eForum
zeitGeschichte 2/3 2002
E-Publishing-Initiativen
aus der Wissenschaft
In Reaktion auf die restriktive Haltung mancher Verlage haben Wissenschaftler
in eigener Regie eine Reihe innovativer Projekte für die Darstellung und Verbreitung
ihrer Forschungsergebnisse in elektronischer Form initiiert. Ich werde vier Initiativen
vorstellen, die im Bereich des E-Publishing weltweit Erfolg gehabt haben.
Die erste ist die Open Archives Initiative (OAI, www.openarchives.org).
Die Open Archives Initiative ist zweierlei zugleich: zum einen eine technische
Ermöglichung, die technische Spezifizierung eines Protokolls zur Archivierung,
zum anderen eine Bewegung mit einer eigenen Philosophie.
Die Open Archives Initiative wurde von Wissenschaftlern initiiert, um die Aktualität
wissenschaftlicher Publikationen zu gewährleisten und der Verzögerung bei der
Veröffentlichung von wissenschaftlicher Forschung durch die Verlage entgegenzuwirken.
Es fing an 1991 mit dem Los Alamos Preprint Server für den Bereich der Hochenergiephysik,
aufgebaut vom Physiker Paul Ginsparg. Die Preprint-Server entwickelten sich in
E-Print-Server und bilden "Repositories" ("Depots", "Archive"),
die eine fachbezogene bzw. institutionelle Ausrichtung haben. Sie enthalten heute
nicht nur Preprint-Texte, sondern auch Texte, die veröffentlicht sind, Bilder,
Graphiken, Videosegmente, Ton-Bildaufnahmen, Computersimulationen etc.
Ziel der Preprint- bzw. E-Print-Server ist es, den Verzögerungen entgegenzuwirken,
den freien Zugang zu den Forschungsergebnissen zu garantieren und als Gegengewicht
zu den teuren Zeitschriftenabonnements zu wirken - durchaus in Solidarität mit
den Bibliotheken, die unter der so genannten "Zeitschriften-Krise" leiden. Es
soll verhindert werden, dass sich allein die großen Verlage die Ergebnisse zunutze
machen, die die Wissenschaftler produzieren und die die Universitäten bezahlen.
Das ist der Kern der Philosophie der Open Archives-Bewegung.
Auch nach der Veröffentlichung in Peer-Review-Zeitschriften, sollten Artikel archiviert
werden. Diese Idee verfolgt die Self-Archiving-Initiative. Sie wurde vom
Psychologen Stevan Harnad ins Leben gerufen. Die Self-Archiving-Initiative hat
eine eigene Software zur Erstellung von Online-Archiven entwickelt, die sich E-Prints.org
nennt. Der wichtigste Aspekt der Initiative ist jedoch ihre grundlegende Philosophie.
Wissenschaft soll danach in den Händen der Wissenschaftler verbleiben ("science
back to scientists"). Sie beantwortet damit die Frage: "Who owns scientific
literature?" - wem gehört wissenschaftliche Literatur: den Verlagen, den Wissenschaftlern
oder der scientific community?
Kommen wir von der philosophischen Ausrichtung der Open Archives-Bewegung zur
OAI-Initiative mit ihren technischen Spezifizierungen. Ziel der Initiative war
es ab 1998, die E-Print- und Preprint-Server so zusammenzuschließen, dass sie
eine Art digitale Bibliothek ergeben. Dazu ist ein gemeinsamer Standard erforderlich.
Der OAI-Standard beruht auf den drei Anforderungen: XML, DublinCore-Meta-Daten
und dem Protokoll für das Meta-Daten-Harvesting. Dieses existiert mittlerweile
bereits in der zweiten Version.
Mittlerweile haben sich über 30 Content-Provider und vier Service-Provider der
Open Archives Initiative angeschlossen. Sie haben ihre Sammlungen in XML mit kompatiblen
Meta-Daten auf Grundlage des "Protocol for Metadata Harvesting" aufgearbeitet.
Open Access wurde bis jetzt nicht als eine politische Aufgabe der OAI-Initiative
gesehen. Teile der OAI-Initiative sind durchaus der Auffassung, dass auch Verlage
das OAI-Protokoll benutzen können, um Geld damit zu verdienen. Das würde sich
natürlich gegen die Open-Access-Philosophie richten.
Die Open Archives Initiative erfährt starke Unterstützung in den Vereinigten Staaten
und in einzelnen europäischen Ländern. So wird in den USA mit Unterstützung durch
die Mellon-Foundation-Grants for Content-Provider versucht, das Open Archives-Protokoll
zu benutzen, um deep web-Sammlungen zu schaffen. Die gesamten Meta-Daten
der Bibliothekskataloge, die nicht mit Google oder ähnlichen Suchmaschinen abgegrast
werden können, sollen so zur Verfügung gestellt werden. Die Santa Fe-Convention,
die die einfachen Meta-Daten definiert hat, wurde von der National Science Foundation
- dem Pendant zur Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) - und von der Digital
Library Federation, einer Koalition von Forschungs- und Universitätsbibliotheken
unterstützt. In Europa existiert ein EU-Projekt, das "OAI-Forum", an dem Italien,
Großbritannien und Deutschland mit dem Rechenzentrum der Humboldt-Universität
beteiligt sind. Darüber hinaus gibt es eine Reihe nationaler Science-Foundations
und bilaterale Projekte.
Das Steering Committee, das Technical Committee und das Executive Office der OAI-Initiative
werden ebenfalls durch die National Science Foundation und das Council on Library
and Information Science finanziell unterstützt.
Die zweite Initiative, die ich vorstellen
möchte, ist die Scholarly Publication in Academic and Research Coalition (SPARC,
www.arl.org/sparc/),
die 1998 von Bibliothekaren und Wissenschaftlern initiiert wurde, um Peer-Review-Fachzeitschriften
zu erstellen, die in Konkurrenz zu verlagsvertriebenen Produkten ihren gleichwertigen
Platz finden können. Produkte aus den Mammut-Verlagen waren zu teuer geworden.
US-amerikanische Universitätsbibliotheken konnten sich viele Zeitschriften nicht
mehr leisten, zumal sie teilweise gezwungen wurden, anstelle einzelner Zeitschriften
ganze Sätze zu abonnieren. Die SPARC-Initiative wird von der American Association
of Research Libraries und der Digital Library Federation unterhalten. Zurzeit
beteiligt sich eine Koalition von 151 Universitäten an SPARC. Sie ermuntern ihre
Wissenschaftler, Artikel in den SPARC-Zeitschriften zu veröffentlichen. Diese
Zeitschriften sind in Volltext erhältlich, verwenden Peer-Review-Verfahren und
sind von einer Qualität, die mit Zeitschriften namhafter Verlage vergleichbar
ist. Zusätzlich sind 13 Konsortien und sechs internationale Mitglieder an SPARC
beteiligt. Die Wissenschaftler organisieren den Inhalt und das Peer Review. Workfloor-Mechanismen,
die von SPARC entwickelt worden sind, unterstützen sie dabei.
Die Ziele der SPARC-Initiative sind, durch Hilfeleistungen und Organisationsempfehlungen
Start-up-Zeitschriften zu unterstützen, um so der Preispolitik der großen Verlage
entgegenzuwirken und vor allem transparente Preiskalkulation zu erreichen.
SPARC ist weiterhin daran interessiert, breite Veränderungen anzustoßen. So unterstützt
SPARC die Entwicklung eines neuen wissenschaftlichen Kommunikationssystems. SPARC
möchte als Katalysator wirken, Partnerschaften bilden und die Wissenschaftler
anregen, sich des Wissensmarktes stärker bewusst zu werden. Was sind die Kosten,
was die ökonomischen Aspekte, mit denen sich die Bibliotheken und Rechenzentren
auseinandersetzen müssen?
Zahlreiche Institutionen sind an der SPARC-Initiative beteiligt, darunter sind
z.B.:
Universitätsinitiativen:
- Univ. Arizona: J. Insect Science
- Univ. Bielefeld: Documenta Mathematica
- Univ. California: eScholarship
- Univ. Warwick: Geometry & Topology Publications
- Cornell Univ./Duke Press: Project Euclid
- Columbia Univ.: Earthscape
Fachgesellschaften:
- IOP & DGP New Journal of Physics
- Neue unabhängige Zeitschriften
- Evolutionary Ecol. Research
- Internet Journal of Chemistry
"Hybride":
- BioOne
- California Digital Library e-Scholarship
Zu den Hilfestellungen, die SPARC bietet, gehören die Beratung für Start-up-Zeitschriften,
Vermarktung, Vertrieb und Werbung. Für Universitätsbibliotheken ist SPARC sehr
kostengünstig. Sie entrichten einen einmaligen Beitrag und einen Abonnement-Preis.
Zu den jüngsten Veröffentlichungen zählt "Gaining Independence", ein Handbuch
für die Erstellung und Organisation von elektronischen Non-Profit-Peer-Review-Zeitschriften.
Es enthält einen Business-Plan und Hinweise, wie Zugang und Visibilität der Seiten
erhöht und wie der Workflow zu gestalten ist. Das German Academic Publishers Projekt
der DFG ist ebenfalls an SPARC beteiligt, an der Universität Hamburg existiert
mit Herrn Gratmann eine Anlaufstelle, in Heidelberg mit Herrn Münch. SPARC Europe
(www.sparceurope.org)
wird stark von britischer Seite durch LIBER, CURL, JISC, SCONUL, UKB unterstützt.
Die dritte Initiative ist die Public Library of Science (www.publiclibraryofscience.org).
Sie ist eine weltweite Initiative, die sehr schnell Aufmerksamkeit erlangt hat.
Im Juli 2001 verfasste sie eine Briefpetition, in der Verlage aufgefordert werden,
Forschungsberichte aus ihren Zeitschriften innerhalb von sechs Monaten nach Veröffentlichung
freizugeben. " If we really want to change the publication of scientific
research, we must do the publishing ourselves (Wenn man wirklich die Veröffentlichungsweisen
wissenschaftlicher Forschung verändern will, so muss man selbst veröffentlichen)",
heißt es in dem Brief, den bis heute (Stand 13.12.2002) 31.110 Wissenschaftler
aus 182 Ländern unterschrieben haben. Einige Verlage haben daraufhin ihre Vertragsklauseln
geändert, einige andere sind völlig dagegen. Ziel der Initiative ist ein international
zugängliches Online-Archiv für wissenschaftliche Arbeiten zu etablieren und die
Etablierung neuer Navigationsmodelle.
Die letzte Initiative, die ich behandeln möchte, ist die Budapester Open Access-Initiative
(BOAI), die erst seit Februar 2002 existiert. Sie wird unterstützt vom Open
Society Institute der Soros-Stiftung, die in den post-sozialistischen Ländern
sehr aktiv ist.
Ziel der Initiative ist es, die Zugangsbeschränkungen zu wissenschaftlichen Informationen
aufzuheben, alle wissenschaftlichen Aufsätze frei verfügbar im Netz anzubieten
und die ökonomischen Restriktionen für Leser zu beseitigen. Hier sind besonders
die post-sozialistischen Länder, aber auch Dritte-Welt-Länder angesprochen. Es
soll verhindert werden, dass diese Länder von wissenschaftlichen Diskursen abgeschnitten
werden, weil sie sich die teuren elektronischen Zeitschriften der namhaften Verlage
nicht leisten können.
Ein weiteres Ziel der Budapester Open Access-Initiative besteht darin, die wissenschaftliche
Community in einen Diskurs einzubinden und eine aktive Interaktion auf elektronischer
Basis zu stimulieren, eine Art von Menschenrecht auf Information, um die "quest
for knowledge" allen Menschen auf der Welt zu ermöglichen.
Die Strategien lauten Selbstarchivierung und alternative journals. Die
Initiative möchte in der Wissenschaftsgemeinschaft ein Bewusstsein für die ökonomische
Abhängigkeit von den Verlagen und deren monopolistische Kontrolle schaffen.
Die Visibilität der Wissenschaftler aus den post-sozialistischen und Dritte-Welt-Ländern
soll erhöht werden. Vor allen Dingen soll eine neue Berechnungsbasis für die Journal
Impact Factors oder Scientific Impact Factors erstellt werden. Es muss neu formuliert
werden, was ein scientific impact wirklich ist. Ist es wirklich nur in
den Zeitschriften, die zitiert und indiziert werden, begründet?
1
Es handelt sich hierbei um die elektronische Parallelveröffentlichung des Vortragstextes
anlässlich der von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierten Veranstaltung: Digitales
Urheberrecht - Zwischen "Information Sharing" und "Information
Control". Welche Spielräume gibt es für das öffentliche Interesse an Wissen?,
1. März 2002, Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung, Rosenthaler Str. 40/41, 10178
Berlin; eben erschienen als Dokumentation der Heinrich-Böll-Stiftung Nr. 22 (Informationen/Bezug:
medien@boell.de).