eForum zeitGeschichte 2/3 2002

12 Interiors, New York 2002

von Arno Gisinger

Die Arbeit 12 Interiors besteht aus insgesamt zwölf fotografischen Porträts von österreichischen Emigrantinnen und Emigranten in New York, die in den Jahren nach 1938 verfolgt und vertrieben wurden. Die großformatigen Bilder zeigen die Porträtierten in ihrem aktuellen Lebensumfeld - zuhause oder bei der Arbeit. Entstanden ist diese Bilderserie im Rahmen der Ausstellung "Vom Großvater vertrieben, vom Enkel erforscht? Zivildienst in New York", die im Sommer 2002 im Jüdischen Museum in Wien und parallel im Leo Baeck Institute in New York gezeigt wurde. Die Kuratoren waren Niko Wahl, Christian Prasser und Werner Hanak (Ausstellungskatalog, hrsg. von Werner Hanak und Niko Wahl im Auftrag des Jüdischen Museums der Stadt Wien, mit Beiträgen von Karl Albrecht-Weinberger, Niko Wahl, Christian Klösch, Werner Hanak, Christian Prasser und Albert Lichtblau, Wien 2002 [vergriffen]).1

Die Grundlage des Ausstellungsprojekts bildeten Interviews, die österreichische Zivildiener seit mehreren Jahren in New York geführt hatten und nunmehr einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden sollten. Die besondere Herausforderung dieser Arbeit entstand aus der Begegnung und Konfrontation der Generationen, einer Parallelführung von Geschichten "ehemaliger" Österreicherinnen und Österreicher, die das Land zumeist in jenem Alter verlassen mussten, in dem sich die "heute jungen" Österreicher befinden. Die dadurch entstehenden Rückkoppelungseffekte erfahrbar und sichtbar zu machen, war neben der Projektdokumentation das Hauptziel der Ausstellung - auch und gerade im Hinblick darauf, dass das Thema Emigration und Exil in den letzten Jahren sowohl in der Forschung als auch in der Öffentlichkeit Konjunktur hatte und für viele zu einem "historischen Modethema" auf glattem Terrain geworden war.

Hör-Bilder

Ausgehend von diesen Vorgaben und Voraussetzungen sollten die Fotografien, die nach längeren Vorarbeiten innerhalb von drei Wochen im März 2002 entstanden, den Kontext der heute in New York Lebenden sichtbar machen und mit den Tondokumenten konfrontiert werden. Welche fotografische Ästhetik konnte und sollte angewendet werden, um nicht dem einfachen Reiz der Exotik zu erliegen? Wie konnte in ein und demselben Bild das Porträt einer Person und gleichzeitig ein Stück ihrer Lebenswelt gezeigt werden? Eine besondere Kamera als visuelles Instrumentarium bedingte und generierte schließlich eine ganz spezifische Bildästhetik. Die Wahl fiel auf ein ungewöhnliches und verfremdendes Bildformat (1:2,5), aufgenommen von einer Panoramakamera mit schwenkbarem Weitwinkelobjektiv. Fremd und für viele Ausstellungsbesucher irritierend wirkte die dadurch erzeugte visuelle Öffnung des Raumes in den Bildern, die durch das rotierende Objektiv der Panoramakamera entsteht und ein Blickfeld von über 180 Grad ermöglicht. Die zumeist engen New Yorker Wohnungen sind auf den Bildern auf den ersten Blick zunächst größer als in Wirklichkeit. Aber der eigentliche Bild-Effekt liegt weniger in der Vergrößerung des Raumes als vielmehr in der Erweiterung des "natürlichen Blickfeldes" des Betrachters, in einem all embracing view des Raumes.

Eine Porträtsitzung wie im 19. Jahrhundert

Der Aufnahmeprozess, für den in der Regel pro Person mehrere Stunden zur Verfügung standen, verlief in enger Zusammenarbeit und Absprache mit den zu Porträtierenden. Es sollten keine reportagehaften, voyeuristischen Schnappschüsse, sondern in der Zeit aufgehobene Porträts von Menschen in ihren Lebensräumen entstehen. Der ausschließliche Einsatz von Naturlicht und die spezielle Kamera bedingten Belichtungszeiten von mehreren Minuten, während derer die Personen ruhig sitzen mussten. Der direkte Blickkontakt mit der Kamera / dem Operateur / dem Betrachter waren ebenso vorgegeben wie der reale Abstand zwischen Kamera und Modell (eine Armlänge). Dadurch sollte zwischen Betrachter und Betrachtetem zugleich Nähe und Distanz entstehen.

Eine Frage des Formats

In der Ausstellung selbst schuf der Architekt Christian Prasser gemeinsam mit Thomas Geisler durch entsprechende Möbel und Sitzgelegenheiten halb offene Hör- und Sehräume, in denen die Bilder mit originalen Interviewpassagen kombiniert wurden. Die Fotografien hatten ein Format von jeweils 125 x 300 cm und wurden frei stehend in zwei parallel verlaufenden Metallschienen präsentiert. Ihr ursprünglicher panoramatischer Effekt (der im Übrigen auch in der zweidimensionalen Abbildung zum Tragen kommt) wurde durch eine Wölbung nach innen wieder ausgeglichen. Die Personen erschienen durch die Vergrößerung in einem "Real-size-Format" und saßen oder standen dem Betrachter quasi gegenüber.

Unschärfe zur Schärfung des Blicks

Der Einsatz von Unschärfe - allerdings keine Bewegungsunschärfe, sondern eine gezielt geringe Tiefenschärfe im Vordergrund durch eine jeweils fixe Blendeneinstellung - stellte ein weiteres ästhetisches Element dar. Zum einen sollte sich der Besucher der Ausstellung auf das Hören der Interviewausschnitte konzentrieren, zum anderen sollte der Fokus im konkreten und übertragenen Sinne auf dem Innenraum, auf den Objekten und Erinnerungsstücken liegen, die mehr über das Leben dieser Menschen erzählten als so manche Gesichtsfalte. Und schließlich könnte diese spezielle Form der Unschärfe auch symbolisch als "historische Verflüchtigung", als Distanz zum historischen Geschehen, ja vielleicht sogar als Distanz zu dem, was wir "Heimat" nennen, verstanden werden.

Reaktionen und Kommentare zu dieser Arbeit bitte an: arno.gisinger@innweb.at

Wenn Sie mehr wissen wollen, schauen Sie auf: http://www.innweb.at/fotografie


Ruth Rogers Altmann

Geboren 1917 in Wien / Studium an der Kunstgewerbeschule / begeisterte Schifahrerin / 1938 Flucht über Prag nach New York / Mode-Designerin und Malerin / lebt in New York und Long Island / traf Thomas Geisler 1999 in New York.






Sam Beck

Geboren 1945 in Shanghai / kam 1949 über Israel nach Wien / 1955 nach Kalifornien / Forschungsaufenthalte in Europa und dem Nahen Osten / lebt und arbeitet als Anthropologe in New York / traf Matthias Krön 1995 in New York.






Rosi und Toni Grünschlag




Geboren 1922 und 1916 in Wien / Ausbildung an der Musikakademie / 1938 Verhaftung durch die Nationalsozialisten / 1939 Flucht über England nach New York / leben als Konzertpianistinnen in New York / trafen Bernhard Gál 1997 in New York.






Kurt Porges

Geboren 1920 in Wien / 1939 Flucht in die USA / sein Dienst in der US-Army ermöglichte ihm 1945 seine Familie in die USA zu holen / arbeitete für eine New Yorker Tageszeitung / traf Jan Prusa 2001 in Long Island.






Ed Arno

Geboren 1916 in Innsbruck / aufgewachsen in Czernowitz / nach Verfolgung und Internierung bis 1964 in Rumänien / lebt seit 1965 in New York / Künstler, Designer, Cartoonist / traf Gregor Weiss 1998 in New York.






Helen Blank

Geboren 1919 in Wien / frühe politische Untergrundarbeit gegen den Austrofaschismus / 1939 Flucht nach New York / arbeitete als Buchhalterin / Gewerkschafterin / traf Sebastian Markt 2000 in New York.






Kurt Kelman

Geboren 1919 in Wien / aktiver Sozialdemokrat / 1939 illegaler Grenzübertritt in die Schweiz und Flucht über Frankreich nach New York / arbeitete als Patent-Agent / traf Roland Winkler 2000 in New York.






Stammtisch

Stammtischrunde in der Upper East Side, New York / mitbegründet von Harry Asher (1907-1998) / traf Martin Horváth 1996 in New York.






Peter Basch

Geboren in Berlin als Kind Wiener Eltern / ab 1933 Exil in New York und Kalifornien / Ausbildung zum Fotografen in New York und Paris / arbeitete als Fotograf auch in Deutschland und Österreich / traf Niko Wahl 1998 in New York.






Max Brainin

Geboren 1909 in Wien / Studium der Architektur an der Technischen Hochschule / 1938 Flucht über Italien nach New York / Werbegrafiker / Violonist / traf Christian Prasser 1997 in New York / verstarb während der Vorbereitung der Ausstellung.






Ula Pommer

Geboren 1919 in Krakau (Polen) / aufgewachsen in Wien / 1939 Flucht nach Palästina / 1953 Emigration in die USA / arbeitete als Sekretärin / traf Christian Klösch 1996 in New York.






John Wykert

Geboren 1927 in Wien / 1938 Flucht nach New Jersey / Ausbildung in New York und New Jersey / Autor medizinischer Texte / lebt in Manhattan / traf Hermann Zwanzger 1999 in New York.






1 Vgl. http://www.jmw.at/de/vom_grossvater_vertrieben.html