eForum zeitGeschichte 2/3 2002

Impulstext: Generation und Gedächtnis

Reaktionen auf die "Wehrmachtsausstellung II" - die Erfahrungen der wissenschaftlichen Guides

Das österreichische Geschichtsnarrativ über die Zeit des Nationalsozialismus ist in Bewegung geraten. Kristallisationspunkte dieser Debatten um die Rolle von Österreich und von ÖsterreicherInnen innerhalb des NS-Regimes lassen sich von der Mitte der 80er Jahre bis in die Gegenwart finden - vom "Waldheim-Skandal" 1986 bis zu den jüngsten Aussagen des FPÖ-Politikers Ewald Stadler über die "angebliche" Befreiung vom Faschismus als "Staatsideologie" (Der Standard, 5.7.2002). Die Bewertung der "Opferthese" wie auch die Einschätzung des 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung oder Besetzung und eine Gesamtbeurteilung der Jahre 1934-1938-1939 -1945-1955 markieren dabei einzelne Stationen.

Wurden und werden diese Fragen zumeist auf einer politischen bzw. öffentlich-medialen Ebene ausverhandelt, mit dem Ziel, eine neue/andere Sichtweise der NS-Zeit zu formulieren und in der "kollektiven Identität" und im "kollektiven Gedächtnis" Österreichs zu verankern, so verlagerte die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1945" (WA I) diese Kontroversen/Diskurse in den Bereich der individuellen bzw. familialen Identitätskonstruktion der historischen Akteure (Wehrmachtssoldaten, aber auch Gegner des NS-Regimes) und der nachfolgenden Generationen. Mit der WA I wurden personale Identitäten und Lebensnarrative in Frage gestellt, dies führte zu einer bislang unbekannten Emotionalisierung. Das Hineintragen des Ausverhandelns von Geschichte und Gedächtnis in die Familien wirkte gleichsam als Konfliktgenerator innerhalb der Erfahrungsgeneration des Nationalsozialismus, vor allem aber als eine starke Intervention in das Schweigen zwischen den Generationen - die mühsam gestützten Familiennarrative kamen ins Wanken. Dies ist nicht zuletzt erfolgt durch die Neukontextualisierung der Erinnerungsbilder aus den Photoalben der Väter und Großväter durch jene schockierenden Photographien des "Vernichtungskriegs", die zentraler Bestandteil der WA I waren.

Die im April/Mai 2002 in Wien gezeigte zweite Wehrmachtsausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" (WA II) stand nach den Erfahrungen mit der WA I unter dem Vorzeichen einer Ent-Emotionalisierung, Differenzierung und distanzierten Betrachtung der Verbrechen der Wehrmacht. Sie trat nicht mehr mit dem programmatischen Ziel an, eine Lüge zu zerstören - die Legende von der sauberen Wehrmacht -, sondern um die Thesen der ersten Ausstellung wissenschaftlich zu untermauern und Gegenargumente zu entkräften. Fragen nach der rechtlichen Stichhaltigkeit des Terminus Vernichtungskrieg und nach den Handlungsspielräumen standen ebenso im Zentrum wie die Beurteilung des Krieges gegen die Sowjetunion unter den Rahmenbedingungen des internationalen Völkerrechtes. Ausdruck findet dieser neue Zugang vor allem im 750-seitigen Ausstellungskatalog, der neben den zentralen Thesen der Ausstellung selbst Fragen der Quellenkritik und historischer Arbeitsweisen anspricht.

Das Forum "Generation und Gedächtnis - Reaktionen auf die 'Wehrmachtsausstellung II'" will diese Hypothesen, die die Diskussion um die beiden Wehrmachtsausstellungen dominieren, anhand der konkreten Erfahrungen der wissenschaftlichen Guides überprüfen. Ziel ist es gerade nicht, eine qualitative bzw. quantitative Auswertung von BesucherInnen-Reaktionen zu geben, sondern - unmittelbar nach dem Ende der Ausstellung - nach den Erfahrungen und Eindrücken der wissenschaftlichen Guides hinsichtlich der Kommunikation zwischen und innerhalb der Generationen im Rahmen der WA II zu fragen. Die Funktion der Guides als ExpertInnen und als Angehörige des Gedächtnisnarrativs ihrer Generation (der "Waldheim"-Generation?), als Kinder/EnkelInnen der Erfahrungsgeneration des Nationalsozialismus und als "Vermittler" im Rahmen der WA erscheint uns die Basis für einen ganz spezifischen und besonders aussagekräftigen Einblick in die Funktionsweise der WA als Instrument politisch-historischer Aufklärung zu geben: sind doch die Guides zugleich reflektiert-wissenschaftlich orientierte "ExpertInnen" und (wie wir alle) von einem kollektiv-individuellen Erfahrungshintergrund geprägt.

Die folgenden Leitfragen sollen keine "Anleitung" sein, sondern den Rahmen unserer Fragestellung abstecken:



Heidemarie Uhl/eForum-Redaktion