.
7Albert ging davon aus, daß die Errungenschaften der Zivilisation durch Männer geschaffen wurden, und stellte die Frau als Naturwesen dem männlichen Kulturwesen gegenüber. Vgl. Ebenda, 32-33.
8HEINDL /TICHY, Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück (1990), 34.
9Ebenda , 35.
10Ausgehend von der grundsätzlichen menschlichen Bisexualität setze sich jeder Mensch aus weiblichen (W) und männlichen Anteilen (M) zusammen. Weiblichkeit (W) werde in ihrer Existenz vollkommen von Geschlechtlichkeit ausgefüllt, während sich Männlichkeit (M) auch den geistigen und kulturellen Dingen widme. Otto WEININGER, Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung (1903), 80-89, 113.
11Marina TICHY, Die geschlechtliche Un-Ordnung. In: HEINDL /TICHY, Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück (1990), 37-38.
12Margit BRUNNER, Sexuelle Gewalt gegen Studentinnen um die Jahrhundertwende. In: Karin M. SCHMIDLECHNER (HG.), Signale. Veröffentlichung zur historischen und interdisziplinären Frauenforschung, (Graz 1994), 83.
13Rachel STRAUS, Memoir Collection am Leo Baeck Institute, ME 636, 140.
14HEINDL /TICHY, Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück (1990), 42-45.
15Rachel STRAUS, Memoir Collection am Leo Baeck Institute, ME 636, 126.
16Rosa MAYREDER, Das Recht der Frau. In: Irene BRANDHAUER-SCHOEFFMANN, Zum Engagement der österreichischen Frauenvereine für das Frauenstudium. In: Waltraud HAINDL und Marina TICHY (Hg.), Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück. Frauen an der Universität Wien. Schriftenreihe des Universitätsarchivs (Wien 1990), 59-60.
17HEINDL /TICHY, Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück (1990), 45-48.
18Stellungnahme des Göttinger Pathologen Johannes Orth. Vgl. Marina TICHY, Die geschlechtliche Un-Ordnung. In: HAINDL/TICHY (1990), 46.
19Frauen mußten zur Nostrifizierung des Doktorats alle Rigorosen noch einmal ablegen sowie den Nachweis eines moralisch einwandfreien Vorlebens (sic!) erbringen, was im Frauenverband für Proteste sorgte, zumal dies nur für Frauen galt. Vgl. BANDHAUER-SCHOEFFMANN, Engagement der österreichischen Frauenvereine für das Frauenstudium. In: HAINDL/TICHY (1990), 64.
20BANDHAUER-SCHOEFFMANN. In: HAINDL/TICHY (1990), 69.
21Rachel STRAUS, ME 636, 137.
22HEINDL /TICHY, Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück (1990), 139-140.
23Ebenda, 140-142.
24Ein Umstand, der gerade bei der Wohnungssuche erhebliche Konsequenzen nach sich zog. In den Erinnerungen Helene Deutschs: "Als ich zum Medizinstudium nach Wien ging und dort ein Zimmer suchte, wurde ich von den Hauswirtinnen stets nach meiner Herkunft gefragt" Sie erinnert sich noch "wie ihr freundliches Lächeln verschwand sobald sie Przemysl und Polen hörten. Ihre nächste Frage lautete stets: ,Welche Religion haben die Polen in Przemysl?'" Vgl. HEINDL/TI Vgl. HEINDL/TICHY (1990), 142.
251873 Errichtung des ersten Mädchenlyzeums in Graz, 1892 Mädchengymnsium in Wien.
26Milica änderte ihren Namen im Zuge ihrer Heirat mit dem Internisten Lazar Draganic und verbrachte unter dieser Identität die Kriegszeit im damaligen Jugoslawien. Milica DRAGANIC, Fragebogen der Austrian Heritage Collection am Leo Baeck Institute.
27Alice HUPPERT, Interview der Austrian Heritage Collection (AHC 552) am Leo Baeck Institute
28Name wurde auf Wunsch der Interviewpartnerin geändert
29Else PAPPENHEIM, Interview New York
30Vinca SAFAR",Aus meinem Leben", Memoir Collection des Leo Baeck Institute, ME 546.
31"Es ist vielleicht streng biologisch nicht erklärbar, aber es scheint im Rückblick, daß ich viele zwiespältige divergente Eigenschaften besitze, äußerlich und innerlich, hervorgerufen durch eine sehr verschiedene Blutmischung und das Wissen oder Fühlen um eine ganz verschiedene Vergangenheit der Ahnen". Vinca SAFAR, ME 546, 8.
32"Ich hingegen war ein dunkler Typ, bläßlich und lange in der Mauser, sodaß ich mir neben den meist lebensstrotzenden Geschöpfen meiner Umgebung lange minderwertig vorkam. Vor allem neben meiner ,besten Freundin' Hilde, einem blühenden Mädel mit braunen Augen und dicken blonden Zöpfen - mein ,Wunschtraum' - wogegen mir meine dicken dunklen Zöpfe zum Alptraum wurden." Vinca SAFAR, ME 546, 20.
33Stella SPITZ, Interview New York.
34Beatrice Eugenie STEINER, Memoiren an der Austrian Heritage Collection am Leo Baeck Institute, AHC 1299
35Harriet PASS FREIDENREICH, Gender, Identity & Community. Jewish University Women in Germany and Austria. In: Michael BRENNER and Derek J. PENSLAR (Ed.), In search of Jewish community: Jewish identities in Germany and Austria 1918-1933 (Indiana University Press 1998), 168.
36Alice HUPPERT emigrierte bereits Enrierte bereits Ende des Jahres 1937 mit ihrem Mann in die Schweiz und von dort 1938 nach England.
37Harriet PASS FREIDENREICH, Gender, Identity & Community. Jewish University Women in Germany and Austria. In: Michael BRENNER and Derek J. PENSLAR (Ed.), In search of Jewish community: Jewish identities in Germany and Austria 1918-1933, (Indiana University Press 1998), 154-175.
38Harriet PASS FREIDENREICH beschreibt den virulenten Antisemitismus an den Universitäten in der Zwischenkriegszeit und geht davon aus, daß Frauen generell nicht denselben physischen und verbalen Ausfälligkeiten ausgesetzt waren. Sie behandelt jedoch Memoiren von Frauen, die vor den 30er Jahren studiert haben. Wie im folgenden noch gezeigt wird, erlebten Studentinnen späterer Generation sehr wohl antisemitische Übergriffe. Vgl. PASS FREIDENREICH (1998), 166.
39Stella SPITZ, nee Schleisner beschreibt ihren jugendlichen Idealismus, der sie auch zum Teil aus Neugier Anfang der dreißiger Jahre zu einer Reise nach Rußland bewegte und sie schließlich fast bis nach Spanien führte. Im Jahre 1937 kam Stella nach Paris, um von dort für den Spanienkrieg gegen Franco zu voluntieren, was man ihr schließlich als Frau verwehrte. In der Zwischenzeit vollzog sich im März 1938 der "Anschluß" an das nationalsozialistische Deutschland, sodaß ihr auch eine Rückkehr nach Wien unmöglich wurde, und so verblieb sie die Kriegsjahre unter falscher unter falscher Identität in Paris und Brüssel.
40Harriet PASS FREIDENREICH (1998), 163.
41Im Gegensatz zu der verhältnismäßig hohen Beteiligung in der sozialistischen Bewegung, die koedukativ angelegt war.
42Irene BRANDHAUER-SCHOEFFMANN, Frauenbewegung und Studentinnen. Zum Engagement der österreichischen Frauenvereine für das Frauenstudium. In: HEINDL/TICHY (1990), 69-70.
43Harriet PASS FREIDENREICH (1998), 165.
44Neben den formellen Hindernissen eines Universitätsstudiums mußten die Studentinnen der ersten Generation oft auch gegen Vorurteile im eigenen Familienkreis ankämpfen. Man nahm bewußt Distanz gegenüber dem Rollenmodell der Müttergeneration ein, welche ihre Berufung, den Vorstellungen der Zeit gemäß, ausschließlich im Haushalts- und Familienkreis fanden. Vergleiche dazu auch Marion Kaplans Beschreibung des "cult of domesticity" jüdisch-bürgerlicher Kreise. Vgl. Marion KAPLAN, The Making of the Jewish Middle Class. Women, Family and Identity in Imperial Germany (New York 1991).
45Ihre Mutter hatte das Examen für Kindergärtnerinnen abgelegt, ihr Vater sowie zwei seiner Schwestern hatten an der Universität studiert, davon eine Schwester als eine der ersten Medizinstudentinnen in Wien.
46Vergleiche Tabelle 3 und Tabelle 4 in: HEINDL/TICHY (1990)
47Vergleiche Tabelle 3 und Tabelle 6 in: HEINDL/TICHY (1990)
48Michael HUBENSTORF verweist auf die Tatsache, daß sich bereits seit dem 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Emigrationsbewegungen von Ärzten nachvollziehen lassen. Im Zuge der politischen Umwälzungen in den dreißiger Jahren und des damit einhergehenden restriktiven innenpolitischen Klimas kommt es jedoch zu vermehrten Auswanderungswellen, welche im Exodus der jüdischen Intelligenz im Jahre 1938 ihren traurigen Höhepunkt finden. Vgl. Friedrich STADLER (Hg.), Vertriebene Vernunft I. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930-1940 (Wien 1989/90).
49Auf den Umstand des hohen Ausländeranteils unter den Studentinnen, allen voran an der Medizinischen Fakultät, verweist auch Waltraud HEINDL. Im Wintersemester 1923/24 stammten 18% der Studentinnen an der Philosophischen Fakultn der Philosophischen Fakultät und 33,2 % der Studentinnen an der Medizinischen Fakultät aus den Ländern der ehemaligen Monarchie. Besonders bemerkenswert war der hohe Anteil der Galizierinnen mosaischer Konfession unter den Medizinstudentinnen. Vgl. HEINDL/TICHY (1990), 140-142.
50Vinca SAFAR, ME 546, 47.
51Vergleiche dazu Anmerkungen 12 und 13.
52Beatrice Eugenie STEINER, Memoiren an der Austrian Heritage Collection am Leo Baeck Institute, (AHC 1299), 9.
53Alice HUPPERT, Interview der Austrian Heritage Collection (AHC 552) am Leo Baeck Institute. 54
54 Julius Tandler war ein bekannter Sozialdemokrat und Hochstetter stand dem christlichsozialen Milieu nahe.
55Edith Hopper* war Mitglied der "Jungfront", einer sozialistischen Bewegung, die im Ständestaat verboten wurde. Sie wurde sogar einmal nach einer Demonstration für einige Stunden auf dem Polizeirevier festgehalten. Else Pappenheim erinnert sich an Solidaritätsäußerungen (Kerze am Fenster) gegenüber der besiegten Arbeiterschaft im Februar 1934.
56Milica DRAGANIC, Fragebogen der Austrian Heritage Collection am Leo Baeck Institute, 4.
57Sigmund Freud lernte sie jedoch persönlich niemals kennen, im Gegensatz zu ihrem Vater, der ein regelmäßiger Gast der Mittwochsgesellschaft gewesen war.
58Stella Spitz hatte die Kriegsjahre unter falscher Identität in Belgien verbracht und konnte immer wieder gerade um ein Haar entkommen. Nach dem Krieg war sie 10 Jahre lang als Directrice eines jüdischen Kinderheims tätig. Sie hatte eigentlich nicht mehr die Absicht, nach Amerika zu kommen. Als das Heim jedoch aufgelöst wurde und ihr ärztliches Diplom in Belgien nicht anerkannt wurde, entschloß sie sich im Jahre 1954 eher schweren Herzens nach New York zu übersiedeln, da ihr Beruf ihr wichtiger als alles andere war.