eForum zeitGeschichte 2/3 2002
Büro trafo.K
Renate Höllwart, Charlotte Martinz-Turek, Nora Sternfeld
Im November 2001 wurde
das Büro trafo.K von der Akademie der bildenden Künste Wien eingeladen,
ein Begleit- und Rahmenprogramm sowie Konzepte für die pädagogische Betreuung
von Jugendlichen in der Ausstellung zu entwickeln.
Bereits bei der Planung der Vermittlungsarbeit schien es notwendig, ein interdisziplinäres
Spektrum in der Vermittlung zu gewährleisten. So wurde in der Vorbereitung für
die Arbeit mit den BesucherInnen ein Team von WissenschaftlerInnen und professionellen
VermittlerInnen zusammengestellt, das der Auseinandersetzung mit den Inhalten
der Ausstellung, der Präsentationsform und der Medienresonanz gerecht werden
sollte. Dadurch war es uns möglich, bereits bei den methodischen Überlegungen
zur Vermittlungsarbeit Erfahrungen im Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus
und im Besonderen mit der Wehrmacht aus den Disziplinen Zeitgeschichte, Sprachwissenschaften
und Sozial- und Entwicklungspsychologie miteinzubeziehen.
Ziel des Vermittlungsprogramms war es in erster Linie, die BesucherInnen bei
der Konfrontation mit den Verbrechen der Wehrmacht zu begleiten und eine Auseinandersetzung
mit den historischen Fakten zu ermöglichen, die weder nach Betroffenheit heischen
noch eine kalmierende "Versöhnung" mit der Vergangenheit herstellen wollte.
Das Thema der Ausstellung sollte als eines behandelt werden, das in der Gegenwart
eine Rolle spielt und die Vergangenheit als ein bis heute "umkämpftes Terrain"
sichtbar macht.
Bei der Konzeption der Vermittlungsangebote für SchülerInnen ging es uns nicht
um die Vermittlung eines abfragbaren Faktenwissens, sondern vielmehr darum,
Voraussetzungen zu schaffen, die die Jugendlichen motivieren und befähigen sollten,
die Ausstellung in weiterer Folge auch selbstständig zu erkunden. Dabei thematisierten
wir die Darstellung von Geschichte als auch für sie von Bedeutung. Ein Anknüpfungspunkt
des geleiteten Ausstellungsbesuchs für die Oberstufe war in diesem Zusammenhang
etwa die Aufgabe, ihrem Schulbuch eine "fehlende" Seite beizufügen, die sich
mit von ihnen ausgewählten Themen in Bezug auf die "Verbrechen der Wehrmacht"
beschäftigen sollte. Wir versuchten, Diskussionen zu provozieren und die SchülerInnen
dafür zu sensibilisieren, wie man in der Konfrontation mit dem Vernichtungskrieg
mit Sprache und Emotionen umgehen kann.
Mit einem umfangreichen Rahmen- und Begleitprogramm wollten wir wissenschaftliche
Fragestellungen einem breiten Publikum zugänglich machen. 15 thematische Rundgänge
beleuchteten die Ausstellungsinhalte von verschiedenen Seiten und stellten Verbindungen
zwischen wissenschaftlichen Diskussionen und der Öffentlichkeit her. Die Bandbreite
der Themen reichte von völkerrechtlichen, militärhistorischen und ethischen
Fragen über Geschichtspolitik und Psychoanalyse bis zu medialen und politischen
Kontexten.
Insgesamt haben während der Ausstellungsdauer von sechs Wochen 32.666 Personen
die Ausstellung besucht. Davon haben etwa 5.000 ein Vermittlungsangebot wahrgenommen.
Im Folgenden möchten wir Reflexionen über unsere Arbeit mit Jugendlichen und
Erfahrungen mit BesucherInnen vorstellen. Ausgehend von der allgemeinen Resonanz
auf die Ausstellung seitens der Jungendlichen und der Erwachsenen möchten wir
Einblicke in typische Argumente geben, mit denen wir im Zuge unserer Arbeit
in der Ausstellung konfrontiert waren. Einen letzten Teil widmen wir konkreten
Beispielen von Reaktionen und Bezügen von Jugendlichen.
Generell hatten wir den Eindruck, dass Jugendliche Interesse an zeithistorischen
Themen haben. Die Ausstellung wurde von einer großen Anzahl von Jugendlichen
besucht (8.096 SchülerInnen), und ein Teil der SchülerInnen erzählte, dass sie
nicht auf Betreiben der LehrerInnen in die Ausstellung gekommen seien, sondern
auf ausdrücklich eigenen Wunsch. Einige kamen sogar mehrmals in ihrer Freizeit
wieder.
Zum Teil wurden die SchülerInnen durch die Demonstrationen und die mediale Präsenz
auf die Ausstellung aufmerksam und wollten sich durch den Ausstellungsbesuch
selbst ein Urteil über die Ausstellung bilden. Manche SchülerInnen kannten TeilnehmerInnen
der Demonstrationen, andere wiederum hatten selbst daran teilgenommen.
Eine der Thesen aus dem deutschen Kontext ("Das Thema Nationalsozialismus
ist 'out' - die SchülerInnen bestärken sich gegenseitig in der Haltung, man
habe 'das ja schon tausendmal gehört' und kenne sich eigentlich aus"1)
hat sich für Wien nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil kamen viele Fragen, bei
denen man annehmen musste, dass der Zweite Weltkrieg und im Speziellen die Verbrechen
der Wehrmacht sehr wenig bekannt sind und dass Interesse an Informationen und
Klärungen besteht.
Die Vorkenntnisse der SchülerInnen waren sehr unterschiedlich. Die Bandbreite
erstreckte sich von: "Was ist 'Wehrmacht'?" oder ganz ungenauen Vorstellungen
der Datierung und des Zeitraumes des Zweiten Weltkrieges bis zu genauem Wissen
über die Inhalte der ersten Ausstellung. Es stellte sich heraus, dass das Vorwissen
vor allem vom Engagement der Lehrer und LehrerInnen und nicht so sehr vom Schultyp
und Alter der Jugendlichen abhängig ist.
Die erwachsenen BesucherInnen, die ein Vermittlungsprogramm in Anspruch genommen
haben, waren tendenziell nur schwer zu einem Gespräch zu bewegen, zum Teil haben
sich die Diskussionen aber gleichsam von alleine entsponnen. Manche BesucherInnen
wollten etwas loswerden, haben wild diskutiert, andere schwiegen und schienen
das Gesagte zu ignorieren.
Aufgrund der Textmengen scheint die Gestaltung der Ausstellung eher zu einer
"Disziplinierung" der BesucherInnen geführt zu haben. Fanden Diskussionen
statt, war es häufig so, dass sich die Stimmung polarisierte. In der einen Gruppe
herrschten Aussagen vor wie "Endlich wird einmal darüber gesprochen. Es war
ja noch viel schlimmer", in der anderen dominierten Statements wie "Was hätten
wir denn tun sollen?".
Auffällig war weiters, wie sehr die mediale Darstellung der Ausstellung - insbesondere
die TV-Sendung "Betrifft" - über die gesamte Ausstellungsdauer hinweg von
BesucherInnen zum Teil wörtlich zitiert und als Argument in die Diskussion eingebracht
wurde.2
Ein häufiges Motiv des Ausstellungsbesuches (wie auch schon Erfahrungsberichten
zur ersten Ausstellung zu entnehmen war) schien das Bedürfnis zu sein, Erlebtes
erzählen zu können. Das ging so weit, dass Personen in die Ausstellung kamen,
die Dokumente, Tagebücher und Fotografien aus ihrer Familie den AusstellungsmacherInnen
als wichtige Information übergeben wollten. Die Ausstellung wurde auch als Instrument
genutzt, um die eigene Familiengeschichte zu widerlegen oder zu bestätigen.
So kam zum Beispiel eine Frau in die Ausstellung, die auf einem Foto in einer
Zeitung ihren Vater in Uniform bei der Inspektion eines Kriegsgefangenenlagers
erkannt zu haben glaubte. Sie erhoffte sich von Personen in der Ausstellung
Hilfe bei der Aufklärung, welche Rolle ihr Vater in diesem Zusammenhang gespielt
hatte.
Im Zuge der Führungen und der Einbettung der Ausstellung in den österreichischen
Kontext konnten nicht nur die Anknüpfungspunkte zu familiären und öffentlichen
Diskussionen geschaffen werden, sondern auch Unklarheiten in der Diskussion
zu den Entschädigungszahlungen beseitigt werden. Es war diesbezüglich auffällig,
wie schockiert BesucherInnen etwa über die Tatsache waren, dass Deserteure bis
heute nur in Einzelfällen entschädigt worden sind und wie sehr sie sich darüber
wunderten, dass sie davon noch nichts gehört hatten.
Im Zuge unserer Arbeit waren wir mit unterschiedlichen Erklärungs- und Entschuldigungsversuchen
konfrontiert, die mit revisionistischen Argumenten die Diskussionen ins Sinnlose
abdriften ließen.