Ein Blick auf europäische Landkarten des letzten Jahrhunderts verdeutlicht das
Thema dieses Beitrags: Staaten2 gehen
unter, mit ihnen verschwinden ihre Außengrenzen und neue Grenzen entstehen. Dies
trifft historisch nicht nur für kleine Staaten oder Entwicklungsländer zu, sondern
auch für tatsächliche und vermeintliche 'Weltreiche' und 'Supermächte' und damit
auch für Industrieländer. Die Landkarten sagen aber nichts über die Menschen aus,
die sich mit den Folgen neuer oder nicht mehr existierender Grenzen 'ihrer' Staaten
arrangieren müssen.
In Europa einschließlich des asiatischen Teils der ehemaligen Sowjetunion veränderten
sich in den Jahren 1990 bis 1994 für mehrere hundert Millionen Menschen die Grenzen
'ihrer' Staaten. Staatliche Außengrenzen - und deren Durchlässigkeit für Personen
und Güter - bestimmen die wirtschaftliche Situation der Menschen, die beidseitig
solcher Grenzen leben. Kommt es zu einer Verschiebung internationaler Grenzen,
und nicht nur zu einer Veränderung ihrer Durchlässigkeit, so ändern sich für Menschen
nicht nur ihre bisherigen gesellschaftlichen, sondern im Besonderen auch ihre
individuellen ökonomischen Grundlagen. Diese Zusammenhänge bilden den Ausgangspunkt
der folgenden Überlegungen.
Erich Klinkmüller3 griff in einem
Nachruf auf den Ökonomen Karl C. Thalheim4
den unpopulären Gedanken5 auf, dass
auch Staaten - wie alle Organisationen - untergehen, d.h. 'sterben'. Unpopulär
ist dieser Gedanke u.a. deshalb, weil ein "Staatskonkurs" (Klinkmüller
1995) häufig auch die wirtschaftliche Ressourcenverteilung innerhalb einer Gesellschaft
grundlegend verschiebt und über solche gravierenden Änderungen der gesellschaftlichen
Ordnung nur ungern nachgedacht wird.6
Im Folgenden zeige ich anhand zweier Beispiele eine individuelle Handlungsstrategie,
die bei der Teilung europäischer Industrieländer zu beobachten war. Als ein wiederkehrendes
Element menschlichen Handelns zur Überwindung von ökonomischer Knappheit in Krisensituationen,
war bei den gewählten Beispielen ein massiver grenzüberschreitender Kleinhandel
zu beobachten - eine aus den so genannten Entwicklungsländern wohlbekannte Handlungsstrategie.
Obgleich grenzüberschreitende Handelsaktivitäten unter anderen Begriffen für Entwicklungsländer
diskutiert werden, möchte ich in diesem Beitrag darlegen, dass dieses Handlungsmuster
auch in Industrieländern auftritt, wenn diese territorial zerfallen.
Als konkrete Beispiele beziehe ich mich auf die beiden letzten Staatskonkurse
von 'Großmächten' in Europa: den Zerfall der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
(UdSSR) und die Teilung des Deutschen Reiches. Ich gehe hierbei davon aus, dass
die Teilung von Staaten - also der Tod einer sehr komplexen Organisation - unabhängig
von den jeweils spezifischen Ursachen als eine Art historische Konstante betrachten
werden muss. Damit, so die Folgerung, dürften auch in Zukunft bei der Teilung
von Industrieländern durch das Entstehen neuer Außengrenzen vergleichbare Auswirkungen
wie in der Vergangenheit und Gegenwart auftreten.
Territoriale Grenzveränderungen
als historische Konstante
Allein auf dem eurasischen Doppelkontinent gingen im 20. Jahrhundert mehrere 'Weltmächte'
bzw. 'Groß-' und 'Supermächte' unter.7
Hierzu zählen das Russische Zarenreich (1917), das Deutsche Kaiserreich (1918),
die Donaumonarchie (1918), das Osmanische Reich (1922), das Deutsche Reich (1945)8,
die UdSSR (1991); darüber hinaus war über längere Zeiträume die Auflösung des
belgischen, britischen, französischen, italienischen und portugiesischen Kolonialreichs
zu beobachten. Seit 1991 erleben wir zudem die schrittweise Dekolonisation der
Russischen Föderation. Die Auflösung und Teilung all dieser weltpolitisch bedeutsamen
Industrieländer ließ kleinere Nachfolgestaaten entstehen, deren internationale
Grenzen sich anschließend ebenfalls änderten.
Der Mensch ist sich in der Regel nicht darüber bewusst, dass die Außengrenzen
des Staates, in dem er lebt ('seines' Staates), veränderbar sind. Dieses Faktum
wird zugunsten der Vorstellung eines stabilen Status quo verdrängt. Wie irreal
diese Annahme ist, zeigten die Jahre 1989 bis 1994; in dieser kurzen Zeitspanne
veränderte sich der Status quo der politischen Grenzen augenfällig. Allein in
Europa, einschließlich der asiatischen Teile der UdSSR, entstanden neue Außengrenzen
für mehrere hundert Millionen Menschen. Einerseits betraf der Zerfall der Sowjetunion
in 15 Einzelstaaten ca. 288 Millionen; die Teilung der Tschechischen und Slowakischen
Föderativen Republik (CSFR) erlebten (1993) knapp 16 Millionen, und den durch
Bürgerkrieg und ausländische Intervention bedingten und noch andauernden Zerfall
der Sozialistischen Republik Jugoslawien (seit 1990) erlitt eine Bevölkerung von
knapp 24 Millionen. Andererseits änderte sich durch die Vereinigung der zwei deutschen
Staaten (1990) für seinerzeit circa 80 Millionen Einwohner die Außengrenze ihrer
Länder. Für eine Zahl von insgesamt mehr als 400 Millionen Menschen traten also
innerhalb dieser kurzen Zeitspanne allein in Europa gravierende Veränderungen
der Außengrenzen 'ihrer' Staaten auf.9
Der Rückblick auf das letzte Jahrhundert in Europa zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit
für eine Veränderung von staatlichen Außengrenzen höchst real ist. Es gibt trotz
der Globalisierungsdiskussion und der Demokratietheorie wenig Grund anzunehmen,
warum dies in Zukunft weniger wahrscheinlich sein sollte.
Wie auch in der Gegenwart zu beobachten ist, entstehen weltweit neue Staaten durch
die Teilung bestehender Staaten. Im Gegensatz zu dieser augenfälligen Tendenz
dominiert auf politischer und volkswirtschaftlicher Ebene der gegenläufige Prozess
die Diskussion: Die zunehmende Durchlässigkeit nationaler Grenzen bzw. deren Auflösung
infolge der Globalisierung. Das Entstehen neuer Außengrenzen und die damit verbundenen
Fragen werden im Vergleich dazu selten thematisiert. Nehmen wir das Beispiel der
Europäischen Union (EU), in der die Osterweiterung - also die Aufnahme neuer ost-
und südosteuropäischer Mitgliedstaaten - seit Mitte der 1990er Jahre als eine
zentrale Aufgabe betrachtet wird. Welche Folgen für die EU jedoch beispielsweise
aus der Unabhängigkeit des Baskenlandes von Spanien, Schottlands von Großbritannien
oder Korsikas von Frankreich entstehen könnten, wird öffentlich kaum diskutiert.
Dabei dürfte das Entstehen neuer staatlicher Außengrenzen durch die politische
Unabhängigkeit von Regionen innerhalb der EU als wahrscheinlicher eingeschätzt
werden als beispielsweise die EU-Mitgliedschaft Albaniens, Mazedoniens oder der
Türkei.
Der Zerfallsprozess eines Staates ist jeweils an spezifische Rahmenbedingungen
geknüpft, und die Ursachen können denkbar unterschiedlich sein. Der Prozess kann
sich als ein langfristiges, friedliches Autonomiestreben einzelner Regionen darstellen
oder als eine schnelle - z.B. durch eine militärischen Intervention - gewaltsam
ausgelöste territoriale Teilung des Staatsgebietes. Zu den Ursachen können u.a.
externe Intervention, (Bürger-)Kriege, gewaltsame Konflikte, Revolutionen, Korrumpierung
der politischen Elite und unter Umständen auch Naturkatastrophen oder von Menschen
verursachte Umweltkatastrophen oder ein Zusammenkommen mehrere dieser Ursachen
gehören. Die mannigfaltigen Gründe sind nicht Gegenstand meiner Darstellung. Es
sind aus historischer Sicht jeweils einmalige Situationen; jedoch schließt die
Einmaligkeit der historischen Rahmenbedingungen, die zur Teilung eines Staates
führen, nicht aus, dass die wirtschaftlichen Folgen dieser Teilung für die Bevölkerung
und das Handeln der Menschen durchaus vergleichbar sind und ähnliche Strukturen
und Institutionen generieren.
Die zwei anschließend ausführlicher beschriebenen Perioden haben eine Vielzahl
von aktuellen Pendants - allerdings kleineren Ausmaßes. Einige hiervon sind: der
beginnende territoriale Zerfall Südostasiens in Indonesiens, eingeleitet durch
die Unabhängigkeit Ost-Timors; in Malaysia, den Philippinen und auf Sri Lanka
kämpfen regionale Autonomiebewegungen in Bürgerkriegen gegen die Regierungen für
Unabhängigkeit. Die ethnischen und religiösen Konflikte innerhalb Indiens weiten
sich zusehends aus. Die Außengrenzen des Staates Israel veränderten sich in den
letzten 50 Jahren nach jedem Krieg - und dieser Prozess würde seine Fortsetzung
mit der Gründung eines palästinensischen Staates finden. Die Außengrenzen der
Irakischen Republik erscheinen äußerst instabil. Hierzu trugen bei: der Iranisch-Irakische
Krieg 1980-1988, die Besetzung des Emirates Kuwait 1990, die Intervention eines
internationalen Militärbündnisses 1991, die Durchsetzung der Flugverbotszonen,
die anschließende zeitweilige türkische Militärpräsens im Nordirak und der seit
dem 11. September 2001 erneut drohende Konflikt mit den USA, der schließlich in
den Vormonaten zum Krieg und damit zum Sturz des Regimes geführt hat.
Die Unabhängigkeit Eritreas (1993) machte eine frühere äthiopische Provinzgrenze
zu einer internationalen Grenze. Im Gegensatz dazu änderten sich die Grenzen der
zwei jemenitischen Staaten durch deren Vereinigung (1990) zur Republik Jemen.
In den Nachfolgestaaten der UdSSR sind die andauernden Teilungsprozesse von Staaten
besonders deutlich erkennbar. Bekannte Beispiele sind die Konflikte in Georgien
(Abchasien, Adscharien und Süd-Ossetiens), in der Republik Moldova (Dnestr-Republik,
Gebiet der Gagausen) und in der Russischen Föderation (z.B. Tartarstan und Tschetschenien).
Auch in den geographischen Randgebieten Westeuropas gewinnen Autonomiebewegungen
zunehmend an Kraft. Nicht zuletzt sind auch die Außengrenzen der heutigen Großmächte
weniger statisch, als allgemein angenommen wird. Die Außengrenzen der Vereinigten
Staaten von Amerika veränderten sich beispielsweise mit der Übergabe der Panamakanalzone
an Panama; die Volksrepublik China übernahm vor kurzem die Regierungskontrolle
in Hongkong und Macao.
Volkswirtschaftliche Folgen einer
territorialen Teilung
Im Folgenden skizziere ich wirtschaftliche Folgen, die mit einer Staatsteilung
einhergehen können. Hierbei wird modellhaft von territorial relativ großen Industrieländern
ausgegangen, deren Wirtschaftskraft benachbarte territorial kleinere Länder maßgeblich
mit beeinflusst. Wenn von Staaten mit einem relativ großen Staatsgebiet ausgegangen
wird, so zeichnen sich diese durch die regional ungleichen Verteilungen von Produktionsfaktoren
innerhalb des Staatsgebietes aus (bzw. des politisch und wirtschaftlich kontrollierten
Wirtschaftsraums dieses Staates). Innerhalb des Staatsgebietes ergeben sich somit
natürliche Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur. Durch Austausch, d.h. nationalen
und internationalen Handel, und durch die Mobilität von Arbeit und Kapital kann
die räumlich ungleiche Verteilung von Wirtschaftsgütern überwunden werden.
Je größer das Staatsgebiet ist bzw. je mehr Staaten in eine solche internationale
Arbeitsteilung eingebunden sind, desto größer ist der mit Handel bzw. Außenhandel
verbundene Gewinn. Dieses Prinzip wird von westlichen Industrieländern in Form
des freien Welthandels vertreten, und es lag auch der Idee des von der Sowjetunion
dominierten Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW)10
zugrunde. Kommt es zur territorialen Teilung eines Staates, so bedeutet dies,
dass ein Gebiet durchtrennt wird, dessen volkswirtschaftliche Akteure zuvor in
engen und engsten Austauschbeziehungen zueinander standen. Die Teilung hat nachhaltige
Folgen auf die Struktur und den Umfang von Handelsaktivitäten, auf Investitionen,
Produktion, Beschäftigung und Konsum. Die negativen wirtschaftlichen Folgen sind
umso nachhaltiger, je stärker die Akteure zuvor aufeinander angewiesen waren und
je weniger sie über internationale Kontakte verfügten. Nach der Errichtung neuer
Grenzen ist eine Neuordnung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Akteuren
eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Daraus resultieren für Übergangsperioden
erhebliche Engpässe in der Güterversorgung der Bevölkerung. Diese Engpässe können
für die Bevölkerung lebensbedrohlich sein.
Nachfolgend beschränke ich mich auf die Darstellung zweier Zeitperioden. Zunächst
werden die Jahre von 1990 bis 1994 genauer betrachtet, also jene Phase, die vom
territorialen Zerfall der UdSSR und anderer europäischer Staaten gekennzeichnet
war. Anschließend gehe ich auf die Jahre von 1945 bis 1949 ein, also die Zeitspanne
vom Sieg der Alliierten über das Deutsche Reich bis zu den deutschen Staatsgründungen.
In beiden Perioden wurden ehemalige Binnengrenzen von Staaten zu Außengrenzen
neu gegründeter - oder erneut gegründeter - Industrieländer.
Die ehemalige Sowjetunion und auch das Deutsche Reich waren von einer starken
Orientierung ihrer Volkswirtschaften auf das eigene Staatsgebiet bzw. den politisch
kontrollierten Wirtschaftsraum geprägt. Die Verflechtung beider Staaten mit der
Weltwirtschaft war aufgrund ideologischer und kriegswirtschaftlicher Gründe eingeschränkt;
umso gravierender mussten auch die negativen wirtschaftlichen Folgen sein, als
es zur territorialen Teilung dieser Staaten kam. Beide Beispiele stellen Wendepunkte
der europäischen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert dar. Sie verdeutlichen,
dass auch Grenzänderungen im Zentrum Europas für die Zukunft eine hohe Wahrscheinlichkeit
aufweisen.
Der territoriale Zerfall der UdSSR
Der vorerst letzte Staatskonkurs einer Großmacht in Europa endete mit dem Zerfall
der UdSSR in 15 unabhängige Staaten. Das Ursachengeflecht für den Zusammenbruch
war komplex. Der Hauptgrund bestand darin, dass sich der von der UdSSR-Führung
propagierte politische Anspruch auf die Rolle einer Supermacht nicht auf die dafür
notwendige Wirtschaftskraft stützen konnte. Die Sowjetunion war zwar politisch
eine Supermacht, auf wirtschaftlicher Ebene im internationalen Vergleich aber
lediglich als eine "Mittelmacht" (Klinkmüller 1988) zu betrachten11.
Dies beruhte auf Ineffizienzen der zentralen Wirtschaftslenkung. Im direkten Vergleich
mit nordamerikanischen und westeuropäischen Marktwirtschaften erwies sich das
System der Zentralverwaltungswirtschaft - trotz seines immensen Beitrags zur Industrialisierung
des Landes in den 1930er Jahren und den Modernisierungserfolgen in den 1950er
und 1960er Jahren - als weniger effizient bei der Erfüllung von Konsumbedürfnissen.
Mit diesen Defiziten der Volkswirtschaft trat die Diskrepanz zwischen der ideologischen
Legitimation der Staatsführung - nämlich den Sozialismus als ein überlegenes/alternatives
Gesellschaftsmodell zum marktwirtschaftlich geprägten Kapitalismus zu entwickeln
- und der von den Menschen alltäglich erlebten ökonomischen Realität immer stärker
zutage. Letztendlich konnte diese Anspruch nicht mehr ernsthaft aufrechterhalten
werden.
Seit Mitte der 1980er Jahre wurde deutlich, dass die UdSSR ihre Rolle als politische
Supermacht nicht mehr für lange spielen würde. Es folgte der militärische und
politische Rückzug aus ihren östlichen Satellitenstaaten. Anschließend ging die
Deutsche Demokratische Republik in der deutschen Wiedervereinigung auf, die Tschechoslowakische
Republik brach ebenso auseinander wie die Sozialistische Jugoslawische Republik,
die sich allerdings schon länger der unmittelbaren sowjetischen Einflussnahme
entzogen hatte. Auch die UdSSR zerfiel, nachdem 1991 ein Erneuerungsversuch mit
dem erfolglosen Augustputsch restaurativer Kräfte gescheitert war. Die endgültige
Auflösung wurde mit der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) im
Dezember 1991 besiegelt.
Was bedeuteten diese Vorgänge für die Bevölkerung? Die vormaligen Binnengrenzen
in der UdSSR, der Tschechoslowakischen Republik und der Sozialistischen Jugoslawischen
Republik, die von den Menschen zuvor kaum wahrgenommen wurden, waren innerhalb
kürzester Zeit zu internationalen Grenzen geworden. Zudem war der Teilungsprozess
innerhalb der ehemaligen Sowjetunion mit der Unabhängigkeit der 15 Republiken
nicht abgeschlossen, sondern es brachen Konflikte in und Kriege zwischen den Nachfolgestaaten
aus. Durch diese Konflikte und Kriege entstanden weitere Grenzen, die sich mittelfristig
zu internationalen Staatsgrenzen entwickeln könnten, die aber auch kurzfristig
Barrieren für Menschen und Güter darstellten.
Welche Auswirkungen hatten diese neuen Staatsgrenzen auf die Volkswirtschaften
der neuen unabhängigen Staaten und die ehemaligen Mitgliedsstaaten des RGW? Ein
Kern der vormaligen Zentralverwaltungswirtschaft war die regionale Arbeitsteilung,
die weit über die Außengrenzen der UdSSR hinausreichte und den gesamten von ihr
dominierten Wirtschaftsraum (RGW) einbezog. Entsprechend den natürlichen Ressourcen
und den über Jahrzehnte künstlich geschaffenen regionalen Industriekonzentrationen
innerhalb des RGW entstand eine Wirtschaftsstruktur, deren Akteure engmaschig
miteinander verzahnt waren, die aber ökonomische Effizienzkriterien politischen
Entscheidungen unterordnete. Infolge der Staatsgründungen nach dem Zerfall der
UdSSR wurde dieser Wirtschaftsraum nicht nur durch neue internationale Grenzen
geteilt; in den Gesellschaften der jungen Staaten begannen darüber hinaus die
politischen und wirtschaftlichen Teilsysteme zu differieren. Deshalb mussten sich
die alten Staatsbetriebe und die neu gegründeten Privatunternehmen nicht nur auf
diese grundlegend veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einstellen,
sondern sie mussten auch mit weggebrochenen Auslandsmärkten und mit Konkurrenz
ausländischer Unternehmen im eigenen Land zurechtkommen. Der Konkurs vieler ehemaliger
Staatsbetriebe war die Folge. Nach dem Verbrauch vorhandener Lagerbestände verschlechterte
sich die Versorgungslage der Bevölkerung zusehends, insbesondere weil Güter importiert
werden mussten, die zuvor national gehandelt worden waren. Diese Güter unterlagen
also Zollbestimmungen und anderen tarifären und nichttarifären Handelsschranken.
Für die Menschen kamen mit dem Entstehen neuer internationaler Grenzen zu ihrer
verschlechterten Versorgungslage weitere Probleme hinzu: Die von den westlichen
Demokratien über Jahrzehnte von den osteuropäischen Staaten eingeforderte Reisefreiheit
der Bürger (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit: KSZE bzw. OSZE) wurde
- als sie den Bürgern Osteuropas möglich erschien - von eben diesen westlichen
Demokratien zunächst verweigert. Lediglich einigen Bevölkerungsgruppen stand die
Tür gen Westen offen (z.B. wissenschaftlichen Spezialisten, den jüdischen und
deutschen Minderheiten; Mitgliedern der Nomenklatura). Erschwerend kam für die
meisten Menschen Ost- und Südosteuropas hinzu, dass die ehemaligen sozialistischen
Bruderstaaten - nicht zuletzt durch den Druck der westlichen Staatenwelt - untereinander
Visaregelungen einführten. Die erhoffte Reisefreiheit erwies sich als Chimäre
der westlichen Propaganda bzw. erfüllte sich erst Jahre später. Die Reisefreiheit
für die Mehrheit der Menschen Osteuropas wurde nach dem Zusammenbruch der sozialistischen
Gesellschaftssysteme eingeschränkt, nicht erweitert.
Der Staatsbankrott in den ost- und südosteuropäischen Staaten traf die älteren
Bevölkerungsgruppen am härtesten, insbesondere die Rentner und Pensionäre. Die
während eines Lebens gesammelten Anwartschaften und Sparguthaben (z.B. gezahlte
Renten- und Pensionsbeiträge oder die Wartezeit auf einen Pkw) wurden durch die
galoppierenden Inflationen, durch den Zusammenbruch der Sozialsysteme und die
Marktöffnungen innerhalb kürzester Zeit vernichtet. Anstelle eines erwarteten
ruhigen Lebensabends kam für viele ältere Menschen die materielle Not. Nicht viel
besser erging es jenen, die im Erwerbsleben standen und bei staatlichen Arbeitgebern
angestellt waren. Viele der Betriebe, in denen sie arbeiteten, meldeten Konkurs
an oder wurden liquidiert. Oftmals verloren diese Menschen nicht nur ihre Arbeit,
sondern auch ihr individuelles Humankapital wurde über Nacht entwertet: Studienabschlüsse
und Berufswahl, die im alten Gesellschaftssystem ansprechende gesellschaftliche
Positionen gesichert hätten, wurden mit der Übernahme westlicher Werte wertlos.
Diesen allumfassenden wirtschaftlichen Problemen versuchten die Menschen mit verschiedenen
Strategien zu begegnen. Eine der erfolgreichsten Strategien war der grenzüberschreitende
Kleinhandel. Als Touristen machten sich Millionen von Menschen, zumeist
in veralteten Reisebussen auf, um die neuen Staatsgrenzen legal und illegal zu
überqueren, um im Ausland Waren zu kaufen, diese in ihre Heimat zu importieren
und dort zu verkaufen. Dieser grenzüberschreitende Kleinhandel wurde als "Trader
Tourism'' bezeichnet (vgl. Konstantinov et al. 1996, 1998, 2002; Egbert
1998, 2001).12
"Trader Tourism" bezeichnet ein Phänomen, welches infolge einer Teilung
von Staaten durch neue Grenzen oder einer Veränderung der Durchlässigkeit (für
Personen und Waren) von bestehenden Grenzen auftreten kann und in einem engen
Zusammenhang mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen steht. Trader Tourists
sind Menschen, die mit Touristenvisa ins Ausland reisen. Der Reisezweck ist jedoch
nicht Tourismus, sondern der Einkauf von Gütern im Ausland, ihr Transport ins
Herkunftsland der Händler und der anschließende Güterverkauf. Der offizielle Status
dieser Händler an den Grenzen bleibt der von Touristen. Dadurch unterliegen sie
erleichterten Visaregelungen, und begrenzte Gütermengen (zum persönlichen Verbrauch)
können unverzollt eingeführt und anschließend verkauft werden. Für ihre Fahrten
ins Ausland (dieses Ausland war unter Umständen vor kurzer Zeit für die Händler
noch Inland) organisieren sie sich in Reisegruppen und fahren - in der Regel per
Bus - zu den wichtigsten Märkten in benachbarte Staaten. Dort erwerben sie Güter
und transportieren diese in Taschen, Plastiksäcken und Kartons.13
Trader Tourism war ein Massenphänomen in den ost- und südosteuropäischen Transformationsgesellschaften
in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch und dauert in einigen Staaten bis
heute an.
Eine Abgrenzung zwischen formellen und informellen oder legalen und illegalen
Aktivität der Händler bringt nur begrenzt wissenschaftliche Erkenntnisse. Aufgrund
der generell unklaren Rechtsverhältnisse nach einem Staatszerfall ist weder eindeutig,
welche Aktivitäten legal oder illegal sind, noch sind diese Kategorien einheitlich:
Aktivitäten, die auf der einen Seite der Grenze legal sind, können auf der anderen
Seite illegal sein. Ebenso ist es schwierig, die Märkte, in denen die Händler
agieren, zu charakterisieren: Es kann sich sowohl um freie Märkte, um Schwarz-
oder um Parallelmärkte handeln (vgl. zur Kategorisierung von Märkten Jones
& Roemer 1991). Aufgrund der unklaren Rechtsverhältnisse kann sich auch
der Status eines Marktes relativ schnell ändern. Ein zentraler Aspekt des Trader
Tourism wird in der Migrationsforschung hervorgehoben. Dies ist die begrenzte
Aufenthaltsdauer der Händler im Ausland und ein Zurückkommen ins Herkunftsland.
Von Morokvasic & Tinguy (1993) wird dieser Aspekt als "circulatory
migration" beschrieben.
Besonders in den ersten Jahren nach dem Zerfall des RGW bot die Metropole Istanbul
attraktive Einkaufsmöglichkeiten für Menschen aus der GUS und dem gesamten Balkan
(vgl. insbesondere Ivanova & Mihalev 1996; zusätzlich Egbert
1998 und Konstantinov 1994). Die Händler erstanden in Istanbul in erster Linie
Jeans-, Sport und Lederbekleidung und Haushaltswaren. Gekauft wurde dabei nicht
nur auf den Basaren, sondern jegliche günstige Einkaufsmöglichkeit wurde genutzt,
sei es der Kauf auf der Straße oder der Kauf ab Fabrik. Dass es sich zum Teil
um gefälschte Markenprodukte handelte, war zu Beginn der Transformationsprozesse
für die Händler und ihre Kunden zweitrangig; die Produktqualität entwickelte sich
aber später zu einem wichtigen Absatzkriterium.
Der Bus stellte das wichtigste Transportmittel in den Jahren unmittelbar nach
den staatlichen Zusammenbrüchen dar. In der Regel fanden sich circa 40 Händler
zu einer Fahrt nach Istanbul zusammen, wo sie sich für ein bis zwei Tage aufhielten,
um Waren zu kaufen; anschließend wurden diese Waren per Bus nach Ost- und Südosteuropa
transportiert. Der Verkauf der auf diese Weise importierten Waren erfolgte zumeist
auf Marktplätzen, die teilweise neu entstanden waren, teilweise noch aus der sozialistischen
Zeit stammten.14 Häufig fand eine
Arbeitsteilung bei den Händlern derart statt, dass ein Teil der Familie als Verkäufer
auf den Märkten tätig war, während sich andere Familienmitglieder den mühevollen
Auslandsreisen unterzogen.
Busrouten nach Istanbul bildeten das Herzstück des Trader Tourism, es gab jedoch
eine Reihe weiterer Routen, die über den Nahen und Mittleren Osten bis nach China
führten.15 Diese Handelsaktivitäten
waren auch in westeuropäischen Metropolen in Form der so genannten "Polenmärkte"
zu Beginn der 1990er Jahre in Wien und Berlin sichtbar (vgl. u.a. Karazman-Morawetz
& Pilgram 1993). Am deutlichsten wurde diese Art der Überlebenssicherung
durch Kleinhandel insbesondere an den internationalen Grenzen. In unmittelbarer
Nähe von Grenzübergängen etablierten sich Marktplätze, die einer Vielzahl von
Menschen (Händlern, Geldwechslern, Anbietern von Dienstleistungen für die Händler,
Zöllnern, Polizisten u.a. Personen) neue Erwerbschancen in einer Krisensituation
boten.16
Volkswirtschaftlich wurde durch diesen grenzüberschreitenden Kleinhandel einerseits
der durch die territoriale Teilung hervorgerufene Mangel (bzw. der noch bestehende
Nachfrageüberhang aus Zeiten der sozialistischen Planwirtschaften) abgebaut; andererseits
erwies sich dieser grenzüberschreitende Kleinhandel als ein unmittelbar einsetzendes
und funktionierendes System der sozialen Sicherung: In einer Zeit, in der westliche
Berater über den richtigen Weg der Transformation stritten und ihre östlichen
Regierungspartner hilflos vor dem angerichteten volkswirtschaftlichen Chaos standen,
setzte sich der grenzüberschreitende Kleinhandel in Form des Trader Tourism -
basierend auf marktwirtschaftlichen Prinzipien - als Instrument zur Überwindung
der ärgsten Not durch. Insofern bildete er ein sehr schnell zur Verfügung stehendes
und vor allen Dingen auch funktionierendes System der kurzfristigen sozialen Sicherung
in einer ökonomischen Krisensituation - und zwar in Industrieländern.
Die territoriale Teilung des Deutschen
Reiches
Obwohl der territorialen Teilung beim zweiten Fallbeispiel gänzlich andere Ursachen
zugrunde liegen, so waren doch dem Trader Tourism der 1990er Jahre ähnliche Phänomene
zu beobachten. Der totale Staatskonkurs des Deutschen Reiches wurde mit der Kapitulation
am 8. Mai 1945 manifestiert. Unmittelbar darauf teilten die Alliierten das besetzte
Staatsgebiet bzw. den Wirtschaftsraum, der vom Deutschen Reich kontrolliert worden
war.17
So wurde der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich annulliert, und Österreich
wurde als ein separates Territorium behandelt. Die Annektierung des Sudetenlandes
wurde aufgehoben und die Tschechoslowakei gegründet. Der nördliche Teil der Provinz
Ostpreußen wurde unter sowjetische und der südliche Teil Ostpreußens, genauso
wie Schlesien und Pommern, unter polnische Verwaltung gestellt. Das verbliebene
Staatsgebiet wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt - ebenso wie Österreich.
In den Hauptstädten Berlin und Wien wurden vier durch Grenzen getrennte Sektoren
errichtet. Bremen und Bremerhaven als amerikanische Enklaven in der britischen
Zone waren ebenfalls von Grenzen umgeben; das Saargebiet wurde als französisches
Zoll- und Wirtschaftsgebiet verwaltet. Durch die Westausdehnung des politischen
Machtbereichs der Sowjetunion änderten sich zudem die Staatsgrenzen vieler Länder
in Ost- und Südosteuropa.
Das ehemals ökonomisch zentral verwaltete Territorium des Deutschen Reiches war
Ende 1945 durch eine Vielzahl neuer Grenzen geteilt. Zwar vereinbarten die Vertreter
der Vereinigten Staaten von Amerika, der Sowjetunion und Großbritanniens auf der
Potsdamer Konferenz, dass Deutschland während der Besatzungszeit als wirtschaftliche
Einheit zu behandeln sei, durch französische und sowjetische Interventionen kam
eine solche einheitliche Behandlung des ehemaligen Staatsgebietes jedoch nicht
zustande. Stattdessen blieben die Zonen wirtschaftlich zunächst auf sich gestellt,
und sie wurden von den Besatzungsmächten unterschiedlich verwaltet.18
Für die katastrophale Versorgungslage der Bevölkerung war jedoch nicht in erster
Linie die Errichtung dieser neuen Grenzen verantwortlich. Die desolate wirtschaftliche
Lage nach dem Krieg war eine unmittelbare Folge der konsequenten Ausrichtung der
Volkswirtschaft des Deutschen Reiches auf die Kriegsziele.19
Verschärft wurde die Lage durch die Kriegsfolgen, insbesondere die Zerstörung
von Industrieanlagen, Verkehrswegen und Kommunikationssystemen durch britische
und amerikanische Bombenangriffe; letztlich mussten Millionen von Flüchtlingen
aus den unter sowjetische und polnische Verwaltung gestellten Gebieten versorgt
werden.
Weil die Volkswirtschaft des Deutschen Reiches eine zentral verwaltete und auf
Autarkie gerichtete Kriegswirtschaft gewesen war, entstanden aufgrund der Unmöglichkeit
von exakten Planungen bereits in der Nazizeit Schattenmärkte, die vom Staat bekämpft
wurden. Nach dem Krieg behielten die Besatzungsmächte den verwaltungswirtschaftlichen
Charakter der Wirtschaft bei, obwohl der vorherige Wirtschaftsraum jetzt nicht
mehr als Einheit bestand und auch keine übergeordnete leitende Instanz vorhanden
war. Folge dieser Entwicklung war eine regionale Verselbständigung in politischer
und wirtschaftlicher Hinsicht. Damit wurden aber auch die wenigen noch vorhandenen
Ressourcen nicht mehr überregional, sondern nur noch regional verteilt.
Die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Brennstoffen
stellte nach dem Krieg das Hauptproblem der Besatzungsmächte dar. Aus den abgetrennten
östlichen Provinzen, die vor dem Krieg die landwirtschaftliche Produktion im Deutschen
Reich gesichert hatten, konnten nun die westlichen Besatzungszonen keine Nahrungsmittel
mehr beziehen. In diesen Zonen lebte aber der weitaus größte Teil der Bevölkerung.
Aufgrund allgemeiner Knappheit betrafen Eingriffe von alliierter Seite insbesondere
die Verteilung von Nahrungsmitteln und Brennstoffen. Bei dem System der Zuteilungen
über Wertmarken knüpften die Besatzungsmächte an die bereits 1939 vom nationalsozialistischen
Regime installierte Struktur der Wirtschaftslenkung an. Ziel der alliierten Militärbehörden
war dabei eine allgemeine und gerechte Verteilung der wenigen vorhandenen Waren.
Der Handel auf dem Schwarzmarkt bildete schon während des Krieges eine lebensnotwendige
Ergänzung zur Planwirtschaft. Jeder, der Ware besaß, konnte am Schwarzen Markt
teilnehmen, da es quasi keine Zugangsbeschränkungen gab. Ganz ähnlich wie fast
60 Jahre später in Osteuropa entstanden in vielen Orten spezielle Marktplätze,
auf denen Waren getauscht wurden. Die Grundlage dieses Schwarzen Marktes war ein
Nachfrageüberhang nach fast allen Gütern. Vorteile erzielten besonders diejenigen,
die Zugang zu Lagerbeständen hatten, oder die selbst produzierten und ihre Waren
der zentralen Verwaltung entziehen konnten, weil die Preise auf den Schwarzen
Märkten weit über denen der staatlichen Bewirtschaftung lagen. Hierzu zählten
insbesondere die landwirtschaftlichen Produzenten. Kritisch war der Schwarze Markt
insofern zu bewerten, als Güter der gerechteren Verteilung über das Zuteilungssystem
entzogen wurden. Er ging zu Lasten der allgemeinen Gerechtigkeit.
Was bedeutete aber nun die territoriale Teilung für die Menschen und wie reagierten
sie darauf? Die territorial Teilung verschärfte die durch die Kriegszerstörungen
entstandene wirtschaftliche Lage, indem die Reisemöglichkeiten und die Freizügigkeit
der Bevölkerung stark eingeschränkt wurden. Durch die Entstehung neuer Grenzen
wurden die Möglichkeiten, durch Handel die größte Not zu mindern, eingeschränkt.
Da Grenzüberquerungen zwischen den Zonen weitgehend illegal waren, wurde das Angebot
an und die Nachfrage nach Gütern zwischen den Zonen vergleichsweise langsam ausgeglichen.
Es kam aber allenthalben zu Grenzüberquerungen mit dem Ziel, individuellen Nutzen
aus dem Handel zu ziehen. Die grenzüberschreitenden Kleinhändler erfüllten in
dieser Hinsicht eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion: Mängel der zentralen
Planung durch die Besatzungsmächte wurden ausgeglichen, indem diese Händler Waren
aus anderen Zonen bzw. Sektoren importierten. Dabei nutzten Sie zum eigenen Vorteil
die Preisunterschiede auf den Schwarzen Märkten der einzelnen Zonen aus. Die gehandelten
Waren von 1945 bis 1948 ähnelten denen der 1990er Jahre: Nahrungsmittel, Kleidung,
Brenn- und Kraftstoffe, Dinge des alltäglichen Bedarfs; nicht zuletzt wurden jeweils
auch Flüchtlinge über die Grenzen gebracht.
Genauso schnell, wie neue politische Grenzen entstehen, können sie aber auch verschwinden.
Am 1. Januar 1947 wurde die "Bizone" als amerikanisch-britisches Wirtschaftsgebiet
geschaffen, an das später die französische Besatzungszone und circa ein Jahrzehnt
später auch das Saargebiet angeschlossen wurden. Mit der Etablierung stabiler
Institutionen, insbesondere mit der Währungsreform von 1948 und den Staatsgründungen
1949, wurde dem grenzüberschreitenden Kleinhandel und dem Schwarzen Markt die
Grundlage genommen. In der individuellen Krise war grenzüberschreitender Kleinhandel
aber für viele Menschen die wichtigste Strategie zur individuellen Überlebenssicherung
gewesen.
Zusammenfassung
Zwar ist es heute unpopulär, darüber nachzudenken, dass auch hoch entwickelte
Industrieländer territorial zerfallen können und sich dabei auch ihre internationalen
Grenzen gravierend verschieben können; doch bei einem Rückblick auf das letzte
Jahrhundert in Europa erscheint auch gegenwärtig ein solches Szenario als eine
durchaus reale Möglichkeit geschichtlicher Entwicklung. Wie anhand zweier Beispiele
skizziert wurde, reagierten Menschen in den von ihren ökonomischen Auswirkungen
her vergleichbaren Krisen von 1945-1948 und 1990-1994 ähnlich. Der grenzüberschreitende
Kleinhandel kann als eine Strategie verstanden werden, die zunächst auf der individuellen
Ebene eine Verbesserung der ökonomischen Lage gewährleistete; aufgrund insgesamt
instabiler volkswirtschaftlicher Rahmenbedingungen kann er kurzfristig auch stabilisierend
für eine Gesellschaft im Umbruch wirken.
In Deutschland verschwand dieser grenzüberschreitende Kleinhandel 1948 mit der
Errichtung stabiler Institutionen. Dass dieses Phänomen, welches als "Trader
Tourism" für die 1990er Jahre beschrieben wurde, bis heute in einigen ost-
und südosteuropäischen Staaten zu beobachten ist, kann als Indiz für die nicht
abgeschlossenen Transformationsprozesse gewertet werden. Anders als in diesen
europäischen Beispielen, in denen von einer begrenzten Dauer solcher Aktivitäten
ausgegangen wird, bildet der grenzüberschreitende Kleinhandel in vielen weniger
entwickelten Ländern eine permanente Handlungsstrategie für Millionen von Menschen
zur Überlebenssicherung (vgl. bspw. Bantle 1994 für Tunesien).
Wenn die Möglichkeit erst genommen wird, dass auch in Zukunft so genannte Industrie-
und Schwellenländer territorial zerfallen werden, und wenn grenzüberschreitender
Kleinhandel als eine zentrale Strategie der Überlebenssicherung in Krisen gesehen
wird, so ergehen sich hieraus zwei zentrale Fragen: Ist die internationale Gemeinschaft
mit ihren Institutionen auf einen staatlichen Zerfall von Industrieländern
vorbereitet? Kann in solchen Szenarien ein von der Bevölkerung initiierter grenzüberschreitender
Kleinhandel auch in wirtschaftspolitische Strategien zur kurzfristigen Abmilderung
von ökonomischen Krisen eingebunden werden?
Wird die erste Frage vor dem Hintergrund der relativen Hilflosigkeit reflektiert,
die internationale Organisationen (z.B. die Vereinten Nationen, die Europäische
Union) in ihrem Handeln beim territorialen Zerfall schon relativ kleiner Länder
zeigen, so deutet sich ein äußerst pessimistisches Bild an, sollte es zum Zerfall
weltwirtschaftlich bedeutsamer Industrie- und Schwellenländer kommen. Dagegen
zeichnen sich bei internationalen Organisationen Ansätze ab, die den grenzüberschreitenden
Kleinhandel in Krisen- und Hilfsszenarien einbinden, wie beispielsweise im Rahmen
von Einsätzen der North Atlantic Treaty Organisation (NATO).20
Wenn meine Beobachtung stimmt, dass grenzüberschreitender Kleinhandel eine unmittelbar
einsetzende und erfolgreiche Handlungsstrategie der Menschen darstellt, so lohnt
es sich, darüber nachzudenken, wie dieser in extremen Krisensituationen gefördert
werden kann, um so auch über Handlungsstrategien beim Zerfall von Industrieländern
zu verfügen.
Literatur
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Economic Problem in Peace and War. Some Reflections on Objectives and Mechanisms,
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Wildt, Michael 1986: Der
Traum vom Sattwerden, Hamburg: VSA-Verlag.
1
Wichtige Anregungen zu diesem Text entnahm ich den Vorlesungen (Freie Universität
Berlin 1993-1995) und Veröffentlichungen von Prof. Dr. Erich Klinkmüller.
Für Hinweise zum Manuskript bin ich Sabine Pieschel sowie Dipl.-Kfm. Volker
Kuhlmann dankbar. Der Text wurde auszugsweise in einem Vortrag beim Verein
FIBEL e.V. am 24.04.2002 an der Universität Trier vorgestellt. Durch die verzögerte
Publikation konnte die aktuelle Entwicklung im Irak nicht mehr berücksichtigt
werden.
2
Als Staat wird eine rechtlich organisierte und mit einer unabhängigen Regelungsmacht
ausgestattete Gemeinschaft verstanden. Im Folgenden wird vom einem Territorialstaat
ausgegangen, dessen Staatsgebiet durch eine internationale Grenze umgeben
ist.
3
Erich Klinkmüller, von 1970 bis 1996 ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre
an der Freien Universität Berlin und Leiter der Abteilung Wirtschaft am Osteuropa-Institut.
5
Diesen wissenschaftlich attraktiven und im Allgemeinen zugleich unbequemen
Gedanken, dass es im Leben eines Menschen nicht unwahrscheinlich ist, von
einem "Staatskonkurs" direkt materiell und immateriell betroffen
zu werden, übernehme ich von Klinkmüller (1995).
6
Bei einer solchen Neuverteilung der Ressourcen wird oftmals über mehrere Generationen
angespartes Kapital vernichtet.
7
Vgl. hierzu den Überblick bei Klinkmüller (1995: 12-19), der auch
die Begriffe "Staatskonkurs" und "Staatszerfall" verwendet.
8
In diese Aufzählung gehört auch die endgültige Auflösung Preußens (1947) durch
den Alliierten Kontrollrat.
9
Also für circa 7-8 % der Weltbevölkerung im Jahre 1990.
10
Auch Council for Mutual Economic Assistance (COMECON) oder Sovjet Ekonomièeskoj
Vzaimopomoèi (SEV); gegründet am 25.01.1949.
11
Der Zerfall der "Supermacht UdSSR" kam keineswegs so unvorhergesehen,
wie er vielfach in den Medien dargestellt wurde. Eine kritische Betrachtung
des militärischen und des ökonomischen Potentials der UdSSR verdeutlichte,
dass die Bezeichnung als Supermacht weitgehend eine Chimäre war: Der ökonomische
Unterbau für die politischen Ambitionen einer Supermacht fehlten. Klinkmüller
(1988) wies darauf hin, dass es tatsächlich nur eine Supermacht gab, nämlich
die Vereinigten Staaten von Amerika, deren wirtschaftliche Basis ihren politischen
Ambitionen entsprach. Dagegen hatten zwei andere wirtschaftliche Supermächte,
die EU und Japan, nur sehr begrenzte internationale politische Ambitionen.
12
Obwohl es sich um ein Massenphänomen handelte, wurde dieses in den Wirtschaftswissenschaften
nur am Rande wahrgenommen oder aber anderen Diskussionen zugeordnet (z.B.
der Migrationsdiskussion oder der Grenzdiskussion). Eine interdisziplinäre
Arbeitsgruppe um Konstantinov, Kressel und Thuen
untersuchte insbesondere den Handel in Südosteuropa.
13
Der eigenhändige Transport der Waren durch die Händler bildet ein wesentliches
Merkmal des "Trader Tourism". Die Händler reisen mit der
Ware. Dies unterscheidet sie von solchen Akteuren, die über das notwendige
Kapital verfügen, einen Lkw zu mieten, um im großen Stil Handel zu
treiben.
14
Vgl. z.B. zum Kolchoz-Markt für die bulgarische Stadt Varna Ivanova et
al. (1996).
15
Vgl. z.B. für die Route Bulgarien-Dubai Egbert (1996).
16
Damit wird die internationale Grenze zu einer Institution für die Menschen,
die Erwerbsmöglichkeiten schafft (vgl. Bantle & Egbert 1996:
"Borders Create Opportunities''), die besonders ethnische Minderheiten
zu nutzen verstehen (vgl. hierzu Konstantinov & Thuen 1996: "Boundaries
as a Resource'').
17
Als unmittelbare Folge der militärischen Niederlage und der alliierten Besatzung
ergab sich laut dem Protokoll der Londoner Konferenz (vom 12.9.1944) die Teilung
Deutschlands in drei Besatzungszonen.
18
Für die hier gegebene Darstellung der Jahre 1945 bis 1949 vgl. ergänzend u.a.
Abelshauser (1983); Eschenburg (1983); Kleßmann
(1983); Wildt (1986).
19
Aufgrund der friedlichen Entwicklung zwischen den marktwirtschaftlich orientierten
Staaten Westeuropas und Nordamerikas seit fast 60 Jahren wird in den meisten
volkswirtschaftlichen Lehrbüchern heute per se von einer Friedenswirtschaft
ausgegangen. Diese entspricht aber nicht den ökonomischen Rahmenbedingungen
der ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts in Europa oder den aktuellen Rahmenbedingungen
in einer Reihe von Entwicklungsländern. Vgl. deshalb ergänzend zur Kriegswirtschaft
die Ausführungen von Robbins (1947).
20
Vgl. zur aktuellen Diskussion zur zivil-militärischen Zusammenarbeit das NATO-Konzept
CIMIC 2000; siehe u.a. Braunstein (2000), Oehler (2000).