eForum zeitGeschichte 1/2 2003

"Historisches Bewusstsein im jüdischen Kontext"

Tagungsbericht1

von Roman Urbaner


Unter diesem notgedrungen offenen Titel, der "historischem Bewusstsein" in der Vielfalt seiner Erscheinungs- und Diskursformen gerecht werden soll (und der Historiographie und Literatur, Philosophie, säkulare wie religiöse Geschichtskultur, jüdische wie bisweilen auch nichtjüdische Perspektive unter einen Hut bringen muss), veranstaltete das Grazer "Centrum für jüdische Studien" vom 10. bis 12. 11. 2002 seine bereits zweite internationale Tagung.

Den Umstand, dass sich ein großer Teil der Beiträge - zwei der sechs Panels sind dem Thema "Jüdische Geschichtsschreibung" gewidmet - mit der (deutsch-)jüdischen Historiographie des 19. Jh. befasste, ließe sich freilich als vermeidbare thematisch-zeitliche Einengung kritisieren. Etwa dass man, rückwärts gewandt, kaum über die Wende vom 18. zum 19. Jh., über die Haskala und den Bruch, den die jüdische Aufklärung gegenüber den traditionellen religiös bestimmten Geschichtskonzeptionen vollzogen hatte, hinausgriff. Oder, mit Blick auf die jüngere Geschichte, die weitgehende Ausblendung der Frage, was die Erfahrung von Exil und Shoah, die Staatsgründung Israels und der Nahostkonflikt für jüdisches, jüdisch-religiöses oder zionistisches Geschichts- und Selbstverständnis und für die aktuelle jüdische Historiographie nach 1945 bedeuteten.2

Doch gerade in dieser scheinbaren Schwäche liegt m. E. eine Stärke: Der Offenheit des Tagungstitels zum Trotz fand der Kongress hier nämlich eine begrüßenswerte Gewichtung, die es ermöglichte, die Herausbildung eines modernen - dem diskursmächtigen historistischen Verständnis genügenden - jüdischen "historischen Bewusstseins" im Laufe des 19. Jh. (in der Historiographie wie im zeittypischen Genre des historischen Romans) gleich aus mehreren Blickwinkeln zu verfolgen. Und selbst bei den folgenden, thematisch weiter gestreuten Panels ergaben sich immer wieder lohnende Querverbindungen zur ausführlich behandelten Historiographie des 19. Jh.

"Jüdische Geschichtsschreibung"

Den Anfang3 macht Iveta Vondrákovás (Prag) Beitrag über die jüdische Historiographie in Böhmen und Mähren zu Beginn des 19. Jh., der am Beispiel einiger jüdischer Gelehrter (Peter Beer, Abraham Trebitsch, Marcus Fischer und Salomon Löwisohn) vor Augen führt, dass das jüdische Geschichtsverständnis der Zeit keineswegs einheitlich, sondern von unterschiedlichen Zugangsweisen zur (jüdischen) Vergangenheit geprägt war. Anhand der Familienchronik des Achimaaz von Oria von 1054 zeigt Wolfram Drews (Bonn) den Wandel der historischen Erinnerung im mittelalterlichen Judentum. Als historische Standortbestimmung des süditalienischen Diasporajudentums lässt sich die Chronik als Anzeichen der Konstituierung eines eigenständigen europäischen Judentums werten. Charakteristisch für die mittelalterliche Erinnerung ist, ähnlich den rabbinischen Traditionsketten, die Betonung der persönlichen (Familien-)Beziehungen und die Fokussierung auf einen personal und geographisch begrenzten Raum. Das historiographische Interesse gilt nun gleichsam einem "privaten" Ausschnitt der jüdischen Geschichte.

Die Beiträge von Gerald Lamprecht (Graz) und Ulrich Wyrwa (Berlin) wenden sich dem Aspekt regionaler bzw. europäisch-universaler Geschichtskonstruktionen zu. Anhand der jüdischen Gemeinde von Graz untersucht Ersterer die Versuche jüdischer Gelehrter, angesichts der von nichtjüdischen Historikern und Geschichtsvereinen im 19. Jh. vorangetriebenen Formung einer (exklusiven) kollektiven regionalen Identität der Steiermark auch die jüdische Vergangenheit als Teil einer gemeinsamen Geschichte und Identität zu integrieren. Ulrich Wyrwa wiederum zeigt auf, wie zentral die europäische und universalgeschichtliche Dimension, entgegen der romantisch-völkischen Neuorientierung, die die Nationalhistoriographien des 19. Jh. von den geschichtsphilosophischen Intentionen der Aufklärung abrücken ließ, im Denken der deutsch-jüdischen Historiographie blieb: durch die Zurückweisung des zeitgenössischen "Grenzpfahl-Nationalismus" (Heinrich Graetz) und die Einbeziehung der außerdeutschen (Martin Philippson) wie sogar außereuropäischen Perspektive (Isaak Marcus Jost).

Den Stellenwert des Biographischen erörtern die Beiträge von Marcus Pyka (München) und Andreas Brämer (Bremen). Ersterer untersucht die Frage, wieweit bei Heinrich Graetz tatsächlich von einer "biographischen Methode" gesprochen werden kann, und gelangt anhand des Beispiels des Kapitels über den Herzog von Naxos zum Schluss, dass Graetz seine Geschichte, in Anlehnung an den historischen Roman, zwar mit scharf konturierten Gestalten bevölkert, diese aber weniger biographisch erfasste Charaktere als repräsentative Typen darstellen: Der eigentliche Protagonist ist nicht die einzelne historische Figur, sondern das jüdische Volk als Ganzes.4 Die identitätsstiftende Funktion der rabbinischen Biographik als Textgattung der jüdischen Geschichtsschreibung zeichnet Andreas Brämer nach. Hatten zunächst die Maskilim das Genre als Transportmedium aufgeklärter Erziehungsappelle für sich entdeckt, befasste sich bald die ,Wissenschaft vom Judentum'- nun mit dem methodischen Rüstzeug kritischer Quellenrezeption, doch nicht frei von gegenwartsbezogenen Projektionen - mit den Lebensbildern jüdischer Gelehrter. Darüber hinaus bedienten sich verschiedene Seiten (wie Reformjudentum oder die ,positiv-historische' Schule) der rabbinischen Biographik als Mittel der Reinterpretation des Judentums als bürgerliche Konfession. Michael Nagel (Bremen) erörtert die Ausformung zweier "moderner" Perspektiven in der Darstellung der jüdischen Geschichte um 1830: der gleichsam "objektiven" Betrachtung durch Isaak Marcus Jost, Begründer der wissenschaftlichen jüdischen Geschichtsschreibung, und, in Abgrenzung davon, der auf Publikumswirksamkeit und jüdisches Selbstbewusstsein abzielenden narrativen Geschichtsschreibung der Brüder Phoebus und Ludwig Philippson, die von der deutsch-jüdischen Publizistik des 19. Jh. aufgegriffen wurde und deren Einfluss auf die zionistisch geprägte deutsch-jüdische Erzählliteratur zwischen 1933-38 nachgezeichnet wird.

"Jüdische Identität" / "Erinnerung und Gedächtnis"

Dass Fragen der jüdischen Identität nicht allein in wissenschaftlichen, sondern auch in narrativen Texten in Form geschichtlicher Konstruktionen verhandelt wurden, ruft auch Gabriele von Glasenapp (Frankfurt/M.) in Erinnerung. Anhand einiger exemplarischer Texte aus Böhmen wendet sie sich der Popularisierung von Geschichte im ,jüdisch-historischen Roman' zu, der sich im 19 Jh. zu einem zentralen Genre deutsch-jüdischer Erzählliteratur entwickelte. Den negativen Fremdbildern versuchten die Autoren in der Fusion von spezifisch jüdischer Erinnerungskultur und allgemeinem literarischem System ihre positive Deutung jüdischer Figuren und Geschichte entgegenzusetzen. Anhand der französisch-jüdischen Komponisten Alexandre Tansman und Darius Milhaud zeigt Andrea Brill (München), inwieweit auch musikalische Arbeiten als Ausdruck und Ausformung historischen Bewusstseins - individuell wie kollektiv - identitätsformierend wirken können. Holocaust-Erfahrung, historische wie religiös-biblische Sujets und die Mythologisierung der Staatsgründung Israels bilden das Spannungsfeld, dem ihre spezifisch "jüdischen" Werke entstammen. Esther Kilchmann (Zürich) erblickt in der psychoanalytischen Kategorie des "Unheimlichen" ein Basiselement im deutsch-jüdischen Beziehungsgeflecht. Ausgehend von Walter Benjamins "Kafka"-Essay und Freuds "Moses" fasst sie das säkulare, assimilierte (West-)Jüdische als Überlagerung von Resten religiöser Traditionen und antisemitischen Fremdprojektionen. Gerade zu dem Zeitpunkt, als sie gewaltsam auf ihr ,Jüdisch-Sein' zurückgeworfen werden, betonen beide Autoren das "Vergessen" als Moment des Jüdischen, das sie eng an eine andere Identität binden.

Autobiographischen Erinnerungen jüdischer Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs gilt Patrick Krassnitzers (Berlin) Interesse. Ein spezifisch "jüdisches" Kriegserlebnis lässt sich in den in der Emigration verfassten Manuskripten der "Harvard German Life Collection" nur marginal nachweisen. Bestimmte Motive, wie die erhoffte Bewährungschance oder die "Judenzählung" 1916, werden zwar thematisiert, doch dominiert das Spektrum zwischen nationalistischer Mythisierung und pazifistischer Militarismuskritik. Der Identitätsbruch wird zumeist nicht mit der Kriegserfahrung, sondern erst mit der NS-Verfolgung verknüpft oder durch das Narrativ "reprojizierter Entfremdung" negiert. Anke Hilbrenner (Bonn) konzentriert sich auf das historische Werk Simon Dubnows, das dem - in Folge der Assimilation nicht mehr religiös abgesicherten - jüdischen kollektiven Gedächtnis neue Inhalte bot. Die Wirkkraft seines Werkes, das eine jüdisch-nationale Identität zu begründen suchte, liegt u. a. in der symbolisch überhöhten (und nicht zuletzt vom antisemitischen Fremdbild übernommenen) Erinnerungsfigur der russisch-jüdischen autonomen Gemeinde, des Kahals.

Die zentrale Bedeutung der Revolution von 1848/49 für die Formung der jüdischen Identität italienischer Juden in der Habsburger-Monarchie, die sich auch dem italienischen Nationalismus zuwandten, streicht Tullia Catalan (Triest) hervor. Den Fokus richtet sie dabei auf die interne, generationsspezifische Debatte über die Reform jüdischer Religion und die Schwierigkeiten, jüdische und neue nationale Identität in Einklang zu bringen. Shoou-Huey Chang (Taiwan) legt den Schwerpunkt ihrer Ausführungen, denen sie eine Einführung zur jüdisch-chinesischen Beziehungsgeschichte voranstellt, auf die jüdische (Exil-)Gemeinde in Shanghai, die - wie am Beispiel des Tagebuchs der jiddischen Schauspielerin Rose Shoshana illustriert wird -, abgeschnitten von der Welt, jüdische Identität mittels eines regen kulturellen Lebens zu wahren versuchte. Lisa Silvermans (Yale University/Wien) Ausführungen zur Rolle von Frauen im historischen Bewusstsein jüdischer Geschichte rücken die erst seit wenigen Jahren auch in den Jüdischen Studien Fuß fassende Perspektive der Gender Studies in den Mittelpunkt. Die nach 1945 aufgekommenen "Mythen" jüdischer Frauen (die Figur der jüdischen "Salondame", der "Jewish American Princess" und der "Jewish Mother") wurzeln im Prozess der Assimilation, dessen private wie öffentliche Implikationen nur unter Einbeziehung der Gender Studies vollends erfasst werden können.

"Museen und Archive" / "Literatur und Philosophie"

Peter Honigmanns (Heidelberg) Darstellung der von bundesdeutschen Behörden wie jüdischer Seite lange ernstlich verfolgten, letztlich aber vergeblichen Versuche des Rabbiners Bernhard Brilling, schon in den 1950er Jahren ein Zentralarchiv der Juden in Deutschland einzurichten, lenkt den Blick auf den Generationswandel innerhalb der jüdischen Gemeinden: Die Bemühungen des zurückgekehrten Emigranten, an die Zeit vor 1933 anzuknüpfen, mussten im Sande verlaufen; denn es bedurfte erst einer neuen Generation, die wieder imstande war, ihre Zukunft dauerhaft in Deutschland zu sehen, und so ein Interesse an einem eigenen Archiv (zum jüdischen Leben der Nachkriegszeit) entwickeln konnte. Anhand des "Vaterländischen Museums" in Braunschweig, der Veränderung der Präsentations- und Inszenierungsformen seiner Judaica-Sammlung illustriert Jens Hoppe (Frankfurt/M.) die Etappen, die das sich wandelnde nichtjüdische Bild des "Jüdischen" im 20. Jh. durchmachte: von der primär fremd-religiös bestimmten Wahrnehmung des Judentums vor 1933 und ihrer rassenideologischen Umformung durch den Nationalsozialismus bis zum späten Wiederaufgreifen jüdischer Geschichte in den 1970er und 80er Jahren, das den Fokus auf Religion und jüdische Opfergeschichte legte, aktuelles jüdisches Leben in Deutschland aber erst in jüngster Zeit wieder in den Blick nimmt.

Auch Bettina von Jagows (München) Interesse gilt der nichtjüdischen Perspektive: Für Ingeborg Bachmanns Werk erweist sich die Konstituierung des literarischen Gedächtnisses als Durchkreuzung von (Auschwitz-)Topologie und (Reise-)Topographie. Das vermittelte "Auschwitz"-Erlebnis wird über die anthropologischen Medien Körper und Traum zur eigenen, individuellen Erfahrung der Figuren; seine Symbolik bricht als Bedrohung ins Heute einer (italienischen) Landschaft. Der Traditionsbruch, der sich in den Massenmorden des 20. Jh. vollzog, liegt auch dem Geschichtsdenken Hannah Arendts zugrunde. Obwohl sie jede historische Systembildung zurückwies, stehen, wie Annette Vowinckel (Berlin) zeigt, gerade auch historische Fragen im Mittelpunkt ihres Denkens. Als "Negation der ,Negation des Guten'" hat die Zäsur des modernen "Bösen" mit den traditionellen Motiven das bisherige (auf Kontinuität angewiesene) Geschichtsdenken für nichtig erklärt. Allein in der bruchstückhaften Sammlung aus der Vergangenheit gesprengter Wahrheiten sieht Arendt noch die Möglichkeit eines historischen Denkens nach Auschwitz.

Daniel Weidner (Berlin) interpretiert Gershom Scholems Historiographie der Kabbala als paradigmatischen Versuch, sich mit historischen Mitteln der Tradition zu versichern: Dabei sollte - zwischen säkularer Perspektive und religiöser Affirmation - eine jüdische ,Theorie der Tradition' entworfen und im Begriff der ,Philologie' Scholems eigener Ort gegenüber der Überlieferung bestimmt werden. Die Spannungen zwischen historischem, philosophischem und theologischem Diskurs mündeten dabei in Scholems hochgradig überdeterminierten Begriff der ,Tradition'. Hat Ulrich Wyrwa aufgezeigt, wie die deutsch-jüdische Historiographie auf die Durchsetzung nationaler Denkmuster im 19. Jh. reagierte, illustriert Michaela Wirtz (Aachen) die Haltung deutsch-jüdischer Schriftsteller. Angesichts des Aufkommens eines christlich und germanisch determinierten Nationalismus, der Juden zunehmend ausschloss, hielten jüdische Autoren wie Saul Ascher, Rahel von Varnhagen, Ludwig Börne und Heinrich Heine am weltoffenen Patriotismusideal der Aufklärung fest.

Abschließend sei noch auf die geplante Veröffentlichung eines etwas erweiterten Tagungsbandes hingewiesen, der die Vielfalt dieser Beiträge, die um die Begriffe "Gedächtnis", "Erinnerung" und historisch konstruierte "Identität" kreisen, zusammenfassen wird.5

 

1 Tagung des "Centrums für Jüdische Studien" (CJS) an der Karl-Franzens-Universität Graz; 10.-12.11.2002.
2 Vgl. hierzu etwa den kürzlich erschienenen Sammelband: Michael Brenner und David N. Myers (Hg.), Jüdische Geschichtsschreibung heute. Themen. Positionen. Kontroversen, München 2002.
3 Zunächst sei allerdings auf den thematisch etwas abweichenden Eröffnungsvortrag von Heidemarie Uhl über die Transformationen des österreichischen Gedächtnisses nach 1945 hingewiesen. Die Verschiebungen der Geschichtspolitik führten demnach vom "double speak" der offiziellen "Opferthese" und der Integration der ehemaligen Nationalsozialisten im Zuge der Wahlen 1949 erst infolge der Debatten um Waldheim (1986) und das Be-/Gedenkjahr 1988 zu einer (partiellen) Neuinterpretation der NS-Zeit.
4 In diesem Zusammenhang möchte ich auf die eben erschienene CD-ROM-Edition von Heinrich Graetz' "Geschichte der Juden" hinweisen (= Digitale Bibliothek 44; Berlin: Directmedia Publishing 2002).
5 Verwiesen sei hier auch auf den bereits erschienen Sammelband des ersten Kongresses 2001 ("Jüdische Studien - Aufgaben und Möglichkeiten einer jungen Disziplin") und die vom CJS herausgegebene Zeitschrift "transversal". Klaus Hödl (Hrsg.), Jüdische Studien. Reflexionen zu Theorie und Praxis eines wissenschaftlichen Feldes (Schriften des Cetrums für Jüdische Studien, Bd. 4), Innsbruck 2003.