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zeitGeschichte 2/3 2002
Die
Schrecken der Wahrheit zwischen Akzeptanz und Abwehr
Erinnerungsbericht über Abwehrargumentationen von BesucherInnen
in der "Wehrmachtsausstellung" II in Wien
Sabine Loitfellner
Blättert man im Besucherbuch
der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges"
(WA II) in Wien, so wird deutlich, dass das Gros dieser BesucherInnen das Zeigen
der WA II und damit das Kapitel der Wehrmachtsverbrechen aufs Tablett der Gesellschaft
zu bringen, für richtig und wichtig empfindet. So formuliert dies der Besucher
Erich W.:
"Eine sehr wichtige
und höchst notwendige Ausstellung, Geschichte in der Ausstellung zu einer Zeit,
da noch Menschen aus dieser Zeit leben. Selbst Teil dieser Geschichte zu sein
und viele Jahre später damit aus der Distanz konfrontiert zu werden -
IST SPANNEND."1
(Hervorhebung im Original)
Kritik geübt wird von BesucherInnen
am Ausstellungsort im Semperdepot. Sie stellen Überlegungen an, ob es denn "Absicht
der Politiker"2
gewesen sei, den Veranstaltungsort so zu wählen, um ihn möglichst schwer zu finden.
Hier wie auch im Zusammenhang mit den Demonstrationen rund um die WA II sind es
BesucherInnen, die der Ausstellung eine politische Bedeutung beimessen. Unzählige
BesucherInnen gaben ihre Zustimmung zur Aufarbeitung der eigenen historischen
Vergangenheit in dieser Form, sprachen ihr Lob für die Ausstellung aus:
"Danke, dass ich das
alles erfahren und sehen durfte! Gut, dass es solche Ausstellungen gibt!"3
Es finden sich viele Forderungen danach,
die "Wehrmachtsausstellung" als Dauerausstellung zu installieren, um die Erinnerung
an die Verbrechen präsent zu halten; kein Eintrag, der die Ausstellung verunglimpft
oder kategorisch ablehnt. Wenngleich sich diese prinzipielle Zustimmung verorten
lässt, wird durch andere Einträge und die persönlichen Äußerungen der BesucherInnen
auch evident, dass immer wieder ein großes "Ist schon wahr, ABER ..." und Argumentationen,
die eine Abwehrhaltung ausdrücken, an dieses Einverständnis gekoppelt sind.
Insgesamt betrachtet war meiner Meinung nach die Besucherresonanz auf die WA II
durchwegs positiv (was sich mitunter von den Erfahrungen und Eindrücken meiner
KollegInnen unterscheiden mag). Ich als Vermittlerin4
hatte kaum mit revisionistischen Zwischenrufen zu tun, wurde auch bei meinen Schulklassenführungen
nur ganz selten von ehemaligen Wehrmachtssoldaten unterbrochen, Einmischungen
von anderen BesucherInnen in meine Führungen fanden so gut wie nicht statt. Es
waren Einzelfälle, in denen Angehörige der Kriegsgeneration versuchten, SchülerInnen
im Rahmen meiner Führungen vom Gegenteil des Dargestellten zu überzeugen. Eine
solche unsachliche und die zentrale Aussage der Ausstellung negierende Diskussion
habe ich als Vermittlerin von Anfang an bei Führungen mit SchülerInnen unterbunden.
Nach ersten Erfahrungen mit solchen Unterbrechungen wurde deutlich, dass dies
zu Irritationen bei den SchülerInnen führte. Der Grund wird wohl darin zu finden
sein, dass SchülerInnen plötzlich nicht mehr wussten, wem sie glauben sollten:
dem alten, Autorität ausstrahlenden ehemaligen Wehrmachtssoldaten oder doch der
jungen Vermittlerin, die eigentlich gar nicht wissen kann, "wie es damals
ja wirklich war ..." (frei zitiert nach SchülerInnenreaktionen).
Dass sich meine persönlichen Erfahrungen teilweise recht drastisch von denen meiner
KollegInnen unterscheiden, liegt vielleicht auch daran, dass ich im Vorfeld der
Führung versucht habe, auf die Brisanz dieser Ausstellung hinzuweisen und klar
zu machen, warum sich unsere Gesellschaft als Kollektiv mit diesem Kapitel der
NS-Vergangenheit ganz besonders schwer tut. Abseits der Mythen über die Wehrmacht
(Stalingrad, militärischer Widerstand, Befehlsnotstand, Opferthese etc.) scheint
- zumindest bis zum Zeitpunkt der WA I - wenig vom Zweiten Weltkrieg in den
öffentlichen Geschichtsbildern verhaftet zu sein. Eine solche Ausstellung, die
massiv an den Geschichtsmythen kratzte und immer noch kratzt, führt zu Abwehr
und Ablehnung. Ich habe daher BesucherInnen immer wieder zu verstehen gegeben,
wie wichtig allein schon die Bereitschaft ist, sich mit diesem Kapitel der Geschichte
auseinanderzusetzen, und dass ein Besuch der Ausstellung eine ebensolche Bereitschaft
signalisiert. Vielleicht war dies der Grund dafür, dass revisionistische Querschüsse
oder die Leugnung der Wehrmachtsverbrechen in den Besucherreaktionen zum größten
Teil ausgeblieben sind?
Meiner Meinung nach ist diese Form der Vermittlung zielführender als eine provozierende
"Frontalführung". Es bedeutet aber selbstverständlich nicht, die BesucherInnen
"geschont" oder eine versöhnliche Schlussstrichstrategie verfolgt zu haben.
Das in der Führung von Anbeginn an kritische Hinterfragen des populären Gedächtnisses
(das ganz massiv vom Narrativ der "sauberen Wehrmacht" geprägt ist und dessen
Elemente auch ich als Kind einer typisch österreichischen Familie mitbekommen
habe) gemeinsam mit dem/der ZuhörerIn hat vielleicht dazu geführt, Menschen aufnahmebereiter
für dieses Thema zu machen. Die an die Besucher gerichtete Aufforderung zu einer
Reflexion über die Erinnerungsformen an die Wehrmacht in unserer Gesellschaft,
verbunden mit einer ausführlichen Einführung über die Ursachen, welche NS-Verbrechen
generell und Wehrmachtverbrechen im Speziellen ermöglicht haben, war wichtiger
Bestandteil in jedem Vermittlungsprogramm, sowohl bei Erwachsenen als auch bei
SchülerInnen. Anzumerken bleibt, dass diese Vermittlungsform wohl auch Teil einer
mir selbst zurecht gelegten Selbstschutzstrategie gewesen sein mag. In Anbetracht
der Tatsache, dass es galt, beinahe täglich drei Gruppen oder Schulklassen durch
die Ausstellung zu führen, war klar, dass heftige Streitgespräche im Laufe der
Zeit zu sehr an die eigene Substanz gehen.
Diese Ausstellung war im Vergleich zur WA I viel weniger umkämpft - zumindest
in den Räumlichkeiten der Ausstellung. Meiner Meinung nach gibt es dafür vor allem
zwei Ursachen: Zum einen war die überarbeitete Ausstellung fachlich nicht mehr
angreifbar; die kühle Sachlichkeit der Präsentation, die weißen sterilen Stellwände
und die "Textlastigkeit" standen im krassen Gegensatz zur ersten Ausstellung,
die viel stärker mit Fotos und visuellen Darstellungen der Wehrmachtsverbrechen
arbeitete. Zum anderen war der Tabubruch, die Konfrontation mit diesem Aspekt
der NS-Verbrechen eben schon durch die WA I getan; die Wogen hatten sich geglättet,
die BesucherInnen dieser Ausstellung wussten, worauf sie sich einließen, kannten
die Diskussionen. Allerdings ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch von Bedeutung,
dass bestimmte, der Ausstellung gegenüber negativ eingestellte Gruppen diese konsequent
boykottierten. Konkret beim Namen zu nennen sind dabei die Kameradschafts- und
Veteranenbünde.
Aber auch der parteipolitisch-ideologische Hintergrund spielt in diesem Zusammenhang
eine wesentliche Rolle: Keine einzige ÖVP-Abordnung oder ÖVP-nahe Gruppe besuchte
die WA II (zumindest offiziell; inwiefern individuelle Besuche von ÖVP-Politikern
stattfanden, lässt sich nicht überprüfen). Dass die FPÖ ebenfalls geschlossen
dieser Ausstellung fernblieb, bedarf keiner weiteren Erklärung, ist ihre Abwehr
gegenüber einer Thematisierung von NS-Verbrechen bis hin zur Leugnung von Wehrmachtsverbrechen
ja Merkmal seit Anbeginn ihres Bestehens (bzw. ihrer Vorläuferparteien WdU und
VdU) im Jahr 1949. Hingegen haben zahlreiche SPÖ-Bezirksgruppen (größtenteils
aus Wien, aber auch aus den Bundesländern) nicht nur die Ausstellung besucht,
sondern auch ein Vermittlungsangebot wahrgenommen. Sie zeigten damit die Bereitschaft,
sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen - und mehr noch: eine Untermauerung
der Berechtigung, eine solche Ausstellung in Österreich zu zeigen. Besonders beachtenswert
erscheint die Tatsache, dass am 8. Mai 2002 der gesamte Grüne Parlamentsclub mit
uns VermittlerInnen die "Wehrmachtsausstellung" besuchte - just zu jenem Zeitpunkt,
als am Heldendenkmal im äußeren Burgtor rechtsextreme Burschenschafter und Vertreter
des Bundesministeriums für Landesverteidigung eine Kranzniederlegung - oder besser
gesagt eine "Trauerkundgebung" - zu Ehren der gefallenen Helden der Wehrmacht
abhielten. Die Grünen setzen damit nicht nur ein Zeichen der Zustimmung, sondern
formulierten auch eine Forderung nach mehr vergangenheitspolitischer Auseinandersetzung
in der Gesellschaft. Die WA II war somit ein Politikum ersten Ranges.
Am 8. Mai 2002 zogen schließlich tausende DemonstrantInnen durch die Wiener Innenstadt,
um gegen die von rechtsextremen und neonazistischen Gruppierungen ausgerufenen
"Großvater-wir-danken-Dir-Ansagen" aufzutreten. Schon am 13. April kam es zu
einer antifaschistischen Demonstration gegen ca. 90 Neonazis und Skinheads, die
am Heldenplatz gegen die "Wehrmachtsausstellung" mobil machen wollten. Quantitativ
war dieses zaghafte Unternehmen nicht beachtenswert (90 Neonazis vs. tausender
Gegendemonstranten) - in den Konsequenzen hingegen sehr wohl: Unter Polizeischutz
zogen die Neonazis mit Nazi-Parolen durch die Kärntner Straße; bis heute ist dieser
Tatbestand des Verstoßes gegen das Verbotsgesetz trotz eindeutiger Beweise (Videoaufnahmen)
nicht ernsthaft strafrechtlich verfolgt worden. Diese Demonstration sorgte für
gehörigen Medienwirbel und führte schließlich auch dazu, dass zahlreiche, vor
allem junge BesucherInnen die Ausstellung besuchten. Sehr oft war die Antwort
auf unsere Frage an die SchülerInnen, warum sie denn in die Ausstellung gekommen
sind und von wem die Initiative zum Besuch ausgegangen war, dass sie von den Demonstrationen
in den Medien gehört hatten und sich nun selber ein Bild davon machen wollen,
warum Menschen demonstrieren.
Nach Beendigung des Rundganges mit SchülerInnen wurde der Bogen zur Ausgangsfrage
zurück gespannt. Die Antworten reichten von: "Das ist doch die Wahrheit, die
hier gesagt wird, warum sagen die Neonazis immer noch, dass das nicht stimmt?"
bis hin zur aufgeworfenen Frage: "Wieso sollen die Wehrmachtssoldaten Helden
sein?" Die Demonstrationen rund um den Ausstellungsbeginn und den 8. Mai lösten
aber nicht nur innerhalb der jungen BesucherInnen Diskussionen aus. Empörung über
das polizeiliche Vorgehen gegen GegendemonstrantInnen wurde ebenso in der Ausstellung
geäußert wie Kritik an der Regierung, die eine solche Neonazidemo zugelassen habe.
Nach dem Besuch der Ausstellung machte sie ein Besucher Luft und schreibt von
"[...] unserer
schwarz-blauen SCHANDREGIERUNG [...]. 2 x hintereinander 'dürfen' RECHTSEXTREME
öffentlich ALLE Opfer dieser Zeit beleidigen, Es ist zum SCHÄMEN! EINE WAHRE
SCHANDE"5
(Hervorhebung im Original)
Eine Schülerin schreibt ins Besucherbuch:
"Wir ärgern uns
darüber, dass heute am 8. Mai, wo wir hier in der 'Wehrmachtsausstellung' die
Gräuel des Krieges gezeigt werden [sic!], eine Kranzniederlegung der Burschenschafter
am Heldenplatz erlaubt wurde."6
Es kann daher festgestellt werden, dass
die Demonstration und Kampfansagen der Neonazis gegen diese Ausstellung genau
das Gegenteil bewirkten: Eine unfreiwillige "Werbetrommel" wurde hier gerührt;
zahlreiche BesucherInnen nahmen die Berichterstattung darüber zum Anlass, um die
Ausstellung zu besuchen.
Fest steht aber auch, dass es ohne eine "Wehrmachtsausstellung" II keine solche
Demonstration wie jene am 8. Mai und ein damit einhergehendes Bekenntnis zur Aufarbeitung
der österreichischen Geschichte der Wehrmachtsverbrechen gegeben hätte. Es machte
den Anschein, als gäbe es - zumindest innerhalb einer gewissen Gesellschaftsschicht
und in den veröffentlichten Geschichtsbildern in seriösen Medien - einen breiten
Konsens FÜR die "Wehrmachtsausstellung" II.
Nach diesem kurzen Exkurs über das politisch-gesellschaftliche Umfeld der Ausstellung
möchte ich nun aber zum Ausgangspunkt der Reflexion über meine Vermittlungstätigkeit
zurückkehren. Wie schon erwähnt, war innerhalb der AusstellungsbesucherInnen eine
prinzipielle Bereitschaft zur Annahme der präsentierten Geschichtsbilder über
die Wehrmacht im Vernichtungskrieg gegeben. Das lag mitunter auch daran, dass
die Anzahl der Weltkriegsteilnehmer in der Ausstellung relativ gering war und
somit die Frage und die Bewertung des eigenen Handelns im 2. Weltkrieg nicht mehr
die Diskussion bestimmen konnte. Vielmehr war es meines Erachtens nach die Kindergeneration,
die in der Ausstellung auf der Suche danach war, was ihre Väter getan haben könnten,
oder überprüfen wollten, inwiefern die Erzählungen vom Krieg von dem Gezeigten
in der Ausstellung divergierten. Dass diese Bereitschaft zur Auseinandersetzung
aber dennoch nicht konfliktfrei war, zeigt die Darstellung der folgenden abwehrenden
Argumentationsmuster und Verharmlosungsstrategien, die von BesucherInnen immer
wieder geäußert wurden, auf:
Die "Externalisierung" von Wehrmachtsverbrechen
Dadurch, dass die Ausstellung
den Österreichbezug vollkommen ausspart, lag für manche BesucherInnen der Schluss
nahe, die Wehrmachtverbrechen dezidiert und ausschließlich "den Deutschen" zuzuschreiben.
Diese Kontextisolierung wurde dadurch verstärkt, dass an Kriegsverbrechen federführend
beteiligte österreichische Persönlichkeiten in der Ausstellung, mit einer Ausnahme
(General Franz Böhme), nicht erwähnt wurden, ebenso wurden im Ausstellungskonzept
Österreich-spezifische Anknüpfungspunkte nicht wahrgenommen (Beispiel Wehrmachtsverbrechen
auf Kalavryta und die Rolle Waldheims, Beispiel Kriegsgefangenenlager auf österreichischem
Gebiet, Beispiel nahtlose Eingliederung der österreichischen Offiziere in die
Wehrmacht nach dem "Anschluss", Beispiel österreichische (Nicht-)Nachkriegsjustiz
in Hinblick auf das Fehlen einer strafrechtlichen Verfolgung von Wehrmachtsangehörigen
wegen Verbrechen). Es oblag daher den VermittlerInnen, ganz gezielt auf den österreichischen
Täterbeitrag und österreichische Mitschuld hinzuweisen. Einige wenige Besucher
vermerkten dieses aus österreichischer Sicht vorherrschende Manko auch im Besucherbuch:
"Eine wunderbare Ausstellung,
leider ist d. Bezugspunkt zu Österreich nicht deutlich betont worden! Ob es
Absicht war, bleibt dahingestellt??"7
Dieses Fehlen des Österreichbezuges
gab dem immer noch im Geschichtsnarrativ existierenden, wenngleich mittlerweile
modifizierten Mythos8
des "ersten Opfers Österreich" Nahrung, worauf sich schließlich auch BesucherInnen
beziehen wollten. Verstärkt wurde dies zudem durch die im Ausstellungsbereich
"Handlungsspielräume" überrepräsentativ dargestellten österreichischen Widerständler
aus den Reihen der Wehrmacht: Der Eindruck konnte nur allzu leicht entstehen,
dass ohnehin viele Österreicher Widerstandskämpfer gewesen seien - konform gehend
mit der offiziellen Hochstilisierung des österreichischen Widerstandes im Sinne
des Geschichtskonstruktes der Opferthese. Zusammenfassend ist aber festzustellen,
dass Aussagen die These vom "Opfer Österreich" betreffend von SchülerInnen viel
seltener geäußert wurden als von Erwachsenen.9
Pauschaler Opferbegriff und Zwang
des Mitmachens
"Alle waren Opfer!"
- eine Aussage, die so manche/r BesucherIn von sich gab. Zur Untermauerung ihrer
Argumentation bedienten sich BesucherInnen der Bombengeschädigten durch die Alliierten
ebenso wie der Kriegsgefangenschaft von Wehrmachtssoldaten oder des Soldaten,
der selbst "Opfer des Krieges" geworden sei. "Man musste doch in die Wehrmacht!
Was hätte man tun sollen?", lautete die offene Frage sowohl von jungen als auch
erwachsenen AusstellungsbesucherInnen. Dieser Abwehrargumentation entgegenzutreten,
war besonders schwierig - speziell bei männlichen Besuchern, die meinten, ich
wisse ja gar nicht, was es hieße, in einem Heer dienen zu müssen. Militärpflicht
zu verweigern, wurde in der Ausstellung auch nicht als "Ausweg" dargestellt.
Dass Desertion (mit dem Hinweis, dass Deserteure bis heute in Österreich nicht
rehabilitiert wurden!) von der NS-Militärjustiz mit dem Tod bestraft wurde, steht
außer Zweifel. Festzustellen galt es aber, dass kein Soldat gezwungen wurde, bei
Verbrechen mitzuwirken. Im Bereich "Handlungsspielräume" wurde den BesucherInnen
auch deutlich aufgezeigt, dass es sehr wohl Entscheidungsfreiräume gab, in denen
ein Soldat agieren konnte.
"Befehlsnotstand"
Damit eng verbunden
ist die Abwehrargumentation des "Befehlsnotstandes", eine der wohl am öftesten
angewandten Abwehrargumentationen von BesucherInnen, vor allem auch von SchülerInnen:
Die Behauptung, dass, wenn man bei Erschießungs- und Ermordungsaktionen als Soldat
nicht mitgemacht hätte, selber erschossen worden wäre, hat sich tief im öffentlichen
Geschichtsbewusstsein verankert. Immer noch ist das Bild eines ohne Eigenmotivation
handelnden Soldaten vorherrschend, der gleichsam dem Geschehen im Krieg ausgeliefert
sei. Diese Argumente zu entkräften, war eine der schwierigsten Aufgaben in der
Vermittlung. Die Tatsache, dass sich selbst die NS-Führung darüber im Klaren war,
dass diese Verbrechen dem geltenden Völkerrecht vollkommen widersprachen, und
sie deshalb auch Ermordungsbefehle nicht schriftlich formulierte, oder aber dass
Berichte über Massenerschießungen beispielsweise durch Zensur in Feldpostbriefen
nicht in die Öffentlichkeit gelangen sollten, musste eindringlich erläutert werden.
Gerade deshalb bestanden auch Handlungsspielräume für den einzelnen Soldaten,
Offizier, Befehlshaber etc., das breite Einverständnis mit der nationalsozialistischen
Weltanschauung und der rassistische Glaube an die unterschiedliche "Wertigkeit"
des Menschen innerhalb der Wehrmacht waren aber Gründe dafür, warum diese Verbrechen
begangen wurden.
Nicht selten zeigten sich BesucherInnen nicht zugänglich für die entkräftende,
mit Fakten untermauerte Gegendarstellung - beispielsweise durch die Erkenntnisse
der "Zentralstelle der Justizverwaltung zur Aufklärung der Nationalsozialistischen
Verbrechen" in Ludwigsburg.10
Der Grund für eine Abwehrhaltung lag aber auch darin, dass BesucherInnen mit persönlichen
oder mit im persönlichen Umfeld tradierten Mythen rund um die Erschießung von
vermeintlichen Befehlsnotständlern aufwarten wollten.
Aufrechnung von Verbrechen
Eine weitere Ablenkungs-
und Verharmlosungsstrategie von BesucherInnen war jene der Aufrechnung von Verbrechen
der "anderen" und der damit im Zusammenhang stehenden Aberkennung der Einmaligkeit
der nationalsozialistischen Verbrechen und des Holocaust: NS-Verbrechen seien
furchtbar gewesen, aber es sollte endlich auch über die Verbrechen der Roten Armee,
der Alliierten, der Israelis, der Amerikaner in Vietnam oder - damals aktuell
- der Amerikaner in Afghanistan gesprochen werden und eine Ausstellung auch die
Gräuel an den Sudetendeutschen zeigen. Zahlreiche BesucherInnen bedienten sich
dieser Abwehrargumentation:
"[...] Sind da nicht
auch ein paar Gräueltaten in Vergessenheit geraten? Sind die Menschen echt so
Hitler-fixiert? Sind alle blind? Denkt keiner nach, sondern frisst wie ein Baby
vorgekaut? Die Ausstellung ist toll, aber man sollte sich mal den Kopf über
andere Sachen zerbrechen."11
In diesem Kontext tauchen schließlich
auch antisemitische Untergriffe auf. Der oben zitierte Besucherbuchschreiber vertritt
schließlich die Meinung, dass Juden genug Wiedergutmachungszahlungen bekämen:
"Was bekommen alle anderen Völker, die schon in der Weltgeschichte gemartert
und grausame Tode erlebten?"12
Ohne Zugeständnisse wurde dieser kruden Aufrechnung und der Aberkennung der Einzigartigkeit
der Shoa kein Forum in der Führung überlassen. Auch antikommunistische Ressentiments
tauchten in diesem Zusammenhang immer wieder auf - das Feindbild Rote Armee und
"die Russen" wurde von BesucherInnen immer wieder genannt.
Insgesamt galt es aber eine differenzierte Sichtweise einzunehmen und darauf hinzuweisen,
dass zwar die Bombardierung von Dresden ebenfalls ein völkerrechtswidriges Vorgehen
gewesen sei, aber dass es eben hier in dieser Ausstellung um UNSERE Geschichte,
um die österreichische nationalsozialistische Vergangenheit gehe und um Verbrechen,
die Angehörige unseres eigenen Kollektivs begangen haben. Solange diese Aufarbeitung
nicht geschehen ist, stünde es uns in diesem Kontext nicht zu, andere zu verurteilen
und die eigenen Verbrechen weiterhin unter den Teppich kehren zu wollen.
Zum Bereich der Ausblendung eigener Verbrechen war aber auch feststellbar, dass
für zahlreiche BesucherInnen die Ausstellung derartig unfassbar war, dass sie
nicht fähig waren, die Dimensionen dieses Vernichtungskrieges rational aufzunehmen.
Zu hören waren daher auch Aussagen wie: "Das ist so schrecklich, das kann und
darf nicht wahr sein!". Klar wird dadurch, dass der Umgang mit der eigenen Geschichte
oder mitunter auch der eignen Familienvergangenheit noch immer schmerzhaft ist.
Eine Antwort auf die Frage "Wobei hat mein Vater, Großvater mitgewirkt?" sollte
für BesucherInnen nicht beantwortet werden. Aber auch ehemalige Wehrmachtssoldaten
sind mit tiefer emotionaler Betroffenheit und Hilflosigkeit an uns VermittlerInnen
herangetreten. So lautet ein Besucherbucheintrag:
"Habe es miterlebt.
Aber es war noch viel schrecklicher, als es in meiner Erinnerung war. Als 15-Jähriger
versuchte man zu überleben."13
Im Unterschied dazu gab es aber auch
einige wenige Besucher, die kategorisch die Ausstellung ablehnten und von Lüge
und Fälschung sprachen. Zu bemerken ist aber, dass dies meiner Wahrnehmung nach
die absolute Minderheit war; zudem sind diese Aussagen von anderen BesucherInnen
nicht unwidersprochen geblieben - was dann in der vorwurfsvollen Frage gipfelte:
"Wie können sie nur in Anbetracht dieser Bilder von Erschießungen und Leichenbergen
sagen, dass das nicht wahr ist? Geben Sie doch endlich zu, dass das falsch war!"
In den Diskussionen zwischen den Positionen der BesucherInnen ging es in der Folge
nicht um eine sachliche Auseinandersetzung, vielmehr arteten diese emotionalen
Diskussionen in das Darstellen des eigenen Schicksals aus.
Vorwurf der Pauschalveruteilung
Eine weitere Abwehrreaktion
zahlreicher BesucherInnen war der gegen die Ausstellung vorgebrachte Vorwurf der
Pauschalverurteilung aller Wehrmachtssoldaten. Die Erklärung hierfür war die Meinung,
dass nicht alle Soldaten Verbrecher gewesen sein könnten. Zahlreiche BesucherInnen
verlauteten im Besucherbuch schließlich auch einen Lösungsvorschlag: Der Titel
sollte "Verbrechen IN der Wehrmacht" lauten. Dass es vor allem darum ging aufzuzeigen,
dass die Organisation der Wehrmacht einen verbrecherischen Krieg plante, war aber
wesentliches Anliegen der Ausstellung; eine Aussage, die von den BesucherInnen
nicht immer angenommen wurde.
Fazit
Die nicht oder nur widerwillig
erfolgte Auseinandersetzung mit dem Thema Verbrechen der Wehrmacht war und ist
Ausdruck einer Gesellschaft mit mangelnder Bereitschaft, sich Versagen, Schuld
und historische Wahrheit einzugestehen. Daneben ging es für die Kriegsgeneration
auch um das Eingeständnis, sich in den eigenen Idealen geirrt und getäuscht zu
haben. Das Gros war nicht dazu bereit, sich für das eigene Verhalten zu entschuldigen,
zumal viele sich selbst als Opfer des Krieges betrachteten. Viele Kriegsteilnehmer
leugneten jegliche Schuld und empfanden ihr Mitwirken am NS-Regime nicht als Unrecht,
wurde es doch einst gefordert. Die Konsequenzen daraus waren, dass Ausstellungen
wie die WA I und II Jahrzehnte später zu Konflikten über die Geschichte führten.
Wenngleich der Mythos der "sauberen Wehrmacht" mittlerweile aufgebrochen ist,
ist die Auseinandersetzung mit den Wehrmachtsverbrechen immer noch ein strittiges
Thema. Die Abwehrargumentationen von BesucherInnen der WA II entsprechen dem offiziellen
Konsens der als tradierenswert erachteten Geschichtserkenntnisse in unserer Gesellschaft.
Deutlich wird dies dadurch, dass diese Argumentationen stark mit Darstellungsstrategien
von Wehrmacht und Wehrmachtsverbrechen in österreichischen Schulbüchern14
konform gehen, davon ausgehend, dass in Schulbüchern jene Geschichtsbilder und
Interpretationsmuster reproduziert werden, welche auch in öffentlichen Geschichtskonzepten
vorhanden sind.
- 1
Besucherbuch, Erich W., 9.4.2002.
- 2
Besucherbuch, Rupert G., 15.4.2002.
- 3
Besucherbuch, Patrick S., geboren 1979, 19.4.2002.
- 4
Eine im Nachhinein anekdotische Bemerkung: Die Bezeichnung "VermittlerIn"
scheint im Sprachgebrauch nicht so gängig zu sein wie das Wort "Führerin"
oder die maskuline Form "Führer". Im Kontext der WA bekommt die
zweideutige Bedeutung von "Führer" eine gewisse Brisanz. Ein innerliches
Zusammenzucken passierte jedes Mal dann, wenn von BesucherInnen der WA die
erwartungsvolle Frage an mich gerichtet wurde: "Sind Sie unser Führer?"
- 5
Besucherbuch, N.N., 24.5.2002.
- 6
Besucherbuch, Judith, 8.5.2002.
- 7
Besucherbuch, N.N., 20.5.2002.
- 8
Vgl. dazu die Erklärung des damaligen Bundeskanzlers Vranitzky vom Juli 1991
im österreichischen Nationalrat, in der er das Einbekenntnis von schuldhaftem
Verhalten einzelner Österreicher und moralischer Mitverantwortung bei gleichzeitigem
Festhalten am Opferstatus der Republik konstatierte.
- 9
Der Schluss liegt nahe, dass dies Konsequenzen der Waldheim-Diskussion und
des "Bedenkjahrs" 1988 sind, wodurch der Opfermythos im öffentlichen
Geschichtsbewusstsein zumindest innerhalb der jüngeren Generationen eine gewisse
Relativierung erfahren hat.
- 10
Die "Zentralstelle der Justizverwaltung zur Aufklärung der Nationalsozialistischen
Verbrechen" in Ludwigsburg ging jedem Fall nach, in dem sich die Angeklagten
in Nachkriegsprozessen auf den Befehlsnotstand beriefen. Es konnte eindeutig
nachgewiesen werden, dass die Verweigerung der befohlenen Tötungen keine Bedrohung
des eigenen Lebens dargestellt hatte. Vgl. dazu: Adalbert Rückerl, Strafverfolgung
von NS-Verbrechen 1945-1978, Heidelberg-Karlsruhe 1979, S. 81.
- 11
Besucherbuch, K.K., 19.4.2002.
- 12
Ebenda.
- 13
Besucherbuch, N.N., 10.4.2002.
- 14
Sabine Loitfellner: "Furchtbar war der Blutzoll, den Österreich entrichten
musste ...". Erinnerungsformen über die Wehrmacht und ihre Soldaten in
österreichischen Schulbüchern (Unveröffentlichter Projektbeitrag von "History
in the Making" im Rahmen des Wittgenstein-Forschungsschwerpunktes "Diskurs,
Politik, Identität." Publikation in Vorbereitung).