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zeitGeschichte 2/3 2002
Kriegsphotographie
als Ort der Erinnerung
Photographie
zwischen privat und öffentlich am Beispiel eines Kriegserinnerungsalbums und
des Diskurses um die Photographien der Wanderausstellung "Vernichtungskrieg.
Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944"1
Gerald Lamprecht
Prolog
Anfang Juni 1940 wurde
der vierzigjährige G. H.2
als Teil eines Artillerieregiments nach Norwegen in Marsch gesetzt. Sein Aufgabengebiet
ist im Wehrpaß mit "4. 6. - 2. 11. 1940 Sicherung Norwegens"3
beschrieben. Mit seiner Familie war er während dieser Zeit mittels Feldpost in
Kontakt und schilderte ihr, sofern es überhaupt möglich war, seine Erlebnisse.
Die Feldpost war für den Zeitraum von fünf Monaten sein einziger Kommunikationsfaden,
der es ihm ermöglichte, sich mitzuteilen und auch den Eltern Lebenszeichen zu
geben. Mit dabei hatte er auch eine Kamera, mit der er diesen Abschnitt seines
Lebens auch bildlich dokumentierte. Wieder zu Hause, gestaltete er aus den Photographien
und der Beschriftung sein ganz persönliches Kriegsnarrativ und hielt dieses in
seinem "Kriegserinnerungsalbum" fest.
H. war in Norwegen Teil der Besatzungstruppe und mit dementsprechenden Aufgaben
betraut. So verbrachte er einen Großteil seiner Zeit mit Besorgungsfahrten durch
Norwegen und hatte dabei mit den unterschiedlichsten organisatorischen und planerischen
Tätigkeiten zu tun. Auf einer dieser Fahrten sank am 23. Oktober 1940 das Schiff,
auf dem er sich befand, nachdem es auf eine Treibmine aufgelaufen war. Er erlitt
dabei schwere Verletzungen des Rückgrats,4
verbrachte daraufhin einige Wochen im Lazarett von Bodö, ehe er Ende November
1940 nach Villach verlegt und von dort in eine Unabkömmlickeitsstellung entlassen
wurde.5
Seinen Eltern schrieb er Mitte Oktober 1940 einen Brief, in dem er seine grundsätzlichen
Impressionen und seine "geplanten" Kriegserinnerungen, die sich auch
in seinem Erinnerungalbum manifestieren sollten, folgendermaßen beschrieb:
["Wenn einer eine
Reise tut, dann kann er was erzählen", ich tu eine Reise u. will Euch was
erzählen.]6
Gute Kameraden,
Mai 1940
H. erzählt in den Briefen und Karten
von seiner Reise und hält sie auch in einer Vielzahl von Photographien fest. Diese
werden im Erinnerungsalbum zur Bildgeschichte, die einen völlig "unkriegerischen"
Krieg nachzeichnet. Die "Weserübung" mit all ihren Zerstörungen und
Entbehrungen wird zur KdF-Reise und der Krieg zum Urlaub. Die Photogeschichte
vermittelt dem Betrachter des Albums ein Bild einer Reise mit dem "Reisebüro
Wehrmacht".
Die Bildgeschichte vom Unternehmen in Norwegen beginnt mit dem "'Sammeln'
vor d. Norw. Unternehmen im Nord-Osten v. Berlin"7
und zeigt zwei "gute Kameraden", die beabsichtigen, das kommende Abenteuer,
dem sie voller Erwartungen entgegengehen, gemeinsam zu erleben. Weiter geht es
mit dem "Hafen u. Verladen in Aalborg", ehe er "auf der Überfahrt"
und später bei der "Waffenstillstandsfeier: 25. 6. 1940" "in Jörstad
b. Snasa" mit dabei ist, wo er rund einen Monat bleiben sollte. Das "Quartier
[befindet sich] in der landw. Schule", wo es den "Pferdeappell jeden
Mittwoch!" gibt und auch das "Kaffee zum 'Ge-läufigen Engländer' Mitte
Juli 1940", das wohl als Zeichen des Triumpfs zu verstehen ist. In Jörstad
macht er Photos von "unserem Küchenbullen", dem "Batterieabend",
den Kameraden und den Pferden; "meine gute 'Thyra'". Nach einem Heimaturlaub
bezieht er für längere Zeit "Quartier in Hylla - Nordberg, 10. 8.-6. 9. 40",
das ihn besonders auf Grund der ungewöhnlichen Landschaft beeindruckt ("Blick
nach der Landseite", "Blick von Nordberg auf d. Drontheimfjord [sic!]").
Doch neben den Landschaftsphotographien erinnert er auch daran, daß man sich im
Krieg befindet und für einen etwaigen Einsatz vorbereitet sein muß: "Scharfschießen,
Stiklestad, 15. 8. 40". In Nordberg ist sein Norwegenabenteuer allerdings
noch nicht beendet: "Am 7. 9. 40 als Führer des Vorkommandos von Drontheim
mit D. [Dampfer] Rüdesheimer über Harstadt - Tromsoe nach Alta, mit Krad (130
Kilom.) weiter noch!"; bis nach "Badderen". Von dieser Reise schreibt
er an seine Eltern:
[Aus dem höchsten Norden
herzliche Grüße. Die Schiffsreise war herrlich, schade daß sie nur kurz war.
Jetzt warten neue Aufgaben unser, doch außer jeder Gefahr.]8
[Ich lebe z. Zt. in Badderen (richtiger Name), et. 130 Kilom. südwestlich von
Alta, großer Fjord, Riesenberge d. h. nackter Fels, imposante Eindrücke der
ja ganz gewaltigen Natur, man kann sich als Mitteleuropäer einfach keinen Begriff
machen.]9
Tischler und
Zimmerleute bauen Baracken aus!
In Badderen besteht nun seine Tätigkeit
im Aufbau einer Barackensiedlung für die nachfolgende Einheit. Auch diese Tätigkeiten,
die ihm Freude bereiten, hat er dokumentiert, um sich auch noch später daran erinnern
zu können: "Fundamentbau für Einheitsbaracken"; "Tischler u. Zimmerleute
bauen Baracken aus!"; "Entlademannschaft Kai Badderen (Im Hintergrund
unser schöner ,Spieß`!)". Neben der Arbeit gibt es auch noch Freizeitaktivitäten
wie das "Entenschießen auf dem Kvaenangenfjord, je Ente 17 Schuß mit Karabiner!".
Doch den touristischen Höhepunkt seines Einsatzes in Norwegen stellt für ihn seine
"Dienstreise von Badderen - Drontheim" mit verschiedenen Küstendampfern
dar. Diese Schiffsfahrt dokumentierte er im Erinnerungsalbum mit dreizehn Landschaftsphotographien
auf das ausführlichste.
Blick von Nordberg
auf den Drontheimfjord, Aug. 1940
Neben den vielen Photographien (86)
sowie Reise- und Landschaftsbeschreibungen sprechen auch die drei Landkartenausschnitte
Norwegens, die er in das Album eingeklebt hat, für das Bild einer touristischen
Reise. In diesen Ausschnitten hat er händisch die einzelnen Reisestationen markiert
und zum besseren Ablesen der Entfernungen auch die Maßstäbe der Karten vermerkt.
Mit wenigen Ausnahmen zeichnet H. für seine Eltern wie auch für seine eigene Erinnerung
das Bild eines friedlichen Aufenthalts in einem fremden Land und nicht jenes,
das man sich von einem Soldaten, der Teil einer feindlichen Besatzungsarmee ist,
erwarten würde. Begründet dürfte dieser Blick darin sein, daß H. beinahe die ganze
Zeit über in keine Kampfhandlungen verstrickt war und somit kaum Tod und Zerstörung
unmittelbar miterlebte und zudem in dieser Gesprächssituation10
- er befindet sich im Krieg und damit in Gefahr, seine Familie ist schlecht informiert
und macht sich Sorgen - seine Familie nicht durch ein destruktiver gezeichnetes
Kriegsbild verunsichern wollte. Durchbrochen wird dieses einheitliche Bild lediglich
durch einzelne Momentaufnahmen von aus der Alltagsroutine hervorstechenden Erlebnissen,
die im Erinnerungsalbum jedoch wieder in die Erzählung der Norwegenreise eingebaut
werden. So findet sich im gesamtem Album nur ein einziges Photo, das Zerstörungen
zeigt. Am 6. November 1940 schreibt er aus dem Lazarett, in dem er sich seit seiner
Verletzung am 23. Oktober befindet, an seine Eltern eine kurze Bemerkung über
Bodö:
[Bodö ist bedeutende
Hafenstadt, hat im Frieden so an die 5000 Einwohner, im April 40 sind hier 2
deutsche notgelandete Flieger ermordet worden, daraufhin haben Stukas in 1 Std.
4/5 der Stadt in einen Trümmerhaufen verwandelt! Das ist der Krieg - auch
in Norwegen! B. [Bodö] hats noch mehr erwischt als Narvik.]11
In den meisten Briefen an die Eltern
und auch in der Bildgeschichte zeigt H., daß er seinen Aufenthalt in Norwegen
als einen grundsätzlich unkriegerischen erfährt, denn er sieht die Stätten der
Zerstörung auch immer erst nach den Kämpfen. Es steht für ihn aber doch außer
Frage, daß er sich im Krieg befindet und dieser auch in Norwegen, wie an all den
anderen Kriegsschauplätzen, dementsprechende Methoden erfordert und Auswirkungen
hat. Eine davon besteht darin, daß die deutsche Wehrmacht im Falle von Widerstand
in einer "entsprechenden" Form - aus der Formulierung H.s ist zu entnehmen,
daß es sich für ihn um eine der Tat entsprechende, gerechtfertigte Gegenmaßnahme
handelte - reagiert und damit ihren Siegeswillen außer Zweifel stellt. Dabei setzt
er die Zerstörungen von Bodö durch die deutsche Luftwaffe mit den Zerstörungen
von Narvik, das Schauplatz von besonders heftigen Kampfhandlungen zwischen Alliierten
und deutschen Truppen war, gleich, wobei er weiters betont, daß die Zerstörung
von Bodö, das in keine aktiven Kampfhandlungen verstrickt war, größer sei.
Diese Zerstörungen Bodös kommentiert er auf der Rückseite einer Photographie mit:
"Bodö. Wirkungen deutscher Stukas. Anfang Oktober 1940". Sieht er die
Zerstörung Bodös zuerst noch unter dem Aspekt der gewaltigen "Wirkung",
der Schlagkraft der deutschen Luftwaffe, die dazu nur eine Stunde braucht, so
stellt er diese Photographie des zerstörten Bodö in seinem Erinnerungsalbum wieder
in den Kontext der Reise durch Norwegen.
Bodö, Anfang
Oktober 1940
Er klebt das Photo später in seinem
Erinnerungsalbum auf eine Seite mit einer Landschaftsphotographie mit dem Titel
"Bei Drontheim", und kommentiert es nur kurz mit "Bodö". Dadurch
entspricht das Bild von Bodö zumindest in der photographischen Erinnerung wieder
dem Gesamtbild des Reiseabenteuers und die Ursache wie auch die Zerstörer selbst
verschwinden auf der angeklebten Rückseite und somit im Akt des Einklebens aus
der konstruierten Erinnerung.
Ähnlich wie die Zerstörung Bodös durch die deutsche Luftwaffe in die Reiseerzählung
eingebaut wird, findet auch seine schwere Verletzung durch das Schiffsunglück,
das er nur durch Glück überlebte, ihren Platz in dieser Geschichte. H. klebt eine
Postkarte des gesunkenen Dampfers in sein Album und kommentiert das Bild mit distanzierter
Sachlichkeit, die beinahe vermuten läßt, er selbst wäre davon nicht betroffen.
[Am 23. 10. 1940 lief
dieser Küstenschnelldampfer 125 km. vor Bodö auf eine Treibmine. Ich war seit
Drontheim (21. 10.) an Bord u. wollte zurück zur Truppe, die bei Badderen (Alta)
in Stellung lag. Bei der Explosion wurde 1/5 d. Passagiere lebend gerettet,
51 dtsch. Soldaten ertranken. Ich lag von 23. 10.-29. 11. 40 in Bodö (Norw.)
im Lazarett.]12
Schmerz und Leid, die im ersten Feldpostbrief
an die Eltern aus dem Lazarett noch vorhanden waren,
[Unser Wiedersehen
wird sich etwas hinauszögern, am 23. lief unser Dampfer auf d. Höhe v. Bodö
auf eine Treibmine u. ich liege, wie durch ein Wunder gerettet, jetzt ziemlich
angekratzt im Ortslazarett Bodö. D. Arzt sagt, daß ich ganz gesund werde, falls
keine Komplikationen kommen. Nur Zeit, viel Zeit braucht die Heilung, ich hoffe
aber ins Reich zu kommen. Grund zur Sorge ist nicht.
Furchtbares liegt hinter mir, Gottes Hand hat mich gehalten. 430 Menschen nur
etwas über 80 gerettet!]13
verschwinden hinter einer sachlich-neutralen
Kommentierung im Erinnerungsalbum. Die fundamentale Lebensbedrohung wird in der
Erinnerung zur Episode eines Abenteuers.
Entspricht dieses Bild den tatsächlichen Erlebnissen des G. H. im Norwegen-Feldzug?
Wo bleiben der Tod und die Zerstörung und wo die ungeheure Destruktion, die in
der schriftlichen Kommunikation noch an einigen wenigen Stellen angedeutet wurde.
Im großen und ganzen aber zeichnet H. sowohl in der schriftlichen Kommunikation
wie auch in der bildlichen Darstellung im Erinnerungsalbum das Bild eines "unkriegerischen"
Krieges, eines Reiseabenteuers und der guten Kameradschaft. Der Blickwinkel der
Gewalt, die über weite Teile des Krieges zum Alltag gehörte, ist in diesem Bild,
wie auch in den meisten Erzählungen über den Krieg, nur am Rande zu finden.
Anhand dieses Beispiels eines Kriegserinnerungsalbums und der Diskussionen rund
um die Photographien der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941 bis 1944" vesucht sich dieser Beitrag, Photographien als Ort des Gedächtnisses
anzunähern.
Einerseits soll anhand des Kriegserinnerungsalbums des Wehrmachtssoldaten G. H.
und der darin erzählten Bild-Geschichte über den Feldzug der deutschen Wehrmacht
in Norwegen die Produktion von Erinnerung im Akt des Erlebens (vom Ereignis zur
Erfahrung und Erinnerung) und deren Auskristallisation und Materialisierung im
Photoalbum gezeigt werden. Andererseits wird der Diskurs rund um die erste Wanderausstellung
des Hamburger Instituts für Sozialforschung "Vernichtungskrieg. Verbrechen
der Wehrmacht 1941 bis 1944" in Hinsicht auf die besondere Bedeutung, die
die gezeigten Photographien darin einnahmen, thematisiert werden. Woher stammt
die gesteigerte Emotionalität, die in der Auseinandersetzung rund um die Kriegserinnerung
und die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg im Osten zu verzeichnen war und
sich vor allem an den gezeigten Photographien festmachte?
Bevor diesen Fragen anhand der genannten Beispiele nachgegangen werden kann, ist
es allerdings notwendig, sich eingehender mit Fragen zur Quellenproblematik der
Photographien und hier im besonderen der Kriegsphotographien aus dem Zweiten Weltkrieg
zu befassen. Eine Auseinandersetzung, deren Notwendigkeit sich besonders an der
Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944"
gezeigt hat.14
Photographie als historische Quelle
"Fotografien sind
tatsächlich eingefangene Erfahrung, und die Kamera ist das ideale Hilfsmittel,
wenn unser Bewußtsein sich etwas aneignen will."15
Dieses Kapitel befaßt sich mit der Frage
des historischen und biographischen Quellenwerts der (Kriegs-)Photographie16
sowie mit Methoden ihrer Interpretation und Analyse.17
Dabei erfolgt eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen der offiziellen Kriegsphotographie,
die zum Zwecke der bürokratischen Dokumentation, aber auch zur Darstellung des
Krieges in den öffentlichen und propagandistischen Medien von den Propagandakompanien
(PK) angefertigt wurde,18
und der privaten, "subjektiven" des einfachen Soldaten. Darunter sind
besonders jene Photographien aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zu verstehen,
die aus rein persönlichen Gründen entstanden und nicht für eine breitere Öffentlichkeit
bestimmt waren und die mitunter in sehr großer Anzahl nach wie vor in vielen Haushalten
erhalten geblieben sind, wie es sich im Verlauf der Ausstellung "Vernichtungskrieg.
Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" eindrucksvoll bestätigt hat.19
Ähnlich wie Feldpostbriefe und -karten wurden und werden sie zum Teil von der
historischen Forschung häufig kaum wahrgenommen oder finden in Arbeiten nur illustratorische
Verwendung. "In vielen Darstellungen dient die Fotografie als erweiterte
Illustration oder Beweis/Bestätigung eines bereits schriftlich gegebenen Tatbestandes."20
Ausschlaggebend dafür dürfte besonders die geringe methodische und prinzipielle
Auseinandersetzung mit der Amateurphotographie von Seiten der Historiker/Historikerinnen
sein. Doch ohne eine solche wird diese ihre immense Bedeutung als historische
Quelle nicht erlangen können.
Wird von einer doppelten Konstitution der sozialen Wirklichkeit ausgegangen, in
der die Handlungen und Praktiken der Akteure Ergebnisse und Bedingungen von Strukturen
sind, so ergibt sich für den Historiker/die Historikerin eine doppelte Distanz
zu den in ihren Studien anvisierten Subjekten.21
Diese besteht einerseits darin, daß sie auf Grund ihrer zeitlichen und räumlichen
Distanz auf Texte, die die Aussagen der Akteure festhalten, angewiesen
sind, und andererseits, daß sie durch ihre kulturelle Distanz zu den Lebenswelten
der Akteure diesen Texten nur durch systematische Rekonstruktion und nicht durch
"einfühlendes Nachvollziehen"22
der "fremden" Bedeutungen Sinn abgewinnen können. Texte werden in diesem
Sinne als "Ausdrucksgestalten der sozialen Wirklichkeit"23,
die unter spezifischen Konstruktionsvorschriften entstanden sind, aufgefaßt. Im
weitesten Sinne versteht man unter Texten autobiographische Aufzeichnungen, Briefe,
lebensgeschichtliche Interviews wie auch Privatphotographien. Sie unterscheiden
sich zwar in Hinblick auf ihre Entstehungsbedingungen, Eigenlogik und Materialität
voneinander, doch das gemeinsame Merkmal all dieser Texte besteht darin, daß sie
ganz spezifische Bedeutungs- und Sinnobjektivationen sind.24
Für den Historiker/die Historikerin besteht nun die Schwierigkeit, sich den objektiven
Sinnstrukturen, die sich hinter den subjektiven Bedeutungen der Texte verbergen,
anzunähern.
Diesen Überlegungen folgend, die Amateurphotographien als Ausdruck des konstruierten
Lebens des einzelnen verstehen, sind diese sowohl als biographische als auch als
alltagsgeschichtliche Quellen einer "Geschichte von unten", deren Möglichkeiten
weit über die Illustration hinausreichen, zu sehen.
Doch trotz der angesprochenen Gemeinsamkeit von Privatphotographien, Briefen,
autobiographischen Texten und lebensgeschichtlichen Erzählungen ist es notwendig,
sich nach den Spezifika der Kriegsphotographie des "kleinen Mannes"
zu erkundigen. Diese sind im Entstehungskontext, der Materialität, aber auch der
Eigenlogik der Kriegsphotographie zu suchen.25
Kriegsphotographien entstanden und entstehen auf Grund ganz spezifischer Überlegungen
und Motivationen der Photographen. Eine entsprechende Interpretation und quellenkritische
Betrachtung der Kriegsphotographie benötigt daher eine umfassende Rekonstruktion
des Entstehungskontextes sowie der jeweiligen Motivation des Photographen. Weiters
benötigen Photographien einen sprachlichen Kontext, der häufig durch die Kommentierung
in den Photoalben, die umseitige Beschriftung, aber auch durch lebensgeschichtliche
Interviews26
mit den Photographen gegeben ist, um die Einstellung des Photographen gegenüber
dem Abgebildeten sichtbar werden zu lassen.27
Neben diesen Überlegungen ist bei der Analyse auch die Überlieferung der Photographien
zu berücksichtigen, da es unterschiedlich zu bewerten ist, ob sie in einem Photoalbum
nach gewissen Ideen und Vorstellungen archiviert oder unkommentiert und ungeordnet
in einem Karton aufbewahrt wurden. Denn durch diese äußere Form der Aufbewahrung
dieser individuellen und biographischen Zeugnisse des Krieges können Rückschlüsse
gezogen werden, wie der Krieg erlebt und vor allem erinnert und bewältigt wurde
und wird.28
Wie Cornelia Brink in ihrer Studie zeigt, ist zu bedenken, daß auch die Geschichte
der Verwendung von Photographien und damit die an ihnen haftenden Erinnerungen
den Blick des Betrachters strukturieren. Der Kontext, aus dem heraus ein Bild
entstanden ist, sowie der Kontext, aus dem heraus es betrachtet wird, verändern
sich.29
Ein besonderes Problem beim Rekonstruieren des Entsehungskontextes stellen dabei
Photographien, die in Archiven aufbewahrt werden, dar. Denn häufig ist die Geschichte
der Bilder und sind die dazugehörigen Legenden nicht nachvollziehbar oder nur
schwer überprüfbar.30
Weiters muß natürlich auch der Kontext, in dem Bilder gezeigt werden, betrachtet
werden. So wird zum Beispiel eine Photographie, die in ein Photoalbum eingeklebt
ist, anders gesehen und interpretiert als eine, die in einer Zeitung veröffentlicht
wird. Zusätzlich zur Frage des Ortes, an dem die Photographien gezeigt werden,
ist es auch von Relevanz, welche gesellschaftliche Bedeutung den gezeigten Geschehnissen
beigemessen wird. Denn auch diese Bedeutungszuweisungen unterliegen einem Wandel.31
Allgemein kann festgestellt werden, daß es für den/die Forscher/Forscherin im
Umgang mit Photographien, ebenso wie bei anderen subjektiv geprägten Quellen,
notwendig ist, den individuellen Schlüssel für eine effektive und aussagekräftige
Interpretation zu finden. Es können keine allgemeingültigen Richtlinien zur sozialwissenschaftlichen
Interpretation von Photographien festgestellt werden. Vielmehr bedarf es einer
vielschichtigen Annäherung an den Akteur - den Photographen -, um dessen Blick
durch das Objektiv und dessen Sinn verstehen zu können, wie auch die Geschichte
und den Kontext, in den das Bild gestellt wurde und wird. Das bedeutet, daß der
Erkenntniswert einer Photographie steigt, je besser es gelingt, bildexterne Informationen
mit dem Bildgeschehen in Einklang zu bringen.32
In Bezug auf die Kriegsphotographie des "kleinen Mannes" betreffen diese
bildexternen Informationen die Biographie des Soldaten, die jeweilige politische
und militärische Situation, in der die Photographie entstand, den Aufnahmeort,
Angaben zu den dargestellten Personen und Geschehnissen sowie zur prinzipiellen
Möglichkeit des Photographierens wie auch etwaige Überlegungen zur Motivation
des Photographen oder Besitzers des Bildes. Weiters auch eine Analyse der Verwendung
der Photographie und der Bedeutung, die dem Dargestellten von seiten der Gesellschaft
beigemessen wird.
Rein technisch und ökonomisch wurde die private Photographie, das "Knipsen"
im Gegensatz zur bis dahin üblichen Photographie33,
in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung der sogenannten "Box"
von Kodak durch den Amerikaner George Eastman ermöglicht. Das Prinzip dieser Kamera,
das sich auch im Werbeslogan "You press the button - we do the rest"
widerspiegelt, bestand darin, daß die Kamera mit dem belichteten Film an die Firma
Eastman Kodak geschickt wurde, diese den Film entwickelte, einen unbelichteten
Film neu einlegte und danach Photos und Kamera an den Kunden zurückschickte.34
Durch dieses System wurde die Photographie vom technischen Vorwissen, das bis
dahin nur professionelle Photographen hatten, und den großen ökonomischen Voraussetzungen
entkoppelt und hatte die Möglichkeit, Teil einer breiten öffentlichen Kultur zu
werden. Doch neben der technischen wie auch ökonomischen Vereinfachung gab es
in Deutschland bereits seit 1933 starke staatliche Bestrebungen, die private Photographie
als Propagandamittel einzusetzen und sich ihre Wirkung zunutze zu machen. Zuständig
dafür war die Abteilung "Lichtbild" im Reichsministerium für Volksaufklärung
und Propaganda. Nachdem die ersten Versuche, die "Knipser" für sich
zu gewinnen, fehlschlugen, wurden ab 1936 Photokurse der "NS-Gemeinschaft
,Kraft durch Freude"` angeboten.35
Sie veranstaltete unter anderem "Fotokurse für jedermann"36,
in denen die richtige Technik und Motivauswahl vermittelt werden sollten, um die
Photographie als "Bildschrift des Volkes"37
zu installieren. Neben der versuchten Einflußnahme auf die Motive der Knipser
kam es zu Kriegsbeginn 1939 noch zu zusätzlichen Aufrufen, "gerade jetzt
die Kamera nicht ruhen zu lassen"38.
Dieser Aufruf traf 1939, bei seit Jahren ständig ansteigender Tendenz von "Knipsern",
an die 10 % der deutschen Bevölkerung, die im Besitz einer eigenen Kamera waren.39
Allerdings war es nicht unbedingt notwendig, selbst im Besitz einer Kamera zu
sein, um sich ein eigenes Kriegserinnerungsalbum anzulegen, da unter den Wehrmachtssoldaten
ein reger Handel und Tausch mit Photographien bestand.40
Auf Grund der einfachen Technik, der geringen Größe der Apparate und der kleinen
Kosten war es für die Soldaten des Zweiten Weltkrieges relativ leicht möglich,
ihre Kamera mitzuführen und zu photographieren. Einschränkungen ergaben sich daher
nur durch Photographierverbote und Schwierigkeiten bei der Beschaffung und der
Entwicklung der Filme.
"Fotografische Aufnahmen
militärisch wichtiger Gegenstände und insbesondere das Fotografieren der Vollstreckung
von Urteilen durch standrechtliche Erschießung - auch Exekutionen - sowie feindl.
Greueltaten sind grundsätzlich verboten. Filme dürfen im Ausland und in den
besetzten Gebieten nicht zur Entwicklung gegeben werden. Die Fotohändler der
Heimat haben Anweisung, verdächtig erscheinende Aufnahmen zurückzubehalten und
zu melden."41
Dieser Ausschnitt aus dem Schreiben
des Ic (Abwehroffizier) des Panzerarmee-Oberkommandos 1 vom März 1943, das den
Feldpostverkehr betrifft, zeigt, daß die private Kriegsphotographie in Bezug auf
militärische Zensur und Wichtigkeit für die öffentliche Meinung von ähnlich großer
Bedeutung für die Machthaber war wie die Kontrolle und Überwachung des Feldpostverkehrs.
Die große Menge an Greuelphotos, vor allem vom Krieg im Osten und auf dem Balkan,
belegt jedoch eindeutig, daß diese Photographierverbote häufig keine Beachtung
fanden. Walter Manoschek gibt an, daß das Photographieren von Hinrichtungen im
April 1941 noch nicht verboten gewesen sei, wie es auch die Praxis der öffentlichen
Exekutionen durch die Wehrmacht als Bestandteil des Kriegsalltages erst mit dem
Überfall auf die Sowjetunion gegeben habe.42
Doch dem steht ein in Krakau herausgegebener Erlaß des SS-Obergruppenführers Krüger
vom 14. August 1940 gegenüber, der die Durchführung von Exekutionen betrifft,
in dem es unter der Ziffer 9 lautet: "Jede Teilnahme von Zuschauern und das
Fotografieren sind verboten."43
Neben diesem Erlaß gibt es noch eine große Zahl von anderen Weisungen und Erlässen
von Himmler, Heydrich und untergeordneten Dienststellen wie auch Teilen der Wehrmacht,
die die Photographierverbote eindeutig belegen.44
Doch abgesehen von den Zensurbestimmungen spielten noch weitere äußere Faktoren
eine gewichtige Rolle. So war es nicht immer möglich, die Filme entwickeln zu
lassen oder die notwendigen Materialien zu beschaffen.45
Neben den Überlegungen zu den Entstehungsbedingungen und Verwendungsarten der
privaten Kriegsphotographien ist es weiters notwendig, sich einige Gedanken zur
Eigenlogik der Photographie als Medium der Kommunikation und des Gedächtnisspeichers
zu machen. Wolfgang Zierhofers Ausführungen zufolge sind Photographien durch zwei
Eigenschaften, eine doppelte Konstitution, gekennzeichnet. "Photographien
sind (...) zugleich Spuren und Handlungsresultate."46
Betrachtet man auf der einen Seite den technischen Entstehungsprozeß einer Photographie,
so ist sie nichts anderes als eine Ansammlung von unterschiedlich hellen und farbigen
Punkten. Diese entstehen, indem Licht von Objekten innerhalb eines bestimmten
Blickfeldes unterschiedlich reflektiert, vom Objektiv eingefangen wird und auf
einem lichtempfindlichen Film Spuren hinterläßt, die durch einen chemischen Prozeß
für einige Zeit haltbar, reproduzierbar und vervielfältigbar gemacht werden. Auf
der anderen Seite unterliegt die Komposition der Objekte nicht der Zufälligkeit,
sondern sie werden vom Photographen ausgewählt, in eine bestimmte Positur gebracht
und auch in Beziehung zueinander gesetzt, weshalb eine Photographie auch Resultat
einer Handlung ist. Für Bourdieu besteht diese Handlung in einer Wahl, die sowohl
bewußt wie auch unbewußt erfolgt und der Photographie Sinn (manifest/latent) verleiht.
Diese Wahl der abgebildeten Objekte wird nicht der Zufälligkeit des Akteurs überlassen,
sondern Bourdieu geht davon aus, daß einzelne Gruppen aus den unendlichen Gegenständen
bestimmte Genres und Kompositionen auswählen. Somit wird die Photographie auch
zu einem Ausdruck für das System des Denkens, der Wahrnehmung und der Vorlieben
einer bestimmten Gruppe.47
In der doppelten Konstitution der Photographie und den latenten und manifesten
Sinngehalten, die sich auf Grund der bewußten wie auch unbewußten Wahl des Photographen
ergeben, verbergen sich die interpretativen Schwierigkeiten für den Historiker/die
Historikerin. Denn erst wenn es gelingt, zwischen den Handlungsresultaten (bewußt
abgebildeten Objekten) und den Spuren (unbewußt abgebildeten Objekten) innerhalb
einer Photographie zu unterscheiden, und die einzelnen Objekte eindeutig zugeordnet
werden können, wird es möglich, Aussagen zu treffen. Erst wenn die hinter der
Photographie stehende Idee oder Absicht des Photographen geklärt werden kann,
ist es möglich, diese als Resultat eines kommunikativen Aktes zu interpretieren.48
Denn in dem Moment, in dem ein Objekt photographiert wird, erfährt es eine Aufwertung.
Es wird als würdig empfunden, festgehalten, konserviert, bewundert und kommuniziert
zu werden.49
Es wird gleichsam ins Bewußtsein des Photographen gehoben.
Wird Photographie als Ergebnis einer Auswahl und als kommunikativer Akt verstanden,
so ist es möglich, zwischen verschiedenen Kommunikationsabsichten zu unterscheiden.
Diese verschiedenen Einsatzgebiete der Photographie im Prozeß der Kommunikation
ergeben sich durch die Eigenheit der Photographie als visuelles, bildliches Medium.
Sie ermöglicht es, sieht man von den technischen Möglichkeiten der Verfälschung
ab,50 die Realität
in der Art und Weise abzubilden, zu befestigen und zu konservieren, wie sie vom
menschlichen Gehirn mit Hilfe der Augen gesehen wird. Dadurch wird es machbar,
Bereiche unserer Lebenswelt zu transzendieren, und weiters ist es auch möglich,
daß uns Dinge, die außerhalb unserer eigenen Wahrnehmungsreichweite und Lebenswelt
liegen, mit Hilfe der Photographie zugänglich gemacht werden.51
Weiters können Photographien nicht nur Teil eines Kommunikationsprozesses sein,
sondern auch Gespräche oder erinnernde Erzählungen auslösen. Indem Bilder im Kreis
der Verwandten oder Kameraden herumgereicht werden, sind sie Ausgangspunkt eines
Gesprächs über das Abgebildete.52
Häufig werden es die Bilder der Freundin, Ehefrau oder auch der Kinder sein, die
ein Gespräch über die Familie und das zivile Leben unter den Soldaten auslösen;
oder zu Hause die Photographien von den verschiedensten Kriegsschauplätzen und
die vielen Gruppenphotos mit den Kameraden, die eine Unterhaltung über das Erlebte
anregen. Die Photographien werden zum Speicher des Gedächtnisses.
Ein Unterschied zwischen der privaten Kriegsphotographie und der privaten Photographie
im zivilen Leben besteht darin, daß der normale Bürger üblicherweise vor allem
die besonderen Anlässe seines Lebens, wie Hochzeiten, Urlaub, Taufen etc., bildlich
festzuhalten sucht.53
Bei den Kriegsphotographien finden allerdings auch die alltäglichen Motive, die
vor allem einen zivilen Alltag vortäuschen, wie das Haus, in dem sich das Quartier
befindet, der Gruppenabend oder der Appell Beachtung.
Eine der wichtigsten Aufgaben und Qualitäten der Photographie - damit auch Motivation
für die Photographen - besteht allerdings in ihrer Eigenschaft als Medium der
Erinnerung.54
Sie ermöglicht es, einzelne Augenblicke für eine große Zeitdauer festzuhalten.
Mit Hilfe dieses "konservierten Erlebten" wird es möglich, die Lücken
und die Fehlbarkeit der Erinnerung zu umgehen. Beim Akt des Photographierens verändert
sich die gesehene Wirklichkeit in der Wahrnehmung durch das Auge des Photographen
und wird von einem Objekt zum Teil des Selbst.55
Als Teil des Selbst wird sie zum Bestandteil der subjektiven Wirklichkeit und
ermöglicht es, diese Wirklichkeit in Erinnerung zu behalten. Die Photographien
werden unter anderem angefertigt, um für die Zukunft zu dokumentieren, "wie
es wirklich gewesen ist".56
Die Photographie ist somit nicht nur Stütze der Erinnerung, sondern auch eine
unverrückbare subjektive Beglaubigung des Geschehenen oder zumindest eines bestimmten
Ausschnitts davon.57
Das Erinnerungsalbum wird zum Ausgangspunkt und zum Beleg einer Lebenserzählung,
einer Lebenserzählung, die allerdings nicht erst nachträglich konstruiert, sondern
bereits im Akt des Photographierens und in weiterer Folge im Arrangement des Kriegserinnerungsalbums
festgeschrieben und für spätere Interpretationen aufbereitet wird. Im Akt des
Photographierens wird ein Moment, ein Erlebnis gleichsam plausibel und erhält
eine Aufwertung, er wird ins Bewußtsein gehoben. In der Erzählung werden die abgebildeten
Momente und Objekte zum Teil einer Biographie.
Das Kriegserinnerungsalbum als Gedächtnisort
Ausgangspunkt bildet
die Überlegung, wonach Kriegserinnerungen einerseits von den vorgegebenen Plausibilitätsstrukturen,
dem "sozialen Wissen", das es den Soldaten erst ermöglicht, Kriegserlebnisse
mit Sinn zu versehen und somit erfahrbar und erinnerbar zu machen, und anderseits
von einem gesellschaftlichen Erinnerungsdiskurs, der die jeweilige Erzählung vom
Krieg mitbestimmt, geprägt sind.
Im Sinne eines poststrukturalistischen Ansatzes ist zu bedenken, daß die jeweiligen
Geschichtsinterpretationen und Erzählungen über den Krieg selbst wiederum von
den Erzählern geprägt sind und umgekehrt.58
Weiters ist die Gegenwart von der Vergangenheit konstituiert und die Vergangenheit
ist wiederum nicht zugleich die kollektive Vergangenheit eines Milieus, einer
Klasse. Es sind vielmehr die uns jeweils eigenen, wenn auch zum Teil kollektiv
geteilten Erfahrungen, "die unsere Gegenwart und unsere Erinnerung konstituieren".59
Der Erinnerungsprozeß wird nicht nur von der Gegenwart in Bewegung gesetzt, sondern
es tauchen beim Erinnerungsvorgang auch Eindrücke, Gefühle, Bilder, sinnliche
Empfindungen und Komponenten der erinnerten Situation auf, die nicht in unsere
Gegenwartsinterpretation passen.60
Diese Tatsache, wonach die Erinnerung an ein Erlebnis der Vergangenheit und die
Erzählung darüber immer auch geprägt sind von all den Ablagerungen darauf folgender
Diskurse und Interpretationen, spiegelt sich besonders bei Photographien und ihrem
sozialen Gebrauch wider. Mit der Erweiterung, daß Photographien oft als das Gedächtnis
des Betrachters dienen und sich die Frage stellt, ob dieser sich beim Betrachten
der Photographien nun an die entsprechenden Ereignisse erinnnert oder an die Erzählungen
darüber. Dieses photographierte Gedächtnis, das häufig mit Authentizität und Beweiskraft
sowie gesteigerter Emotionalität verbunden wird, kann auf Grund dieser Eigenschaften,
dieser "Mächtigkeit", wie es Konrad Köstlin bezeichnet, allerdings auch
ein Hilfsmittel des Vergessens/Verdrängens sein.61
Die im Kriegserinnerungsalbum, das häufig der Ausgangspunkt zur ritualisierten
Erzählung über den Krieg ist, konstruierte (Bild-)Geschichte ist bereits unter
der Prämisse entstanden, dieser späteren Erzählung als Basis und Ausgangspunkt
zu dienen. "Im Photo ist der spätere, erinnerte Gebrauch, der in Richtung
Geschichte weist, schon enthalten und vorgegeben."62
Denn die Bilder dienen nicht nur der Reproduktion, sondern häufig auch der Neu-
oder Umdeutung. Köstlin geht noch weiter und ist der Meinung, daß eine Reise ohne
Bilder gar nicht stattfinden hätte müssen, da sie ohne Beleg bleibt und damit
schwer mitteilbar sei. Erst die Bilder dokumentieren die Reise. Sie haben sogar
die Möglichkeit, eine mißraten Reise im Erzählen und dem Vorführen der Photographien
im nachhinein in eine Erfolgsgeschichte zu verwandeln.63
Auf die Kriegsphotographie bezogen kann man diesen Befund derart auslegen, daß
die Greuel des Krieges, das erlittene und zugefügte Leid, die Traumata der Destruktion
wie auch die Qualen und Schwierigkeiten des Alltags in den Alben der Soldaten
in den Hintergrund treten oder in der Form angeordnet werden, daß sie erzählbar
und in die eigene Lebensgeschichte einordenbar werden. Vielmehr sind Greuelphotos
in Erinnerungsalben nur selten zu finden, da die Ereignisse nicht ablichtbar und
erzählbar waren und zum Teil sind. Finden sich doch derartige Photographien, so
werden sie meist in den Kontext der erzählbaren Lebensgeschichte gestellt.
Dieser Konstruktion der Erzählung dürfte ein Bestreben des Menschen zugrunde liegen,
das Pierre Bourdieu als "die biographische Illusion"64
bezeichnet. Ihm folgend besteht die biographische Illusion darin, daß beim Subjekt
wie beim Objekt der Biographie das gleiche Interesse besteht, das Postulat des
Sinns der Existenz zu akzeptieren.65
Unter dem Postulat des Sinns versteht er das Interesse des Menschen, seine Lebensgeschichte
mit Sinn zu versehen, sie als "kohärente Erzählung einer signifikanten und
auf etwas zulaufenden Folge von Ereignissen"66
darzustellen. Der Mensch hat die Neigung, sich zum "Ideologen des eigenen
Lebens" zu machen, indem er in Abhängigkeit einer übergeordneten gesellschaftlichen
Intention bestimmte für ihn signifikante Ereignisse auswählt und sie miteinander
in der Art und Weise verknüpft, sodaß sich ihr Eintreten in wechselseitiger Abhängigkeit
begründen läßt. Er strebt nach einer linearen Lebenserzählung, die von Kausalitäten
und einander bedingenden Ereignissen geprägt ist und in der die Brüche und Widersprüche
des Lebens in den Hintergrund treten. Dementsprechend sind vor allem die Krisen
des Lebens und die Zeiten der Brüche, wie zum Beispiel der Übertritt von der zivilen
in die militärische, zerstörerische Welt des Krieges, in besonderem Maße von diesen
Bestrebungen betroffen. Einzelne Erlebnisse werden dabei ausgeblendet oder in
einen anderen Kontext gestellt. Allerdings muß erwähnt werden, daß zwischen dem
Erzählprozeß und dem Erinnerungsprozeß ein grundsätzlicher Unterschied besteht.
Denn auf Grund des Strebens nach einer in sich abgeschlossenen Lebenserzählung
enthält die Erzählung weniger, als im Erinnerungsprozeß vorhanden ist. Die Erzählung,
das kommunikative Mitteilen von Erinnerungen, legt jene Zwänge an, die zu den
genannten Auslassungen und Uminterpretationen führen.67
So ist für den Wehrmachtssoldaten der Kriegseinsatz in Norwegen in der Materialisierung
des Kriegserinnerungsalbums, aber auch in den Feldpostbriefen an die Verwandten
nicht mehr ein Erlebnis der Destruktion, sondern wird zum Reiseabenteuer. Die
Fahrt nach Norwegen wurde im "Reisebüro Wehrmacht" gebucht und alle
zuvor von KdF und der Propaganda versprochenen Erlebnisse und Impressionen wurden,
wie die Bild-Geschichte des Erinnerungsalbums festhält, erfüllt.
Zu beachten ist allerdings, daß diese Sinnzuschreibung und "Glättung"
der Erzählung nicht nur in der resümierenden Lebenserzählung des Interviews oder
der Autobiographie zum Tragen kommt, sondern bereits im Moment des Erlebens und
Verarbeitens eines Ereignisses aktiv wird, was sich anhand von Photographien,
Tagebüchern und Briefen zeigen läßt. Denn diese im weitesten Sinne als "Texte",
die allerdings ihre jeweilige Eigenlogik haben, verstandenen Zeugnisse der Akteure,
können als spezifische Bedeutungs- und Sinnobjektivationen betrachtet werden.68
Demnach sind sie die Ausdrucksgestalten der sozialen Wirklichkeit der Akteure
und werden unter entsprechenden Konstruktionsregeln produziert und reproduziert.
Die Aufgabe des/der Forschers/Forscherin besteht nun darin, diese Konstruktionsregeln
zu rekonstruieren und den jeweiligen Sinnzuschreibungen nachzugehen, um unmittelbar
an den Ort der Produktion von Erinnerung, die sich in den Photographien und Briefen
und der biographischen Erzählung wiederfindet, zu gelangen.
Nach Bourdieu besteht allerdings gerade darin die große Gefahr für den Forscher,
sich der Komplizenschaft an der biographischen Illusion schuldig zu machen.69
Langthaler, der in seiner Untersuchung nicht sosehr der Frage der Erinnerung an
das Kriegserlebnis nachgeht als vielmehr der Kriegserfahrung eines Soldaten im
Zweiten Weltkrieg, widmet sich in einem ausführlichen Teil gerade dieser Problematik.
Er sucht nach den Möglichkeiten und Methoden, die die Wissenschaft hat, um diese
Erfahrungen zu erarbeiten und sie in Form eines konstruierten Textes, der ja selbst
auf konstruierten Texten beruht, darzustellen. Dabei lenkt er sein Augenmerk besonders
auf die Methode der Rekonstruktion der (latenten und manifesten) Sinnzuschreibungen
und stellt die von Ulrich Oevermanns entwickelte Methode der "objektiven
Hermeneutik" vor.70
Vom Kriegserlebnis zur Kriegserfahrung
Die biographische Lebenserzählung
strebt nach Linearität und Plausibilität und ist in ihrer Darstellung von Diskursen,
die zwischen Erlebnis und Erzählung liegen, mitbestimmt.
In diesem Abschnitt soll das Augenmerk nun allerdings verstärkt auf den Ort der
Erfahrungs- und Erinnerungsproduktion gerichtet werden. Denn Erinnerung ensteht
bereits im Moment des Erlebens. Wenn das Ereignis im Kommunikationsprozeß zur
Erfahrung wird.
Ausgangspunkt dieser Überlegungen bildet eine Quellengattung, die es, ähnlich
wie die Photographie, erlaubt unmittelbar an das Erlebnis und dessen Verarbeitung
zu gelangen. Es ist dies der Feldpostbrief71,
der auf Grund seiner kommunikativen Qualitäten über weite Strecken den Entstehungskontext
der Photographien erhellen kann. Weiters macht es der Feldpostbrief möglich -
darin liegt auch seine spezielle Faszination -, sich in die unmittelbare Nähe
des Geschehens zu begeben.72
Er hält die momentane Verarbeitung und Deutung eines Ereignisses durch denjenigen,
der es erlebt oder daran beteiligt ist, fest. Er befindet sich zeitlich und in
den meisten Fällen auch räumlich unmittelbar am Geschehen. Das Lesen von Feldpostbriefen
gestattet es, an der Sinnzuschreibung durch den Akteur teilzunehmen. Ähnlich wie
die Photographie ist auch der Feldpostbrief, die schriftliche Kommunikation zwischen
Wehrmachtsangehörigen und ihren Verwandten, unmittelbar geprägt von der Kommunikationssituation,
die sich in der inneren Zensur, der "Schere im Kopf", widerspiegelt,
und auch von den äußeren Rahmenbedingungen, die von der äußeren Zensur vorgegeben
sind. Neben dem äußeren Zwang sei an dieser Stelle verstärkt auf den Einfluß der
vorgefertigten Bilder, die mit dem "sozialen Wissen" vergleichbar sind
und den Bilck durch das Objektiv erheblich mitbestimmen, hingewiesen.
Um nun Fragen der Bedeutung von Feldpostbrief und Photographie genauer nachzugehen
und in weiterer Folge mit diesen Quellen arbeiten zu können, ist es notwendig,
grundlegende methodisch-theoretische Überlegungen zum Quellenwert beider anzustellen.
Es ist dabei zu klären, welche Fragen man an diese Quellen stellen kann und welche
Antworten zu geben sie in der Lage sind.73
Ausgangspunkt der Überlegungen über den spezifischen Quellenwert des Feldpostbriefes
und seiner Bedeutung für Schreiber und Empfänger stellt die kommunikative Funktion
und Qualität des Briefes dar.74
Dabei wird Kommunikation nicht nur als ein gerichteter Prozeß der Informationsübertragung,
sondern als "Interaktion zwischen gleichermaßen aktiven Kommunikanten",
"die in der Lage sind, gegenseitig koordinierte Verhaltensweisen auszulösen",
betrachtet.75
Folgt man weiter den Überlegungen von Peter L. Berger und Thomas Luckmann76,
so löst Kommunikation unter den Kommunikationspartnern nicht nur bestimmte Verhaltensweisen
aus, sondern trägt auch entscheidend dazu bei, daß sich der einzelne seiner subjektiven
Wirklichkeit versichern kann und seine Alltagswelt begreift.
Ihren Überlegungen zufolge wird der Prozeß der Sozialisation niemals abgeschlossen,
weshalb die internalisierten Inhalte der subjektiven Wirklichkeit immer gefährdet
sind. Die internalisierten Inhalte stellen ein soziales Wissen dar, das es dem
einzelnen ermöglicht, seine Alltagswelt zu verstehen. Das bedeutet, daß er in
der Lage ist, täglich auf ihn einströmende Erlebnisse mit Sinn zu versehen. Das
soziale Wissen reguliert das Verhalten in der Alltagswelt, es beinhaltet Handlungs-
wie auch Deutungsmuster.77
Bei der Erzeugung des sozialen Wissens unterscheiden Berger/Luckmann zwischen
den internalisierten Inhalten der primären und der sekundären Sozialisation. Jene
der primären Sozialisation sind sehr fest im Unterbewußtsein der Menschen verankert
und werden nur durch Grenz- und Krisensituationen der menschlichen Erfahrung,
wie sie zum Beispiel der Tod darstellt, bedroht. Demgegenüber sind jene der sekundären
Sozialisation nicht fest im Bewußtsein verankert, weshalb schon eine kleine Verschiebung
der subjektiven Wirklichkeitsbestimmungen, wie zum Beispiel ein Umzug vom Land
in die Stadt, diese verändern kann. Beide zusammen ergeben jedoch die Inhalte
der subjektiven Wirklichkeit, das heißt der Wirklichkeit, wie sie das individuelle
Bewußtsein begreift. Um nun diese subjektive Wirklichkeit aufrechtzuerhalten,
müssen beide Formen der internalisierten Inhalte Bestätigung und Absicherung erfahren.
Dies funktioniert durch Routine und die Bewältigung von Krisen. Die Routine sichert
die Alltagswelt, die selbst aus viel Routine besteht, und die Bewältigung von
Krisen versucht die Grenzsituationen zu entschärfen. Beide Arten der Absicherung
beruhen auf denselben gesellschaftlichen Prozessen: der gesellschaftlichen Interaktion
des einzelnen mit "den anderen".78
Unter "den anderen" sind Mitmenschen aus der näheren und weiteren Umgebung
wie auch Gegenstände der Alltagswelt - wie zum Beispiel die vertraute Straßenbahn,
die vor der Wohnung hält - zu verstehen.
Für den Prozeß der sozialen Wirklichkeitsabsicherung kann zwischen den "signifikanten"
und den "sonstigen" anderen unterschieden werden.
Besonders die sonstigen anderen ermöglichen es dem Menschen, seine Grundstruktur
der Alltagswelt abzusichern, indem sie ihm im Alltag gegenwärtig sind. Unter sonstigen
anderen kann man all das und all jene, das heißt Mitmenschen wie auch Gegenstände,
verstehen, die den Menschen tagtäglich umgeben und ihm versichern, ohne daß er
in eine aktive Kommunikation/Interaktion eintreten muß, da sie einfach vorhanden
sind, daß er sich in seiner gewohnten Umwelt bewegt. Das sind zum Beispiel einerseits
die Mitmenschen in der Straßenbahn, auf der Straße und andererseits auch Dinge
wie das Radio und die Tageszeitung. Für den Soldaten können dies der morgendliche
Appell, die graue Uniform oder auch nur die Masse der namenlosen Soldaten, der
er begegnet, sein, die ihm tagtäglich seine Wirklichkeit als Soldat versichern.
Von größerer und zentraler Bedeutung sind jedoch die "signifikanten"
anderen. Sie sind es, die es dem einzelnen ermöglichen, sich seiner Identität
auf intensivere Art und Weise, als dies die Begegnungen der Alltagswelt zulassen,
zu versichern. Sie verschaffen eine "ausdrückliche und gefühlsgetragene Gewißheit"79
der eigenen Identität, die selbst wieder als eine Sache des Bewußtseins, d. h.
des Reflexivwerdens eines bewußten Selbstbildes zu verstehen ist,80
wobei ein Teil des Reflexivwerdens sich auch auf die Zuwendung zur eigenen Vergangenheit
bezieht. Signifikante andere sind meist Menschen der näheren Umgebung, wie Familienmitglieder,
gute Freunde oder ein guter Kamerad. Die Anzahl dieser signifikanten anderen ist
veränderbar; vor allem, wenn diese untereinander nicht übereinstimmen, können
sie ausgewechselt werden. Signifikante und sonstige andere stehen zueinander in
einem dialektischen Verhältnis. So kann es sein, daß jemand von seinen signifikanten
anderen keine Bestätigung seiner subjektiven Wirklichkeit mehr erhält, weil diese,
die signifikanten anderen, von den sonstigen anderen negativ beeinflußt wurden.
Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn jemand als Gegner des Nationalsozialismus
bei seinen Verwandten keine Bestätigung seiner Haltung mehr bekäme, da diese von
den Nachbarn und den öffentlichen Medien dahingehend beeinflußt wurden, den Nationalsozialismus
als das einzig Richtige anzusehen. Für das Verhältnis des einzelnen zu den sonstigen
und signifikanten anderen ist zu bemerken, daß die signifikanten eine viel stärkere
Position einnehmen, als die sonstigen. Es ist wichtiger, daß jemand innerhalb
seines Freundeskreises Bestätigung findet, als wenn dies durch Unbekannte auf
der Straße geschieht.
Wie schon erwähnt, funktioniert diese Absicherung durch Interaktion. Dabei übernimmt
die Kommunikation, das Gespräch, die wichtigste Rolle. "Das Alltagsleben
des Menschen ist wie das Rattern einer Konversationsmaschine, die ihm unentwegt
seine subjektive Wirklichkeit garantiert, modifiziert und rekonstruiert."81
Beim Rattern dieser Konversationsmaschine ist es wichtig, daß ein Großteil der
wirklichkeitssichernden Kommunikation nicht explizit abläuft, sondern in den alltäglichen
Gesprächen implizit enthalten ist. Das alltägliche Gespräch, die phatische Kommunikation,
ist einerseits notwendig, um das Funktionieren des Zusammenlebens einer Gruppe
zu gewährleisten, und kann andererseits die subjektive Wirklichkeit eines Individuums
verändern, indem über manche Dinge gesprochen wird und über andere nicht. Es ist
das Gespräch, das die Erfahrungen und Erlebnisse bearbeitet und es ermöglicht,
diese in das Bewußtsein zu heben und sie mit Sinn zu versehen. Es ist die Sprache,
die die Welt erzeugt und sie auch begreift. Die Sprache speichert den sozialen
Wissensvorrat.
Kommt es nun zu einer Unterbrechung der Kommunikation, zu einem Ende dieser alltäglichen
und signifikanten Gespräche, welche die Plausibilitätsstrukturen vermitteln, so
befindet sich die subjektive Wirklichkeit und die Identität des einzelnen in Gefahr.
Der Mensch kann sich seiner selbst in der ihn umgebenden Welt mit all den neuen,
zum Teil bedrohlichen Erlebnissen nicht mehr sicher sein. Ein Ausweg besteht in
der Verwendung von technischen Hilfsmitteln, die es ermöglichen, die signifikanten
Gespräche auch über räumliche Trennung hinweg fortzuführen, wobei gilt, daß Intensität
Seltenheit kompensieren kann.82
Eine Möglichkeit dazu stellen Briefe dar. Eine weitere Photographien.
Feldpostbrief - Kriegserinnerungsalbum
- Erinnerungsproduktion
Von einer Krisensituation
kann gesprochen werden, wenn die subjektive Wirklichkeit durch eine andere Wirklichkeit
bedroht wird. So kommt es zum Beispiel zu einer Krisensituation, wenn die Wirklichkeit
des zivilen Lebens mit der des Krieges kollidiert.83
Der Krieg stellt allerdings nicht nur eine einfache Krisensituation dar, sondern
konfrontiert den Menschen häufig mit Grenzsituationen des Lebens. Die Konfrontation
mit dem Tod, teils große körperliche Strapazen und die ständige Ungewißheit der
eigenen Zukunft bringen den Soldaten in einen Zustand der persönlichen wie auch
psychischen Krise, die er bewältigen muß. In diesem Fall ist eine intensive Kommunikation
mit signifikanten anderen - z. B. den Angehörigen - gefordert. Doch durch die
räumliche Trennung von diesen kann diese Kommunikation nur über das Medium Feldpost
und während der spärlichen Heimaturlaube erfolgen. Die Feldpost wird somit zum
Medium des signifikanten Gesprächs und trägt dadurch zur Bewältigung der Krisen
bei.
Natürlich helfen die Kameraden einer Einheit sich gegenseitig, die Wirklichkeit
des Krieges zu ihrer gemeinsamen subjektiven Wirklichkeit zu machen. Unter diesem
Gesichtspunkt können auch die Bemühungen der Wehrmachtsführung, die Bildung von
Primärgruppen zu fördern, gesehen werden. Es wurde versucht, die Männer einer
Einheit - auf Kompanie- und Zugsebene - aus denselben Wehrkreisen zu rekrutieren,
sie gemeinsam auszubilden und Verwundete nach ihrer Genesung wieder zu ihren Einheiten
zurückzuschicken. Es sollten freundschaftliche Beziehungen entstehen, die den
Zusammenhalt der Truppe und damit auch die Kampfkraft und Moral stärken. Die Soldaten
sollten zu ihrer Einheit ein Gefühl der Heimat aufbauen. Sie sollten sich als
Teil einer Familie fühlen, in der der Vorgesetzte, in der Regel Offiziere der
mittleren und unteren Ränge, die Rolle des Vaters übernimmt. Doch folgt man der
Argumentation von Omer Bartov,84
so trifft diese Primärgruppenbildung höchstens für die Zeit des Überfalls auf
Polen und den Westfeldzug zu. Denn an den östlichen Kriegsschauplätzen konnte
es auf Grund der hohen Verluste und der häufigen Umgruppierungen zu keiner Bildung
von Primärgruppen in dem Maße wie bisher kommen. An ihre Stelle trat die ideologische
Indoktrination und Motivierung. Inwieweit nun einzelne Kameraden signifikante
Gesprächspartner sein konnten, muß sicherlich im einzelnen genau geprüft werden,
doch kann davon ausgegangen werden, daß die Kommunikation innerhalb der Einheit
nicht ausreichend war, um die Erlebnisse des Krieges in die Vorkriegswirklichkeit
zu integrieren.85
Welche Bedeutung die intensive Propagandatätigkeit und die ideologische Indoktrination
für den einzelnen bei der Erzeugung der nötigen Plausibilitätsstrukturen erlangte
und damit dazu beitrug, die subjektive Kriegswirklichkeit zu verstehen, erfordert
sicherlich noch eingehendere und am jeweiligen Objekt des Interesses ausgerichtete
Untersuchungen, wobei allgemein festgestellt werden kann, daß die Propaganda besonders
in Zeiten der grundsätzlichen lebensweltlichen Krise für den einzelnen von Bedeutung
ist. In Situationen, in denen das soziale Wissen der zivilen Welt nicht mehr ausreicht,
um das Erlebte mit Sinn zu versehen und in eine Lebenserzählung einzubinden, wird
verstärkt auf die Plausibilitäststrukturen, die die Propaganda stiftet und bereitwillig
zur Verfügung stellt, zurückgegriffen.86
Auf jeden Fall erlangt das schriftliche Gespräch große Bedeutung für den einzelnen.
Es hilft dem Soldaten, sich seiner Vorkriegswirklichkeit und seiner eigenen Identität
zu versichern, was sich in den Briefen in häufig vorkommenden Reflexionen über
gemeinsam Erlebtes wie auch über Zukünftiges niederschlägt. Die Briefe und Karten
sind der Ort, an dem die gemeinsame Vergangenheit besprochen und die Zukunft entworfen
wird. Die schriftliche Kommunikation hilft im Bemühen, die neue Kriegswirklichkeit
zu verstehen und mit der Vorkriegswirklichkeit in Einklang zu bringen. Einzelne
Erlebnisse und Handlungen können mit Sinn, der aus dem sozialen Wissen gespeist
wird, versehen werden.
Der Prozeß der Sinnstiftung kann als Abgleich zwischen dem Erlebnis und dem Wissensvorrat
verstanden werden. Gelingt es, die Erlebnisse mit Sinn zu versehen, so werden
sie zu Erfahrungen und als solche im Gedächtnis gespeichert. Erlebnisse und Sinnstiftungen
lagern sich im Bewußten und Unbewußten in Schichten unterschiedlicher Tiefe und
Zugänglichkeit, die ihrerseits die aktuelle Wahrnehmung prägen, ab.87
Die Briefe werden zum Ort, an dem die Kriegserlebnisse sich zu Kriegserfahrungen
wandeln, indem sie ins Bewußtsein gehoben und Teil einer subjektiven Realität
und später, nach dem Krieg, auch Teil eines sozialen Bewußtseins werden.
Dieser Konzeption folgend sind Erfahrungen gelungene Auslegungen oder Interpretationen
von aktiven oder passiven Erlebnissen. Sie schichten sich im Laufe des Lebens
auf und gruppieren sich zu größeren Erfahrungszusammenhängen, die in ihrer Gesamtheit
Gedächtnis und persönliche, aber auch gesellschaftlich vermittelte Identität bilden.
Denn nach Reinhard Koselleck ist Erfahrung "gegenwärtige Vergangenheit, deren
Ereignisse einverleibt worden sind und erinnert werden können. Sowohl rationale
Verarbeitung wie unbewußte Verhaltensweisen, die nicht oder nicht mehr im Wissen
präsent sein müssen, schließen sich in der Erfahrung zusammen."88
Doch die eigene Erfahrung ist selbst wiederum durch Generationen und Institutionen
vermittelt, wonach in der eigenen Erfahrung immer auch fremde Erfahrung enthalten
ist.
"Kriegserfahrungen konnten nur gemacht und ins Bewußtsein gehoben werden,
weil sie in historisch vorgegebene Erfahrungsmöglichkeiten einrasteten."89
Allerdings bedeutet Sinnstiftung nicht immer die völlige Übereinstimmung mit dem
sozialen Wissen oder das fixe Einrasten in die historischen Erfahrungsmöglichkeiten.
Vielmehr sorgt sie dafür, daß Ereignisse zumindest nicht sinnlos bleiben, da sie
ansonsten dazu führen können, daß die Identität bedroht wird. Kommt es nicht sogleich
zu einer Sinnstiftung, was vor allem in Krisensituationen der Fall sein kann,
wenn die Erlebnisse alle vorgegebenen Sinnmuster sprengen, dann können die Sinnstiftungsmuster
modifiziert und gedehnt werden, was während des Krieges besonders mittels Propaganda
geschah. Sollte es aber trotzdem nicht gelingen, "dann geistern die Erlebnisse
gleichsam als unbearbeiteter Rohstoff durch das Gedächtnis",90
wobei sie dadurch allerdings nicht weniger virulent sind. Ein Beispiel für die
Bedeutung der "nichterfahrenen" Kriegsereignisse bildeten die zum Teil
heftigen und emotionalen Reaktionen von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen und ihren
Kindern auf die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941 bis 1944".
In den Feldpostbriefen, aber auch in lebensgeschichtlichen Interviews treten jene
Kriegserlebnisse, die nicht mit Sinn ausgestattet werden konnten, oft in der Form
des Ungesagten und Ungeschriebenen auf, weshalb gerade diese häufig von besonderem
Interesse sind.91
Demnach erlaubt das Studium der feldpostbrieflichen Kommunikation dem/der Forscher/For-scherin,
sich dem sinnbehafteten Kriegserlebnis, das einerseits in den Briefen und Karten
kommuniziert und anderseits in den Kriegsphotographien festgehalten wurde, anzunähern.
Ist der Feldpostbrief das Medium der Kommunikation während des Krieges, so ist
das Kriegserinnerungsalbum, in dem beim Einkleben und Arrangieren der Bilder und
Versehen dieser mit der entsprechenden Legende nachträglich noch eine zusätzliche
"Glättung" durchgeführt wurde, häufig der Ausgangspunkt für das identitätssichernde
Gespräch über die Kriegserfahrungen. Im Album sind mittels der Photographien die
zu Erfahrung gewordenen Ereignisse archiviert. Wie die Erfahrungen im Gedächtnis
bewußt und unbewußt sind, so kann auch in den Photographien ein manifester und
ein latenter Sinngehalt festgemacht werden. Der die jeweilige Erzählung stützende
Sinngehalt wird im Erinnerungsalbum durch das Arrangement der Bilder und die Legenden
hervorgehoben. Es sind vor allem diese beiden Merkmale und die Aufbewahrung im
Album, die den Kontext herstellen und den Diskurs, in dem die Bild-Geschichte
erzählt wird. Es ist dies vor allem die Erzählung im Rahmen der Familie und Freunde
und der "Kameraden", mit denen man die Erfahrungen teilt und mittels
derer man sich im Gespräch seiner selbst versichert. Das Kriegserinnerungsalbum
ist demnach auch ein Ausgangspunkt für die rituelle Wiederholung, die als Praktik
der Erinnerung und zugleich als Vergewisserung der Identität eine zentrale Rolle
einnimmt.92
Zu Schwierigkeiten bei der Identitätssicherung kommt es, wenn diese Photographien
und Alben einer anderen Lesart unterzogen werden, was sich sehr deutlich rund
um die Diskussionen zur Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941 bis 1944" zeigte. Denn Photos werden von unterschiedlichen Menschen,
Organisationen unterschiedlich verwendet und auf unterschiedliche Sachverhalte
hin befragt. Und die jeweiligen Lesarten stellen die Photographien in unterschiedliche
Kontexte. Diese unterschiedliche Lesart von Photographien gibt dann auch Auskunft
über die Formen der Erinnerung. "Das Gegenwärtige des Blicks schiebt sich
vor das Vergangene, das Objekt des Erinnerns ist."93
Photographie zwischen privat und
öffentlich
Den vorhergegangenen
Überlegungen folgend beinhaltet das Kriegserinnerungsalbum mit seinen Photographien
und den dazugehörigen Legenden eine durch manifesten Sinn behaftete Kriegserzählung,
die es dem Angehörigen der Wehrmacht auch für die Nachkriegszeit möglich machen
sollte, seine Kriegserlebnisse in seine Lebensgeschichte einzubauen. Im Album
wird im Akt des Einklebens und Kommentierens eine Kriegsgeschichte konstruiert,
in der Brüche und Widersprüche verlorengehen oder in den Hintergrund treten. Der
Akteur konstruiert sich seine eigene Kriegsgeschichte, die wiederum eingebettet
ist in die kollektive Erzählung über den Krieg.
Ausgehend von der Gedächtniskonzeption Jan Assmanns befindet sich die (Kriegs-)Photographie
an der Schnittstelle zwischen dem kommunikativen und dem kulturellen Gedächtnis,
wie sich besonders an den hitzigen Auseinandersetzungen rund um die Photographien
der ersten Wehrmachtsausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941 bis 1944" gezeigt hat. Die Kriegsphotographie und seine Einbettung in
die Kriegserzählung im Erinnerungsalbum ist als eine Form der objektivierten Kultur
zu verstehen. In der Photographie, die im weitesten Sinne als Text zu verstehen
ist, hat sich das kommunikative Gedächtnis auskristallisiert.94
Doch so wie die alltägliche Kommunikation ist auch das kulturelle Gedächtnis identitätskonkret
für das Individuum und die Gruppe. Das kulturelle Gedächtnis ist Speicher eines
Wissensvorrats, der sowohl in Erwerb als auch Überlieferung zum "need for
identity" wird.95
Demnach manifestiert sich im kulturellen Gedächtnis diese Version der Lebenserzählung,
die es dem einzelnen, aber auch der Gruppe ermöglicht, sich selbst zu bestätigen
und seine/ihre Identität aufrechtzuerhalten. Doch diese Erzählung der Vergangenheit
ist nicht unveränderlich, sondern wird immer von der Gegenwart aus betrachtet
und erzählt. Das kulturelle Gedächtnis verfährt rekonstruktiv. "Es ist zwar
fixiert auf unverrückbare Erinnerungsfiguren und Wissensbestände, aber jede Gegenwart
setzt sich dazu in aneignende, auseinandersetzende, bewahrende und verändernde
Beziehung."96
In Bezugnahme auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und die Frage der Involvierung
der Wehrmacht und damit des einzelnen Soldaten in die Verbrechen des Vernichtungskrieges
und des Holocausts ist vor allem anhand der Konflikte rund um die Ausstellung
des Hamburger Instituts für Sozialforschung feststellbar, daß einzelne Gruppen
der Gegenwart ihre gemeinsame Vergangenheit unterschiedlich rekonstruieren. Unterschiedliche
Gruppen in der Gesellschaft haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg der "Pflege"
des kulturellen Gedächtnisses angenommen - sei es in Form von öffentlichen Denkmälern,
der rituellen Kundgebungen des Kameradschaftsbundes zu Allerheiligen, aber auch
der Erzählung auf der Basis der Kriegsphotographien im Kreis der Familie, Freunde
und ehemaliger "Kameraden". In der Regel stießen diese Erzählungen,
die Walter Manoschek für Österreich als jene von den "Helden der Heimat"
bezeichnet und die seit den späten vierziger Jahren im öffentlichen Raum in Form
von Denkmälern ihre Kristallisation fanden, auf keinen Widerstand.97
Vielmehr wurde diese mythische Umdeutung der Kriegsvergangenheit übernommen und
in ein öffentliches Geschichtsbild eingebaut. So war und ist in Österreich die
(deutsche) Wehrmacht bis heute das Zentrum der persönlichen und allgemeinen, der
privaten Vereins- wie öffentlichen Gedächtniskultur.98
Gerade dieses "halboffizielle" Gedächtnis, das im Widerspruch zur offiziellen
Konstruktion der Opferthese steht, der zufolge die "nationalsozialistische
Reichsregierung Adolf Hitler" "das macht- und willenlos gemachte Volk
Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den
kein Österreicher jemals gewollt hat, jemals vorauszusehen oder gutzuheißen instandgesetzt
war, zur Bekriegung von Völkern, gegen die kein wahrer Österreicher jemals Gefühle
der Feindschaft oder des Hasses gehegt hat",99
geriet nun angesichts der ersten Wehrmachtsausstellung rund zehn Jahre nach Waldheim
erneut ins Wanken. Die Austellung erzählt eine andere Geschichte, als sie in den
Kameradschaftsbünden, aber auch den meisten Familien erzählt wurde. In der Ausstellung
prallen demnach unterschiedliche Erinnerungen aufeinander.
Das Besondere dieser Auseinandersetzung ist allerdings die Tatsache, daß ein Schwerpunkt
der Debatte rund um die Ausstellung nicht die Grundaussagen, wonach die Wehrmacht
an Verbrechen als integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie
beteiligt war, betrifft, sondern sich an den Photographien und dem wissenschaftlichen
Umgang mit ihnen festmachte. So war es dann auch die massive Kritik an ausgestellten
Photographien, die laut Bogdan Musial100
keine Opfer der Wehrmacht, sondern Opfer des NKWD zeigten, die im November 1999
zum vorübergehenden "Moratorium" der Ausstellung und zum Einsetzten
einer Historikerkommission zur Überprüfung durch Jan Philipp Reemtsma führte.101
Neben diesen Kritikpunkten, die den wissenschaftlichen Umgang mit Photographien
betreffen, ist besonders das Phänomen der gesteigerten Emotionalität, die die
Ausstellung und vor allem der Einsatz der Bilder hervorgerufen haben, ein zentrales
Merkmal.
Woher kommt die gesteigerte Emotionalität? Reinhard Kannonier sieht sie im Thema
selbst und hier vor allem in der "subjektiven Nähe" der Besucher zum
Gezeigten.102
Denn durch die Eltern und Großeltern oder andere Verwandte sind große Teile der
Bevölkerung direkt oder indirekt mit dem Thema der Ausstellung, dem Vernichtungskrieg
im Osten, verbunden. Was hochkommt, ist für die Kriegsgeneration ein lange verdrängter
Teil der eigenen Geschichte und für die Nachgeborenen, die Angst, der eigene Vater,
Großvater etc. könnte auch an Verbrechen beteiligt gewesen sein.
Ein anderer Erklärungsansatz sieht die hohe Emotionalität vor allem in der emotionalen
Wirkung der Photographien. "Ein Weiteres haben die Ausstellungsmacher unterschätzt:
Sie setzten ursprünglich auf die schriftlichen Quellen und Dokumente; doch ihre
Wirkung erzielte die Ausstellung vor allem durch die Wucht der Bilder. Erst sie
sorgten für die visuellen Schockeffekte, die bei vielen Besuchern Entsetzen auslösten.
Damit wurde aber auch den Fotos eine Beweispflicht aufgebürdet, die sie schon
aufgrund der Unsicherheiten der Überlieferung nicht in jedem Einzelfall erfüllen
konnten."103
So attestiert Volker Ullrich in seinem Kommentar den Bilder einen visuellen Schockeffekt
und führt diesen auf die "Beweispflicht" der Photographien zurück. Doch
die Ursachen der gesteigerten Emotionalität sind damit noch immer nicht ergründet.
Cornelia Brink, ein Mitglied der Historikerkommission zur Überprüfung der Ausstellung,
sieht in ihrer Untersuchung der KZ-Photographien, der "Ikonen der Vernichtung",
die enorme Wirkung von Greuelbildern im Widerspruch zwischen der scheinbaren Objektivität,
der Beweiskraft und dem Dargestellten, das in seiner verbrecherischen Dimension
als unfaßbar und unwirklich empfunden wird.
"Das Inkommensurable
der Bilder verweist auf die Tat selbst: In der je besonderen Form der fotografischen
Bearbeitung der Vergangenheit, dem Bildermachen wie dem Anschauen der Bilder,
verbirgt sich eine Spur der Vergangenheit. Nach der Tat versuchten die Nazis,
die Spuren ihrer Verbrechen gründlich zu verwischen, sie zerstörten handgreifliche
Beweise für die Massenvernichtung und ermordeten die Zeugen. Zugleich sprengt
das, was geschah und von dem wir wissen, gerade wegen der Ungeheuerlichkeit
der Organisationsform, des Ausmaßes und der Grausamkeit unsere Vorstellungskraft.
Vielleicht besitzt die Rede von ,Fotografien als Spur von etwas, das tatsächlich
war`, gerade deshalb eine besondere Überzeugungskraft, wurden - und werden noch
immer - die Fotografien der Konzentrationslager und überhaupt Aufnahmen, die
mit den Verbrechen in Verbindung stehen oder gebracht werden können, mit besonders
hoher Beweiskraft ausgestattet (oder diese umgekehrt von Revisionisten besonders
heftig angegriffen). Die ,Objektivität` des Mediums gerät immer wieder in Konflikt
mit der ,Unwirklichkeit` und ,Unfaßbarkeit` der Ereignisse, für die sie stehen.
Auch für diese Diskrepanz stehen die Fotos."104
Ein weiterer zentraler Erklärungsansatz
der emotionalen Wirklung der Photographien ist sicherlich auch in ihrer Funktion
als Gedächtnisort der Kriegsgeneration zu suchen. Photographien dienen und dienten
der Kriegsgeneration zur "Beweisführung" ihrer Lebenserzählung. Sie
waren mit ihrer scheinbaren "Objektivität" die Grundlage und der "unumstößliche"
Beweis für eine identitätsstiftende Lebenserzählung. Sie entstanden durch Sinnbehaftung
und zeigten den Soldaten Plausibles, obwohl natürlich nicht vergessen werden darf,
daß Greuelphotos zum Teil sicherlich auch zu Dokumentationszwecken gemacht wurden,
um nach dem Krieg das Unbeschreibliche und Unglaubliche beweisen zu können.
Herausgerissen aus ihrem Erzählkontext findet nun ein Teil der ehemaligen Wehrmachtsangehörigen
die Photographien ihrer Lebenserzählung in der Ausstellung im Kontext des Verbrechens
wieder, und das Fundament ihres Erinnerungsgebäudes, ihr kulturelles Gedächtnis,
beginnt rissig zu werden und läuft Gefahr völlig einzustürzen. Gleichzeitig werden
durch die andere Lesart der Photographien auch die latenten Sinngehalte wieder
hervorgeholt, die nicht mit Sinn behafteten Ereignisse und Erlebnisse drohen ins
Bewußtsein zu kommen.
Entsprechend dieser Gefahr wurde von den Ausstellungsgegnern der zentrale Angriffspunkt
auch im wissenschaftlichen Umgang mit den Photographien gesucht. Denn wenn es
möglich wäre, die Beweiskraft der Photographien zu widerlegen und den Gestaltern
unwissenschaftliches Arbeiten nachzuweisen, so wäre in weiterer Folge auch die
Grundthese der Austellung in Frage zu stellen. Ein Unterfangen, das allerdings
spätestens mit dem Bericht der Historikerkommission sowie durch die neue Ausstellung,
welche die Grundthesen der ersten Austellung bestätigt, als gescheitert betrachtet
werden kann.
- 1
Eine Ausstellung des Hamburger
Instituts für Sozialforschung. Die Ausstellung wurde im März 1995 in Hamburg
eröffnet. Bis zu ihrem "Moratorium" im November 1999 wurde sie in
einer Vielzahl von deutschen und österreichischen Städten gezeigt. In Österreich
wurde sie in Wien, Innsbruck, Klagenfurt, Graz und Salzburg der Öffentlichkeit
präsentiert. Im November 2002 wurde die überarbeitete und zum Teil neukonzipierte
Austellung mit dem Titel "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges
1941-1944" in Berlin erneut eröffnet. Seitdem machte die zweite "Wehrmachtsausstellung"
in Berlin, Bielefeld, Wien, Leipzig und München Station.
- 2
H. wird 1899 als Sohn
eines evangelischen Pfarrers in Caputh bei Potsdam geboren, besucht ab 1911
das Gymnasium in Potsdam, ehe er 1917 als Kriegsfreiwilliger in den Ersten
Weltkrieg zieht. Nach Kriegsende beginnt er zunächst eine Maschinenbaulehre,
studiert ein Jahr an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg und
schlägt ab 1921 eine landwirtschaftliche Laufbahn ein. Unmittelbar nach Kriegsende
kommt er mit Freikorps in Kontakt und wird Mitglied einer Einwohnerwehr. Im
März 1920 beteiligt er sich im Rahmen der technischen Nothilfe als Heizer
im Elektrowerk Potsdam am Kapp-Putsch. 1926 heiratet H. und wird in den Jahren
1927, 1930 und 1934 dreifacher Vater. 1930 entschließt er sich dazu, sich
in der Weststeiermark, im unmittelbaren Grenzgebiet zu Jugoslawien, als "Reichsdeutscher
Siedler" niederzulassen und erwirbt dazu in St. Oswald ob Eibiswald einen
kleinen Bergbauernhof. Nachdem seine Frau 1936 stirbt, verheiratet er sich
1938 nochmals und wird in den Jahren 1939 und 1942 erneut Vater. Im Juni 1939
meldet er sich, beinahe vierzigjährig - mittlerweile vierfacher Familienvater
- freiwillig zur Wehrmacht. Vgl. Gerald Lamprecht, Feldpost und Kriegserlebnis.
Briefe als historisch-biographische Quelle (Grazer zeitgeschichtliche Studien
Bd. 1), Innsbruck, 89-109.
- 3
ÖSTA, Archiv der Republik,
Deutsche Wehrmacht, Wehrstammbuch, G. H., 27. 11. 1899.
- 4
Vgl. ÖSTA, Archiv der Republik,
Deutsche Wehrmacht, Wehrstammbuch, G. H., 27. 11. 1899.
- 5
Vgl. ÖSTA, Archiv der Republik,
Deutsche Wehrmacht, Wehrstammbuch, G. H., 27. 11. 1899.
- 6
Brief von G. H. an die Eltern,
11. 10. 1940; handschriftlich; auf dem Dampfer "Kong Harald" von
Tromsoe nach Trondheim.
- 7
Die folgenden Zitate stammen
aus dem Kriegserinnerungsalbum und sind die zu den Bilder gehörenden Legenden.
Die Legenden wurden alle handschriftlich von H. angebracht.
- 8
Feldpostkarte von G. H. an
die Eltern, 12. 9. 1940; handschriftlich; Badderen.
- 9
Feldpostkarte von G. H. an
die Eltern, 12. 9. 1940; handschriftlich; Badderen.
- 10
Die schriftliche Kommunikation
mittels Feldpostbriefen und -karten kann als eine Fortführung des wirklichkeits-
und identitätssichernden Gesprächs in der vertrauten Umgebung der Heimat verstanden
werden.
- 11
Brief von G. H. an die Eltern,
6. 11. 1940; handschriftlich; Ortslazarett Bodö. H. hat sich in der Datierung
der Bombardierung von Bodö durch die Deutsche Luftwaffe geirrt. Diese erfolgte
am 27. Mai 1940, wobei rund zwei Drittel der Stadt zerstört wurden. Vgl. Ewald
Gläßer, Norwegen. Natur- und Kulturlandschaften vom Skagerrak bis nach Finnmark,
Köln 1991, 250.
- 12
Erinnerungsalbum, G. H..
- 13
Feldpostbrief G. H. an die
Eltern, 27. 10. 1940; handschriftlich; Ortslazarett Bodö.
- 14
Vgl. exemplarisch Bogdan
Musial, Bilder einer Ausstellung. Kritische Anmerkungen zur Wanderausstellung
"Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", in:
Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 47 (1999) H. 4, 563-591, hier 589 ff;
Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung "Vernichtungskrieg.
Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" November 1999. <http://www.his-online.de/presse/Bericht_der
_Kommission.pdf [17. 11. 2000]>; Das Magazin Focus über Fälschungsvorwürfe
gegen die Ausstellungsmacher, in: Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse,
hg. v. Heribert Prantl, Hamburg 1997, 202-205.
- 15
Susan Sontag, In Platos Höhle,
in: Susan Sontag, Über Fotografie, Frankfurt/Main 1996, 10.
- 16
Bezüglich allgemeiner Überlegungen
zu den Ursprüngen, der Geschichte der Photographie, ihrer spezifischen Materialität
und ihrer Beziehung zur Kunst vergleiche: Walter Benjamin, Kleine Geschichte
der Photographie, in: Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie, Frankfurt/Main 1977,
45-65.; Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Frankfurt/Main
1985; Siegfried Kracauer, Theorie des Films. Die Errettung der äußernen Wirklichkeit,
Frankfurt/Main 21993, 25-50; Siegfried Kracauer, Die Photographie,
in: Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse. Essays, Frankfurt /Main 1963,
21-39; Susan Sontag, Über Fotografie, Frankfurt/Main 1996.
- 17
Zum Quellenwert der Photographie
vergleiche u. a.: Miriam Y. Arami, "Und an den Fotos entzündete sich
die Kritik". Die "Wehrmachtsausstellung", deren Kritiker und
die Neukonzeption. Ein Beitrag aus fotohistorisch-quellenkritischer Sicht,
in: Fotogeschichte 22 (2002) H. 85/86, 97-125; Pierre Bourdieu u. a. , Eine
illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie, Frankfurt/Main
1983; Ronald Berg, Die Photographie als alltagshistorische Quelle, in: Alltagskultur,
Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte,
hg. v. Berliner Geschichtswerkstatt, Münster 1994, 187-198; Helmut Lethen,
Der Text der Historiographie und der Wunsch nach einer physikalischen Spur.
Das Problem der Fotografie in den beiden Wehrmachtsausstellungen, in: zeitgeschichte
29 (2002) H. 2, 76-86; Wolfgang Zierhofer, Photographie und empirische Sozialforschung:
Realismus als Illusion und Utopie, in: Schweizer Zeitschrift für Soziologie
19 (1993), 171-186.
- 18
Vgl. Das deutsche Auge. 33
Photographen und ihre Reportagen: 33 Blicke auf unser Jahrhundert, eine Ausstellung
des Arbeitskreises Photographie Hamburg in Zusammenarbeit mit DEICHTORHALLEN,
Hamburg 31. Mai-1. September 1996, hg. v. Arbeitskreis Photographie Hamburg,
München 1996, 30-39.
- 19
Vgl. Petra Bopp, "Wo
sind die Augenzeugen, wo ihre Fotos?", in: Eine Ausstellung und ihre
Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen
der Wehrmacht 1941 bis 1944", hg. v. Hamburger Institut für Sozialforschung,
Hamburg 1999, 198.
- 20
Gunther Waibl, Fotografie
und Geschichte (I), in: Fotogeschichte 6 (1986), 8.
- 21
Vgl. Ernst Langthaler, Heinrich,
die Kamera und die Militärzeit. Ein Versuch, die Kriegs-Bilder eines jugendlichen
Dorfbewohners zu verstehen, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
5 (1994) H. 4, 517 - 546, hier 519 f.
- 22
Vgl. E. Langthaler, Heinrich,
520.
- 23
Vgl. E. Langthaler, Heinrich,
521.
- 24
Vgl. E. Langthaler, Heinrich,
521.
- 25
Vgl. allgemein dazu: Bernd
Boll, Das Adlerauge des Soldaten. Zur Fotopraxis deutscher Amateure im Zweiten
Weltkrieg, in: Fotogeschichte 22 (2002) H. 85/86, 75-88.
- 26
E. Langthaler stützt sich
bei seiner Arbeit besonders auf ein Interview mit dem Photographen. Vgl. E.
Langthaler, Heinrich, 517-546.
- 27
Vgl. Bernd Hüppauf, Der entleerte
Blick hinter der Kamera, in: Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941
bis 1944, hg. v. Hannes Heer und Klaus Naumann, Frankfurt/Main 101997,
504-527, hier 511 f.
- 28
Vgl. Bernd Boll, Kriegssouvenirs.
Rekonstruktion von Geschichtserfahrung als intergenerationelles Projekt, in:
Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung "Vernichtungskrieg.
Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", hg. v. Hamburger Institut für
Sozialforschung, Hamburg 1999, 163-183, hier 166.
- 29
Vgl. Cornelia Brink, Ikonen
der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen
Konzentrationslagern nach 1945 (Schriftenreihe des Fritz-Bauer-Institutes,
Bd. 14), Berlin 1998, 11.
- 30
Vgl. Volker Ullrich, Von
Bildern und Legenden. Der neue Streit um die Ausstellung zeigt, wie sorgfältig
mit Fotodokumenten gearbeitet werden muss, in: Die Zeit 44/1999 < http://www.zeit.de/1999/44/199944_wehrmachtsausste.html>.
- 31
Vgl. C. Brink, Ikonen der
Vernichtung, 16.
- 32
Vgl. R. Berg, Die Photographie,
194.
- 33
1839 erfanden unabhängig
voneinander der Franzose Louis Jacques Mande Daguerre (Daguerreotypie) und
der Engländer Henry Fox Talbot (Kalotypie) die Photographie. Während beim
Verfahren Daguerres nur ein Bild auf einer Silberplatte entstand, gelang es
Talbot, ein Negativ auf ein Papier zu belichten und damit die vielfache Reproduzierbarkeit
zu gewährleisten. Beide Verfahren verlangten jedoch von den Photographen ein
umfassendes Vorwissen und entsprechende finanzielle Mittel. Vgl. R. Berg,
Die Photographie, 190.
- 34
Vgl. R. Berg, Die Photographie,
192.
- 35
Vgl. Timm Starl, Knipser.
Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von
1880 bis 1980, München 1995, 100 ff.
- 36
P. Bopp, "Wo sind die
Augenzeugen, wo ihre Fotos?", 218.
- 37
P. Bopp, "Wo sind die
Augenzeugen, wo ihre Fotos?", 218.
- 38
T. Starl, Knipser, 111.
- 39
Vgl. P. Bopp, "Wo sind
die Augenzeugen, wo ihre Fotos?", 218.
- 40
Vgl. Walter Manoschek, Beweisaufnahmen.
Pancevo, 22. April 1941, in: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption
der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis
1944", hg. v. Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg 1999, 184
- 197, hier 191.
- 41
Gerhard Oberleitner, Geschichte
der Deutschen Feldpost 1937-1945, Innsbruck 1993, 12.
- 42
Vgl. W. Manoschek, Beweisaufnahme,
42. Sehr eingehend mit der Frage der Photographierverbote beschäftigt sich
auch der Beitrag von Bernd Boll. Vgl. B. Boll, Das Adlerauge des Soldaten,
in: Fotogeschichte 22 (2002) 85/86, 75-80.
- 43
Dieter Reinfarth/Viktoria
Schmidt-Linsenhoff, Die Kamera der Täter, in: Vernichtungskrieg. Verbrechen
der Wehrmacht 1941-1944, hg. v. Hannes Heer und Klaus Naumann, Frankfurt/Main
101997, 475-503, hier 485.
- 44
Vgl. D. Reinfarth/V. Schmidt-Linsenhoff,
Die Kamera der Täter, 485 f.
- 45
Vgl. Feldpostbrief von G.
H. an die Eltern, 7. 7. 1940, handschriftlich, in der Nähe von Trontheim;
Feldpostkarte von G. H. an die Eltern, Februar/März 1943, Schreibmaschine,
Tunis; Feldpostbrief von G. H. an die Eltern, 1. 4. 1943, Schreibmaschine,
In der Nähe von Tunis.
- 46
W. Zierhofer, Photographie,
174.
- 47
Vgl. P. Bourdieu, Eine illegitime
Kunst, 17.
- 48
W. Zierhofer, Photographie,
174.
- 49
Vgl. P. Bourdieu, Eine illegitime
Kunst, 18.
- 50
Darunter wäre zum Beispiel
die künstliche Beleuchtung eines dunklen Raums mittels eines Photoblitzes,
die die abgebildete Szene für einen beliebigen Betrachter in den Tag hinein
verschiebt, zu verstehen.
- 51
W. Zierhofer, Photographie,
176.
- 52
Vgl. R. Berg, Die Photographie,
193.
- 53
Vgl. R. Berg, Die Photographie,
193.
- 54
Bourdieu bezeichnet das Erfassen
und Sammeln von Erinnerungen als die eigentliche gesellschaftliche Funktion
der Photographie. Vgl. P. Bourdieu, Eine illegitime Kunst, 19.
- 55
Vgl. B. Hüppauf, Der entleerte
Blick, 515.
- 56
Vgl. B. Hüppauf, Der entleerte
Blick, 514.
- 57
Vgl. R. Barthes, Die helle
Kammer, 92.
- 58
Im Sinne von Reinhard Sieder
werden die Menschen nicht als "Marionetten äußerer Bedingungen"
aber auch nicht als "freie Individuen" betrachtet, sondern als Akteure.
Entsprechend einer Doppelkonstitution von sozialer Wirklichkeit sind es die
Akteure, die durch die Aneignung der sozialstrukturellen Gegebenheiten diese
schaffen, die wiederum permanent durch die Deutungen und Handlungen der Akteure
hergestellt werden. Vgl. Reinhard Sieder, Sozialgeschichte auf dem Weg zu
einer historischen Kulturwissenschaft?, in: Geschichte und Gesellschaft 20
(1994), 445-468, hier 448.
- 59
Gabriele Rosenthal, Erlebte
und erzählte Lebensgeschichte. Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen,
Frankfurt/Main 1995, 81.
- 60
Vgl. G. Rosenthal, Lebensgeschichte,
81.
- 61
Vgl. Konrad Köstlin, Photographierte
Erinnerung? Bemerkungen zur Erinnerung im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit,
in: Hören, Sagen, Lesen, Lernen. Bausteine zu einer Geschichte der kommunikativen
Kultur, hg. v. Ursula Brunold-Bigler, Hermann Bausinger, Bern 1995, 395-411, hier 400.
- 62
K. Köstlin, Photographie,
402.
- 63
K. Köstlin, Photographie,
403.
- 64
Pierre Bourdieu, Die biographische
Illusion, in: Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns,
Frankfurt/Main 1998, 75-82.
- 65
Vgl. P. Bourdieu, Illusion,
76.
- 66
Vgl. P. Bourdieu, Illusion,
77.
- 67
Vgl. G. Rosenthal, Lebensgeschichte,
88.
- 68
Vgl. E. Langthaler, Heinrich,
521.
- 69
Vgl. P. Bourdieu, Illusion,
76.
- 70
Die "objektive Hemeneutik"
orientiert sich an vier theoretisch postulierten - praktisch kaum einlösbaren
- Deutungsprinzipien. 1.) Das Prinzip der extensiven Sinnauslegung 2.) Das
Prinzip der sequenziellen Analyse 3.)Das Prinzip der systematischen Falsifizierung
4.) Das Prinzip des abduktiven Schlusses american(Vgl. E. Langthaler, Heinrich,
522 f.)
- 71
Unter Feldpost wird der private
Briefverkehr von Wehrmachtsangehörigen mit der Heimat und umgekehrt verstanden.
Ausgeklammert wird hierbei der gesamte Bereich des gleichnamigen Propagandamaterials
wie auch der gesamte dienstliche Postverkehr innerhalb der Wehrmacht. Vgl.
Martin Humburg, Deutsche Feldpost im Zweiten Weltkrieg. Eine Bestandsaufnahme,
in: Andere Helme - andere Menschen? Heimaterfahrung und Frontalltag im Zweiten
Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich, hg. v. Detlef Vogel und Wolfram
Wette (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte - Neue Folge, Bd. 2), Essen
1995, 13-35, hier 15 f.
- 72
Vgl. Bernd Ulrich, Die Augenzeugen.
Deutsche Feldpost in Kriegs- und Nachkriegszeit 1914-1933 (Schriften der Bibliothek
für Zeitgeschichte - Neue Folge, Bd. 8), Essen 1997, 13.
- 73
Zur Frage des Quellenwerts
von Feldpostbriefen vergleiche: Bernd Ulrich, "Militärgeschichte von
unten". Anmerkungen zu ihren Ursprüngen, Quellen und Perspektiven im
20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), 473-503.; Isa
Schikorsky, Kommunikation über das Unbeschreibbare. Beobachtungen zum Sprachgebarauch
von Kriegsbriefen, in: Wirkendes Wissen 42 (1992) 2, 295-315; Klaus Latzel,
Deutsche Soldaten - nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnis und Kriegserfahrung
1939-1945 (Krieg in der Geschichte, hg. v. Stig Förster, Bernhard R. Kroener
und Bernd Wegner Bd. 1), Paderporn 1998; G. Lamprecht, Feldpost und Kriegserlebnis.
- 74
Vgl. Klara Löffler, Aufgehoben:
Soldatenbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Studie zur subjektiven Wirklichkeit
des Krieges (Regensburger Schriften zur Volkskunde, hg. v. Konrad Köstlin
und Klara Löffler), Bamberg 1992, 48 f. Im vorliegenden Aufsatz wird besonders
die wirklichkeitssichernde Funktion des Feldpostbriefes hervorgehoben und
nicht genauer auf die grundlegenden Kommunikationsfunktionen, wie jene als
Mittler von "Lebenszeichen" zwischen Heimat und Front und jene des
Austauschs von Nachrichten, eingegangen.
- 75
Siegfried J. Schmid, Kommunikation
- Kognition. Wirklichkeit, in: Theorien öffentlicher Kommunikation. Problemfelder,
Positionen, Perspektiven, hg. v. Günther Bentele und Manfred Rühl (Schriftenreihe
der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft,
Bd. 19), München 1993, 105-117, hier 108.
- 76
Peter L. Berger/Thomas Luckmann,
Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Ein Theorie der Wissenssoziologie,
Frankfurt/Main 1998.
- 77
Vgl. Berger/Luckmann, Die
gesellschaftliche Konstruktion, 21.
- 78
Vgl. Berger/Luckmann, Die
gesellschaftliche Konstruktion, 159.
- 79
Vgl. Berger/Luckmann, Die
gesellschaftliche Konstruktion, 161.
- 80
Vgl. Jan Assmann, Das kulturelle
Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen,
München 1999, 130-160.
- 81
Vgl. Berger/Luckmann, Die
gesellschaftliche Konstruktion, 163.
- 82
Vgl. Berger/Luckmann, Die
gesellschaftliche Konstruktion, 165.
- 83
Vgl. Peter Knoch, Kriegserlebnis
als biographische Krise, in: Biographie - sozialgeschichtlich, hg. v. Andreas
Gestrich, Peter Knoch und Helga Merkel, Göttingen 1988, 86-108. Knoch untersucht
anhand von zwei Feldpostbriefserien des Ersten und Zweiten Weltkrieges die
tiefgreifenden Wandlungen und Persönlichkeitsentwicklungen, die Menschen in
einem Krieg erfahren.
- 84
Vgl. Omer Bartov, Hitlers
Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges, Hamburg
1995, 52 ff.
- 85
Vgl. K. Latzel, Deutsche
Soldaten, 33.
- 86
Vgl. G. Lamprecht, Feldpost
und Kriegserlebnis, 172-190.
- 87
Vgl. Klaus Latzel, Vom Kriegserlebnis
zur Kriegserfahrung. Theoretische und methodische Überlegungen zur erfahrungsgeschichtlichen
Untersuchung von Feldpostbriefen, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 56
(1997), 1-30, hier 14.
- 88
Reinhard Koselleck, zit.
nach K. Latzel, Kriegserlebnis, 14.
- 89
Reinhard Koselleck, Der Einfluß
der beiden Weltkriege auf das soziale Bewußtsein, in: Der Krieg des kleinen
Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, hg. v. Wolfram Wette, München 1992,
324-343, hier 330.
- 90
K. Latzel, Kriegserlebnis,
14f.
- 91
Vgl. K. Latzel, Kriegserlebnis,13
ff.; vgl. dazu I. Schikorsky, Kommunikation, 300 f. Für Schikorsky ist das
in den Briefen nicht Geschriebene ein Zeichen der "Unfähigkeit zu einer
differenzierten schriftsprachlichen Artikulation", wobei diese Unfähigkeit
im Widerspruch zur existentiellen Notwendigkeit der Kommunikation steht.
- 92
K. Köstlin, Photographie,
400.
- 93
Cornelia Brink, Ikonen der
Vernichtung, 10.
- 94
Vgl. Jan Assmann, Kollektives
Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Kultur und Gedächtnis, hg. v. Jan
Assmann und Tonio Hölscher, Frankfurt/Main 1988, 9-19, hier 11.
- 95
Vgl. J. Assmann, Gedächtnis,
13.
- 96
Vgl. J. Assmann, Gedächtnis,
13. Laut Assmann existiert das kulturelle Gedächtnis in zwei Modi: in der
Potentialität des Archivs und dem Modus der Aktualität.
- 97
Vgl. Walter Manoschek, "Ich
habe es immer geahnt ...". Erinnerungspolitische Reflexionen über das
Bild der Wehrmacht und die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen
der Wehrmacht 1941-1944" in Österreich, in: Irritationen. Die Wehrmachtsausstellung
in Linz, hg. v. Brigitte Kepplinger/Reinhard Kannonier,Grünbach 1997, 70-88,
hier 75.
- 98
Vgl. Reinhard Kannonier,
Geschichte, Politik und Öffentlichkeit. Die Vorbereitungsphase: ein kurzes
Lehrstück über lange Irrwege, in: Irritationen. Die Wehrmachtsausstellung
in Linz, hg. v. Reinhard Kannonier und Brigitte Kepplinger, Grünbach 1997,
9-20, hier 12.
- 99
Aus der Unabhängigkeitserklärung
der Republik Österreich, Staatsgesetzblatt für die Republik Österreich, Jg.
1945, 1. Stück, ausgegeben am 1. Mai 1945.
- 100
Vgl. Bogdan Musial, Bilder
einer Ausstellung, 563-591.
- 101
Vgl. Volker Ullrich,
Von Bildern und Legenden. Der neue Streit um die Ausstellung zeigt, wie sorgfältig
mit Fotodokumenten gearbeitet werden muss, in: Die Zeit 44/1999 < http://www.zeit.de/1999/44/199944_wehrmachtsausste.html>;
Jan Bürger, Pause als Chance. Ein Besuch im Hamburger Institut für Sozialforschung,
in: Die Zeit 46/1999 < http://www.zeit.de/1999/46/199946_reemtsma.html>.
- 102
Vgl. R. Kannonier, Geschichte,
11.
- 103
V. Ullrich, Von Bildern und
Legenden.
- 104
Cornelia Brink, Ikonen der
Vernichtung, 240.