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zeitGeschichte 2/3 2002
Die
"Wehrmachtsausstellung" zwischen Erinnern und Vergessen - Anmerkungen zu
einem Rundgang
Katharina Wegan
"'Wo bleibt Kalavryta?'
hat ein Besucher der zur Zeit in Bielefeld gezeigten Wehrmachtsausstellung in
das Besucherbuch geschrieben. Als Ort des größten Massakers unter der Zivilbevölkerung
Griechenlands -nach offiziellen Wehrmachtsangaben wurden am 13.12.1943
696 Menschen erschossen, nach Augenzeugenberichten dagegen noch sehr viel mehr
- wird dieses Kalavryta nur auf einer Karte erwähnt, ohne nähere Informationen
über die dort erfolgten Erschießungsaktionen. 'Ich will das nicht kritisieren',
sagt Savvas Semertzidis, Lehrer am Bielefelder Oberstufenkolleg und Mitglied
des Ausländerbeirats der Stadt; die Ausstellung konzentriere sich eben auf die
Verbrechen deutscher Wehrmachtsverbände im Osten und auf dem Balkan. Dennoch
wurmt es ihn, dass bis heute so wenig gesprochen wird über den Terror der deutschen
Besatzungsmacht in Griechenland 1941-1944. Selbst nicht in Anbetracht hunderttausender
griechischer Arbeitsmigranten, die sich seit langem in Deutschland niedergelassen
haben."1
Dieser Bericht über eine Begleitveranstaltung
zur "Wehrmachtsausstellung" in Bielefeld zeigt eine Problematik auf, mit der
wir als "wissenschaftliche Guides" täglich konfrontiert waren. Die Besucherinnen
und Besucher kamen mit ihren individuellen Erwartungen in die Ausstellung; das
Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) verfolgte jedoch eine bestimmte Argumentation
und bot eine darauf abgestimmte und begrenzte Auswahl von Beispielen und Quellen;
auf der einen Seite stellten wir selbst eigene Ansprüche an die Ausstellung, auf
der anderen setzten wir uns zum Ziel, in diesem Rahmen vergangenheitspolitische
Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu leisten. Es bestand also eine Wechselbeziehung
zwischen der Ausstellung, den Erwartungen des Publikums und unseren eigenen Ansprüchen.
Wir bemühten uns also, in diesem Spannungsfeld jene Inhalte zu vermitteln, die
uns am wesentlichsten erschienen. Wir trafen eine Auswahl von Themen und Beispielen,
wobei uns der von der Ausstellung vorgegebene Rundgang als Leitfaden diente. Diesen
kürzten wir ab oder ergänzten ihn. So traten wir mit unserer Vermittlungsarbeit
in einen Prozess ein, der von den zwei Strategien des Erinnerns und des Vergessens
bestimmt ist.
In dieser dauerhaften Wechselbeziehung von Erinnern und Vergessen bildet sich
ein soziales Langzeitgedächtnis aus. Der Begriff stammt ursprünglich
von Aleida Assmann.2
Er basiert auf einer hierarchischen Dreiteilung des Gedächtnisses in die Kategorien
kommunikativ, kollektiv und kulturell.3
Das soziale Langzeitgedächtnis entsteht dabei auf der Ebene des kollektiven
Gedächtnisses in Verbindung mit der Bildung politischer Kollektive und Solidargemeinschaften.
Hier zeichnet es sich durch seinen starken inhaltlichen Minimalismus und symbolischen
Reduktionismus aus. Von der Ebene des kulturellen Gedächtnisses leiht
es sich die Medien, die symbolischen Formen, die Artefakte und die zeitlichen
Ordnungen. Diese werden nun nicht vielschichtig kodiert, wie sie es ursprünglich
im kulturellen Gedächtnis sind, sondern rigoros vereinheitlicht; zudem
werden sie politisch instrumentalisiert. Daher bekommen sie lediglich Signalwert
und dienen als reine Merkzeichen und Appelle für ein gemeinsam verkörpertes Gedächtnis.
Es handelt sich hier also um ein Gedächtnis, dessen Inhalte von gesellschaftlichen
Gruppen getragen und geformt werden, sich jedoch in Medien des kulturellen
Gedächtnisses manifestieren.
In dieser Definition versteht Aleida Assmann das soziale Langzeitgedächtnis
als eine Art Misch- oder Übergangsform vom kollektiven zum kulturellen
Gedächtnis. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Gedächtnis tatsächlich
innerhalb dieser von Aleida und Jan Assmann eingeführten Hierarchien des kommunikativen,
kollektiven und kulturellen Gedächtnisses arbeitet.
Denn es konstituiert sich grundsätzlich im sozialen und kommunikativen Austausch
von Individuen und Gruppen und besteht so aus einer Vielzahl von Vergangenheitserzählungen.
Diese nehmen Textspuren auf und reichern sie mit sozialer Energie
(Stephen Greenblatt) an; sie deuten die jüngste Vergangenheit mit Hilfe von "älteren"
Gedächtnisfäden und flechten sie so in das Bedeutungsgewebe einer Kultur
(Clifford Geertz) ein.
Es erscheint daher sinnvoll, die Gedächtnisse als miteinander versponnene Erzählungen
zu begreifen, die in das kulturelle Netz eingehängt sind. Als Teil dieser kulturellen
Kulisse suchen sie, die "Gegenwart sinnstiftend zwischen Geschichte und Zukunft
zu verspannen", sollen der Gesellschaft ein identifikatorisches Profil verleihen
und "auf eine konsensfähige Basis dieser Deutungen hinweisen".4
Auf diese Weise zirkulieren Bedeutungen ständig zwischen den unterschiedlichen
Medien in Zeit und Raum; sie erkennen die hierarchische Einteilung in unterschiedliche
Gedächtniskategorien nicht an, sondern ziehen sich abhängig von der Kommunikationssituation
durch die Erzählungen über die Vergangenheit. Je nach Zeit und Raum werden sie
fallen gelassen oder aber ausgewählt, entsprechend codiert und mit Emotionen aufgeladen.
Als bedeutungsvolle Bestandteile des kulturellen Gewebes definieren diese
Gedächtnisfäden aktuelle kollektive Selbst- und Fremdbilder, weisen aber
selbst eine mehr oder weniger in die Vergangenheit zurückreichende longue
durée (Fernand Braudel) auf.
Aus dieser Perspektive beschreibt der Begriff des sozialen Langzeitgedächtnisses
sowohl die narrative Konstitution von Gedächtnis als auch die Eigenschaft von
kleinsten Erzähleinheiten, so genannten kulturellen Skripts (Klaus Zeyringer),
über lange Perioden hinweg virulent und bedeutungsvoll zu sein. Gleichzeitig impliziert
der narrative Charakter des Gedächtnisses selektive Strategien, die Elemente aus
dem Gedächtnis hervorheben und andere verschwinden lassen. "C'est plus précisément
la fonction séléctive du récit qui offre à la manipulation l'occasion et les moyens
d'une stratégie rusée qui consiste d'emblée en une stratégie de l'oubli autant
que de la remémoration."5
Dieser Auswahlprozess läuft allerdings im Spannungsfeld bewusst -
unbewusst, aktiv - passiv ab; er lässt Vergangenheitserzählungen
entstehen, die als "fruit de la mémoire et de l'oubli, d'un travail de composition
et de recomposition [...] la tension exercée par l'attente au futur sur l'interprétation
du passé"6 übersetzen
und begreifbar machen. In diesem Sinn kann Erinnern/Vergessen als bewusst verfolgte
Strategie, als Reaktion auf hegemoniale Erzählungen oder als unwillkürliches und
ungesteuertes Ausleseverfahren begriffen werden. In jedem Fall prägt es das soziale
Langzeitgedächtnis einer Gesellschaft mit. Dabei wirken die Auswahlverfahren
zwischen Erinnern und Vergessen normierend - sie münden
zwar in einen allseits anerkannten Konsens und doch vermögen sie es nicht, widersprüchliche
Erzählungen vollends zu löschen.
Bereits die erste "Wehrmachtsausstellung" reagierte auf eine sowohl in Deutschland
als auch in Österreich dominante Erzählung über den Zweiten Weltkrieg. Diese nahm
ihren Ausgang im Grunde schon im letzten Wehrmachtsbericht vom 9. Mai 1945 (Ausstellungskatalog,
S. 639) und hatte zum Ziel, die Wehrmacht von allen Makeln reinzuwaschen und ihre
"Ehre" wiederherzustellen. In Österreich gelang dies zusätzlich über die Selbstdarstellung
als "erstes Opfer" der Aggressionspolitik Hitlers und in logischer Konsequenz
über eine klare Abgrenzung von Deutschland. Die österreichischen Wehrmachtssoldaten
erschienen in diesem Licht als Opfer des "deutschen" Nationalsozialismus und
reihten sich in die lange Liste der österreichischen Opfer ein. Sie waren also
Teil der Opferthese, die dazu diente, die Verhandlungen um den Staatsvertrag zu
untermauern, Wiedergutmachungsforderungen abzuweisen, die "Heimkehrer" zu integrieren
und ein österreichisches Nationalbewusstsein zu schaffen.
Gleichzeitig musste man in den 1950er Jahren auf die Prozesse gegen Wehrmachtsgeneräle
und -offiziere reagieren. Beschönigende Memoiren setzten sich mit der Rolle der
Wehrmachtsführung auseinander, und Erzählungen über die verheerende Niederlage
in Stalingrad bekamen als Inbegriff des sinnlosen Mordens und Abschlachtens von
deutschen und österreichischen Soldaten einen hohen Stellenwert. Gründe für den
Krieg wurden im Allgemeinen keine genannt; auch wurde verschwiegen, dass es sich
um einen Angriffs- und Vernichtungsfeldzug gehandelt hatte. Allfällige Inkongruenzen
wurden sinnstiftend und entschuldend als "Pflichterfüllung" dargestellt.
Vor den 1980er Jahren fiel dieser Ausdruck durchaus "in den Bereich des Sagbaren"
und löste "keine Diskussionen dahingehend [aus], dass der Begriff der 'Pflichterfüllung'
im Widerspruch zum Opferstatus, zu 'Ohnmacht' und 'Zwang', der österreichischen
Wehrmachtsoldaten stand"7.
Erst im Laufe der 1980er Jahre - in Österreich vor allem mit der Debatte um die
nationalsozialistische Vergangenheit von Kurt Waldheim (1986) - rückte
das Verhalten einzelner "Berufssparten" während der NS-Zeit in den Mittelpunkt
von kritischen Betrachtungen. Dabei blieben allerdings die Bereiche Krieg und
Judenvernichtung fein säuberlich voneinander getrennt, auch in der wissenschaftlichen
Forschung. Diese Leerstelle bemühte sich nun die erste Ausstellung unter dem Titel
"Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" zu schließen.8
Sie trat damit "explizit der nach Kriegsende fabrizierten Legende von der
'sauberen Wehrmacht' - dieser Lüge -"9
entgegen.
Offensichtlich legte sie die Hand in eine immer noch nicht zugeheilte Wunde, denn
es entzündeten sich heftige Diskussionen an ihr. Der Tabubruch bewirkte aber auch
eine verstärkte Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet. Ehemalige Wehrmachtsoldaten
erlangten den Status befragbarer Zeitzeugen, Feldpostbriefe und persönliche Kriegsphotographien
wurden als historische Quelle neu entdeckt ... Die Frage nach der Haltung der
Wehrmachtsoldaten zum Nationalsozialismus und dessen Vernichtungspolitik rückte
dabei in den Vordergrund.
Die erste Ausstellung wurde schließlich von der Kritik an den Ausstellungsphotos
und den Vorwürfen der (bewussten) Fälschung zu Fall gebracht. Noch während eine
Kommission alle Photos genau auf diese Anschuldigungen hin überprüfte, wurde die
Ausstellung zurückgezogen und von einem neuen Team zum selben Thema eine zweite
neu konzipiert. Diese reagierte auf unterschiedliche Diskurse: Zunächst nimmt
sie die Kritik an der ersten "Wehrmachtsausstellung" auf und sucht nach neuen
Lösungen. Davon betroffen ist sowohl die Argumentationslinie als auch die Art
der Aufmachung, des Zeigens. Gleichzeitig greift sie mit den Kapiteln "Deportationen"
(Ausstellungskatalog, S. 361-428) und "Sowjetische Soldaten in Deutscher Kriegsgefangenschaft"
(Ausstellungskatalog, S. 187-286) neue Themen auf. In der Zwischenzeit erlangte
die Diskussion um Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter politische
Bedeutung.
Während sie hier zu aktuellen Diskussionen indirekt Stellung bezieht, versucht
sie auf der anderen Seite offenbar, mögliche Anknüpfungspunkte für einen spezifisch
deutschen Entschuldungsdiskurs zu vermeiden. Sie rückt die "deutschen" Kriegsverbrecher
in den Vordergrund - abgesehen von dem Kommandierenden
General in Serbien, Franz Böhme (Ausstellungskatalog, S. 560), wird kein anderer
österreichischer Kriegsverbrecher porträtiert. Ebenso wird die Wehrmacht in den
Texten immer wieder mit dem Attribut "deutsch" versehen, obwohl ihre ursprüngliche
Bezeichnung dieses Beiwort nicht beinhaltete. Karten wie zum Beispiel jene der
"Lager für sowjetische Kriegsgefangene im Sommer 1941" (Ausstellungskatalog,
S. 199) - sie zeigt die Standorte der Lager für sowjetische
Kriegsgefangene, wobei das Territorium des Dritten Reichs in den Grenzen von 1937
von fetten Linien, die annektierten Gebiete wie Österreich oder das Protektorat
Böhmen und Mähren nur mit dünnen gekennzeichnet sind -
unterstreichen zusätzlich, dass die Verbrechen von "Deutschen" verübt worden
sind.
Die Ausstellung richtet sich also in erster Linie an ein deutsches Publikum. Darauf
weisen auch die Darstellungen der Entwicklungsgeschichte des Kriegsrechts und
insbesondere der Nachkriegsjustiz und der Integration ehemaliger Nationalsozialisten
in die Gesellschaft der BRD und der DDR hin. Österreich findet im Kapitel "Nachkriegszeit"
(Ausstellungskatalog, S. 637-729) - abgesehen von
einem Ausschnitt des Films "Jenseits des Krieges" von Ruth Beckermann10
- keine Erwähnung. Dieses Fehlen jeglicher Verweise
auf eine breite Mitverantwortung der österreichischen Bevölkerung kann dem Ausstellungsteam
aus Unachtsamkeit unterlaufen sein,11
aber gleichzeitig auch mit einem starken Entschuldungsdiskurs in Deutschland zu
tun haben. Gerne wird versucht, sich mit dem Hinweis auf Hitlers österreichische
Herkunft zu entschulden und "reinzuwaschen". Die Porträts dreier Österreicher,
die sich trotz der drohenden Gefahren aus heutiger Sicht vorbildlich verhalten
haben - es handelt sich um den Arzt Erwin Leder, den
Deserteur Anton Brandhuber und den Unteroffizier Anton Schmid (Kapitel "Handlungsspielräume",
Ausstellungskatalog, S. 579-627) -, scheinen dieser
deutschen Entschuldungsstrategie entgegenwirken zu wollen.
Der Import dieser "deutschen" Ausstellung nach Österreich wirft ähnliche Fragen
und Probleme auf, wie sie der eingangs zitierte Niko Ewers (Bielefeld) anhand
des Beispiels Kalavryta (Ausstellungskatalog, S. 570-578) für die griechischen
Besucherinnen und Besucher darstellte. Aus österreichischer Perspektive erscheint
die Darstellung aufgrund dieser ungleichgewichtigen Auswahl von wenigen (österreichischen)
Kriegsverbrechern und verhältnismäßig vielen, die ihren "Handlungsspielraum"
mehr oder weniger mutig ausnutzten, wie eine Umkehrung der Tatsachen; ist doch
spätestens seit Erika Weinzierls Publikation "Zu wenig Gerechte"12
bekannt, dass der österreichische Widerstand und die Hilfsbereitschaft der Österreicherinnen
und Österreicher für die jüdische Bevölkerung sich in Grenzen gehalten hatten.
Zudem nahmen Österreicher nicht nur in der SS führende Positionen ein, sondern
auch innerhalb der Wehrmacht. Walter Manoschek und Hans Safrian13
weisen darauf hin, dass insbesondere die in den Wehrkreisen XVII und XVIII aufgestellten
Verbände zu einem Großteil aus Österreichern bestanden und häufig auch als "ostmärkische"
Einheiten bezeichnet wurden.
"Schon beim Angriff
auf Jugoslawien und Griechenland im Frühjahr 1941 nahmen Österreicher wichtige
Funktionen ein. Bei der Untersuchung der Spuren, die die genannten Divisionen
[es handelt sich um die 717. und die 718. Infanteriedivision; Anm. d. Verf.]
in der Folgezeit in Jugoslawien und Griechenland hinterließen, fanden wir eine
überraschende Vielzahl von österreichischen Generälen, die auf diesem Kriegsschauplatz
in wichtigen Kommandopositionen eingesetzt waren."14
So erhielt Generalleutnant Alexander
Löhr das Kommando über die Luftstreitkräfte in Österreich; er war in dieser Position
sowohl für die katastrophale Bombardierung Belgrads in der Nacht vom 6. auf den
7. April 1941 - in Belgrad waren mehr Opfer zu beklagen
als nach den vorherigen Bombardements von Warschau, Rotterdam und Coventry zusammen
- als auch für die Eroberung der von britischen Soldaten
besetzten Insel Kreta, die er am 1. Juni 1941 für "feindfrei" erklärte.15
Die zweite "Wehrmachtsausstellung" nannte weder Alexander Löhr noch Lothar Rendulic,
Maximilian de Angelis, Edmund Glaise-Horstenau, Julius Ringel, Walter Dinghofer,
Adalbert Lontschar oder andere Österreicher in Spitzenpositionen, die für die
Kriegsverbrechen auf dem Balkan verantwortlich zeichneten. Einzig General Franz
Böhme, der ab dem 16. September 1941 der Bevollmächtigte Kommandierende General
in Serbien war, wird im Zusammenhang mit dem "Beginn des Völkermords" (Ausstellungskatalog,
S. 558-565) in einem Kurzporträt vorgestellt.16
Zudem scheint die zweite "Wehrmachtsausstellung" jeden Bezug auf den so genannten
"Stalingradmythos" vermeiden oder eine Gegenerzählung zu den hegemonialen Kriegsgeschichten
verbildlichen zu wollen. Auffällig wird diese Absicht zunächst dadurch, dass auf
keiner der Detailkarten, die bei jedem Beispiel als geographische Orientierungshilfen
angebracht sind, Stalingrad/Wolgograd eingezeichnet ist. Abgesehen davon findet
bei den Beispielen Kiew und Charkow zwar die 6. Armee Erwähnung (Ausstellungskatalog,
S. 160-165 und S. 179-185), nicht aber, dass es sich dabei um jene Einheit handelt,
die in Stalingrad jene verheerende Niederlage einstecken musste, die im Verlauf
des Zweiten Weltkriegs eine bedeutende Zäsur darstellte. Schließlich sind die
Beispiele so angeordnet, dass die Bewegungen der einzelnen Truppenverbände weder
nachzuvollziehen sind noch ein Zusammenhang zwischen den Massenerschießungen der
jüdischen Bevölkerung und (der Niederlage in) Stalingrad herzustellen ist.
Hat die erste Ausstellung mit der Darstellung der 6. Armee als Teil des Vernichtungskriegs
noch bewusst das Ziel verfolgt, die Erzählung vom "Opfergang" dieses Wehrmachtsverbands
(endgültig) zu brechen, ging die zweite Ausstellung hier einen anderen Weg. Das
Ereignis "Stalingrad", das "den Medien nicht nur als ein identitätsbildender
Bezugspunkt für die Bewertung des Krieges und die Betrachtung der Kriegsteilnehmer,
sondern als das Erinnerungsereignis schlechthin"17
diente, sollte wohl von den grauenhaften Darstellungen des Massenmords an den
Jüdinnen und Juden stillschweigend verdrängt, überdeckt, ausgelöscht werden. Welche
Strategie auch verfolgt wurde bzw. wird, Stalingrad sollte jede "Unschuldigkeit"
genommen werden.18
Die Auswahl, die das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) zur Darstellung
des Vernichtungskriegs getroffen hat, beeinflusste unsere eigene Art, Schwerpunkte
zu setzen, Informationen wegzulassen oder hinzuzufügen. An dieser Stelle muss
auch darauf hingewiesen werden, dass der Faktor Zeit unsere Auswahl zusätzlich
steuerte. In zirka 60 bis 90 Minuten war es unmöglich, jedes Detail im Rundgang
zu beachten und zu erklären. Zudem wählten Schulgruppen zwei bis vier Themenbereiche
nach einer Einführung in die Ausstellung selbst aus; gleichzeitig versuchte ich
aber einen klaren Bezug zu Österreich herzustellen. Um auch Kinder von Migrantinnen
und Migranten anzusprechen, kamen wir bereits im Vorfeld der Ausstellung überein,
über ihre Herkunft bzw. die Herkunft ihrer Eltern eine emotionale Verbindung und
Betroffenheit herzustellen. Bei Erwachsenen bzw. bei angemeldeten Gruppen bemühte
ich mich, auf deren berufliches oder politisches Selbstverständnis einzugehen
und die Themenbereiche danach auszuwählen. Anknüpfungspunkte zum österreichischen
sozialen Langzeitgedächtnis bot zum Beispiel der Feldpostbrief von einem
Wehrmachtsoldaten aus Wien namens Franzl, der die antisemitischen Pogrome in Tarnopol
guthieß und damit seine nationalsozialistische Gesinnung klar zum Ausdruck brachte
(Ausstellungskatalog, S. 102). Eine Verbindung ließ sich auch über den blutigen
Weg der 6. Armee nach Stalingrad herstellen, wenn ich die entsprechenden Informationen
ergänzte.
Dasselbe galt für den Bereich der Nachkriegszeit: Hier bot die Geschichte des
Unteroffiziers Anton Schmid aus zweierlei Gründen einen willkommenen Anknüpfungspunkt.
Zum einen brachte "Der Standard" anlässlich der Eröffnung der "Wehrmachtsausstellung"
unter dem Titel "Ein Retter aus Wien"19
ein Porträt dieses "Gerechten unter den Völkern". Die Geschichte von Anton Schmid
war also über die Grenzen der Ausstellung bekannt. Zum anderen konnte ich über
die Stadt Vilnius eine Verbindung herstellen. Denn sowohl Anton Schmid als auch
der ehemalige Stabsleiter des Gebietskommissariats Wilna-Stadt Franz Murer waren
hier tätig. Franz Murer war für seine Willkür und seine Brutalität unter der jüdischen
Bevölkerung des Wilnaer Ghettos besser unter dem Namen "der Schlächter von Wilna"20
bekannt.
Diese Gegenüberstellung diente nicht nur dazu, das positive Bild Österreichs in
der Ausstellung zu korrigieren, sondern auch den Umgang mit der nationalsozialistischen
Vergangenheit zu thematisieren. Franz Murer stellte insbesondere für die nachlässige
Nachkriegsjustiz21
in Österreich ein schlagkräftiges Beispiel dar. Simon Wiesenthal fand Ende der
1950er, Anfang der 1960er Jahre heraus, dass dieser Kriegsverbrecher22
zwar einen kleinen Teil seiner Haftstrafe in der UdSSR abgesessen hatte, aber
nach seiner Rückkehr nach Österreich nicht in ein Gefängnis, sondern in seinen
Heimatort in der Obersteiermark kam. Hier war er als Obmann der Bezirksbauernkammer
Liezen tätig und Mitglied der ÖVP. Der Prozess fand schließlich vom 10. bis 19.
Juni 1963 vor einem Geschworenengericht in Graz statt. Die Söhne von Franz Murer
und der Angeklagte selbst verhöhnten während der Gerichtsverhandlung die jüdischen
Zeuginnen und Zeugen; das Urteil sprach ihn von der Anklage wegen Mordes und Mordversuchs
frei.23 Doron
Rabinovici erzählte, dass nach der Urteilsverkündung einer der Zeugen noch Blumen
für einen Besuch besorgen wollte, jedoch in keinem der Grazer Blumengeschäfte
noch welche bekommen konnte. Denn diese waren zur Gänze von den über den Freispruch
jubelnden Grazerinnen und Grazern zur Begrüßung von Franz Murer aufgekauft worden.24
Diese Erzählung illustriert das Klima des unverhohlenen Antisemitismus der 1950/1960er
Jahre in Österreich.
Eine Alternative zu diesem Abschluss des Ausstellungsgesprächs stellte das Beispiel
des Äußeren Burgtors mit dem "Heldendenkmal" für die Gefallenen der
beiden Weltkriege und dem "Weiheraum für die Opfer des Österreichischen Freiheitskampfs"
dar. Indem es an zwei Opfergruppen erinnert, die einander während des Kriegs bekämpft
hatten, macht es den "double speak" (Anton Pelinka) der österreichischen
Vergangenheitspolitik sichtbar. Mit den Diskussionen um die Demonstration gegen
die "Wehrmachtsausstellung" und jene wider den Rechtsradikalismus am
13. April 2002 und mit der Ehrung der "Helden" der beiden Weltkriege
am 8. Mai 2002 erlangte dieses Thema eine gewisse Brisanz. Es diente mir häufig
auch als Erklärung für Schülerinnen und Schüler, die den Sinn der Demonstrationen
und der allgemeinen Aufregung um die Gedenkfeier am 8. Mai nicht verstanden. Das
Beispiel führte auch oft zu Diskussionen über die Rehabilitation von Deserteuren.
Ähnliches politisches Konfliktpotential beinhaltete im Grunde nur noch die Definition
von Kriegsverbrechen und die Bestimmung des Militärstrafgesetzbuchs, dass ein
Soldat bestraft werden konnte, "wenn ihm bekannt gewesen ist, dass der Befehl
des Vorgesetzten eine Handlung betraf, welche ein bürgerliches oder militärisches
Verbrechen bezweckte".25
Hier zogen die Besucherinnen und Besucher gerne direkte Vergleiche zu aktuellen
Konflikten und Kriegen, was bei uns auf entsprechende Ablehnung stieß.
Gerade in den Diskussionen, die in dieser Ausstellung im Grunde nur im Rahmen
der Vermittlungsangebote stattfanden und von uns auch provoziert wurden, wird
das Spannungsfeld unserer Arbeit deutlich. Es war bestimmt von der Ausstellung,
die auf aktuelle Vergangenheitserzählungen antwortet, von den unterschiedlichen
Narrativen des sozialen Langzeitgedächtnisses unserer Besucherinnen und
Besucher und von unseren eigenen Ansprüchen, die selbst in diesem sozialen
Langzeitgedächtnis wurzeln. Innerhalb dieser Wechselbeziehung wählten wir
in unseren Darstellungen der Vergangenheit nicht nur aus den vergangenen Ereignissen
aus, sondern verknüpften sie zusätzlich mit tagespolitischen Ereignissen. Erinnern
und Vergessen umschreibt in diesem Sinn einen interpretativen Vorgang, der wesentlich
von der Gegenwart mit geprägt wird. Er verläuft dabei jedoch nicht linear und
zielgerichtet, sondern oszilliert zwischen den unterschiedlichen Positionen nebeneinander
stehender Erzählungen.26
- 1
Niko Ewers, Wehrmachtsverbrechen auch in Griechenland. Bericht zu einer Veranstaltung
im Rahmen der Wehrmachtsausstellung in Bielefeld am 1.3.2002, veröffentlicht
in: H-Soz-u-Kult (Humanities - Sozial- und Kulturgeschichte) am 11.3.2002;
abrufbar unter: <http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=h-soz-u-kult&month=0203&week=b&msg=z8VXl4S6qBtg72q6StEvtA&user=&pw=>;
ich danke Monika Sommer für diese Information.
- 2
Vgl. Aleida Assmann, 1998 - Zwischen Geschichte und Gedächtnis, in:
Aleida Assmann, Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit.
Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, S. 21-147,
hier insbesondere: S. 35-50.
- 3
Vgl. ebenda; Jan Assmann, Körper und Schrift als Gedächtnisspeicher. Vom kommunikativen
zum kulturellen Gedächtnis, in: Moritz Csáky, Peter Stachel (Hrsg.), Speicher
des Gedächtnisses. Bibliotheken, Museen, Archive. Teil 1: Absage an und Wiederherstellung
von Vergangenheit, Kompensation von Geschichtsverlust, Wien 2000 (Passagen
Orte des Gedächtnisses), S. 199-213.
- 4
Beate Binder, Peter Niedermüller, Wolfgang Kaschuba, Inszenierungen des Nationalen
- einige einleitende Bemerkungen, in: Beate Binder, Peter Niedermüller,
Wolfgang Kaschuba (Hrsg.), Inszenierungen des Nationalen. Geschichte, S. 7-15,
hier: S. 9.
- 5
Paul Ricoeur, La Mémoire, l'Histoire, l'Oubli, Paris 2000 (L'Ordre Philosophique),
S. 103. Dt. Übersetzung: "Es handelt sich genauer gesagt um die selektive
Rolle der Erzählung, die der Manipulation die Gelegenheit und Mittel zu einer
schlauen Vorgangsweise gibt: Sie verfolgt zeitgleich eine Strategie des Vergessens
und gleichermaßen des Erinnerns." (Übers. v. d. Verf.)
- 6
Marc Augé, Les formes de l'oubli, Paris 1998, S. 54-55. Dt. Übersetzung: "[...]
Frucht von Erinnerung und Vergessen, einer sich ständig wiederholenden Kompositionsarbeit,
den von Zukunftserwartungen erzeugten Druck auf die Vergangenheitsinterpretationen
[...]."
- 7
Alexander Pollak, Die Wehrmachtslegende in Österreich. Das Bild der Wehrmacht
im Spiegel der österreichischen Presse nach 1945, Wien, Köln, Weimar 2002,
S. 53.
- 8
Vgl. dazu Walter Manoschek, "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941 bis 1944". Innenansichten einer Ausstellung, in: Zeitgeschichte
29 (2002) H. 2, S.64-75, hier: S. 65.
- 9
Alexander Pollak, Die Historisierung eines Tabubruchs. Von der umstrittenen
Entmythologisierung des Bilds der "sauberen Wehrmacht" zur versachlichten
Dokumentation des Vernichtungskrieges: ein Vergleich der beiden Wehrmachtsausstellungen,
in: Zeitgeschichte 29 (2002) H. 2, S. 56-63, hier: S. 57.
- 10
Ruth Beckermann, Jenseits des Krieges. Ehemalige Wehrmachtssoldaten erinnern
sich, Wien 1998. Es handelt sich hier um das Buch zum gleichnamigen Film.
Im Ausstellungskatalog wird dieser Dokumentarfilm über die Reaktionen ehemaliger
Wehrmachtssoldaten und ihrer Angehörigen auf die "Wehrmachtsausstellung"
in Wien nicht erwähnt.
- 11
Diese Unachtsamkeit ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass keine
österreichischen Wissenschafterinnen und Wissenschafter mehr zur Mitarbeit
eingeladen wurden.
- 12
Erika Weinzierl, Zu wenig Gerechte. Österreicher und Judenverfolgung 1938-1945,
Graz, Wien, Köln 1969.
- 13
Vgl. Walter Manoschek, Hans Safrian, Österreicher in der Wehrmacht, in: Emmerich
Tálos, Ernst Hanisch, Wolfgang Neugebauer, Reinhard Sieder (Hrsg.), NS-Herrschaft
in Österreich. Ein Handbuch, Wien 2000, S. 123-158.
- 14
Ebenda, S. 124.
- 15
Vgl. ebenda, S. 132-134. Alexander Löhr wurde nach dem Krieg auf Gedenktafeln,
die an öffentlichen Gebäuden angebracht waren, als Gründer der österreichischen
Luftwaffe geehrt. Dies gab Anfang des Jahres 1986 Anlass zu einem Skandal,
der später von der Waldheim-Affäre überdeckt wurde. Vgl. dazu Pollak, Die
Wehrmachtslegende in Österreich, S.114-115.
- 16
Zu General Böhme und zu den unter seinem Befehl verübten Kriegsverbrechen
vgl. u.a. Walter Manoschek, Partisanenkrieg und Genozid. Die Wehrmacht in
Serbien 1941, in: Walter Manoschek (Hrsg.), Die Wehrmacht im Rassenkrieg.
Der Vernichtungskrieg hinter der Front, Wien 1996, S.142-167.
- 17
Pollak, Die Wehrmachtslegende in Österreich, S. 74.
- 18
Alexander Pollak beschrieb Stalingrad im sozialen Langzeitgedächtnis als "unschuldig[en]
[...] Ort, der [nicht] für NS-Verbrechen steht." Ebenda, S. 74.
- 19
Vgl. Manfred Wieninger, Christine M. Pabst, Ein Retter aus Wien, in: Der Standard,
6./7. April 2002.
- 20
Diese Bezeichnung stammt von den Jüdinnen und Juden, die im Ghetto von Wilna
eingesperrt waren und von Franz Murer täglich mit ausgesuchten Grausamkeiten
terrorisiert wurden. Vgl. zum Fall Murer: Sabine Loitfellner, Die Rezeption
von Geschworenengerichtsprozessen wegen NS-Verbrechen in ausgewählten österreichischen
Tageszeitungen 1956-1975. Bestandsaufnahme, Dokumentation und Analyse von
veröffentlichten Geschichtsbildern zu einem vergessenen Kapitel österreichischer
Zeitgeschichte. Unveröffentlichter Bericht im Rahmen des Projektes: "Gesellschaft
und Justiz - Entwicklung der rechtlichen Grundlagen, öffentliches
Echo und politische Auseinandersetzungen um die Ahndung von NS-Verbrechen
in Österreich" (Projekt Nr. 8709 des Jubiläumsfonds der ÖNB, Leiter Winfried
Garscha).
- 21
Vgl. http://www.nachkriegsjustiz.at.
- 22
Vgl. dazu ausführlich: Loitfellner, Die Rezeption von Geschworenengerichtsprozessen.
- 23
Aufgrund einer Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft Graz hob der
OGH das freisprechende Urteil auf. Das Verfahren wurde aber nach Abschluss
weiterer Ermittlungen schließlich vom Landesgerichtshof Graz am 24.7.1974
eingestellt (vgl. Sabine Loitfellner, Die Rezeption von Geschworenengerichtsprozessen).
- 24
Diese Geschichte erzählte Doron Rabinovici in der Dialogführung am 20. April
2002.
- 25
Zit. n. Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944.
Ausstellungskatalog, hrsg. v. Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg
2002, S. 34.
- 26
Vgl. Manoschek, "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis
1944", S. 73.