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zeitGeschichte 3/4 2001
Anregungen
für eine Regionalgeschichte zur Thematik Nationalsozialismus vor 1938
am
Beispiel des Bezirks Deutschlandsberg
von Gerald Michael Wolf
Zum gegenwärtigen Stand der Forschung
Nach wie vor herrscht in der Steiermark
ein eklatantes Manko an wissenschaftlichen Darstellungen zur Geschichte des Nationalsozialismus
vor dem "Anschluss" 1938 - und zwar sowohl auf Landesebene als auch auf regional-
und lokalgeschichtlicher Ebene. Abgesehen von den wenigen, mittlerweile veralteten
oder ergänzungsbedürftigen Gesamtdarstellungen zum österreichischen Nationalsozialismus
und zur NS-Zeit in der Steiermark 1938-19451,
finden sich nur noch in einigen Monographien über damit im Zusammenhang stehende
Themenbereiche2
und in diversen Aufsätzen kurze Darstellungen zum Nationalsozialismus in der Steiermark
vor 1938 bzw. diesbezügliche verstreute Hinweise zu einzelnen steirischen Bezirken
oder Regionen. Was Letztere betrifft, so ist überhaupt festzustellen, dass sich
kaum jemals ein(e) fachlich qualifizierte(r) HistorikerIn in die "Niederungen"
der steirischen Regional- und Lokalgeschichte hinabwagt.3
Immer noch sind diese Bereiche die klassischen Tummelplätze für Hobby-Historiker
aller Couleur, deren Enthusiasmus zwar nicht selten Bewunderung entgegenzubringen
ist, die aber leider oft nicht das für eine solche Arbeit nötige wissenschaftliche
Rüstzeug mitbringen.
Die hier angeführten Sachverhalte sind umso bedauerlicher, als gerade in den letzten
Jahren in einigen anderen Bundesländern diesbezügliche Forschungslücken geschlossen
werden konnten4
und in der NS-Forschung mittlerweile sogar so komplexe und strittige Fragen wie
die nach der parteipolitischen und sozialen Herkunft der österreichischen NSDAP-Wähler
in der Ersten Republik als gelöst angesehen werden können.5
Schlussendlich hat sich in letzter Zeit auch gezeigt, dass selbst die Hoffnung
auf die Entdeckung bisher noch verborgener Quellenbestände keineswegs ganz unbegründet
ist.6
Zeitlicher Rahmen und Gliederung
der Arbeit - Exkurs: Der Bezirk in den dreißiger Jahren - Verwendete Quellen
Aus den einleitend genannten Gründen
war es mir auch ein besonderes Anliegen, mit meiner Diplomarbeit über die NSDAP
im Bezirk Deutschlandsberg7
einen Beitrag zur steirischen Regionalgeschichte bezüglich der längst fälligen
Aufarbeitung der Thematik Nationalsozialismus vor 1938 zu leisten. Gleichzeitig
wurde damit ein steirischer Bezirk ins Licht gerückt, der, was die wissenschaftliche
Bearbeitung des angesprochenen Themas betrifft, bisher so gut wie völlig im Dunkeln
gestanden war.8
Zeitlich behandelt die Arbeit im Wesentlichen die Phase vom Beginn des Durchbruchs
der österreichischen NSDAP zu einer Massenbewegung Anfang der dreißiger Jahre
bis zum gescheiterten nationalsozialistischen Putschversuch am 25. Juli 1934 und
seinen unmittelbaren Folgen für die Partei. Für die Wahl dieses zeitlichen Rahmens
sprach vor allem die Tatsache, dass der so genannte "Juliputsch"9
den logischen Höhe- und Endpunkt einer seit 1931/32 unglaublich dynamisch verlaufenden
Entwicklung des österreichischen Nationalsozialismus markiert. Diese war ab 1931
von einem rasanten Anwachsen der Anhängerschaft gekennzeichnet und steigerte sich
nach der "Machtergreifung" im Deutschen Reich im Jänner 1933 zu einer schier
grenzenlosen Siegeseuphorie. Mit dem Entzug der legalen Basis durch das Verbot
der NSDAP im Juni 1933 wurde diese Dynamik ihrem Charakter nach zwar verändert,
in manchen Landesteilen vorübergehend auch verlangsamt, keinesfalls aber völlig
gestoppt. Vielmehr erfolgte nun ein sukzessiver Übergang zu immer gewalttätiger
werdenden Aktionsformen, mit dem Ziel, auch in Österreich die Macht an sich zu
reißen. Am Ende dieser quasi "revolutionären" Phase der nationalsozialistischen
Illegalität standen schließlich der Putschversuch vom 25. Juli 1934 und die anschließend
ausbrechenden bürgerkriegsähnlichen Kampfhandlungen in weiten Teilen Österreichs.10
Gegliedert ist die Arbeit in neun Kapitel (inkl. Einleitung und Resümee), von
denen die ersten einen allgemeinen Überblick über die politischen Kräfte und Strukturen
der Ersten Republik sowie - anhand diverser Betriebs-, Volkszählungs- und Wahlergebnisse
aus dieser Zeit - grundlegende demographische, politische, soziale und wirtschaftliche
Informationen über den Bezirk bringen. Die Identifizierung dieser "Strukturen",
also der anonym-kollektiven Gegebenheiten demographischer, politischer und wirtschaftlich-sozialer
Art, die das Umfeld bzw. den Hintergrund für den Aufstieg des Nationalsozialismus
darstellten, erschien mir vor allem deshalb wichtig, weil solcherart die Bedingungen
und Voraussetzungen rekonstruiert werden können, durch die eine Bewegung wie der
Nationalsozialismus überhaupt erst eine so verhängnisvolle Bedeutung erlangen
konnte. Daher soll nun an dieser Stelle ein so knapp wie möglich gehaltener Exkurs
über den Bezirk Deutschlandsberg folgen.11
Der politische Bezirk Deutschlandsberg umfasste 1934 ein Gebiet von 865,37 km²
und setzte sich aus drei Gerichtsbezirken mit insgesamt 109 Gemeinden zusammen.
Der Gerichtsbezirk Deutschlandsberg bestand aus 47, der Gerichtsbezirk Eibiswald
aus 23 und der Gerichtsbezirk Stainz aus 39 Gemeinden.12
Von diesen 109 Gemeinden waren damals nur Eibiswald, Groß St. Florian, Preding,
Schwanberg, Stainz und Wies Marktgemeinden.13
Das 1918 zur Stadt erhobene Deutschlandsberg war - und ist auch heute noch -
die einzige Stadtgemeinde des Bezirks und zugleich Sitz der Bezirkshauptmannschaft.
Der Charakter des Bezirks kann somit als nahezu ausschließlich dörflich bezeichnet
werden, was auch durch die Tatsache unterstrichen wird, dass 71 seiner 109 Gemeinden
weniger als 500 Einwohner hatten. Nur 11 Gemeinden überschritten die 1.000-Einwohner-Grenze,
keine einzige Gemeinde jedoch die 2.000-Einwohner-Grenze.14
Table 1: Wirtschaftliche
Zugehörigkeit der Bevölkerung des Bezirks Deutschlandsberg, seiner Gerichtsbezirke
und der Steiermark 1934 (Absolut- und Prozentwerte)
|
Bez.
Dlbg |
GB Dlbg. |
GB Eibiswald |
GB Stainz |
Stmk.
Insg. |
| Land- u. Forstwirtschaft |
34.597 |
62,1% |
13.313 |
59,3% |
9.410 |
56,7% |
11.874 |
71,4% |
404.128 |
39,8% |
| Industrie u. Gewerbe |
9.937 |
17,8% |
4.427 |
19,7% |
3.412 |
20,6% |
2.098 |
12,6% |
266.055 |
26,2% |
| Handel u. Verkehr 1
|
2.450 |
4,4% |
1.186 |
5,35 |
688 |
4,1% |
576 |
3,5% |
106.036 |
10,4% |
| Geld-, Kredit- u. Versicherungswesen |
65 |
0,1% |
35 |
0,2% |
15 |
0,1% |
15 |
0,1% |
5.072 |
0,5% |
| Öffentlicher Dienst |
625 |
1,1% |
319 |
1,4% |
178 |
1,1% |
128 |
0,8% |
27.462 |
2,7% |
| Freie Berufe |
764 |
1,4% |
415 |
1,8% |
170 |
1,0% |
179 |
1,1% |
28.002 |
2,8% |
| Häusliche Dienste 2
|
193 |
0,3% |
80 |
0.4% |
68 |
0,4% |
45 |
0,3% |
10.556 |
1,0% |
| ohne Beruf 3
|
6.442 |
11,6% |
2.425 |
10,8% |
2.457 |
14,8% |
1.560 |
9,4% |
146.462 |
14,4% |
| ohne Berufsangabe 4
|
615 |
1,1% |
265 |
1,2% |
189 |
1,1% |
161 |
1,0% |
21.333 |
2,1% |
| Wohnbe-völkerung insgesamt |
55.688 |
|
22.465 |
|
16.587 |
|
16.636 |
|
1,015.106 |
|
Anm.: Prozentuierungsbasis Wohnbevölkerung. Abweichungen zu 100
sind rundungsbedingt.
Dlbg. = Deutschlandsberg; GB =Gerichtsbezirk
1 inkl.
Gast- und Schankgewerbe
2 nur
nicht in Stellung befindliche und außerhalb des Dienstgeberhaushalts wohnhafte
Personen
3 Hausbesitzer,
Pensionäre und Rentiers aller Art, Almosenempfänger, Ausgedinger und in Armenpflege
Lebende, Studenten und in Berufsvorbereitung Stehende sowie Berufslose ohne
nähere Angabe
4 inkl.
der Berufstätigen, die keiner Branche zugeordnet werden konnten
Quelle: Ergebnisse, Heft 1, 89 und Heft 7, 2-7.
Die 55.688 Menschen zählende "Wohnbevölkerung"15
des Bezirks Deutschlandsberg, die zu 98,9 % katholisch und nur 0,8 % evangelisch
war (der Rest kann hier unberücksichtigt bleiben) verteilte sich auf die einzelnen
in der Volkszählung 1934 ausgewiesenen "Wirtschaftsabteilungen" bzw. Wirtschaftszweige
wie aus Tabelle 1erichtlich.
Die wirtschaftliche Entwicklung des Bezirks war seit Mitte der zwanziger Jahre
zunehmend krisenhaft verlaufen. Besonders deutlich sichtbar wird das anhand der
Bereiche Bergbau und Industrie, die sich hier auf nur eine Handvoll in ein ansonsten
agrarisches Umfeld eingebettete Standorte verteilten und darüber hinaus zumeist
besonders krisenanfälligen Sparten angehörten. Sowohl der Braunkohlebergbau (in
den Wies-Eibiswalder Revieren) als auch die Glas-, Papier- und Zündwarenindustrie
hatten schon vor dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise einen drastischen Rückgang
der Standorte und Beschäftigten zu verzeichnen gehabt, wozu zweifellos auch die
durch den Zerfall der Donaumonarchie bedingte Grenzlage, ungünstige oder fehlende
Verkehrsverbindungen sowie die überwiegend kleinbetrieblichen Strukturen des Bezirks
(Faktoren, welche die Konkurrenzfähigkeit zusätzlich beeinträchtigten) beigetragen
hatten.16
Table 2: Ergebnisse
der Nationalratswahlen 1930 im Bezirk Deutschlandsberg, im Wahlkreis Mittel-
und Untersteier sowie in der Steiermark (Absolut- und Prozentwerte)
| |
GB Deutschlandsberg |
GB Eibiswald |
GB Stainz |
Bez. Deutschlandsberg
|
Wahlkreis Mittel- u.
Unterst. |
Stmk insgesamt |
| Wahlberechtigte |
12.559 |
8.294 |
9.495 |
30.348 |
115.044
|
592.992
|
Nichtwähler u. Ungültige
|
2.235 |
17,8% |
1.483 |
17,9% |
1.794 |
18,9% |
5.512 |
18,2% |
20.470 |
17,8% |
82.828 |
14,0% |
| CSP |
4.275 |
34,0% |
2.970 |
35,8% |
3.673 |
38,7% |
10.918 |
36,0% |
38.236 |
33,2% |
165.886 |
28,0% |
| SDAP |
2.982 |
23,7% |
2.279 |
27,5% |
1.452 |
15,3% |
6.713 |
22,1% |
24.054 |
20,9% |
175.371 |
29,6% |
Schober - Block
|
1.754 |
14,0% |
915 |
11,0% |
1.524 |
16,1% |
4.193 |
13,8% |
20.734 |
18,0% |
84.248 |
14,2% |
Heimatblock
|
1.131 |
9,0% |
504 |
6,1% |
851 |
9,0% |
2.486 |
8,2% |
9.134 |
7,9% |
63.643 |
10,7% |
| NSDAP |
71 |
0,6% |
85 |
1,0% |
161 |
1,7% |
317 |
1,0% |
1.944 |
1,7% |
17.437 |
2,9% |
| KPÖ |
100 |
0,8% |
55 |
0,7% |
36 |
0,4% |
191 |
0,6% |
375 |
0,3% |
2.000 |
0,3% |
andere Parteien
|
11 |
0,1% |
3 |
0,04% |
4 |
0,04% |
18 |
0,1% |
97 |
0,1% |
1.579 |
0,3% |
Anm.: Prozentuierungsbasis Wahlberechtigte. Abweichungen zu 100
sind rundungsbedingt.
CSP = Christlichsoziale Partei
SDAP = Sozialdemokratische Arbeiterpartei
Schober-Block = von Dr. Johannes Schober geführtes Wahlbündnis
aus Großdeutscher Volkspartei, Teilen des Landbundes und den Nationalsozialisten
der Schulz-Richtung, die in Opposition zur NSDAP-Hitlerbewegung standen
Heimatblock = Wahlliste der Heimwehrbewegung
andere Parteien = Österreichische Volkspartei
Quelle: Statistische Nachrichten. Sonderheft: Die Nationalratswahlen
vom 9. November 1930, hrsg. vom Bundesamt für Statistik, Wien 1931, 110-113.
Abschließend sei hier noch anhand der
Ergebnisse der letzten Nationalratswahlen der Ersten Republik die Verteilung der
politischen Lager des Bezirks dargestellt, wobei anzumerken ist, dass die Ergebnisse
der faschistischen Wahlwerber (NSDAP und "Heimatblock") bereits die beginnende
"Trendumkehr" im Wahlverhalten widerspiegeln.17
Nach diesem strukturellen Exkurs, der hier zur besseren Illustration der nachfolgenden
Ausführungen notwendig erschien, nun wieder zurück zur weiteren Gliederung der
Diplomarbeit. Auf den allgemeinen und - wie bereits erwähnt - hauptsächlich
strukturanalytisch gehaltenen Einleitungsteil folgt der vier umfangreiche Kapitel
umfassende eigentliche Hauptteil über die NSDAP. Zunächst wird die Partei auf
einer allgemeineren Basis abgehandelt, danach konkret der Bezirk Deutschlandsberg
untersucht. Mit dem Verbot der Partei im Juni 1933 beginnt das nächste Kapitel,
das bis zum Juliputsch 1934 reicht. Eine genauere Erhebung des Putsches und seiner
Folgen für die Bezirks-NSDAP ist dem darauf folgenden Kapitel vorbehalten. Schlussendlich
folgt dann noch ein weiteres Kapitel, in dem einige grundlegende Aussagen zur
Alters- und Sozialstruktur der an der Juli-Erhebung beteiligten Nationalsozialisten
gemacht werden. Die Arbeit vereint somit struktur-, sozial- und ereignisgeschichtliche
Aspekte, um solcherart eine möglichst ausführliche erste Gesamtdarstellung der
NS-Bewegung des Bezirks in der genannten Zeitspanne zu präsentieren.
Der für die Diplomarbeit hauptsächlich verwendete Quellenbestand sind die Akten
der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit im Bundeskanzleramt mit der
Signatur 22 ("Übertretungen und Exzesse").18
Dieser im Archiv der Republik, einem Teilarchiv des Österreichischen Staatsarchives,
verwahrte Bestand stellt eigentlich die geschlossenste und umfangreichste Materialsammlung
zur Geschichte des österreichischen Nationalsozialismus bis 1938 dar und gehört
wohl zu den am häufigsten gesichteten Quellenbeständen des Staatsarchives. Bisher
wurden diese Akten von der zeitgeschichtlichen Forschung jedoch hauptsächlich
als rein ereignisgeschichtliche Quellen verwendet, wofür sie zweifellos auch gut
geeignet sind. Allerdings enthalten viele dieser Dokumente wesentlich mehr Informationen
als jene, die durch eine oberflächliche Zusammenfassung ihrer Inhalte zu erfassen
sind. Aufgrund ihres Charakters können z.B. die von der steirischen Exekutive
gesammelten, oft umfangreichen und detaillierten Angaben nämlich auch hervorragend
für serielle Analysen, also quantitative Aufbereitungen serieller und standardisierter
Aufzeichnungen,19
verwendet werden und somit dazu beitragen, bestimmte soziale Strukturen und Prozesse
zu erhellen.20
Mittels einer solchen systematischen "Neubefragung" dieser bereits seit langem
von der Forschung verwendeten Quellen wird es auch möglich, quantitative Evidenz
für implizit quantitative Aussagen zu liefern und diese von Fall zu Fall zu verifizieren
oder auch zu falsifizieren.
Dazu ein Beispiel: In der zweiten Hälfte des Jahres 1932 konstatierte das steirische
Landesgendarmeriekommando in seinen monatlich erstellten Berichten über die Versammlungstätigkeit
der NSDAP wiederholt ein Abklingen des nationalsozialistischen Aktivismus und
eine anhaltende Stagnation der NS-Bewegung; ebenso zeigen die Analysen der in
diesem Zeitraum abgehaltenen Wahlen einen deutlichen "Trendknick in der Stimmentwicklung"
auf",der bislang in der einschlägigen Literatur kaum berücksichtigt wurde".21
Die Behauptungen des Landesgendarmeriekommandos lassen sich durch die Auswertung
der in den entsprechenden Monatsberichten enthaltenen Zahlen der TeilnehmerInnen
der nationalsozialistischen Versammlungen eindeutig belegen und zeigen, dass diese
beginnend mit September 1932 in nahezu allen steirischen Bezirken signifikant
zurückgingen und die steirische NSDAP offensichtlich eine Krise durchmachte, die
erst mit der "Machtergreifung" im Deutschen Reich im Jänner 1933 ihr Ende fand.
Die hier angesprochenen nach Bezirken gegliederten Tätigkeitsberichte (inkl. der
oftmals angeschlossenen, mitunter recht umfangreichen Beilagen), die - wenn auch
etwas unvollständig - seit April 1932 vorliegen, erlauben aber nicht nur Rückschlüsse
auf die allgemeine Entwicklung des nationalsozialistischen Aktivismus und die
regionalen Schwerpunkte bzw. Zentren der Propaganda- und Versammlungstätigkeit
vor und nach dem Verbot der Partei.22
Sie enthalten meist auch Informationen über die Themen und Inhalte der NS-Propaganda
bzw. die Art der illegalen Aktivitäten, über einzelne Akteure und anderes mehr.
Die Forschungsergebnisse in Kurzform
Die Dynamik des nationalsozialistischen
"Aktionismus"/Aktivismus
Aufgrund der Analyse dieser Berichte
lässt sich für den Bezirk Deutschlandsberg der Beginn des Durchbruchs der NSDAP
zu einer Massenbewegung klar auf die Zeit nach den im April 1932 abgehaltenen
steirischen Gemeinderatswahlen festlegen. Zwar kann anhand der Berichte über diverse
NS-Versammlungen und sonstige Erfolgsmeldungen in den einzelnen Tages- und Wochenzeitungen
bereits spätestens seit der zweiten Jahreshälfte 1931 eine merkbar gestiegene
öffentliche Präsenz der NSDAP im Bezirk konstatiert werden, aber zunächst handelte
es sich dabei noch - wenn überhaupt - um rein lokale "Erfolge". Im Wesentlichen
lässt sich für die Zeit vor April 1932 nur feststellen, dass es die Nationalsozialisten
schafften, ihre Stellung zumindest in den drei Gerichtsbezirkshauptorten (Deutschlandsberg,
Eibiswald und Stainz) als den eigentlichen Kristallisationskernen des Nationalsozialismus
im Bezirk zu festigen. Abgesehen von der 1931 noch generell geringen Anziehungskraft
der österreichischen NSDAP und der nach wie vor ungebrochenen Dominanz der Heimwehrbewegung
als übermächtigem Konkurrenten um die Gunst national und/oder faschistisch eingestellter
Bevölkerungsteile, können dafür vorwiegend sozialstrukturelle Ursachen verantwortlich
gemacht werden. Für eine Partei, deren soziale Basis zu dieser Zeit primär städtisch-neumittelständische
Bevölkerungssegmente bildeten, musste der größtenteils agrarisch-dörflich strukturierte,
wenig industrialisierte Bezirk Deutschlandsberg mit seinem nur schwach entwickelten
tertiären Sektor zwangsläufig einen schlechten Nährboden abgeben. Dementsprechend
blieb der Organisationsgrad der Bezirks-NSDAP bis 1932 hinein noch äußerst gering.23
Das zeigte sich deutlich bei den steirischen Gemeinderatswahlen im April 1932,
wo die Nationalsozialisten in nur vier Gemeinden des Bezirks eine Kandidatur angemeldet
hatten.24Das
Wahlergebnis war denn auch sehr mager: Mit gerade einmal sieben errungenen Mandaten
bildete der Bezirk Deutschlandsberg das steirische Schlusslicht.25
Wie die Berichte des Landesgendarmeriekommandos über die nationalsozialistische
Versammlungstätigkeit zeigen,26
war die Bezirks-NSDAP dann aber sehr schnell in der Lage, an die nach den Gemeinderatswahlen
einsetzende rasante Aufwärtsentwicklung der Gesamtpartei in der Steiermark anzuschließen.
Beginnend mit Juni 1932 setzte im ganzen Bundesland ein wahrer "Versammlungssturm"
ein, der die Gründung zahlreicher neuer Parteiortsgruppen und Standesorganisationen
(Bauernschaften, Frauenschaften usw.) inkl. der dafür erforderlichen NSDAP-Neubeitritte
zur Folge hatte. Umso überraschender war nach diesen fulminanten Erfolgen dann
jedoch das vom Landesgendarmeriekommando erstmals im September 1932 konstatierte
offensichtliche "Abflauen" der Begeisterung weiter Bevölkerungskreise für die
NS-Bewegung, das an anderer Stelle bereits kurz angesprochen worden ist. Dieses
manifestierte sich weniger im Rückgang der Anzahl der Versammlungen, sondern vielmehr
im Rückgang der durchschnittlichen TeilnehmerInnenzahl pro Versammlung. Während
eine NS-Versammlung in der Steiermark im August 1932 noch durchschnittlich 134
BesucherInnen aufgewiesen hatte, waren es im September nur mehr 82 und im Oktober
gar nur noch 66. Obwohl die Anzahl der Veranstaltungen im September nur leicht
zurückging und im Oktober sogar wieder die des Spitzenmonats August erreichte,27
d. h. die Propagandisten nach wie vor voll im Einsatz waren, ließen sich die Menschen
nun nicht mehr so für die NSDAP begeistern wie noch wenige Monate zuvor. Im Bezirk
Deutschlandsberg wird dieses Faktum beispielsweise durch die im letzten Jahresdrittel
1932 weitgehend ausbleibenden Pressemeldungen über Neugründungen von Ortsgruppen
und sonstige "Erfolge" sichtbar.28
Eine deutliche Sprache spricht in dieser Hinsicht aber auch das in den "Steirischen
Gau-Nachrichten", einem Mitteilungsblatt der steirischen Gauleitung für die diversen
nationalsozialistischen Funktionäre und Vertrauensmänner, veröffentlichte Zahlenmaterial
über die Mitgliederstärke der einzelnen NS-Parteibezirke, das in Tabelle 3 dargestellt
ist und tendenziell mit den Versammlungsberichten des Landesgendarmeriekommandos
korrespondiert. Obwohl es sich dabei nur um vage Verhältniszahlen handelt, für
die keine wie immer geartete Bezugsgröße angegeben wurde (offensichtlich war die
Gauleitung bemüht, die tatsächlichen Mitgliederzahlen geheim zu halten), spricht
doch das Faktum, dass sie auch ein Stagnieren und sogar Mitgliederrückgänge anzeigen,
stark dafür, dass es sich dabei keineswegs um Propagandazahlenwerte handelt. Meines
Erachtens ist dieses Zahlenmaterial durchaus geeignet, die relative Stärke der
NSDAP in den einzelnen Bezirken und Gerichtsbezirken sowie die Entwicklungstendenz
über einen bestimmten Zeitraum erkennen zu lassen.
Table 3: Entwicklung
der NSDAP-Mitgliedschaft im Bezirk Deutschlandsberg und seinen Gerichtsbezirken
von September 1932 bis April 1933
| |
9/1932 |
10/1932 |
12/1932 |
1/1933 |
2/1933 |
3/1933 |
4/1933 |
Zuw. in % |
| GB Deutschlandsberg |
12,3 |
13,0 |
13,5 |
14,0 |
14,2 |
16,1 |
24,1 |
+95,9 |
| GB Eibiswald |
6,3 |
4,9 |
6,1 |
16,8 |
15,5 |
10,7 |
12,5 |
+98,4 |
| GB Stainz |
5,8 |
5,8 |
4,9 |
8,7 |
8,3 |
12,8 |
14,5 |
+150,0 |
| Bez. Deutschlandsberg |
- |
- |
- |
11,5 |
12,8 |
13,4 |
17,8 |
+54,8 |
| Gaudurchschnitt |
15,8 |
16,2 |
16,2 |
18,1 |
18,2 |
22,4 |
31,7 |
+100,6 |
Anm.: Zuwachs in % = Zuwachs von 9/1932 bzw. 1/1933 bis 4/1933
Gaudurchschnitt = laut Quelle auf Basis der Vergleichszahlen der
einzelnen Bezirke und Gerichtsbezirke für den Gau Steiermark errechneter Wert
Quelle: Steirische Gau-Nachrichten vom 7. 11. 1932, vom 18. 2.,
4. 5. und 19. 5. 1933.
Aus Tabelle 3 geht die zum Teil stark
fluktuierende Mitgliederentwicklung in den einzelnen Gerichtsbezirken, im Bezirk
und im Gau selbst klar hervor. Korrespondierend mit den Versammlungsstatistiken
kam es im letzten Drittel des Jahres 1932 zu einer weitgehenden Stagnation bzw.
im Fall der Gerichtsbezirke Eibiswald und Stainz sogar zu einem Rückgang der Mitgliederzahlen.
Die einzige Ausnahme bildete der Gerichtsbezirk Deutschlandsberg, der in dieser
Zeitspanne zumindest ein bescheidenes Mitgliederwachstum vorweisen konnte.
Offensichtlich vollzog sich der aus den steirischen Versammlungs- und Mitgliederstatistiken
ablesbare Abschwung ab September 1932 parallel zur Entwicklung im Deutschen Reich.
Dort war die NSDAP bei den Ende Juli 1932 abgehaltenen Reichstagswahlen mit 37,4
% der gültigen Stimmen (etwa 13,8 Millionen) und 230 Sitzen zur stärksten Fraktion
im Reichstag avanciert. Als es ihr in den folgenden Monaten nicht gelang, die
Macht im Staat zu übernehmen, geriet sie in eine schwere Krise, die bei den Reichstagswahlen
im November 1932, wo der Stimmanteil gegenüber Juli um rund 2 Millionen auf 33,1
% der gültigen Stimmen und nur mehr 196 Reichstagssitze abfiel,29
deutlich zutage trat. Mit dem Erlahmen der Zugkraft der reichsdeutschen NSDAP
trat offensichtlich nun auch in der österreichischen NSDAP die Krise ein, wie
beispielsweise das Ergebnis der Vorarlberger Landtagswahlen vom 6. November 1932
zeigt. Obwohl der WählerInnenanteil der NSDAP (gemessen an den Wahlberechtigten)
im Vergleich zu den Nationalratswahlen 1930 von 1,0 % auf 9,0 % gestiegen war,
lag dieses Ergebnis doch beträchtlich unter den Vergleichsergebnissen, die bei
den im April 1932 abgehaltenen Landtagswahlen in Niederösterreich, Salzburg und
Wien erreicht worden waren.30
Die enge Bindung der österreichischen an die reichsdeutsche NSDAP wird hier deutlich.
Erneut zeigte sich diese Bindung bzw. Abhängigkeit dann nach der "Machtergreifung"
im Deutschen Reich am 30. Jänner 1933 und den im März 1933 abgehaltenen Reichstagswahlen,
die in der Steiermark einen regelrechten Run zur NSDAP zur Folge hatten. Im Bezirk
Deutschlandsberg z.B. schnellte die Zahl der Parteimitglieder nun regelrecht in
die Höhe, wie Tabelle 3 zeigt. Allerdings gibt es auch hier wieder eine Ausnahme:
den Gerichtsbezirk Eibiswald. Ende Jänner 1933 war er noch an der Spitze gestanden,
mit Ende März aber auf den letzten Platz zurückgefallen. Im Gegensatz zu den beiden
anderen Gerichtsbezirken hatte die nach der "Machtergreifung" weiterhin so erfolgreiche
Entwicklung im Deutschen Reich hier keinen positiven Rückkoppelungseffekt zur
Folge. Warum das so war, konnte allerdings nicht geklärt werden.
Konkrete Zahlen zur NS-Mitgliederentwicklung 1932/33 lassen sich den Quellen zwar
nirgendwo entnehmen, aus ihnen geht aber ziemlich deutlich hervor, dass die Bezirks-NSDAP
ihren Mitgliederanstieg zu einem nicht unbeträchtlichen Teil einer quasi "parasitären
Expansion" innerhalb des "völkischen" bzw. deutschnationalen Lagers verdankte.31
Speziell die jungen Mitglieder der im Bezirk sehr aktiven "deutsch-völkischen"
Turnvereine sowie die Mitglieder des "Deutschen Schulvereines Südmark" gingen
offenbar in Scharen zu den Nationalsozialisten über. Dadurch wurde vor allem der
ihnen nahe stehenden "Großdeutschen Volkspartei" sukzessive die Wählerbasis
entzogen. Aber auch die nationale Bauernpartei, der "Landbund", scheint einen
nicht unbeträchtlichen Teil seiner Anhängerschaft an die NSDAP verloren zu haben.
Ein weiteres Rekrutierungsreservoir waren die Ortsgruppen des darniederliegenden
"Steirischen Heimatschutzes", der bekanntlich nach dem Abschluss einer "Kampfgemeinschaft"
mit der NSDAP im April 1933 völlig in dieser aufging.32
Zudem scheinen die Nationalsozialisten schon 1932 nicht unwesentliche Teile der
sozialdemokratischen Klientel an sich gezogen zu haben.33
Hingegen konnte die Wählerschaft der "Christlichsozialen Partei" zu diesem Zeitpunkt
wohl nur in einem äußerst bescheidenen Ausmaß von den Nationalsozialisten angesprochen
werden.
Die im ersten Halbjahr 1933 zahlenmäßig und psychologisch ungemein gestärkten
Nationalsozialisten, welche die Machtübernahme auch in Österreich bereits in greifbarer
Nähe wähnten, stießen aber seit März 1933 auf steigenden Widerstand seitens der
österreichischen Bundesregierung unter Kanzler Dollfuß. Dieser hatte sich nun
endgültig auf einen "autoritären Kurs" festgelegt und war bestrebt, den nationalsozialistischen
"Siegeslauf" mit zunehmend repressiver werdenden Maßnahmen (Pressezensur, Versammlungs-,
Aufmarsch- und Uniformverbot u. a.) zu stoppen. Auf nationalsozialistischer Seite
wiederum hatte das Vorgehen der Bundesregierung ein sukzessives Übergehen zu bisher
unbekannten und immer gewalttätiger werdenden Formen des politischen Kampfes (angefangen
von noch relativ harmlosen Hakenkreuzschmierereien und lärmenden Demonstrationen
mit Sprechchören bis hin zu Böllereinsätzen und gezielten Anschlägen mit Sprengstoffen)
zur Folge. Insbesondere in den Monaten nach dem am 19. Juni 1933 erfolgten Verbot
der NSDAP und des mit ihr paktierenden Steirischen Heimatschutzes ist festzustellen,
dass nationalsozialistische Gewalt und staatliche Gegengewalt offensichtlich eine
immer stärker werdende Eigendynamik zu entwickeln begannen. Ein friedlicher Ausgleich
zwischen den beiden Kontrahenten rückte damit in immer weitere Ferne, was aber
nicht heißt, dass ein solcher von vornherein gar nicht mehr angestrebt worden
wäre.34 Das
immer zügelloser werdende Agieren der Nationalsozialisten, das schließlich in
reinen Terror ausartete und wohl auch die wachsende Frustration innerhalb des
"braunen Lagers" über die in immer weitere Ferne rückende "Machtergreifung"
in Österreich widerspiegelt, mündete schließlich in den von völlig illusorischen
Voraussetzungen ausgehenden, schlecht geplanten und miserabel koordinierten Putschversuch
vom 25. Juli 1934, der mit einer totalen nationalsozialistischen Niederlage endete.
Besonders blutig verliefen die in den folgenden Tagen stattfindenden Kampfhandlungen
zwischen Bundesheer, Gendarmerie, Schutzkorps und Wehrverbänden auf Regierungsseite
sowie SA, Parteiangehörigen und sonstigen "Kämpfern" aller Art auf nationalsozialistischer
Seite im Bezirk Deutschlandsberg.35
Er stellte in der Steiermark eines der zentralen Aufstandsgebiete dar,36
was unter anderem schon aus der Tatsache ersichtlich ist, dass aus 15 der 17 Gendarmeriepostenrayone
des Bezirks (Stand 1936) von nationalsozialistischen Aktionen unterschiedlichster
Art berichtet wird. So kam es im Verlauf des 25. und 26. Juli in Bad Gams, Deutschlandsberg,
Eibiswald, Frauental, Preding, Schwanberg, Stainz und Wies zu teilweise wüsten
Schießereien nationalsozialistischer Aufrührer mit Exekutiv-, Schutzkorps- und
Wehrverbandsangehörigen, die auf Seite der Regierung neun (einem Gendarmeriebeamten,
fünf Mitgliedern des "Österreichischen Heimatschutzes", zwei Angehörigen der
"Ostmärkischen Sturmscharen" und einer Zivilistin), auf Seite der Nationalsozialisten
drei Menschen das Leben kosteten. Mindestens 15 weitere Personen erlitten Verletzungen
unterschiedlichen Grades. Die Aufstandsbewegung war hier so stark, dass die Ruhe
erst durch den Einsatz des Bundesheeres wiederhergestellt werden konnte. Während
sich die Aufrührer aus den meisten Orten schon auf die Nachricht von seinem Herannahen
zurückzogen, lieferten sich jene von Preding sogar ein kurzes Gefecht mit dem
anrückenden Bundesheer.
Die Heftigkeit der Kampfhandlungen im Bezirk ist als ein deutlicher - und leider
trauriger - Beweis für den in den Quellen öfters angesprochenen "Tatendrang"
der dortigen NSDAP-Anhängerschaft anzusehen.37
Das ist insofern etwas überraschend, als die Bezirks-NSDAP - gemessen an ihrer
Mitgliederstärke - in der Phase der Legalität stets zu den steirischen Schlusslichtern
gezählt hatte und in der ersten Zeit nach dem Parteiverbot sogar ein signifikanter
Rückgang der nationalsozialistischen Aktivitäten feststellbar ist. Letzteres ist
als ein starkes Indiz dafür zu werten, dass ein entsprechender "Apparat" für
die nunmehr illegale Weiterbetätigung nicht oder kaum vorhanden war. Unter Zuhilfenahme
der organisatorischen Strukturen der deutschnationalen Vereine, namentlich jener
der deutsch-völkischen Turnvereine, die vom Verbot der NSDAP und der ihr unterstellten
Organisationen und Verbände nicht betroffen waren, scheint der Aufbau eines entsprechenden
"illegalen Apparates" letztlich aber relativ rasch gelungen zu sein. Schon im
August 1933 kann im Bezirk eine quantitativ beträchtliche Steigerung der illegalen
nationalsozialistischen Propagandatätigkeit konstatiert werden, aber erst im letzten
Jahresdrittel 1933 wurde die Tätigkeit der Nationalsozialisten im Bezirk vom Landesgendarmeriekommando
als wirklich Besorgnis erregend eingestuft. In diesem Zusammenhang bereitete vor
allem die immer stärker ansteigende Zahl von unaufgeklärt gebliebenen NS-Delikten
den Sicherheitsbehörden Sorgen. Dennoch blieb der Bezirk sowohl hinsichtlich der
quantitativen als auch der qualitativen Dimension der nationalsozialistischen
Untaten noch bis 1934 hinein deutlich hinter anderen steirischen Regionen und
Bezirken zurück. Während beispielsweise Böller und Sprengkörper aller Art von
den Nationalsozialisten der obersteirischen Industrieregion schon ab Herbst 1933
in immer größer werdender Zahl eingesetzt wurden,38
dominierten im Bezirk Deutschlandsberg bis ins erste Jahresviertel 1934 hinein
noch eindeutig solche Aktionsformen, die keine direkte Gefahr für Leib und Leben
von Menschen darstellten. Spätestens mit April/Mai 1934 hörte aber auch hier die
"Rücksichtnahme" der Nationalsozialisten auf. So kam es beispielsweise allein
im Gendarmeriepostenrayon Stainz im letzten Drittel des Mai zu einer Serie gezielter
Anschläge (fünf mit Sprengkörpern und zwei mit Papierböllern),39
wobei die skrupellosen Täter möglicherweise auch die akute Gefährdung von Personen
beabsichtigten, eine solche zumindest aber in Kauf nahmen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass solche Terrorakte aber nur aus gewissen
NS-Zentren des Bezirks, wie z.B. Stainz, gemeldet wurden, während beispielsweise
zu Eibiswald keine diesbezüglichen Meldungen gefunden werden konnten, obwohl die
Marktbevölkerung gerade hier stark nationalsozialistisch durchsetzt war. Von den
eventuell fehlenden Quellen einmal abgesehen, könnte dieses Faktum auch auf gewisse
Differenzen, die innerhalb des "braunen Lagers" zwischen "Tauben" und "Falken"
hinsichtlich der Frage nach der im Kampf gegen die Bundesregierung einzuschlagenden
Strategie auftraten, hindeuten. Der teilweise Bruch des zu Beginn der sozialdemokratischen
"Februarunruhen" von der NS-Landesleitung einseitig verkündeten "Waffenstillstandes"
mit der Bundesregierung40
kann jedenfalls als ein Indiz dafür angesehen werden, dass im ersten Halbjahr
1934 auch innerhalb der Bezirks-NSDAP radikale Führer, Unterführer und Aktivisten
verstärkt in den Vordergrund traten und sich innerhalb der Partei zunehmend zentrifugale
Tendenzen bemerkbar zu machen begannen.41
Möglicherweise ließe sich bei Durchsicht weiterer Quellen, wie z.B. Gerichtsakten,
diesbezüglich etwas mehr Klarheit erlangen.
Die Tatsache aber, dass zum Juliputsch hin vor allem eine beträchtliche quantitative
Steigerung nationalsozialistischer Aktionen zu verzeichnen war, lässt auch ein
nicht unbeträchtliches Anwachsen der Nationalsozialisten in der Illegalität als
plausibel erscheinen. Für ein solches Anwachsen spricht meines Erachtens auch
die personelle Stärke der Bezirks-SA, die im Mai 1934 sieben Sturmbanne mit rund
760 Mann umfasste. Material, mit dem sich ein solches Wachstum in der Illegalität
klar beweisen ließe, konnte im Rahmen der Quellensuche jedoch nicht gefunden werden.
Zur Alters- und Sozialstruktur der
an der Juli-Erhebung Teilnehmenden
Das oben bereits angesprochene katastrophale
Ende des Juli-Abenteuers manifestierte sich im Bezirk wie überall im Bundesgebiet
in einer Massenflucht nationalsozialistischer Aktivisten ins Ausland und der Verhaftung
der zurückgebliebenen Aufrührer. Ein nicht geringer Teil der in diesem Zusammenhang
von der Exekutive aufgenommenen Anzeigen wegen Beteiligung am Juliputsch (die
so genannten "Hochverratsanzeigen") ist im eingangs genannten Quellenbestand
des Österreichischen Staatsarchives erhalten geblieben.42
Allein für die Steiermark liegen gut 1.200 solcher Hochverratsanzeigen vor.43
Diese weisen im allgemeinen ein vollständiges "Nationale" auf, d. h. sie enthalten
Geburtsdatum, Geburts- und letzten Aufenthaltsort, Religionsbekenntnis, Familienstand,
Beruf und Schulbildung, Vermögensverhältnisse und Vorstrafen jedes/jeder Betreffenden,
dazu eine mehr oder minder detaillierte Beschreibung der Straftaten, die man ihm/ihr
zur Last legte. Letzterer sind nicht selten interessante Details über Planung
und Ablauf der Juli-Erhebung in den einzelnen Orten zu entnehmen. Ferner ist dadurch
zumeist auch eine genaue Differenzierung zwischen am Putsch als Anführer Beteiligten
und dem "Fußvolk" bzw. der "Gefolgschaft" möglich. Hinzu kommen noch umfangreiche
so genannte "Ausbürgerungsverzeichnisse" und Listen von nach dem Juliputsch
nach Jugoslawien bzw. aus dem Bundesgebiet Geflüchteten, die ebenfalls persönliche
Daten von hunderten Personen enthalten,44
sowie zwei Kartons, in denen sich nahezu ausschließlich Material über die "Österreichische
Legion" findet,45
in die ein großer Teil dieser Flüchtlinge eingereiht wurde.
Wegen der Fülle dieser Personendaten könn(t)en auch ziemlich präzise und relevante
Aussagen zur Altersstruktur sowie zur sozialen Basis des Nationalsozialismus in
den entsprechenden Bezirken und Gebieten, unter Umständen sogar für das gesamte
Bundesland, gemacht werden. Genau darin besteht auch der größte Wert dieses Materials,
weil es kaum vorstellbar ist, dass für die Zeit der Illegalität der NSDAP ähnlich
umfangreiches personenbezogenes Datenmaterial noch irgendwo sonst in Österreich
vorhanden ist. Dennoch wurden diese Anzeigen, die noch dazu ein zentrales Ereignis
der jüngeren österreichischen Geschichte betreffen, in wissenschaftlichen Arbeiten
bisher so gut wie nie berücksichtigt. In diesem Zusammenhang darf auch nicht unerwähnt
bleiben, dass es im Österreichischen Staatsarchiv noch einen umfangreichen Bestand
an Prozessakten des nach dem Juliputsch eingerichteten Militärgerichtshofes gibt.46
Von seiner ereignisgeschichtlichen Bedeutung einmal abgesehen, eignet sich auch
dieses Material für Analysen zur Alters- und Sozialstruktur der Anhängerschaft
der NSDAP und könnte zu diesem Zweck z.B. als Ergänzung der Hochverratsanzeigen
herangezogen werden.
Lediglich ein kleiner Teil dieser Materialien, nämlich die etwas mehr als 400
Hochverratsanzeigen aus dem Bezirk Deutschlandsberg, wurde für die Diplomarbeit
ausgewertet.47
Unter anderem konnte dadurch die von Gerhard Botz festgestellte spezifische "Anfälligkeit"
der Geburtsjahrgänge 1894 bis 1913 für den Nationalsozialismus eindeutig belegt
werden. Fast 75 % der an der Juli-Erhebung im Bezirk Beteiligten gehörten diesen
Jahrgängen an. 30,7 % von ihnen waren zwischen 21 und 25 Jahre und weitere 23,5
% zwischen 26 und 30 Jahre alt.
Äußerst überraschend fiel schließlich der Befund zur sozialen Struktur der TeilnehmerInnen
der Juli-Erhebung aus: Beispielsweise zeigte sich, dass sie zu weit mehr als 40,0
% aus Arbeitern, Lehrlingen, Mithelfenden und nicht näher spezifizierten, größtenteils
nicht im primären Sektor tätigen "Hilfsarbeitern" bestanden. Der Anteil der
Arbeiter, Lehrlinge und Mithelfenden an den "Berufsträgern" (das sind laut Volkszählung
1934 Berufstätige und Arbeitslose) des Bezirks betrug hingegen nur 18,3 %. Dieses
Faktum kann meiner Ansicht nach keineswegs allein auf die unvollständige Datenbasis
(435 erhaltene Anzeigen bei mindestens 693 Verhafteten und Geflüchteten) und einer
damit zusammenhängenden Überrepräsentierung der Arbeiterschaft zurückgeführt werden.
Im Gegenteil: Unter den Gendarmeriepostenrayonen, aus denen keine Anzeigen vorliegen
(z.B. Eibiswald und Stainz), ist noch eine Reihe weiterer Arbeiter (vor allem
gewerbliche) zu vermuten. Schließt man auch noch die im primären Sektor tätigen
Arbeiter und Dienstboten in den Begriff "Arbeiter" mit ein, stellten Arbeiter
im weitesten Sinn sogar um die 60,0 % der an der Juli-Erhebung Beteiligten.48
Auffallend ist auch die extreme Unterrepräsentierung der land- und forstwirtschaftlich
Selbständigen, und zwar sowohl im Vergleich mit den selbständigen Berufsträgern
des primären Sektors insgesamt als auch den Arbeitern und Mithelfenden innerhalb
dieses Sektors. Während land- und forstwirtschaftlich Selbständige 22,3 % der
Berufsträger stellten, machten sie nur knapp 4,0 % der Aufrührer aus. Im Gegensatz
dazu stellten in der Land- und Forstwirtschaft Mithelfende 11,7 %, Arbeiter und
Dienstboten) 13,1 % der Aufrührer - bei Anteilen von 25,9 % bzw. 23,9 % an den
Berufsträgern. Privatangestellte und Beamte (4,1 % der Aufrührer) waren - wenn
überhaupt - allenfalls leicht überrepräsentiert, Selbständige in Handel und Gewerbe
sowie Freiberufler (3,6 % der Aufrührer) leicht unterrepräsentiert. Absolventen
höherer Bildungsanstalten waren erwartungsgemäß nur wenige unter den Aufrührern
zu finden und der verbleibende Rest entfiel auf Personen mit unklaren und fehlenden
Berufsangaben sowie "Berufslose" (miterhaltene Familienangehörige und PensionistInnen
ohne Angabe des vorher ausgeübten Berufes). Aufgrund dieses Befundes lässt sich
die Bezirks-NSDAP letztlich noch am ehesten als eine sehr heterogen geschichtete
"Protestpartei" mit einem beträchtlich überrepräsentierten Arbeitersegment charakterisieren.
Insgesamt lässt sich anhand der ausgewerteten Hochverratsanzeigen ein relativ
detailliertes Bild der beruflich-sozialen Zugehörigkeit aktiver und zum Teil auch
militanter AnhängerInnen der NSDAP im ersten Jahr der Illegalität erstellen. Die
Tatsache, dass diesem Personenkreis neben jungen Männern ältere",gesetztere"
und Pensionisten genauso wie berufstätige und pensionierte Frauen angehörten,
lässt die Vermutung nicht unplausibel erscheinen, dass er quasi als eine Art Querschnitt
der illegalen Bezirks-NSDAP angesehen werden kann. In diesem Zusammenhang wäre
es auch nicht uninteressant zu untersuchen, inwiefern die Träger des/der lokal
jeweils dominierenden Milieus ident mit den Trägern der Aufstandsbewegung sind.
Auf Bezirksebene zeigte der Vergleich von "Führern" und "Gefolgschaft" jedenfalls,
dass sich damals bestehende beruflich-soziale Hierarchien im Wesentlichen auch
in der Partei widerspiegelten: Die Führerschaft bildeten größtenteils Angestellte,
Beamte (unter diesen überwiegend Lehrer) und Selbständige, entstammten also mittelständischen
Gruppen, während Arbeiter und Mithelfende das Gros des Fußvolkes stellten. Hinsichtlich
der Gefolgschaft konnte auch untersucht werden, inwiefern die Evangelischen des
Bezirks sich an der Erhebung beteiligten bzw. für den Nationalsozialismus mobilisierbar
waren. Das Ergebnis kann jedoch keineswegs als Beleg für eine besondere Affinität
der winzigen evangelischen Minorität zum Nationalsozialismus angesehen werden:
Der Anteil evangelischer Österreicher an den Aufrührern betrug nur knapp 1,0 %.
Ausblick/Perspektiven für die Zukunft
Mit Hilfe der Archivmaterialien, die
hier kurz angesprochen wurden, könn(t)en nicht nur solche sondern wohl noch eine
Reihe anderer Fragen mit einiger Sicherheit beantwortet worden - das Vorhandensein
der entsprechenden Zeit und des dazu nötigen "Sitzfleisches" vorausgesetzt.
Jedenfalls aber bilden diese Quellenbestände - und darauf sei am Schluss noch
einmal in aller Deutlichkeit hingewiesen - einen soliden Rahmen, der in Verbindung
mit Materialien wie Bezirksgerichts- und BH-Akten, Gendarmeriechroniken und Zeitungen
sowie den viel zu wenig beachteten publizierten Betriebs-, Volkszählungs- und
Wahlergebnissen der Ersten Republik zu einem durchaus brauchbaren Bild des Nationalsozialismus
in einem bestimmten Gebiet gestaltet werden kann. Somit bleibt zu hoffen, dass
die hier am Beispiel des Bezirks Deutschlandsberg gegebenen knappen Hinweise und
Anregungen zu einer weiteren Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus auf lokaler
und regionaler Ebene einladen. Zweifelsohne kann das ein lohnendes Unterfangen
sein und zu für die Forschung relevanten Aussagen führen, die dazu beitragen könn(t)en,
ein detaillierteres und differenzierteres Gesamtbild der NSDAP vor 1938 zu erstellen.
- 1
Genannt seien hier: Francis L.
Carsten, Faschismus in Österreich. Von Schönerer bis Hitler, München 1977;
Bruce F. Pauley, Der Weg in den Nationalsozialismus. Ursprünge und Entwicklungen
in Österreich, vom Autor revidierte und ergänzte Ausgabe, Wien 1988 und Stefan
Karner, Die Steiermark im Dritten Reich 1938-1945. Aspekte ihrer politischen,
wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Entwicklung, 3. Aufl., Graz 1994.
- 2
So z.B. Bruce F. Pauley, Hahnenschwanz
und Hakenkreuz. Der steirische Heimatschutz und der österreichische Nationalsozialismus
1918-1934, München-Wien-Zürich 1972 - ein nach wie vor wesentliches, in einigen
Bereichen aber mittlerweile überholtes Werk.
- 3
Die meines Wissens immer noch einzig
relevante Ausnahme ist Eduard Staudinger, Zur Entwicklung des Nationalsozialismus
in Graz von seinen Anfängen bis 1938, in: Friedrich Bouvier und Helfried Valentinitsch
(Schriftleitung), Graz 1938 (=Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Bd. 18/19)
Graz 1988, 31-74. Wesentlich kürzer gehalten, doch ebenfalls sachlich fundiert
und auf Quellenstudien beruhend ist ders., Der Juli-Putsch 1934 im Bezirk
Weiz, in: Zeitschrift Gleisdorf 6, Gleisdorf 1984, 239-248.
- 4
Erwähnt sei hier beispielsweise
die Monographie von Ulfried Burz, Die nationalsozialistische Bewegung in Kärnten
(1918-1933). Vom Deutschnationalismus zum Führerprinzip (=Das Kärntner Landesarchiv,
Bd. 23) Klagenfurt 1998.
- 5
Die auf den Methoden der modernen
historischen Wahlforschung beruhende Studie von Dirk Hänisch, Die österreichischen
NSDAP-Wähler. Eine empirische Analyse ihrer politischen Herkunft und ihres
Sozialprofils (=Böhlaus Zeitgeschichtliche Bibliothek, Bd. 35) Wien-Köln-Weimar
1998, stellt ohne Zweifel einen Meilenstein in der österreichischen NS-Forschung
dar. Der Autor räumt darin nicht nur mit zahlreichen Irrtümern, Mythen und
Legendenbildungen, die teilweise jahrzehntelang durch die Historiographie
geisterten, auf, sondern bietet auch interessante und wertvolle Anregungen
für die landes- und regionalgeschichtliche Forschung.
- 6
So wurde z.B. im "NS-Archiv" des
Ministeriums für Staatssicherheit der DDR den Tod des Bundeskanzlers Engelbert
Dollfuß betreffendes Aktenmaterial gefunden, das bisher als verschollen galt.
Vgl. dazu Marianne Enigl",Projektil 8 Millimeter", in: Profil vom 11. 6.
2001, 40f.
- 7
Gerald Wolf, Die NSDAP im Bezirk
Deutschlandsberg von ihren Anfängen bis zum gescheiterten Juliputsch 1934.
Ein strukturanalytischer Beitrag zur Regionalgeschichte der Steiermark unter
besonderer Berücksichtigung der demographischen, politischen und wirtschaftlich-sozialen
Verhältnisse des Bezirks, geisteswiss. Dipl.Arb., Graz 2001.
- 8
Abgesehen von den zumeist spärlichen
Darstellungen der NS-Zeit in den zahlreichen Ortschroniken, bei denen es sich
leider nur allzu oft um Gefälligkeitsdarstellungen handelt, die bestrebt sind,
dieses Kapitel der Bezirksgeschichte so weit wie möglich auszuklammern, existiert
nur die Monographie von Herbert Blatnik, Zeitzeugen erinnern sich an die Jahre
1938-1945 in der Südweststeiermark, Eibiswald 1997. Wie aus der Titelwahl
bereits deutlich hervorgeht, konzentriert sich dieses Werk jedoch primär auf
die Zeit nach 1938.
- 9
Allgemein hat sich für die Ereignisse
des 25. Juli in Wien und die daraufhin in einigen Bundesländern ausbrechenden
Kampfhandlungen die Bezeichnung "Juliputsch" eingebürgert. Gerhard Botz
und Gerhard Jagschitz haben in diesem Zusammenhang aber zu Recht darauf hingewiesen,
dass diese Vorkommnisse - typologisch betrachtet - einen Doppelcharakter aufweisen.
Einen "Putsch" im eigentlichen Sinne stellten nur die Aktionen der SS-Standarte
89 in Wien dar (Überfall auf die RAVAG und das Bundeskanzleramt am 25. 7.),
während es sich bei den mehrere Tage dauernden Kampfhandlungen in den Bundesländern
um einen Aufstandsversuch der SA und der illegalen Parteiorganisation handelte.
Da die Ereignisse in den Bundesländern nur in einem eher losen Zusammenhang
mit denen in Wien standen, ist es korrekter, bei den Kämpfen in den Bundesländern
von einem "Aufstand" oder einer "Erhebung" zu sprechen. Gerhard Jagschitz,
Der Putsch. Die Nationalsozialisten 1934 in Österreich, Graz-Köln-Wien 1976,
138 und Gerhard Botz, Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche,
Unruhen in Österreich 1918 bis 1938, 2. Aufl., München 1983, 273.
- 10
Nachdem die "Machtergreifung"
auf dem "revolutionären" Weg sich dann letztendlich nicht hatte verwirklichen
lassen, schlugen die Nationalsozialisten einen eher "evolutionären" Weg
ein, der bekanntlich über das so genannte "Juliabkommen" (1936) schließlich
zum "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich führte.
- 11
Sofern nicht anders angegeben, stammen
alle Daten der folgenden Absätze aus: Die Ergebnisse der österreichischen
Volkszählung vom 22. März 1934. Steiermark (=Statistik des Bundesstaates Österreich,
Heft 7) Wien 1935, 2-7.
- 12
Heute bestehen im Bezirk aufgrund
zahlreicher Eingemeindungen in den Jahrzehnten nach 1945 nur noch 40 Gemeinden
(im GB Deutschlandsberg 16, im GB Eibiswald 12 und im GB Stainz 12 Gemeinden).
- 13
Die Markterhebung von Wies war -
im Gegensatz zu den anderen Marktorten, die schon seit dem Mittelalter bestanden
- erst 1920 erfolgt. Mittlerweile sind auch Bad Gams (früher Gams), Frauental
a. d. Laßnitz, Lannach, Pölfing-Brunn und Wettmannstätten zu Märkten erhoben
worden.
- 14
Diese sollte laut Textheft der Volkszählung
1934 eine Unterscheidung von Siedlungsplätzen "mit überwiegend ländlichem
von solchen mit überwiegend städtischem Charakter" gewährleisten. Die Ergebnisse
der österreichischen Volkszählung vom 22. März 1934. Bundesstaat. Textheft
(=Statistik des Bundesstaates Österreich, Heft 1) Wien 1935, 30.
- 15
Zur "Wohnbevölkerung" zählte man
bei der Volkszählung 1934 (Stichtag 22. 3.) alle Personen, deren ständiger
Wohnsitz in der jeweiligen Gemeinde lag, wobei eine zeitweilige Abwesenheit
vom Wohnort nicht berücksichtigt wurde. Ermittelt wurde auch die "anwesende
Bevölkerung", d. h. alle am Zähltag in der jeweiligen Gemeinde sich aufhaltenden
Personen. Ergebnisse, Heft 1, 14f. - Im Bezirk Deutschlandsberg machte die
anwesende Bevölkerung 55.770 Menschen aus.
- 16
Zu den Wirtschaftssektoren und zur
wirtschaftlichen Entwicklung des Bezirks zwischen 1918 und 1934 vgl. Wolf,
NSDAP, 26-29 und 38-44.
- 17
In der Stadt und den Marktgemeinden
fielen die Ergebnisse der faschistischen Bewegungen, namentlich des Heimatblockes,
zum Teil außergewöhnlich hoch aus. In Deutschlandsberg, Groß St. Florian und
Stainz avancierte der Heimatblock zur jeweils zweitstärksten (Anteile von
21,3 %, 19,5 % und 25,6 % an den Wahlberechtigten) und in Wies zur drittstärksten
(17,3 %) politischen Kraft. In Preding und Schwanberg konnte er immerhin die
5 %-Marke überspringen. Aber auch die NSDAP erreichte in drei Marktorten mehr
als 5 %: in Eibiswald, Stainz und Wies. Wolf, NSDAP, 61, Tabelle 5/1b.
- 18
Konkret sind es folgende: Österreichisches
Staatsarchiv/Archiv der Republik (=ÖStA/AdR), Bundeskanzleramt/Allgemein,
Signaturenreihe (=BKA/Allgemein, SR), BKA-Inneres, 22/Stmk., Kartons 5131-5141
sowie dies., 22/gen., Kartons 4864-4870, 4872-4875, 4877-4879 und 4900-4910.
- 19
Dabei handelt es sich aber meist
nicht um statistische Auswertungen im strengen Sinn, weil die Quellen dafür
in vielen Fällen nicht die entsprechenden Voraussetzungen bieten. Peter Burke,
History an Social Theory, New York 1992, 35, verdeutlicht das am Beispiel
von Fernand Braudels Werk über die Wirtschaft des Mittelmeerraumes im späten
16. Jahrhundert: "This general description is a model in the sense that (as
he admits) Braudel did not have statistics for the whole region but had to
extrapolate from partial data which did not form a sample in the strict sense
of the term."
- 20
In größerem Ausmaß hat solche seriellen
Analysen bisher meines Wissens nur Kurt Bauer, Struktur und Dynamik des illegalen
Nationalsozialismus in der obersteirischen Industrieregion 1933/34, geisteswiss.
Dipl.Arb., Wien 1998, durchgeführt. Anzumerken ist dazu, dass seine Untersuchung
primär strukturgeschichtlich angelegt ist, wobei der Autor vielfach weit über
den im Titel der Arbeit genannten geographischen Raum hinausgeht.
- 21
Hänisch, NSDAP-Wähler, 74f.
- 22
Beispielsweise konnte bei Bauer,
Struktur, 80-93, mit Hilfe der Tätigkeitsberichte auch das in der Literatur
öfters behauptete, vielfach aber nur schwach oder gar nicht belegte signifikante
Obersteiermark-Untersteiermark-Gefälle hinsichtlich der NS-Affinität eindeutig
belegt werden.
- 23
Vgl. dazu Wolf, NSDAP, 58-69. Als
Quellen für den Zeitraum von Ende 1930 bis April 1932 dienten vorwiegend die
nationalsozialistischen Blätter "Der Kampf" und "Steirische Gau-Nachrichten"
sowie die Bezirkszeitung "Weststeirische Rundschau".
- 24
Unbedingt anzumerken ist in diesem
Zusammenhang, dass nach § 7 des 1932 noch geltenden Landesgesetzes vom 28.
3. 1924 in Gemeinden, wo nur ein Wahlvorschlag eingebracht worden war und
dieser die zur Vollzähligkeit des Gemeinderates notwendige Zahl von Wahlwerbern
erhielt, die Wahl entfallen konnte. Von dieser Möglichkeit machte etwas weniger
als die Hälfte der über 1.000 steirischen Gemeinden Gebrauch. Im Bezirk Deutschlandsberg
wurde in 75 Gemeinden keine Wahl durchgeführt. Leider wurden die Gemeinderatswahlergebnisse
1932 nie in amtlicher Form dokumentiert, sondern sind nur aufgrund der unvollständigen
Angaben in der steirischen Presse zu erschließen. Bekannt und auswertbar sind
lediglich die Ergebnisse von 351 Gemeinden, darunter 122, in denen die Nationalsozialisten
eine Kandidatur angemeldet hatten. Hänisch, NSDAP-Wähler, 102-104.
- 25
Vgl. dazu Wolf, NSDAP, 69-72. Hinsichtlich
der Zahl der NS-Mandate gibt es nicht unbeträchtliche Differenzen. Jagschitz,
Putsch, 28 beispielsweise spricht von 297 NS-Mandaten in der Steiermark, während
es bei Hänisch, NSDAP-Wähler, 104 nur 270 Mandate sind (eine Zahl, die er
der steirischen Tagespresse entnommen hat). Addiert man hingegen die im NS-Blatt
"Der Kampf" vom 30. 4. 1932, 4 angegebenen Zahlen, so erhält man insgesamt
284 Mandate. Diesen Angaben zufolge erzielte der Bezirk Deutschlandsberg das
schwächste Ergebnis aller steirischen Bezirke.
- 26
ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres,
22/Stmk., Zln. 161.061/1932 (April), 174.925/1932 (Mai), 212.452/1932 (August),
223.635/1932 (September), 237.816/1932 (Oktober), 105.939/1933 (Dezember),
126.275/1933 (Jänner) und 130.486/1933 (Februar). Für die übrigen Monate konnten
keine Berichte gefunden werden.
- 27
Vgl. dazu Bauer, Struktur, 64, Abbildung
5/2.
- 28
Vgl. dazu Wolf, NSDAP, 73-76 und
80. Bei den entsprechenden Zeitungen handelt es sich abermals um "Der Kampf",
die "Steirischen Gau-Nachrichten" und die "Weststeirische Rundschau".
- 29
Jürgen W. Falter, Hitlers Wähler,
München 1991, 35-37 und 79.
- 30
Vgl. dazu Hänisch, NSDAP-Wähler,
107f. In Salzburg hatten die Gewinne 13,0 % und in Wien sogar 13,4 % betragen.
Lediglich in Niederösterreich waren sie mit 8,1 % etwas bescheidener ausgefallen.
Ebda., 96.
- 31
Vgl. dazu u. a.: ÖStA/AdR, BKA/Allgemein,
SR, BKA-Inneres, 22/Stmk., Zln. 171.593/1932 "Bericht über die politische
Lage im Lande Steiermark", 4f., 145.808/1933 "Nationalsozialistische Bewegung
im Monate März 1933", 1f. und 7, 143.054/1933 "Heimatschutzbewegung im März
1933", 1f., 160.848 "Heimatschutzbewegung im Monat April 1933", 5, 177.530/1933
"Heimatschutzbewegung im Mai 1933", 6f.
- 32
Vgl. dazu Pauley, Hahnenschwanz,
159-184.
- 33
Eine wesentliche Rolle spielte in
diesem Zusammenhang die in der Provinz vielfach nur schwach ausgebildete sozialdemokratische
Lagerstruktur. Hänisch konnte feststellen, dass außerhalb Wiens "keineswegs
die Mehrheit der Arbeiterschaft" (d. s. Land- und Industriearbeiter sowie
Handwerker) für die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei" votierte. "Beachtliche
Teile [...] fühlten sich bürgerlichen Strömungen und Lagern verbunden oder
standen unter ihrem Einfluß." 1927 beispielsweise wählten außerhalb Wiens
41,0 % der Arbeiter sozialistisch, 48,0 % jedoch bürgerliche Parteien. 1930
hatte sich daran nicht sehr viel geändert. Hänisch, NSDAP-Wähler, 363.
- 34
Tatsächlich versuchten verschiedenste
Exponenten und Fraktionen auf nationalsozialistischer und auf Seite der österreichischen
Bundesregierung bis ins erste Jahresdrittel 1934 hinein immer wieder, auf
dem Verhandlungsweg eine Aussöhnung zu erreichen. Letztlich scheiterten aber
alle diese Bemühungen an den Divergenzen innerhalb der beiden Lager, an der
damit verbundenen Uneinheitlichkeit der Vorgangsweise und dem gegenseitigen
Misstrauen der Akteure. Vgl. dazu Jagschitz, Putsch, 54-65.
- 35
Zum Ablauf der Juli-Erhebung im
Bezirk und ihren Folgen vgl. Wolf, NSDAP, 128-168. Für die Darstellung der
Juli-Ereignisse wurde eine Fülle von Quellen und Literatur herangezogen, darunter
die den Bezirk betreffenden Teile eines drei Kartons umfassenden Sammelaktes
zum Juliputsch (ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/gen., Zl. 229.298/ex1934),
die Berichte diverser Tageszeitungen über die Prozesse vor dem Militärgerichtshof
in Graz, verschiedene Ortschroniken und Interviews mit Zeitzeugen, die mir
überlassen wurden.
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Die übrigen räumlichen Schwerpunkte
der Aufstandsbewegung lagen im oberen Ennstal, im Industriegebiet des oberen
Murtales, im Raum Sinabelkirchen-Ilz-Hartmannsdorf sowie entlang des Grenzraumes
zwischen Straß und Radkersburg. Die Stärke der in der Steiermark aufgebotenen
NS-Formationen und die Intensität der Kampfhandlungen wurden nur noch in Kärnten
übertroffen. Im Burgenland, in Oberösterreich und Salzburg ereigneten sich
Kampfhandlungen nur vereinzelt, in Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg
unterblieben solche völlig. Vgl. dazu u. a. Wolfgang Etschmann, Die Kämpfe
in Österreich im Juli 1934 (=Militärhistorische Schriftenreihe, Heft 50) Wien
1984, 20-47.
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Sofern nicht anders angegeben, beruhen
die in den folgenden Abschnitten gemachten Aussagen auf folgenden Monatsberichten
des Landesgendarmeriekommandos: ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres,
22/Stmk., Zln. 187.701/1933 (Juni), 202.036/1933 (Juli), 215.176/1933 (August),
227.788/1933 (September), 242.388/1933 (Oktober), 255.256/1933 (November),
109.486/1934 (Dezember 1933) und 125.247/1934 (Sammelakt für die Monate Jänner
bis Juni 1934).
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Während der großen Terrorwelle,
die am 31. 12. 1933 begann und erst mit Beginn des Aufstandes des "Republikanischen
Schutzbundes" endete, registrierte die Gendarmerie in der obersteirischen
Industrieregion 237 Fälle von gelungenen und versuchten Böller- und Sprengstoffeinsätzen.
Allein in Leoben detonierten am 20. 1. 1934 innerhalb einer halben Stunde
23 Papierböller und zwei Sprengkörper. Vgl. dazu Bauer, Struktur, 73-75, insbesondere
Abbildung 5/5.
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Vgl. dazu Wolf, NSDAP, 125, Tabelle
6/3, die anhand folgender Quellen erstellt wurde: Steiermärkisches Landesarchiv
(=StLA), Bezirksgericht (=BG) Stainz, Z-Akten 1933-1937, Zln. Z 157/1934,
Z 160/1934, Z 162/1934, Z 168/1934, Z 177/1934, Z 193/1934 und Z 230/1934.
- 40
Vgl. dazu u. a. Gendarmeriechronik
Preding und StLA, BG Stainz, Z-Akten 1933-1937, Zl. Z 51/1934.
- 41
Die nach außen hin erscheinende
Geschlossenheit der NSDAP war reine Fiktion. Tatsächlich gingen nach ihrem
Verbot zahlreiche Risse durch die Partei. So kam es nicht nur zu "erheblichen
Spannungen" zwischen jenen Parteigrößen, die ins Reich geflüchtet waren und
von dort aus die Geschehnisse in Österreich weiter zu beeinflussen suchten,
und den in Österreich verbliebenen, die hier die illegale Parteiarbeit organisierten,
sondern auch zu einer Spaltung in Gegner und Befürworter des illegalen Kampfes
mit terroristischen Mitteln. "Die Rivalitäten der Exilfunktionäre, die anarchistisch-konspirativen
Methoden des illegalen Kampfes und die zahlreichen Führungskämpfe führten
zu einer Schwächung der Schlagkraft der Gesamtpartei und zur Ausbildung regional
unterschiedlicher dynamischer Gruppen, deren zum Teil spektakuläre Aktionen
eine 'Bewegung' simulierten. In der Illegalität bestand niemals eine einheitliche
Führung, und es hing von vielen verschiedenen Faktoren und gelegentlich auch
Zufälligkeiten ab, welche Gruppe zu bestimmten Zeiten politischen Einfluss
erlangen konnte." Gerhard Jagschitz, Die Nationalsozialistische Partei, in:
Herbert Dachs, Ernst Hanisch, Anton Staudinger und Emmerich Tálos (Hrsg.),
Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918-1933, Wien
1995, 243.
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Diese Anzeigen bilden einen wesentlichen
Teil des in Anm. 34 bereits genannten Sammelaktes zum Juliputsch (ÖStA/AdR,
BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/gen., Kartons 4902-4904/a, Zl. 229.298/ex1934.).
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Allerdings sind nicht von allen
steirischen Gendarmeriepostenrayonen, in denen es im Verlauf des Juliputsches
zu nationalsozialistischen Zusammenrottungen oder Kampfhandlungen kam, Anzeigen
zu finden. Es ist allerdings durchaus möglich, dass die teilweise oder vollständig
fehlenden Anzeigen gewisser Gendarmerieposten einst entnommen und anderen
Aktenbeständen zugeordnet wurden. Hinsichtlich der gefundenen Anzeigen sind
die südsteirischen Bezirke eindeutig überrepräsentiert. Zu erwähnen ist auch,
dass es noch hunderte solcher Anzeigen aus dem Burgenland, Kärnten, Oberösterreich
und Tirol gibt. Sie wurden allerdings nicht genauer durchgesehen.
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Diese finden sich in ÖStA/AdR, BKA/Allgemein,
SR, BKA-Inneres, 22/gen., Kartons 4896 und 4899.
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ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres,
22/gen., Kartons 4908 und 4909.
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Insgesamt handelt es sich dabei
um 87 Kartons mit Akten der Senate Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Leoben und
Linz des Militärgerichtshofes.
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Zur Quellenproblematik, den gebildeten
beruflich-sozialen Kategorien und weiteren Details der nachfolgend vorgestellten
Auswertungsergebnisse vgl. Wolf, NSDAP, 169-187.
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Eine Untersuchung zur Herkunft der
Wählerschaft der reichsdeutschen NSDAP ergab einen beträchtlichen Arbeiteranteil
von bis zu 40,0 %. Falter, Wähler, 371. Ein sehr ähnliches Resultat erbrachte
auch die diesbezügliche Untersuchung für Österreich, wo "die Arbeiterschaft
[...] außerhalb Wiens beachtlich vertreten war und in der dortigen nationalsozialistischen
Wählerschaft nur leicht unterrepräsentiert blieb." Hänisch, NSDAP-Wähler,
402.