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zeitGeschichte 2/3 2002
Clubsessel
für alle1
Niko Wahl
"Es war
für die Emigranten sicherlich bequemer, in ihren Clubsesseln zu sitzen, als
für Österreich zu leiden." (Leopold Figl, 1945). Seit 1996 reisen
jedes Jahr österreichische Zivildiener zu diesen Clubsesseln, um eben jene Emigranten
zu treffen, mit ihnen über ihre Geschichte zu sprechen und diese zu dokumentieren.
Mit seiner Aussage drückte Bundeskanzler Figl zwei Dinge aus: Einerseits suggeriert
der Terminus "Emigrant" einen freiwilligen Umzug von einem Land in
ein anderes, andererseits vermitteln die erwähnten Clubsessel die Aura einer
komfortablen Lounge und damit luxuriöser oder zumindest finanziell abgesicherter
Verhältnisse, von denen aus die Sitzenden die Geschehnisse dieser Welt und vor
allem jene der ehemaligen Heimat kritisch betrachten.
Dem war natürlich nicht so. Die Geschichten, die in Ausschnitten den Inhalt
der Ausstellung "Heimat is my Neighborhood" dominieren, zeigen das
Gegenteil - sie zeigen Menschen, die als Überlebende (survivors) bezeichnet
werden können. Der suggeriert "freiwillige" Umzug war eine verzweifelte
Flucht; Familie und Freunde haben die meisten durch den nationalsozialistischen
Mordapparat ebenso verloren wie jene Perspektiven, die ihnen vor dem Aufkommen
des Nationalsozialismus in ihrer Heimat versprochen schienen.
Auch die "Clubsessel" halten näherer Betrachtung nicht stand: Fast
alle unsere Interviewpartner erzählen von erniedrigenden Hilfsarbeitertätigkeiten,
die sie nach ihrer Ankunft in New York verrichten mussten, um ihr eigenes Überleben
zu sichern - auch soziale Netze waren einen Ozean weit von daheim entfernt nicht
einfach zu knüpfen.
Die meisten Gespräche und Interviews fanden allerdings mit Personen statt, die
sich selbst als "Emigranten" bezeichnen, und viele von jenen, die
die jungen Österreicher in ihren Wohnzimmern empfingen, boten einen Sitzplatz
in eben einem "Clubsessel" an - im weitesten Sinn des Wortes. Die
österreichischen Freiwilligen trafen (und treffen) auf Leute, deren Flucht 50
Jahre zurückliegt. Die Wunden, die ihnen von den nationalsozialistischen Mitbürgern
der alten Heimat zugefügt worden waren, sind in den meisten Fällen nicht ganz
verheilt - weil unheilbar, gleichzeitig jedoch haben diese Menschen weitergelebt,
manche waren sehr erfolgreich, andere weniger. Viele der Personen definieren
sich bis heute zu einem Teil über die alte, die verlorene Heimat, der übrige
Teil erzählt von 50 Jahren in den USA - von gegründeten Familien, beruflichen
Erfolgen oder neu gewonnenen Freunden und einer durchaus auch glücklichen Zeit.
Der Begriff "Emigrant" steht dafür, dass sie sich heute, auch wenn
sie zunächst von etwas weggingen, als wo hingegangen definieren möchten. Die
Clubsessel - das selbst gestaltete Umfeld - sprechen von in der Zwischenzeit
Erreichtem und Erlebtem. Die Mehrzahl nimmt sich nicht als "auf der Flucht"
wahr, sondern eben als "emigriert".
Begegnungen in New York
Die Begegnungen, von
denen die Ausstellung erzählt - zum einen durch die Audio-Mitschnitte und Bilder
der Interviewräume, zum andern auch durch die Interviews mit den Gedenkdienstleistenden
und die Dokumentation ihrer Erinnerungsbilder -, wecken vielfach zunächst Erinnerungen
an die ehemalige Heimat. Die jungen Österreicher bieten die Möglichkeit, deutsch
zu sprechen, bringen jedoch auch frische Erinnerungen an die Schauplätze der Jugend
der Emigranten mit, die in deren Gedächtnis oft auch Schauplätze der Verfolgung
sind. Fragen nach der weiteren Existenz sozialer oder kultureller Institutionen,
nach dem Weiterbestand architektonischer Besonderheiten, nach den Veränderungen
der Stadt und der Mentalität ihrer Einwohner können diskutiert werden.
Die Begegnung zwischen den Emigranten und den jungen Freiwilligen stellt einen
Einstieg in eine Welt von gestern dar, auch wenn die Kommunikation oft nicht einfach
ist. Die Gesprächspartner, die einander bei diesen Gelegenheiten begegnen, könnten
unterschiedlicher nicht sein. Es ergibt sich ein Altersunterschied von mehr als
einer Generation, der gemeinsame Bezugspunkt, also Österreich, ist ebenso wenig
unverändert geblieben wie die vermeintlich gemeinsame Sprache. Hinzu kommt, dass
hier Opfer der Nationalsozialisten auf die Nachfahren von Tätern oder zumindest
Zusehern treffen. Die individuelle Vergangenheit, die persönlichen Erfahrungen
und die jeweils eigene Geschichte der Gesprächsteilnehmer sind sehr verschieden.
Die Begegnungen müssen über diese Hindernisse hinweg stattfinden, Erwartungen,
die jeweils in die Gegenseite gesetzt wurden, zurückgehalten werden. Die jungen
Freiwilligen können nicht von einem gänzlich geläuterten Österreich erzählen,
können nur begrenzt von neuen Haltungen und Mentalitäten der alten Heimat berichten.
Die Emigranten wiederum werden es in kaum einem Fall schaffen, das übermenschlich
gute Gegenstück zur Tätergesellschaft zu sein, was sich jedoch die jungen Freiwilligen
oft, wenn auch unterbewusst, erwarten.
Die Begegnungen beinhalten für beide Seiten das Potential, eigene Sichtweisen
in Worte zu fassen, zu hinterfragen und zu verändern. Die jungen Österreicher
können Fragen stellen, deren Beantwortung daheim durch die Nachwirkung des nationalen
Opferkonsens immer noch unmöglich ist. Es entsteht für sie eine Heimatgeschichte
neuer Qualität.
Die Emigranten, die oft jenen Gefühlen Ausdruck geben, die aus Verfolgung, Vernichtung
und dem Raub persönlicher Zukunftsperspektiven resultieren, erlangen die Gewissheit,
dass die Geschichte ihrer Vertreibung nicht vergessen wird, dass ihre Geschichten
und ihre Verluste registriert und bewahrt werden und darüber hinaus dass ihre
Geschichte auch nach Österreich zurückkehrt und dort eine Gegenposition zu einer
Geschichte der Tätergesellschaft einnehmen kann.
Interviews und Interviewte
In der Ausstellung werden
mittels Interviews sowohl die Emigranten als auch die österreichischen Zivildiener
vorgestellt. Von den Interviewräumen, also in den meisten Fällen den Wohnräumen
der Emigranten, ist durch die Fotografien von Arno Gisinger ein Ausschnitt zu
sehen. Aus dem umfangreichen Interviewmaterial, das die Gedenkdienstleistenden
seit 1996 aufnehmen, können Sequenzen gehört werden. Diese haben wir derart ausgewählt,
dass die Besucherinnen und Besucher mit einzelnen Geschichten aus dem Leben der
Emigranten konfrontiert werden. Gemeinsam ist der Mehrzahl dieser Geschichten,
dass sie sich weitererzählen lassen - klassisch "gute Geschichten" eben.
Die Ausstellungsbesucher können auf diesem Weg zu Multiplikatoren in der Verbreitung
dieser Geschichten werden und damit zu Multiplikatoren einer anderen Heimatgeschichte
in Österreich.
Neben den Emigranten werden auch die jungen Österreicher vorgestellt. Die Fragen,
die ihnen von Werner Hanak (Kurator am Jüdischen Museum Wien) gestellt wurden,
beleuchten die Schwierigkeiten ebenso wie die Erfolge bei der Arbeit mit den Emigranten.
Diese Fragen beabsichtigen keine Analyse der Interviews, sondern wollen die andere
Seite der Begegnungen beleuchten: Wer sind die Leute, die in New York Interviews
führen, was ist ihre Motivation für diese Arbeit, wie gehen sie mit der Geschichte
um, der sie begegnen?2
Die Gespräche mit den ehemaligen Zivildienern zeigen eine weitere, für die Austrian
Heritage Collection wichtige Perspektive: Die Gedenkdienstleistenden sind
keineswegs ausschließlich Historiker, sondern kommen aus Bereichen wie Architektur,
Musik, Design, aber auch Politikwissenschaften oder Jus und bringen damit ganz
unterschiedliche Zugänge zu diesem Projekt. Dies ist für die Ausstellung von Bedeutung,
da für Inhalt und Gestaltung fast zur Gänze ehemalige Mitarbeiter der Austrian
Heritage Collection verantwortlich zeichnen.
Erinnerungsbilder
Einen weiteren Eindruck
von den Sichtweisen der Gedenkdienstleistenden können die Besucher durch die Erinnerungsbilder
gewinnen. Wir versuchen auch hier weitererzählbare Geschichten zu vermitteln.
Durch Polaroidaufnahmen werden Gegenstände dargestellt, die als Erinnerungsspeicher
funktionieren. Es handelt sich hier um Gegenstände, die die Emigranten aus unterschiedlichsten
Lebensphasen bis heute aufbewahrt haben. Teilweise sind es Gegenstände, die ihnen
derart wichtig waren, dass sie sie auf die Flucht vor den Nationalsozialisten
mitnahmen. Sie verweisen auf Familiengeschichte, auf Erlebnisse, die die Emigranten
manchmal selbst nur mehr aus Erzählungen ihrer Eltern kannten. Darunter finden
sich aber auch Gegenstände, die aus der jüngeren Vergangenheit stammen.
Bewusst haben wir darauf verzichtet, hier die Originalgegenstände auszustellen.
Die Art der fotografischen Darstellung - die Polaroids - stehen für die flüchtige
Erinnerung der jungen Österreicher, die sich retrospektiv an einzelne Gegenstände
erinnern, an die sie nun wiederum eigene Erinnerungen knüpfen. Die Gegenstände
selbst befinden sich nach wie vor im Besitz der Emigranten und bilden in deren
Wohnräumen Mosaiksteine einer persönlichen Vergangenheit und einer gegenwärtigen
Identität. Diese Gegenstände und die damit verbundenen Geschichten verweisen in
vielen Fällen in unterschiedlicher Art auf die Erlebnisse gleich mehrerer Emigranten.
Die Bilder der Gegenstände zusammengenommen stehen für wichtige Dreh- und Angelpunkte
dieser Biographien, denn aus den Einzelgeschichten ergibt sich zusammen die große
Geschichte dieser Personen, die stark durch die Zäsur der Vertreibung und Emigration
strukturiert wurde.
Repräsentativität
Jene, die in der Ausstellung
mit ihren Geschichten vorgestellt werden, sind lediglich eine kleine Auswahl aus
der Menge der Emigranten insgesamt, aber auch aus der Menge jener, die an dem
Projekt Austrian Heritage Collection in New York bisher teilgenommen
haben. Es fällt schwer, diesen Personen in irgendeiner Form eine Repräsentativität
zuzusprechen. Zu einzigartig, zu individuell sind all diese Lebensgeschichten,
als dass man ein Leben stellvertretend für andere präsentieren könnte. Kriterien
für die Auswahl jener Emigranten, die nun durch die Ausstellung einem breiten
Publikum vorgestellt werden, waren eher die unterschiedlichen Arten der Begegnungen
und die sich daraus ergebenden Beziehungen zwischen den Emigranten und den jungen
Zivildienern. Allerdings gibt es einzelne Details in diesen Geschichten, die durch
ihr häufiges Vorkommen individuelle Geschichten zu allgemeinen Mustern machen.
Die Emigrationsrouten über England, Frankreich, Italien oder auch über Shanghai
haben viele hinter sich gebracht - ebenso wie vielen die Erfahrung des ersten
Blickes auf den New Yorker Hafen im Gedächtnis geblieben ist. Insgesamt bleibt
es jedoch eine Auswahl, muss es eine Auswahl bleiben, um für eine Ausstellung
bewältigbar zu sein.
Die Dimension jener Zahlen, die beschreiben, um wie viele Menschen es bei diesem
Projekt tatsächlich geht, wird im Archiv- und Leseraum der Ausstellung deutlich.
Hier werden die Namen all jener genannt, mit denen die jungen Österreicher im
Laufe ihrer Arbeit in New York in Kontakt gekommen sind. Nicht alle diese Personen
wollten jedoch am gesamten Projekt teilnehmen. Manche wollten gar nicht weiter
kontaktiert werden, andere ausschließlich die Namen ermordeter und verstorbener
Familienmitglieder angeben, damit jener weiterhin gedacht werde, und sei es auch
nur durch die zeitgeschichtliche Forschung. Darüber hinaus gibt es noch eine große
Menge an Personen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht Teil des Projektes
werden wollten und sich auf unsere Briefe nicht meldeten.
Aktives Erinnern
Erinnern ist ein aktiver
Prozess. Die Anforderungen an jene, die ihre Lebensgeschichte erzählen sollen,
ist hoch. Sie müssen sich noch einmal ihrer Leiden, ihrer vernichteten Hoffnungen,
ihrer verlorenen Heimat und ihres mühseligen Neustarts in den Vereinigten Staaten
erinnern. Der Kraftaufwand, durch all dies noch einmal, wenn auch nur geistig,
hindurchzugehen, ist für viele heute nicht mehr zu bewältigen.
Es ist jedoch auch eine hohe Anforderung an jene, die diese Geschichte erfahren
wollen. Auch von ihnen wird Aktivität gefordert. Einerseits weil die Details der
einzelnen Lebensgeschichten ungeheuer vielschichtig sind und kaum bewertet oder
klassifiziert werden können, andererseits weil die Geschichte der Emigration nicht
abgeschlossen ist - was gerade durch das Projekt in New York zum Ausdruck kommt.
Konsequenz daraus ist, dass den Besuchern der Ausstellung die Möglichkeit geboten
wird, selbst forschend aktiv zu werden. Die Geschichte jener Emigranten, die den
Besuchern durch die Interviewausschnitte bereits vorgestellt wurden, können in
der Ausstellung auch detaillierter erforscht werden. Zu jeder Person können die
Dokumentensammlungen, die in Zusammenarbeit mit den Emigranten am New Yorker Leo
Baeck Institute angelegt wurden, eingesehen werden. Die Besucher sind aufgefordert,
sich zu informieren, selbst die Hintergründe zu erforschen.
Kommunikationslinien quer durch
die Welt
Ziel der Ausstellung
wie des Projektes in New York ist es, weitererzählbare Geschichten zur Verfügung
zu stellen, Geschichten, die die Erzähltradition der Tätergesellschaft durchbrechen
können und damit neue Sichtweisen ermöglichen.
Es geht bei den in der Ausstellung vorgestellten Geschichten also weniger um wissenschaftlich
relevante Fakten als vielmehr um erzählte Erlebnisse und Perspektiven, die ihren
Weg aus der Privatheit in mündliche Tradierungsformen finden. Im Optimalfall werden
diese Geschichten von New Yorker Stammtischen - wie dem Oskar-Maria-Graf-Stammtisch,
den Harry Asher mitbegründet hat - zu den Stammtischen Österreichs getragen. Das
Erzählte tritt somit aus dem Archiv, wo die Tonbandaufnahmen gelagert werden,
ebenso heraus wie aus dem Rahmen dieser Ausstellung. Die Geschichten werden durch
die Ausstellungsbesucher überall dorthin getragen, wo im Rahmen alltäglicher Gespräche
Zeit zum (Weiter-)Erzählen ist.
[Eine zusätzliche Erweiterung des Ausstellungsraums findet durch eine Kooperation
mit den Austrian Airlines statt: Parallel zu den Ausstellungen in New
York und Wien werden in jenen Flugzeugen, die täglich zwischen Wien und New York
pendeln, auf einem der Audiokanäle Ausschnitte aus den Interviews mit den österreichischen
Emigranten zu hören sein. An diesen Transitorten, an denen sich Emigranten vor
Wienbesuchen ebenso aufhalten wie Gedenkdienstleistende auf ihrem Weg zum Dienst,
an diesen Orten, die in abstrakter Art die Fluchtroute der Emigranten nachzeichnen,
werden die Geschichten der Emigranten für die Dauer der Ausstellung präsent sein.
Dadurch werden Fluggäste mit diesen Geschichten, die in der Summe eine Geschichte
der Emigration sind, dort konfrontiert, wo sie hingehören, nämlich an ganz alltäglichen
Orten, im Rahmen allgemeiner Erinnerung. Und seien wir uns ehrlich - Flugzeugsitze
sind auch nur eine Nachahmung von Clubsesseln.]
- 1
Dieser Beitrag wurde erstmals im Katalog zur Ausstellung des Jüdischen Museums
Wien Vom Großvater vertrieben, vom Enkel erforscht? Zivildienst in New
York (Wien 2002, S. 9-17) veröffentlicht. Vgl. <www.jmw.at/de/vom_grossvater_vertrieben.html>.
- 2
Siehe den ebenfalls im Ausstellungskatalog abgedruckten Artikel von Werner
Hanak, Auf der Suche nach der verlorenen Geschichte. Junge Österreicher zwischen
New York und Wien, 23-33.