eForum zeitGeschichte 1/2 2003

"eForum zeitGeschichte" - neue Medien und Geschichtswissenschaft

Fragen des elektronischen Publizierens in der Zeitgeschichte anhand eines Erfahrungsberichtes

von Gerald Lamprecht und Roman Urbaner

Im Jahr 2001 veröffentlichten Stuart Jenks und Stephanie Marra mit dem "Internet-Handbuch Geschichte" eine erste umfangreiche Bestandsaufnahme des Einsatzes neuer Medien in den deutschsprachigen Geschichtswissenschaften. Sie kamen damals zum Schluss, dass die neuen Medien neben Archiv, Universitäts- und Seminarbibliotheken eine der "tragenden Säulen von Forschung und Lehre" geworden seien. Gleichzeitig seien aber grundlegende Überlegungen für eine sinnvolle Nutzbarmachung der neuen Medien in Schule, Forschung und Lehre an den gegensätzlichen Polen von völliger Ablehnung oder "blinder" Begeisterung gescheitert.1

Nun beinahe zwei Jahre später stellen wir uns die Frage, ob sich an diesem Befund etwas verändert hat. Konnte die richtige Mischung zwischen den alten und neuen Medien für einen Gewinn bringenden Einsatz gefunden werden? Hat sich das unklare und diffuse Verhältnis zwischen neuen Medien und Geschichtswissenschaft geklärt und wird das Internet als wissenschaftliches Publikationsmedium genützt und anerkannt? Kann man zudem noch immer die zwei gegensätzlichen Positionen der totalen Anerkennung und völligen Ablehnung ausmachen?

Bezüglich der letzten Frage lässt sich eindeutig feststellen, dass es mittlerweile auf der einen Seite innerhalb der Scientific Community wohl niemanden mehr gibt, der sich der wachsenden Bedeutung der neuen Medien für die historischen Wissenschaften nicht bewusst ist. Und auf der anderen Seite bedingten die Krisen der New Economy und die enttäuschten Erwartungen an die Telekommunikation die weitgehende Ernüchterung der "Internet-Verherrlicher".

Diese allgemeine Anerkennung der Bedeutung der neuen Medien führte letztendlich dazu, dass nach den Jahren des frei wuchernden und zumeist von einzelnen Personen getragenen Internet-Pioniertums seit einiger Zeit eine grundsätzliche und auch von historisch-fachwissenschaftlich fundierter Seite aus geführte Auseinandersetzung mit den neuen Medien betrieben wird. Eine Beschäftigung, die in den Naturwissenschaften schon seit vielen Jahren läuft und dazu geführt hat, dass Internet und E-Publishing im Gegensatz zur Geschichtsforschung zu Alltäglichkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens geworden sind.

Bevor wir uns mit den Problemfeldern und Möglichkeiten des E-Publishings anhand eines Berichtes über das Projekt "eForum zeitGeschichte" beschäftigen, wollen wir den Überlegungen zunächst einige allgemeine Bemerkungen voranstellen.

Eine der wesentlichen Perspektiven der neuen Medien liegt in der Überschreitung der bis heute stark national geprägten geschichtswissenschaftlichen Diskurse. Lokal generiertes und bislang höchstens national verbreitetes und rezipiertes Wissen wird mittels der neuen Medien internationalisiert. Weiters kann festgestellt werden, dass es mittels Internet zu einer Vervielfältigung konkurrierender historischer Narrative gekommen ist. Die geringen Einstiegshürden ermöglichen es den unterschiedlichsten Gruppierungen, ihre Erzählungen zu verbreiten, womit die Definitionsmacht der bisher narrativ-bestimmenden gesellschaftlichen Institutionen in Frage gestellt wird.

Aus diesen Überlegungen zur Internationalität des Internets ergibt sich, dass Fragen des wissenschaftlichen Online-Publizierens mit ausschließlich nationalen Zugängen problematisch sind. Nichtsdestotrotz werden wir uns zunächst überblicksartig und ohne Vollständigkeitsanspruch mit der Situation in Deutschland und in einem weiteren Schritt in Österreich beschäftigen. Dies erlaubt einerseits Rückschlüsse auf die einzelnen Zeitgeschichte-Institutionen und spiegelt anderseits ein Stück Wissenschaftsförderung wider. Denn eines kann man vorwegnehmen - Ideen und Initiativen gibt es einige, doch scheitern viele an einer Finanzierung durch Subventionsgeber.

Deutschland und Österreich

Ein Blick nach Deutschland zeigt, dass einige sehr ambitionierte Projekte mit der Bearbeitung der bereits skizzierten Fragestellungen beschäftigt sind. Zu nennen sind dabei vor allem das bewährte Portal von H-Soz-u-Kult (Humanities - Sozial- und Kulturgeschichte) an der Humboldt-Universität Berlin2 wie auch das sehr junge Projekt "Clio Online"3.

Stellt H-Soz-u-Kult ein breites und bekanntes Wissens-, Informations- und Kommunikationsportal mit einem über 5000 Mitgliedern umfassenden Email-Verteiler dar, so versucht das 2002 gegründete "Clio-Online" ein zentrales und umfangreiches "Portal" nur für Geschichtswissenschaften aufzubauen.4 Dabei geht es in erster Linie darum, vorhandene Online-Ressourcen zu bündeln und für die Forschung zugänglich zu machen. Eigenes Wissen in Form von wissenschaftlichen Beiträgen wird zunächst noch nicht angeboten, steht aber am Plan des mehrstufigen Projektes.5

Neben der Informations- und Ressourcenbündelung versucht sich "Clio-Online", das ganz im Sinne der Vernetzung der neuen Medien eine Kooperation von Bibliotheken, Universitätsinstituten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist, der Klärung prinzipieller Fragen das Verhältnis Geschichtswissenschaft und neue Medien betreffend zu widmen. Zu diesem Zweck wurde im April 2003 in Berlin die internationale Tagung "hist 2003: Geschichte und neue Medien"6 veranstaltet. Dabei stand vor allem der Aspekt der Kooperation zwischen den Fachwissenschaften, Bibliotheken, Archiven und Museen für eine Lösung der vielfältigen Probleme im Vordergrund, die man rund um die Begriffe Informationsfülle, Zugänglichkeit, technische Möglichkeiten, Akzeptanz, Qualitätssicherung, Interaktivität und Archivierung gruppieren könnte.

Auch in Österreich gehört es seit einigen Jahren zum "guten Ton", dass sich wissenschaftliche Einrichtungen im Internet präsentieren. Sieht man von Linksammlungen ab, beinhalten diese Internet-Auftritte zumeist aber wenig mehr als einfache Informationen zu den Institutionen, ihren Projekten und Mitarbeiter/innen. Als Publikationsmedium aktueller Forschungsergebnisse werden sie allerdings kaum in Anspruch genommen.

Neben den "offiziellen" wissenschaftlichen Einrichtungen nützen auch immer öfter einzelne Kulturwissenschaftler/innen, ganz im Sinne der "neuen Selbständigkeit", das Internet, um sich und ihre Tätigkeiten einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Wissenschaft und persönlicher Alltag verschwimmen dabei zumeist.

Zu den frühen historischen Online-Angeboten, die sich der wissenschaftlichen Orientierung im Internet widmen, zählt das am Zeitgeschichte-Institut in Innsbruck angesiedelte "Zeitgeschichte-Informations-System" (ZIS), das sich schon seit 1995 um die Katalogisierung und Kommentierung zeithistorischer Internet-Ressourcen bemüht.7

Neben dem Pionierprojekt ZIS haben sich in letzter Zeit in Österreich zudem einige jüngere Projekte etabliert, die im Kontext der geschichtswissenschaftlichen Vernetzung - respektive des elektronischen Publizierens - Beachtung verdienen. Dem schon seit 1997 bestehenden E-Journal "Trans - Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften"8, das seinen Schwerpunkt allerdings eher auf allgemein kultur- bzw. literaturwissenschaftlichem Gebiet hat, traten 2001/2002 mit "Kakanien revisited"9 und "Cultural Studies.at"10 zwei neue Projekte an die Seite. Die Wahl des Mediums Internet resultiert bei beiden aus der Absicht, den Fachdiskurs vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen thematischen Projektbezogenheit (Ostmitteleuropa bzw. Cultural Studies) international und transdisziplinär zu verknüpfen.

Im Gegensatz zu diesen institutionell eingebetteten und auf eine bestimmte forschungsthematische Problematik fokussierten Projekten entstand 2002 mit "Mnemopol.net"11 eine inhaltlich breit gefächerte Publikationsplattform, die sich mit Medienpartnerschaften vor allem um die publizistische Aufbereitung verschiedenster studentischer Arbeiten bemüht.

Weiters sei noch auf das "Demokratiezentrum"12 verwiesen, das sich als "virtuelles Wissenszentrum" versteht. Vorrangig beschäftigt es sich mit den Fragen der Demokratieentwicklung und bietet Informationen über das politische System Österreichs unter der besonderen Berücksichtigung der europäischen Perspektive. Im Hintergrund stehen namhafte Politik-, Geschichts- und Kulturwissenschaftler/innen, wobei allerdings die Erwachsenen- und Politischen Bildung im Vordergrund stehen: Das Medium kann und soll dazu beitragen, bei geringen Kosten und sehr großer Reichweite, die Lücke zwischen Wissenschaft und interessierter Öffentlichkeit zu schließen.

Vergleicht man nun die Situation in Deutschland und Österreich, so kann festgestellt werden, dass in beiden Ländern durchaus Initiativen vorhanden sind, die das Verhältnis von Geschichtswissenschaften und neuen Medien thematisieren und das Internet als Ort der Kommunikation und Präsentation nützen. Versucht "Clio-Online" in Deutschland sich den Fragestellungen mittels einer Kooperation von unterschiedlichen Institutionen und durch Forschungsgelder der DFG unterstützt anzunähern, so handelt es sich in Österreich bislang noch immer um Einzelprojekte. Eine umfassende und kooperativ angelegte Bearbeitung wie auch eine langfristige Finanzierung durch die Wissenschaftsförderungsinstitutionen scheint hier bislang nur in Ansätzen gelungen zu sein.

eForum zeitGeschichte

Zwischen diesen Projekten mit ihren unterschiedlichen Ausrichtungen ist das seit Jänner 2001 als erste deutschsprachige elektronische Fachzeitschrift für Zeitgeschichte erscheinende "eForum zeitGeschichte" angesiedelt.13 Das "eForum", das weder an eine Institution noch an ein Forschungsprojekt gebunden ist, versteht sich als ein nach wissenschaftlichen Qualitätsstandards redigiertes und lektoriertes Publikationsmedium für wissenschaftliche Arbeiten. Neben mehrmals jährlich erscheinenden Ausgaben mit wissenschaftlichen Aufsätzen aus dem Bereich der (vor allem österreichischen und deutschen) Zeitgeschichte umfasst das "eForum" auch eine laufend erweiterte Rubrik mit Rezensionen zeithistorischer Fachpublikationen. Eine Ausweitung dieser Rubrik auf zeitgeschichtlich relevante DVD-, CD-ROM- und Video-Neuerscheinungen wird angestrebt.

In der inhaltlichen Gewichtung der regulären Ausgaben versucht das "eForum" zum einen, seiner "Forumsfunktion" gerecht zu werden, die es erlaubt, aktuelle Forschungstendenzen aufzugreifen und ohne Zeitverlust vorzustellen; zum anderen soll aber auch auf redaktionelle Schwerpunktsetzungen nicht gänzlich verzichtet werden.14 Besondere Bedeutung kommt hier der dauerhaft angelegten Aufsatzreihe "Internet und Geschichte" zu, mit der das "eForum" versucht, der Diskussion dieser Themen Raum zu geben.15

Das "eForum" ist bemüht, insbesondere, wenn auch keineswegs ausschließlich, der jüngeren Forschungsgeneration (in erster Linie zur Präsentation der Ergebnisse ihrer Abschlussarbeiten oder Dissertationen) ein zusätzliches Fachorgan anzubieten. Darüber hinaus bietet das "eForum" unter dem Titel "Werkstatt" Gelegenheit, aktuelle Forschungsprojekte vorzustellen. Auf diese Weise sollen die Möglichkeiten des Internets dazu genützt werden, Fragestellungen, Forschungsansätze und erste Ergebnisse - noch im Zuge des Arbeitsprozesses - zur Diskussion zu stellen.

Die durchweg ermutigenden Reaktionen auf das ursprünglich als studentische Initiative im Alleingang aufgebaute Projekt, vor allem aber die bereitwillige Zusage von Beiträgen, geben unserer Überzeugung Recht, dass der Bedarf für eine elektronische zeithistorische Fachzeitschrift durchaus vorhanden ist. Angesichts der relativ kleinen Forschungslandschaft Österreichs erwies sich auch unsere Entscheidung, das E-Journal - dem grenzüberscheitenden Zug der neuen Medien entsprechend - nicht auf Österreich allein zu beschränken, als sehr vorteilhaft.

Die Zugriffszahlen, nach Veröffentlichung der letzte Ausgabe monatlich immerhin mehr als 5.000 "Visits" die das Projekt trotz seines wissenschaftlichen Charakters und seiner (auch ressourcenbedingt) unspektakulären Aufmachung bereits erreicht, zeigen die Chancen, die sich wissenschaftlichem Publizieren durch das Internet eröffnen.

Potenzial und Wirklichkeit

Mit der fortschreitenden Etablierung der neuen Medien schien sich in der freien Verfügbarkeit publizistischer Produktionsmittel - zumindest potenziell - eine tiefgreifende Umwälzung der wissenschaftlichen Publikationsweisen anzukündigen. Der freien Entfaltung dieses Potenzials stehen allerdings nach wie vor Hindernisse, Vorbehalte und Hemmnisse entgegen, die dazu geführt haben, dass das Internet in vielen Wissenschaftssparten als Publikationsmedium bislang nur in Ansätzen Fuß fassen konnte. Vor allem im Bereich der (deutschsprachigen) Geisteswissenschaften treffen die elektronischen Medien im Gegensatz zu vielen naturwissenschaftlichen Fachgebieten auf Vorbehalte, die nur sehr langsam abgebaut werden können. Ihrer Durchsetzung kommt sicherlich der allmähliche Generationenwechsel zugute; schon heute begegnet gerade die jüngste Wissenschaftlergeneration den neuen Medien - auch im Wissenschaftsbereich - mit großer Akzeptanz.

Einer stärkeren Verankerung der neuen Medien im wissenschaftlichen Publikationswesen steht nicht zuletzt die Persistenz traditioneller Rezeptionsweisen entgegen. Nach wie vor bestimmen Passivität und die nahezu ausschließliche Ausrichtung auf die Printmedien Buch und (periodisch erscheinende) Zeitschrift den Umgang mit Fachtexten.16 Versuche, die Möglichkeiten, die die neuen Medien längst in Form interaktiver Partizipation für den Wissenschaftsdiskurs bereitstellen, in die Tat umzusetzen, hängen auch heute noch stark vom Engagement und der Aktivierungskraft der Herausgeber/innen ab. Im Hinblick auf die Erfahrungen des unseres E-Journals bedeutet dies, dass die Einrichtung eines unmittelbar an die Aufsätze anschließenden Diskussionsforums, das Gelegenheit zu Ergänzungen, Anmerkungen und Widerspruch geben sollte, bislang - trotz respektabler Zugriffszahlen - auf vollkommenes Desinteresse gestoßen ist.

Wurde dieses Angebot bislang kaum in Anspruch genommen, so erwies sich hingegen die Entscheidung, zwar einen Teil des Textangebotes den Möglichkeiten des Mediums entsprechend laufend zu aktualisieren, die Beiträge der eigentlichen Hauptrubrik aber in (mehr oder weniger) periodischen Intervallen mehrmals jährlich, zu "Ausgaben" zusammengefasst und mit einem Editorial versehen, zu publizieren, als sinnvoll. Damit fällt die Publikationsform des "eForum zeitGeschichte" zwar hinter die Möglichkeiten des Mediums, durch umgehende Veröffentlichung größtmögliche Aktualität zu bieten, zurück, kommt aber den Anforderungen der traditionellen Rezeptionsweise in Erscheinungsbild und Periodizität entgegen. Dennoch ist die Produktionszeit der Publikation wesentlich kürzer als bei Printmedien.

Rezensionen und Tagungsberichte

Die Akzeptanz elektronischen Publizierens in der Geschichtswissenschaft variiert hinsichtlich der Textsorte: Während die Präsentation von Forschungsergebnissen im Internet noch immer mit Vorbehalten zu kämpfen hat, gehören über Mailinglisten oder Online-Zeitschriften veröffentlichte und verbreitete Rezensionen und Tagungsberichte für viele Historiker/innen längst zum wissenschaftlichen Alltag.17 Die relativ rasche Durchsetzung und breite Akzeptanz dieser Online-Angebote, die sich die spezifischen Stärken des Internets in Bezug auf Aktualität, Greifbarkeit und quantitative Unbegrenztheit vorbildhaft zunutze machen, könnte langfristig auch den Bemühungen, das Medium für die Publikation längerer wissenschaftlicher Texte zu erschließen, zugute kommen.

Vorrangig ist also der weitere Ausbau solcher Internetangebote, die im Idealfall mit über den Bereich der reinen Fachinformation hinausgehenden Veröffentlichungen verknüpft werden. In der Parallelführung von (laufend ergänztem) Rezensionsteil und (periodisch im Rahmen der "Ausgaben" publizierten) wissenschaftlichen Aufsätzen liegt der Konzeption des "eForum" ebendiese Überlegung zugrunde.

Qualitätskontrolle und Offenheit

Das Tor, das die neuen Medien auf dem Gebiet des Publizierens aufgestoßen haben, stellt allerdings auch über Jahrzehnte gewachsene und bewährte Kriterien der Qualitätssicherung in Frage. Hinter der Reserviertheit, mit der der Wissenschaftsbetrieb auf die neuen Möglichkeiten zumeist reagierte, steht die Irritation angesichts des Wegfallens formaler Orientierungspunkte wie des Renommees von Verlagen oder des institutionellen akademischen Rahmens.18

Voraussetzung für die Verankerung des elektronischen Publizierens ist daher der Aufbau eines dezentralen und von anerkannten Institutionen getragenen Netzwerks, das in der Etablierung zentraler geschichtswissenschaftlicher "Portale" - mittels Bewertung19 und Bündelung historischer Netzressourcen - die Sicherheiten des traditionellen Renommee-Systems auf die Ebene der neuen Medien zu übertragen vermag, ohne deren Offenheit und Innovationspotenzial aufzugeben.20 Vor allem mit den Sektionen der "Virtual Library" hat sich bereits sehr früh ein solches Referenzsystem herausgebildet. Mit den Projekten von "historicum.net"21 und den jüngsten Bemühungen, mit dem Projekt "Clio-online" bei dezentraler Organisationsform ein zentrales historisches Fachportal zu schaffen, hat man in Deutschland zweifellos den richtigen Weg eingeschlagen.22

Angesichts der Skepsis ist es für Internet-Projekte wie das "eForum" außerordentlich wichtig, die wissenschaftliche Qualität durch sorgfältige redaktionelle Arbeit dauerhaft unter Beweis zu stellen.23

Ein weiterer Grund für Vorbehalte gegenüber dem Internet stellt zudem die offene Frage der Konservierung/Archivierung dar.24 Wer garantiert die Abrufbarkeit der Beiträge nach einigen Jahren? Und wie kann eine dauerhaft gültige Zitation aussehen?25

All diesen Fragen versucht unter anderem seit einigen Jahren die Österreichische Nationalbibliothek26 nachzugehen und hat zu diesem Zweck schon unterschiedliche Projekte initiiert. Neben der freiwilligen Ablieferung von Online-Projekten auf dem Server der ÖNB durch die Herausgeber27 - dieses Projekt wurde bereits nach einem Jahr 1997/98 wieder eingestellt - gab es 2001/2002 das Kooperationsprojekt "Austrian Online-Archive".28 Dabei wurde versucht, mit einem Konzept des Web-Harvesting für jeweils bestimmte Zeitpunkte alle "Österreich-relevanten Teile des Webspaces" zu speichern.29 Auf Grund völlig offener Fragen der Zugänglichmachung der gespeicherten Informationen wurde auch dieses Projekt wieder eingestellt. Zurzeit ist man damit beschäftigt, sich neuerlich Gedanken zur technischen Umsetzbarkeit der Archivierung zu machen, wobei mit der technischen Lösung das wesentliche Problem noch ungelöst ist. Denn bislang fehlen alle gesetzlichen Bestimmungen - z. B. Pflichtexemplare -, die eine flächendeckende Sammlung ermöglichen würden.30 Auch kam es bislang noch kaum zu Kooperationen und Zusammenschlüssen der betroffenen Institutionen - es ist auch das ein Ausdruck der mangelnden Ressourcen -, weshalb ein gangbarer Weg bei Fragen der Archivierung sicherlich noch einige Zeit fehlen wird. Um diesen Zeitraum zu überbrücken, haben wir beim "eForum" die Materialisierung der Texte auf einer CD-ROM, die alle fünf Jahre erscheinen wird und den wichtigsten Bibliotheken des Landes übermittelt werden soll, ins Auge gefasst.31

Zum Problem der Archivierung tritt das der Kontinuität: Kann die institutionelle Unabhängigkeit des "eForum" einerseits als große Chance und als Vorteil betrachtet werden, so stellt sie allerdings im Sinne einer Dauerhaftigkeit auf Jahre betrachtet auch die größte Unsicherheit dar. Denn bislang hängt das Bestehen der Online-Zeitschrift von den zeitlichen, persönlichen und finanziellen Ressourcen der Herausgeber ab. Eine Institutionalisierung oder Einbettung in eine dezentrale Organisationsform könnte dieser Unsicherheit sicherlich entgegenwirken.32

Resümee

Ausgehend von den Erfahrungen des "eForum zeitGeschichte" scheint die Durchsetzung des elektronischen Publizierens in der Geschichtswissenschaft in erster Linie von der Etablierung anerkannter Fachportale abzuhängen, die verbindliche Qualitätskriterien für Online-Ressourcen entwickeln und das Renommeesystem in neuer Form auf das Internet übertragen - bei gleichzeitiger Wahrung der Offenheit für nicht institutionelle Initiativen.

Es gilt, Lösungen für Archivierung und Kontinuitätssicherung zu finden, herkömmliche Rezeptionsweisen allmählich zu überwinden und die Akzeptanz wissenschaftlicher Texte durch die Forcierung von elektronischer Fachkommunikation, -information und -kritik zu fördern. Und letztlich wird bei der angespannten Finanzsituation sicherlich auch der Kostenfaktor in Zukunft eine treibende Kraft bei der Durchsetzung des E-Publishing sein.

 

1 Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag, der am 6. Österreichischen Zeitgeschichtetag in Salzburg "kunst - kommunikation - macht" vom 28. 9. - 1. 10. 2003 gehalten wurde. Die Endfassung des Textes wird im Tagungsband im Studienverlag Innsbruck erscheinen. Stuart Jenks / Stephanie Marra, Vorwort, in: Stuart Jenks / Stephanie Marra (Hrsg.), Internet-Handbuch Geschichte, Köln - Weimar - Wien 2001, VII-IX; hier VII.
2 <www.hsozkult.geschichte.hu-berlin.de>.
3 <www.clio-online.de>.
4 Clio-Online besteht aus sieben Kooperationspartnern: Humboldt-Universität Berlin und H-Soz-u-Kult, Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung, Jahresberichte für deutsche Geschichte, Potsdamer Zentrum für zeithistorische Forschungen. Vgl. Max Voegler, Clio-Online: die Muse der Geschichte geht ins Netz, in: H-Soz-u-Kult, 31.5.2002, archiviert in: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/projekte/id=12>.
5 Die erste Projektphase sieht vor, die vorhandenen Informationsangebote zu bündeln und den Aufbau einer umfassenden Metasuchmaschine für die historischen Wissenschaften und eines Portals für Fachkommunikation und aktuelle Informationen; den kooperativen Ausbau der bestehenden historischen Subjekt Gateways der SUB Göttingen (History Guide) und der BSB München, sowie die Publikation von Quellen, Forschungsbeiträgen und Rezensionen in elektronischer Form. Vgl. Voegler.
6 Die Tagung fand von 9.-11. April 2003 in Berlin statt. Programm unter: <http://www.clio-online.de:8080/tagung>.
7 <http://zis.uibk.ac.at/>.
8 <www.inst.at/trans/>
9 <www.kakanien.ac.at/>.
10 <www.culturalstudies.at/>.
11 <www.mnemopol.net/>.
12 <www.demokratiezentrum.org>.
13 Vgl. Stefan Blaschkes internationales Verzeichnis historischer E-Journale: <www.history-journals.de>; Stefan Blaschke, Fachzeitschriften für Historiker im Internet. Ein sicherlich unvollständiger Überblick, in: eForum zeitGeschichte 2 (2001), Juni 2001: <http://www.eforum-zeitgeschichte.at/set2_01a1.html>. Im Bezug auch auf die österreichische Geschichte sei auf das seit 2002 in Tschechien erscheinende E-Journal "Studia germanica et austriaca" hingewiesen: <http://sga.euweb.cz>.
14 Die bisher erschienenen Ausgaben enthalten Schwerpunkte zu den Themen: Medizingeschichte; ,Generation und Gedächtnis` - Reaktionen der "wissenschaftlichen Guides" der Wehrmachtsausstellung II; "Fotografie und Zeitgeschichte" und zu "Emigration - Immigration": Austrian Heritage Collection - ein Ausstellungsprojekt des jüdischen Museums Wien.
15 Bislang sind Beiträge von Ingrid Böhler, Stefan Blaschke, Wilfried Enderle, Robert Holzbauer, Wolfram Dornik, Diann Rusch-Feja und Gabriele Beger erschienen.
16 Vgl. Stuart Jenks, Mittelalter, in: Jenks / Marra, 55-71, hier 69.
17 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de>; <http://www.sehepunkte.historicum.net>. Hier sei auch auf die online abrufbaren Tagungsberichte der "Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland" (AHF) hingewiesen: <http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte>.
18 Siehe u. a.: Marianne Dörr / Wilfried Enderle, Bibliotheken und Sondersammelgebiete, in: Jenks / Marra, 167-193, hier 177-178; Andreas Ineichen / Eric Flury-Dasen, Geschichtswissenschaftliche Publikationen und Editionen ins Internet, in: Geschichte und Informatik / Histoire et Informatique (Geschichte und Internet "Raumlose Orte - Geschichtslose Zeit" / Histoire et Internet "Espaces sans lieux - Histoire sans temps") 12 (2001), 65-79, hier 65-66.
19 Vgl. Ralf Blank / Stephanie Marra, Besucherforschung und Qualitätsmanagement, in: Jenks / Marra, 229-248, hier 246-247; Stephanie Marra, Online-Angebote zwischen Popularität und Wissenschaft, in: Jenks / Marra, 249-264, hier 261-264; Stuart Jenks, Über die Verlässlichkeit von Informationen im Internet, in: Jenks / Marra, 265-275, hier 269; Wilfried Enderle, Der Historiker, die Spreu und der Weizen. Zur Qualität und Evaluierung geschichtswissenschaftlicher Internetressourcen, in: Geschichte und Informatik / Histoire et Informatique, 49-63.
20 Vgl. Andreas Brunn, Ur- und Frühgeschichte, in. Jenks / Marra, 23-32, hier 29-30; Georg Köglmeier / Daniel Schlögl, Landes- und Regionalgeschichte, in. Jenks / Marra, 117-138, hier 133.
21 <http://www.historicum.net> bzw. <http://www.clio-online.de>.
22 Ein willkommener Nebeneffekt eines solchen Systems der Qualitätssicherung wären effektivere Formen der Subventionsvergabe, die sich nicht mehr, wie dies heute oft der Fall ist, der Innovationskraft institutionell nicht verankerter Initiativen verschließen.
23 Vgl. Ineichen / Flury-Dasen, 79.
24 Vgl.: Wilfried Reininghaus, Archive und Archivwesen, in: Jenks / Marra, 195-211, hier 207-208.
25 Siehe zu dieser Problematik: Marianne Dörr / Wilfried Enderle, Bibliotheken und Sondersammelgebiete, in: Jenks / Marra, 167-193, hier 187-190.
26 <www.onb.ac.at>.
27 Es wurden lediglich 16 Hompages gespeichert. <www.onb.ac.at/about/projekte/einf.htm>.
28 <www.ifs.tuwien.ac.at/aola>.
29 Gemeint ist damit, dass alle Homepages mit .at zu einem bestimmten Zeitpunkt gespeichert wurden.
30 Telefonat mit Fr. Mag. Kann (am 19.9.2003), die das Projekt der Online-Archivierung betreut.
31 Vgl. dazu die jährliche CD-Rom Edition des "Göttinger Forums für Altertumswissenschaft": <http://www.gfa.d-r.de>; Ulrich Schmitzer, Alte Geschichte, in: Jenks / Marra, 33-54, hier 48-49.
32 Vgl. Stephanie Marra, Frühe Neuzeit, in: Jenks / Marra, 73-89, hier 85.