ZIS (Zeitgeschichte-Informations-System) als Beispiel
von von Ingrid Böhler
Das Bild einer Großbaustelle bietet sich beim Versuch an, den Status Quo im Verhältnis zwischen Zeitgeschichtsforschung und Internet zu veranschaulichen: Riesige Schilder auf den Bauzäunen ringsherum klären auf, welch ehrgeiziges, innovatives Projekt hier im Entstehen begriffen ist, und die Liste der beteiligten Unternehmen ist lang. Die Ausmaße des Gebäudes sind deutlich zu erkennen, auch für welche Zwecke es einmal dienen soll. Die Tiefgarage ist bereits in Betrieb, in einem Gebäudetrakt ist man bei der Innenausstattung angelangt, in einer anderen Ecke hingegen wird noch emsig gemauert. Obwohl die Arbeiten schon weit gediehen sind, ist noch manche Etappe zu bewältigen, bis sich aus dem geschäftigen Durcheinander ein funktionierender Gebäudekomplex zusammenfügt. Und ob sich alle gesteckten Ziele seiner Errichter bzw. die hohen Erwartungen seiner Benützer erfüllen werden, wird sich erst dann erweisen.
Übertragen wir dieses Bild nun auf das Projekt, das Internet für die Zeitgeschichtsforschung nutzbar zu machen: Keine Frage, dass die Überzeugung, welche in diesem Streben ein höchst innovatives Potential erkennt, breite Zustimmung findet. Davon zeugt u.a. die Beachtung, welche den sogenannten neuen Medien auf Tagungen, deren Programme auf eine aktuelle Bestandsaufnahme der Disziplin abzielten, in den letzten Jahren eingeräumt wurde. Der österreichische Zeitgeschichtetag ist hierfür nur ein Beispiel. Desgleichen spiegeln die Ressourcen, die in die Entwicklung unterschiedlichster Internet-Applikationen mit zeithistorischen Inhalten investiert wurden und werden, die dem Internet entgegen gebrachte Beachtung und Erwartung wider. Die Gruppe von Akteuren, die in irgendeiner - mehr oder weniger bedeutsamen - Form am Aufbau einer zeithistorischen Internetlandschaft mitwirkt, vereint in der Mehrheit altbekannte Namen, denn mittlerweile ist auch hierzulande für alle größeren und kleineren Institutionen oder Vereinigungen, die im Bereich der Zeitgeschichte wissenschaftlich tätig sind, zumindest eine Homepage zur Pflicht geworden. Zudem können Beobachter laufend mitverfolgen, wie die Informationen, mit denen solche Einrichtungen im Internet auftreten, ausgebaut werden, an Umfang und Wert zunehmen. Ob inhaltliche oder wissenschaftsorganisatorische Fragestellungen - in sehr vielen Situationen ist neben dem Gang in die Bibliothek, dem Blick in Fachzeitschriften oder Newsletter ein aufmerksamer Blick in die virtuelle Welt dringend geraten. Kaum ein Forscher oder Student, der nicht solche Angebote zu schätzen gelernt hat.
Unbestreitbar hat das Internet sowohl die Kommunikationswege des Wissenschaftsbetriebs als auch die wissenschaftlichen Darstellungsformen soweit bereichert und verändert, dass es heute als nichts weniger denn ein unverzichtbares Hilfsinstrument für das wissenschaftliche Arbeiten bezeichnet werden muss. Die Wechselwirkung zwischen wachsendem Stellenwert des Mediums in Forschung und Lehre und den steigenden Erwartungen der Internet-Anwender waren bzw. sind wesentlich für die enorme Dynamik dieses Ausbau-Prozesses verantwortlich. Während also noch vor wenigen Jahren - am Beginn dieser Entwicklung - wenige versprengte Netz-Enthusiasten dessen Träger waren, ist neuerdings eine stärkere Einflussnahme von Seiten der staatlichen Erhalter der Forschungs- und Bildungsstätten zu orten. In der Regel mit dem Streben nach Qualitätsverbesserung, internationaler Konkurrenzfähigkeit etc. begründet, ist die Absicht, durch verstärkte Indienstnahme neuer Technologien zukünftig Kosten v.a. im Bildungssystem zu senken, dennoch unverkennbar1.
Trotz aller Bestrebungen und erreichter Leistungen lassen sich aber für die Zeitgeschichte und andere (historische) Disziplinen zentrale Bereiche ausmachen, die sich bis dato allenfalls im Experimentierstadium befinden. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang v.a.:
* Hinsichtlich der Etablierung bzw. Institutionalisierung von Internetforen als wissenschaftliches Publikationsmedium jenseits der bloßen Doppelung von gedruckten Schriften sind die meisten Fragen ungeklärt, z.B. welche Rolle Buchverlage dabei spielen werden, wie Zugänglichkeit, Dauerhaftigkeit bzw. Archivierung oder Qualitätssicherung garaerung garantiert werden können etc.
* Die Digitalisierung von Quellen bzw. die speziell für die Zeitgeschichtsforschung zunehmend bereits in elektronischer Form vorliegenden Dokumentenmaterialien werden in Kombination mit Computernetzwerken längerfristig nicht nur zu einer tatsächlich gegebenen weltweit gemeinsamen Quellenbasis führen, sondern auch ein Umdenken in bezug auf theoretische und methodische Editionsrichtlinien sowie die Erweiterung des quellenkritischen Procederes erfordern.
* Für die Erarbeitung von Unterrichtsmodellen und -modulen auf der Basis von "flexible"",distance" oder "tele-learning" finden sich an jeder Universität Arbeitsgruppen, Koordinationsteams verbinden Ministerien und die einzelnen Institutionen miteinander etc., über die daraus resultierenden Umwälzungen im Lehrbetrieb, in den deb, in den didaktischen Funktionen der Lektor/inn/en usw. sind auswertbare praktische Erfahrungen indes noch weitgehend ausständig.
* Last but not least sei angemerkt, dass die Möglichkeiten von "video-" und "webconferencing" auch den internationalen Tagungsbetrieb der "scientific community" nicht unberührt lassen werden.
Es mögen zwar funktionsfähige, übertragbare Lösungen für die angeführten Punkte noch offen sein, so steht doch außer Debatte, dass gravierende Veränderungen auf die historische Zunft zukommen.
Das "Zeitgeschichte-Informations-System" (ZIS) unter der Adresse http://zis.uibk.ac.at/ istbk.ac.at/ ist seit Anfang 1995 online, und es zählt damit unter den zeitgeschichtlichen, wissenschaftlich orientierten Internet-Angeboten im deutschsprachigen Raum zu den Pionier-Projekten.
Seine Vorgeschichte reicht bis 1993 zurück, als das Institut für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck den "Österreichischen Zeitgeschichtetag" zum ersten Mal veranstaltete. Im Zusammenhang mit den Planungen für diese seit damals in zweijährlichen Intervallen stattfindenden Konferenzen entstand auch die Idee für ein Informationsmedium, das mithelfen sollte, die Disziplin in organisatorischer und kommunikativer Hinsicht besser zu vernetzen und auch deren Wahrnehmung über die nationalen Grenzen hinweg zu steigern. Es sollte sich damit ein Überblick über die österreichische Forschungslandschaft gewinnen lassen, aber auch den raschen Zugang zu wichtigen Daten auf internationaler Ebene ermöglichen.
Zeitgleich mit dem Beginn der Planungen für ZIS vollzog sich der eigentliche Durchbruch des Internets durch die Verbreitung der ersten grafischen und damit einfach zu bedienenden Benutzeroberflächen für das World Wide Web. Mit Blick auf den an den Universitäten ebenfalls zu erwartenden Internet-Boom lag es auf der Hand, ZIS als online-Dienst zu realisieren. Diese Entscheidung betraf sowohl die Wahl des Mediums als auch die inhaltliche Konzeption. Nicht mehr die Erhebung und Digitalisierung von Informationen, die für den zeitgeschichtlichen Forschungsbetrieb von Relevanz waren, standen im Vordergrund, sondern der Entwurf einer Plattform, auf der bereits Abrufbares zusammengeführt werden sollte. Dadurch machte sich ZIS die wohl attraktivste Eigenschaft des WWW, die Zugriffsmöglichkeit auf dezentral abgelegte Ressourcen mittels "anklickbarem" Hypertext, zunutze2.
Den Ausgangsüberlegungen entsprechend, bildet eine netzwerkfähige Datenbank, mit der Adressen bzw. Links von zeitgeschichtlich relevanten Internet-Seiten verwaltet werden, das Herzstück von ZIS. Die Lokalisierung innerhalb eines riesigen Angebots, in dem organisatorische Beliebigkeit waltet, bzw. die Beurteilung von Daten, die vor ihrer Veröffentlichung keiner Qualitätskontrolle beispielsweise durch das Verlagswesen unterliegen, stellen nach wie vor die Kernprobleme dar, die sich selbst für diejenigen, die mit dem Medium alltäglichen Umgang pflegen, eröffnen. Von kommerziellen Unternehmen betriebene, allgemeine Suchmaschinen leisten in diesem Zusammenhang nur einen unzureichenden Service. Ein Lösungsansatz dieses Dilemmas sind daher auf einzelne Disziplinen beschränkte Suchhilfen bzw. Nachweisdienste.
ZIS ist natürlich weder die einzige Suchhilfe für die (Zeit)Geschichtswissenschaften - an erster Stelle ist hier die WWW-Virtual Library3 zu nennen - noch kann es Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Der Vorteil des Systems liegt v.a. in den Zusatz- bzw. Hintergrundinformationen, mit denen die aufgenommenen Adressen bezüglich des Inhalts sowie des Betreibers versehen werden, begründet. Gerade letztere Angabe ist wichtig, da sie zwar nicht die Garantie, aber doch einen Hinweis auf "Wissenschaftlichkeit", auf stabilen Server-Betrieb, laufende Aktualisierung usw. liefern kann. Der Hauptzweck der Datenbank ist es, für Benutzer/inne/n das zeitaufwendige ziellose "Herumklicken" im Internet zu verkürzen.
Gleichzeitig muss vor allzu großen Erwartungen gewarnt werden. Die Notwendigkeit, über Grundkenntnisse der wesentlichen Funktionsprinzipien des Internets zu verfügen oder gewisse Techniken, z.B. eine auf der Logik der Booleschen Algebra aufgebaute Datenbank-Abfragesyntax, zu beherrschen, erspart auch ZIS seinen Benutzer/inne/n nicht. Enttäuschungen können auch immer wieder hinsichtlich der erhofften Suchergebnisse entstehen. Denn es ist nach wie vor eher ein Glücksfall, im Internet einen Server zu finden, auf dem man sich umfassend zu einem bestimmten Thema informieren informieren kann, darüber hinaus folgen die gefundenen Darstellungen oft sehr traditionellen, personen- bzw. ereignisorientierten Ansätzen.
Derzeit enthält die ZIS-Datenbank rund 750 WWW-Adressen, die Informationen zum Bereich Geschichte/Zeitgeschichte - die Grenzen lassen sich nicht immer klar ziehen - anbieten. Aufgrund dieser häufig gegebenen zeitlichen Abgrenzungsproblematik der Internet-Ressourcen deckt die Sammlung - mehr aus praktischen Gründen heraus - einen Zeitraum ab, der in etwa der französischen "histoire contemporaine" entspricht, also Ende des 18. Jahrhunderts beginnt. Geografisch liegen die Adressen zum überwiegenden Teil im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum sowie in Israel. Diese Auswahl focusiert auf jene Länder mit der stärksten Präsenz im Netz bzw. mit den ausgeprägtesten Beziehungen zur österreichischen Geschichtsforschung.
In vier inhaltlich unterschiedliche Gruppen gliedern sich die Internet-Seiten, die über die ZIS-Datenbank abrufbar sind, wobei auf manchen Servern verschiedene Informationstypen gleichzeitig angeboten werden4:
Die sogenannten Metainformationen
beschreiben andere Informationsquellen mit dem Zweck, diese zu
erschließen; sie unterteilen sich in drei Subkategorien:
Erstens die Linksammlungen
(beispielsweise die Link-Datenbank in ZIS)5;
WWW-Seiten mit nützlichen Übersichten zu
Internetressourcen, häufig zu einem bestimmten Thema, aber ohne
eigenständigen Inhalt.
Zweitens
die zahlreichen Online-Kataloge von Bibliotheken (OPACs), die in
zunehmendem Maße auch ältere Bücherbestände
einbeziehen. Ein Beispiel ist der digitalisierte Zettelkatalog der
Österreichischen Nationalbibliothek, der alle zwischen 1501 und
1988 erschienenen und in der ÖNB vorhandenen Titel umfasst6.
Seit 1999 sind die Bestände per ALEPH abrufbar7.
Drittens die über OPACs nicht
zugänglichen bibliographischen Hinweise zur wissenschaftlichen
Zeitschriftenliteratur: Man stößt auf sie als Inhalt von
historischen Nationalbibliographien (z.B. die ÖHB, die
Österreichische Historische Bibliographie8),
von Zeitschriftenindices, betreut von Verlagshäusern,
Universitätseinrichtungen, Bibliotheken oder sonstiger
Informationsdistributoren. Sowohl hinsichtlich des jeweiligen
Umfangs, der thematischen Schwerpunktsetzung und Vollständigkeit,
Aktualität und/oder Zugänglichkeit (auch bei
Non-profit-Unternehmen, die aber eine größere Anzahl
unterschiedlicher internationaler Zeitschriften auswerten, sind
Lizenzgebühren keine Seltenheit) ergibt sich von dieser Gruppe
ein äußert inhomogenes Bild. Ein Beispiel für einen
kostenpflichtigen Service ist die vom Oldenbourg Verlag betreute,
thematisch strukturierte "Historische Bibliographie Online"9,
im Unterschied zum "Zeitschriftenfreihandmagazin" von Stuart Jenks
von der Universität Erlangen, das nach den einzelnen Organen
gegliedert ist10.
Eine ausführliche Zusammenstellung von solchen
Inhaltsverzeichnissen - bis Dezember 2000 waren ca. 2.500 deutsch-
und fremdsprachige historische Periodika erfasst - liefert der
"History Journals Guide" von Stefan Blaschke aus Köln11.
Einen
weiteren Block verwandter Inhalte bilden Websites mit
wissenschaftsorganisatorisch relevanten Informationen, womit die
Internetauftritte der unterschiedlichen Institutionen und
Vereinigungen im Bereich der Forschung inner- und außerhalb
der Universitäten bzw. der Forschungsförderung gemeint
sind.
Hervorzuheben sind
hier die Homepages von Universitätsinstituten12,
die LV-Übersichten, Syllabi, Informationen über
Institutsangehörige und Aktivitäten, Listen von laufenden
Diplomarbeiten, Dissertationen, Projekten etc. enthalten.
Sehr nützlich für den
Zeitgeschichtsbetrieb sind außerdem die Informationen, mit
denen Archive, aber auch Museen und Regierungsbehörden im Netz
vertreten sind. Ein Archivaufenthalt etwa lässt sich wesentlich
präziser planen, wenn - und dies trifft in zunehmendem Maße
zu - relativ detaillierte Akten-Verzeichnisse im Vorfeld via
Bildschirm eingesehen werden können13.
Auch die zahlreichen
Diskussionslisten, an führender Stelle die über 100 in
h-net (Humanities & Social Sciences Online)14
der Michigan State University zusammengefassten Diskussionsforen u.
a. zu Themen der Zeitgeschichte, der österreichischen bzw. der
deutschen Geschichte, etablieren sich zunehmend über die
Diskussion aktueller Fragen hinaus als Informationsbörsen für
ausgeschriebene Stellen bzw. Stipendien",call for papers",
Veranstaltungen etc. und als Rezensionsorgane15.
Wer sich
auf die Suche nach Texten mit historiographischen Inhalten - dem
dritten großen Bereich fachbezogener Internetressourcen -
begibt, wird mehrere spezifische Beobachtungen machen.
Relativ spärlich vorhanden
ist die Fachliteratur im engeren Sinn. Ursachen dafür sind
Copyright-Probleme und der Umstand, dass Forscher/innen
traditionelle Publikationsformen bevorzugen. Mit den Schlagwörtern
"schnell, billig und global" sind aber jene "verführerischen"
Qualitäten des Internets beschrieben, die - wie weiter oben
bereits angemerkt - in Zukunft in diesem Bereich eine weit stärkere
Nutzung erwarten lassen. Die Liste elektronischer Fachzeitschriften,
die unter "The History Journals Guide" einsehbar ist, liefert
einen nachdrücklichen Hinweis auf diesen - allerdings noch in
den Kinderschuhen steckenden - Trend16.
Aus den bereits genannten Gründen stößt man derzeit
weit häufiger auf Artikel lexikographischer Art, Chroniken und
dergleichen denn auf quellengesättigte, mit einem
Anmerkungsapparat versehene und bisherige Forschungen kritisch
reflektierende Arbeiten. So ist es beispielsweise häufig der
Fall, dass Regierungsbehörden, Parteien oder Vereine die
Informationen, mit denen sie sich im Netz präsentieren, um
Abrisse ihrer historischen Genese ergänzen oder dass Archive
einen Überblick zur Geschichte des von ihnen betreuten
geographischen Raumes mitliefern17.
Eine Aufbereitungsform, die sich die multimedialen Eigenschaften
bzw. nicht-lineare Natur des Internets in besonderem Maße
zunutze macht, stellen sogenannten Online-Ausstellungen dar. Häufig
gehören sie in die Umgebung der Archive, Museen und
Bibliotheken. Z.B. sind das Deutsche Historische Museum Berlin und
das Haus der Geschichte in Bonn an "LeMO: Lebendiges virtuelles
Museum Online" beteiligt, das einen virtuellen Gang durch die
deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert ermöglicht18.
Ein weiteres, sich die Funktionsweisen des Internet aneignendes
Phänomen stellen WWW-Projekte, die sich der Darstellung bzw.
der Aufklärung hinsichtlich einer ganz speziellen historischen
Thematik widmen und dazu Materialien unterschiedlichster Provenienz
und Inhalte sammeln oder verbinden. Die Anbieter dieses Typs von
Internetressource kommen öfters, als dies bei den anderen
Kategorien der Fall ist, aus dem außeruniversitären
Bereich. Beispiele hierfür sind die für ein allgemeines
Publikum gedachten Projekte "A Cybrary of the Holocaust,
Remember.org"19
und "Nizkor",20
die sich mit dem Holocaust und der Holocaust-Verneinung
beschäftigen. Allen genannten "Textgattungen", welche
momentan die im Internet publizierte Historiographie dominieren, ist
gemeinsam, dass die sich vorrangig an ein breiteres Publikum
jenseits des engen Elfenbeinturm-Bezirks richten.
Schließlich begegnen wir im
Internet in wachsenden Umfang Beständen mit digitalisierten
Primärquellen. Nach der Art des jeweilig angebotenen
Quellenmaterials ist hier eine Unterscheidung zwischen Bild-21
und Textarchiven zu treffen. Bei letzteren sind vor allem zwei
Bereiche von zeithistorischem Interesse:
Erstens
die Archive der Printmedienverlage bzw. Rundfunkstationen bieten bei
aktuellen Themen eine nützliche Hilfestellung; zu
berücksichtigen ist allerdings, dass meist nur ein Teil der
erschienenen Artikel und diese wiederum meist nur aus einem
bestimmten Zeitraum ohne ein gebührenpflichtiges Abonnement
recherchierbar sind22.
Zweitens gibt es Sammlungen, die themenbezogen v.a. Quellen aus
historischen Archiven umfassen; meist folgt die Auswahl der
einzelnen Stücke den Kriterien der Aussagekräftigkeit oder
Relevanz für eine bestimmtes historisches Geschehen, so dass
v.a. sogenannte Schlüsseldokumente23
wie Verfassungen, Gesetze oder Verträge zugänglich sind.
Diese Einschränkung erklärt sich damit, dass die
Digitalisierung solchen Textmaterials mit viel Aufwand verbunden ist
und technische Lösungen, um diesen Aufwand zu reduzieren,
derzeit allenfalls den Charakter von Experimenten aufweisen. Ebenso
sind verbindliche Modelle für quellenkritische
Editionsstandards noch ausständig. Online-Archive eignen sich
deswegen - noch - in erster Linie für den Unterricht bzw. die
Lehre und weniger zum intensiven Quellenstudium für
wissenschaftliche Zwecke.
Auch ZIS bietet seinen Besucher/inne/n eine Auswahl historischer Quellen. Zu wichtigen Themen der österreichischen Zeitgeschichte enthält es eine Sammlung von rund 140 Primärtexten, von der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien bis zum Bericht der internationalen Historikerkommission in der Causa Waldheim24. Sie entstammt mit Ausnahme von zwei Kapiteln dem von Michael Gehler und Rolf Steininger herausgegebenen Studienbuch "Österreich im 20. Jahrhundert"25. Für den Abschnitt "Österreich und die europäische Integration", ein Gegenstand, mit dem sich das Innsbrucker Institut für Zeitgeschichte bereits jahrelang beschäftigt, wurde der in drei Phasen unterteilte exemplarische Quellenkorpus im Sinne einer Didaktisierung um Grafiken, Schaubilder, Karikaturen und Partei-Propaganda ergänzt. Eine Chronologie ordnet die Dokumente den damit in Zusammenhang stehenden Ereignissen zu; Hyperlinks verweisen auf weitere Europa-Ressourcen im Web. Weiters finden sich zu jedem präsentierten Zeitabschnitt Fragestellungen bzw. Denkanstöße. Sie sollen, mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, der Wissensreproduktion, der Anwendung und Übertragung auf andere Fallbeispiele dienen sowie dem Ableiten von Interpretationsansätzen beitragen. Anhand eines konkreten Themas wurde mit den genannten Begleit- bzw. Hintergrundinformationen versucht, ein Beispiel angewandter Internet-Didaktik zusammenzustellen, da die angebotenen Quellen in erster Linie für den zeitgeschichtlichen Unterricht von Interesse sind26.
Dieser Kalender stellt eine leicht zu bedienende, zentrale und laufend aktuell gehaltene Übersicht von Terminen, die für das Fachgebiet Bedeutung haben - z.B. Konferenzen, Vorträge oder Ausstellungen - zur Verfügung. Die Eingabe der Daten erfolgt interaktiv, d.h. Daten können nicht nur in Innsbruck eingegeben werden, sondern - sofern eine Berechtigung für eine Person vergeben wurde - von jedem Internetfähigen Computer aus. Auch dieser Service dient dem bei der Einrichtung von ZIS gesteckten Ziel, die Kommunikation und den wissenschaftlichen Austausch unter Zeithistoriker/inne/n zu verbessern; schließlich gehört dazu die Wahrnehmung der Aktivitäten an anderen Forschungsstätten und jener Veranstaltungen, die unter österreichischer Beteiligung im Ausland stattfinden.
Mit dieser Dokumentation, die Daten zur Südtiroler Geschichte von 1918 bis heute erfasst, erweist ZIS dem Faktum Referenz, dass die Universität Innsbruck Landesuniversität Südtirols ist, die Beschäftigung mit der wechselvollen politischen Entwicklung dieser Region einen Arbeitsschwerpunkt am Institut für Zeitgeschichte bildet und es sich zudem um einen lange Zeit zentralen Gegenstand österreichischer Diplomatie handelt. Der derzeitige Datenbestand gliedert sich in eine Chronologie, welche in Form einer suchbaren Datenbank rund 1000 Ereignisse verzeichnet27; und einen exemplarischen Quellenkorpus28. Hyperlinks verweisen schließlich auf weitere Südtirol-Ressourcen im Web. Analog zu dem im oben genannten Bereich "Österreich und die europäische Integration" angewandten Konzept sollen diese unterschiedlichen, um besonders aussagekräftige Dokumente gruppierten und untereinander verknüpften Daten die Kompilation zu Südtirol insgesamt didaktisch aufwerten.
Diagramm 1: ZIS Pageviews Nov. 98 - Nov. 2000
Seit Sommer 1996 werden auf dem ZIS-Server Zugriffsdaten statistisch erfasst. Aus der Entwicklung der Anzahl der Page Views29 auf die verschiedenen Seiten in ZIS lässt sich eine überaus positive Tendenz erkennen: Im direkten Vergleich der November-Monate beträgt die Steigerung in den vergangenen drei Jahren rund 420 % bzw. 710 %, von 5.303 auf 22.061 bzw. zuletzt 37.680 monatlich aufgerufener Seiten. Das in der Grafik außerdem deutlich erkennbare "Sommer- oder Ferienloch" spiegelt den primären Nutzerkreis von ZIS an der Universitäten und Schulen wider.
Bei der Analyse der Zugriffsprotokolle nach Ländern ergibt sich v.a. durch die ".com"- und ".net"-Adressen eine prinzipielle Einschränkung, denn bei diesen - sie machen bei ZIS in den hier beispielhaft ausgewerteten Monaten Mai und Oktober 2000 40 bzw. 49 % der Zugriffe aus - lässt sich eine geografische Zuordnung nicht durchführen. Der über 30-%ige Anteil der Besucher/inne/n aus Österreich, zeigt aber die Bedeutung von ZIS für das nationale Publikum auf. Die Zugriffe aus der Bundesrepublik (immerhin 17 % bzw. 15 %) weisen auf eine häufige Nutzung von ZIS in Deutschland hin. Der relativ geringe Anteil von Besucher/inne/n aus dem englischsprachigen Raum ist darauf zurückzuführen, dass der Großteil des ZIS-Angebots zur Zeit leider nur in deutscher Sprache verfügbar ist.
Diagramm 2: ZIS Zugriffe Mai 2000
Diagramm 3: ZIS Zugriffe Oktober 2000
Schließlich lassen sich aus den Zugriffsdaten auch die Interessen der Benutzer/innen, aufgeschlüsselt nach Inhalt bzw. Informationsart, ermitteln. Die Link-Datenbank von ZIS steht eindeutig an erster Stelle. Der Vergleich zwischen den einzelnen Monaten dokumentiert darüber hinaus die anwachsende Nachfrage dieses "Herzstücks" von ZIS.
Diagramm 4: ZIS Zugriffe Februar 1999 nach Inhalten N=12452
Diagramm 5: ZIS Zugriffe Mai 2000 nach Inhalten N=22193
Durch die exakte Auswertung der vom WWW-Server protokollierten Zugriffe erhält das ZIS-Team einen Einblick hinsichtlich der Akzeptanz der von ZIS angebotenen Dienste und kann darauf flexibel mit Verbesserungen bei Layout und Präsentation reagieren, notwendige Änderungen von Inhalten anbringen und gezielt Neugestaltungen bzw. Neuaufnahmen forcieren.
Von elementarer Bedeutung für die Wahrnehmung und damit für den Erfolg im WWW ist konsequente Öffentlichkeitsarbeit. Die Kommunikationswege der Forschung sind im Internet noch nicht in jenem Ausmaß definiert, wie dies bei den herkömmlichen Medien der Fall ist. Selbst umfassende, qualitativ hochwertige Web-Seiten können einem breiten Publikum im "Datendschungel" verborgen bleiben. ZIS arbeitet regelmäßig daran, in prominenten WWW-(Meta-)Suchmaschinen und -katalogen - z.B. Yahoo Deutschland und Yahoo International, AltaVista, Google, die Virtual Library etc. -, über die sehr viele Benutzer/innen in das Internet einsteigen, vertreten zu sein; hinzu kommen Bemühungen, mit möglichst vielen Anbietern von zeitgeschichtlich bzw. historisch relevanten Daten zu kooperieren, um auch damit den Bekanntheitsgrad von ZIS zu steigern. Ein Beispiel dafür stellt die Zusammenarbeit mit dem Eventkalender zur Neueren- und Zeitges- und Zeitgeschichte der WWW-Virtual-Library am Institut für Geschichte der Universität Dortmund, von dem aus direkt auf den ZIS-Kalender zugegriffen werden kann, dar30.
Mit ZIS wird den Historiker/inne/n ein fachbezogenes Portal angeboten, mit dem sich sowohl der Einstieg vereinfacht als auch ein Überblick über die aktuell vorhandenen Internet-Ressourcen gewinnen lässt, deren nutzbringende Eigenschaften wie auch festzustellende Defizite im vorliegenden Text skizziert wurden. Kontinuierliche Verbesserungen oder Ergänzungen von ZIS sowohl in inhaltlicher als auch softwaretechnischer Hinsicht sind natürlich erforderlich, um dem Anspruch einer verbindenden Internet-Plattform gerecht zu werden, denn das Internet wächst und verändert sich mit hoher Geschwindigkeit - auch im Hinblick auf die Merkmale und Bedürfnisse der Zeitgeschichtsforschung. Der Wert von ZIS wird jedoch auch weiterhin in erster Linie an der laufenden Aktualisierung seiner angebotenen Daten zu messen sein, da nur deren geringerer Teil, etwa die Quellensammlungen und Chronologien, statischer, d.h. abgeschlossener Natur ist. Dies wiederum kann nur durch eine ausreichende finanzielle Absicherung längerfristig garantiert werden, was in Zeiten von Sparbudgets kein geringes Problem darstellt.