Fragen an die Kriegsgeneration. Lebensdokumente aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg.
von Katrin Kilian
"Der junge Alexander
eroberte Indien. Er allein?" fragt ein lesender Arbeiter in Bertolt
Brechts gleichnamigem Gedicht.1
In beiden Weltkriegen sind Massen von Menschen für den Krieg
mobilisiert worden. Während des Zweiten Weltkrieges sind 17,3
Millionen Männer in eine Wehrpflichtarmee eingegliedert worden,
ihre Angehörigen hatten die Wirtschaft im Reichsgebiet
aufrechtzuerhalten. Die Durchführung eines großen Krieges
ist ohne sie nicht denkbar. Erfahrungsgemäß gehen jedoch
vor allem die politischen, kulturellen oder militärischen
Entscheidungsträger in die Geschichtsschreibung ein.
Kriegerische Konflikte werden in der Regel aus der Perspektive der
Machthabenden und Verantwortlichen betrachtet. Sie sind beliebtes
Subjekt der Forschung und der Biographen.
Ein starker Bedarf
an Antworten auf die Fragen nach dem Kriegsalltag, den alltäglichen
Denk- und Handlungsmustern derjenigen, die massenhaft am Krieg
teilgenommen oder ihn miterlebt haben, besteht seitens der Forschung.
Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können diese
Fragen jedoch kaum mehr direkt an die Generation der Kriegsteilnehmer
stellen, da diese ausstirbt. Ein authentisches und bewegendes Bild
vom Kriegsalltag liefern Feldpostbriefe. In ihnen finden sich
Antworten auf Fragen des persönlichen Erlebens des Krieges und
des Selbstverständnisses einer Kriegsgeneration.
Die Feldpost stellt als
historisches Quellenmaterial den Glücksfall dar, daß
private Kommunikation manifestiert ist. Nun sind die militärischen,
politischen und wirtschaftlichen Fakten und Verflechtungen während
des Krieges hinlänglich bekannt. Welche weiteren Fragestellungen
können an das Material gestellt werden?
Die Literatur
bezieht sich zum einen auf umfangreiche Briefeditionen, zum anderen
auf nur wenige Forschungsarbeiten, in denen exemplarisch Briefserien
untersucht worden sind.2
Die Fragestellungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter an
die Zeitzeugnisse umfassen die Regimekritik3,
Untersuchungen zu Stimmungen der Soldaten4,
den Kriegsalltag5,
die Fremdwahrnehmung6,
Kriegserlebnis und -erfahrung7,
Kommunikation8
sowie den Umgang mit der Quelle9.
Um Ursachen von Kriegsereignissen auf den Grund zu gehen,
müssen die Aussagen derjenigen analysiert werden, die zwar kaum
historisch unmittelbar bedeutsame Entscheidungen treffen konnten, die
aber an der "permanenten und komplexen Produktion und Reproduktion
der den historischen Ereignissen voraus liegenden Wahrnehmungs- und
Handlungsbedingungen beteiligt sind."10
Figure 1: Feldpostkarte
Der Feldpostbrief ist "ein zeitnahes, unmittelbares Zeugnis", nicht jedoch eines, das "Objektivität und Vollständigkeit für sich beanspruchen kann."11 Die Quelle Feldpostbrief ist hier in ihrer Wertigkeit, wie andere Quellen auch, von der Fragestellung abhängig.12 Forschungsfragen gelangen von den unterschiedlichen Disziplinen an die Zeitzeugnisse. So z.B. aus der
Psychologie: Emotionen und deren Ausdruck, Verarbeitung von Erlebnissen und Erfahrungen,
Linguistik: Sprachfunktionen, Grammatik der Briefkommunikation, geschlechtsspezifisches Sprachverhalten, Sprachhandlungsstrategien,
Sozialwissenschaft: soziale Reorganisation der Gesellschaft, Selbstverständnis verschiedener sozialer Gruppierungen, Werte und Loyalitäten,
Medien- und Kommunikationswissenschaft: Kollektive und individuelle Sinnentwürfe, Propaganda, Medienwirkungsforschung, Kommunikationsbedingungen des Briefes als Medium,
Germanistik: Schriftlichkeit und Identität, die Gattung Brief als Alltagsprosa, das Private in der Öffentlichkeit, Editionsformen von Kriegsbriefen,
Pädagogik: Feldpost in der Geschichtsdidaktik, Kriegsbriefe als Katalysator des Dialogs zwischen den Generationen, Museumspädagogik, Besinnung auf die eigene Familiengeschichte,
Geschlechterforschung: Männer- und Frauenbilder und das Selbstverständnis der Geschlechter, Beziehungsmuster,
Antisemitismus- und Vorurteilsforschung: Selbstbild und Fremdwahrnehmung, Feindbilder, Minderheiten, Projektionen,
Geschichtswissenschaft: Fragen aus der Mentalitäts- und Sozialgeschichte, Geschichte von unten.
Auch aus den Gebieten
der Theologie und Philosophie wären Fragen interessant: Erinnern
und Vergessen, Fragen nach Moral und Ethik, christlichen Werten,
Glaube und Religiosität in Zeiten des Krieges.
Krieg
funktioniert nicht ohne Kommunikation. Über sie ist es in den
Kriegen des 20. Jahrhunderts möglich geworden, Massen zu
mobilisieren, so daß man bei den beiden Weltkriegen von
Massenkriegen und einer technischen und strukturellen
Kriegsmaschinerie sprechen muß. Die Einberufung vieler
Zivilisten in die Wehrpflichtarmee der deutschen Wehrmacht erfolgte
in großem Ausmaß. Drei Generationen und alle sozialen
Gruppierungen wurden erfaßt. Dies forderte eine Umschichtung im
Reichsgebiet. Frauen, Jugendliche, Fremd- und Zwangsarbeiter waren
verpflichtet worden, die Kriegswirtschaft aufrechtzuerhalten, aus der
die Zivilisten für die Armee entzogen worden waren. Darüber
hinaus haben Kinderlandverschickungen, Evakuierungen oder
Arbeitsdienste gewachsene soziale Strukturen zerrissen und den
Kommunikationsbedarf intensiviert. Das Medium Brief wurde für
die Menschen zu einem unentbehrlichen Kommunikationsmittel.
Obwohl
sich enorme Stimmungsschwankungen13
an den Feldpostbriefen ablesen lassen14,
war dem "Führer" und dem deutschen Militär von den Massen
zunächst Loyalität entgegengebracht worden. Trotz der
steigenden Entbehrungen kam es nicht zu einem Aufstand oder Streik
der Bevölkerung, wie dies in Zeiten der Weimarer Republik
vorkam. Auch der Widerstand in Deutschland war zersplittert, die
Massen konnten von ihm nicht erreicht werden. Eine Widerrede gegen
den Krieg und der Vertrauensverlust gegenüber der
nationalsozialistischen Führung ist andererseits aber
unverkennbar in vielen Briefen der zeitgenössischen privaten
Korrespondenz enthalten. Die Inhalte in der Kommunikation der Massen
stehen mitunter in Widerspruch zu den Botschaften der
Massenkommunikation. Durch die Untersuchung der Feldpostbriefe
erschließen sich Zusammenhänge, die erklären könnten,
wie es dazu kommen konnte, Massen für etwas zu aktivieren,
hinter dem ganz offensichtlich ein erheblicher Teil der Bevölkerung
nicht immer uneingeschränkt stand.15
Wie konnte es dazu kommen, daß sich die Bevölkerung so
lange und so intensiv für den Krieg einsetzen ließ?
Welchen Sinn hat es für den einzelnen gemacht, sich an einem
Krieg zu beteiligen, der für ihn zum Teil erhebliche
Entbehrungen und Nachteile brachte? Sinnentwürfe, Einstellungen,
Denk- und Verhaltensmuster sowie deren Schwankungen und Änderungen
lassen sich aus längeren Briefserien extrahieren. Sie geben
Aufschluß über Motivation, Moralverständnis,
Stimmungen und Lebenssinnentwürfe vieler einzelner. Sie sind ein
Versuch, sich Erklärungen der beunruhigenden Stabilität und
Effizienz des nationalsozialistischen Regimes zu nähern. Es
lassen sich mit Hilfe der Quelle solche Fragen an verschiedene
soziale Gruppen der Wehrmachtsangehörigen und Bevölkerung
richten.
Folgend wird ein Projekt
zu Lebensdokumenten, vorwiegend Feldpostbriefen aus der Zeit um 1939
bis 1945, vorgestellt. Beteiligte an dem Projekt sind:
Dipl.-Medienberaterin Katrin Kilian, die das Projekt durch
die Idee zu ihrer Dissertation initiierte und leitet;
Medienhistoriker Dr. Clemens Schwender (wissenschaftlicher
Assistent am Institut für Sprache und Kommunikation an der TU
Berlin), der das Projekt betreut;
Dr. Ortwin Buchbender
(Leitender wissenschaftlicher Direktor der Akademie der Bundeswehr
für Information und Kommunikation), der aufgrund seiner
profunden Kenntnis von Feldpostbriefen aus der gemeinsamen
Herausgebertätigkeit mit Reinhold Sterz beratend beteiligt ist,
und
Dr. Joachim Kallinich, der als Direktor des Museums für
Kommunikation den Aufbau des Archivs unterstützt.
Das
Projekt gliedert sich in verschiedene Komponenten:
a) Sammlung von
Lebensdokumenten aus dem Zweiten Weltkrieg.
Hierzu haben wir
in einem ersten öffentlichen Aufruf über die Medien im
Januar diesen Jahres die Bevölkerung im Großraum Berlin
aufgefordert, ihre Kriegsdokumente als Schenkung oder Leihgabe dem
Projekt zur Verfügung zu stellen. Unser Bestand wird nicht
vorselektiert, d.h. es bestehen keine Einschränkungen (z.B.
regionaler Sammlungsschwerpunkt) zur Sicherung von Lebensdokumenten.
Der Bestand umfaßt derzeit (Stand: Juni 2001) gut 30.000
Lebensdokumente. Weitere Aufrufe sollen folgen.
b)
Digitalisierung.
Alle Dokumente werden gescannt und als
TIF-Datei, als digitales Faksimile gesichert. Die Leihgaben werden an
die Eigentümer zurückgegeben, die Originale sind
Schenkungen an das Museum für Kommunikation, Berlin, wo sie auf
Dauer fachgerecht verwahrt werden.
c) Transkription.
Alle Dokumente werden transkribiert und als Word-Datei
gespeichert. Bislang liegt nur ein geringer Teil der Briefe als
Transkript vor. Die Abschrift ist eine aufwendige und kostenintensive
Handarbeit, für die Forschungsgelder beantragt werden müssen.
d) Zugangsmöglichkeit für die wissenschaftliche
Öffentlichkeit.
Die gesammelten Bestände sind für
die wissenschaftliche Öffentlichkeit zugänglich, sobald sie
als Faksimile abgelegt sind bzw. als Transkripte vorliegen. In einer
Datenbank auf unserer Internetseite ( www.feldpost-archiv.de
) werden die Metadaten der inventarisierten Bestände angegeben,
so daß eine gezielte Auswahl via Internet ermöglicht wird.
Andererseits bietet der Pool die Möglichkeit, auf einen nicht
vorselektierten Bestand zuzugreifen. In einer Übersicht über
ähnliche Sammlungen in anderen bundesdeutschen Archiven, Museen,
Stiftungen, Privatarchiven usf. präsentieren wir alle uns
verfügbaren Informationen. Links zu anderen in- und
ausländischen Feldpostarchiven vervollständigen den
Überblick. Diese Liste ist noch nicht vollständig. Das
Portal ist der erste Schritt zu einem gezielten Zugang zum
Quellenmaterial.
Die Lebensdokumente bieten vielfältige Möglichkeiten, Antworten auf wissenschaftliche Fragestellungen zu finden. In meiner Dissertation werde ich Aussagen aus Feldpostbriefen hinsichtlich der Akzeptanz nationalsozialistischer Propaganda auswerten. Es werden auf unserer Internetseite auch Arbeiten anderer Forscher und Forscherinnen aus unterschiedlichen Disziplinen vorgestellt.
Diese Präsentation der verschiedenen Untersuchungen auf der Grundlage von Feldpost soll zu einer Transparenz der vielfältigen Forschungsvorhaben führen. Denn Feldpost wird an verschiedenen Universitäten und in unterschiedlichen Fachbereichen unter ganz differenten Fragestellungen betrachtet. In unserem Forum werden sie unbewertet nebeneinander präsentiert.
Neben den Faksimiles und Transkripten der Kriegsdokumente ist die Erstellung einer Datenbank geplant, die die inhaltliche Erschließung der Dokumente ermöglichen soll. In dieser Datenbank könnte dann z.B. nach Schlag- oder Stichwörtern, nach Feldpostnummern, Zeiträumen, Orten usw. gesucht werden. Sie ermöglicht Forschern und Forscherinnen einen gezielten Zugriff auf einen umfangreichen Datenpool. Hierzu sind Expertengespräche und eine Tagung geplant, in denen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Disziplinen ihre Selektionskriterien und Suchbegriffe oder -gebiete sowie fachspezifische Fragestellungen an die Zeugnisse einbringen können.
Die Lebensdokumente sollen nicht nur im Archiv lagern oder per Datenbank verfügbar sein, sondern können z.B. auch im pädagogischen oder künstlerischen Bereich angewendet werden. Im Sommersemester 2001 findet an der Technischen Universität Berlin, Fachbereich Medienwissenschaft, ein Seminar mit exklusiven Feldpostdokumenten statt. Auch an Schulen werden Feldpostbriefe als Unterrichtsmaterial verwendet, z.B. an der Bertolt-Brecht-Schule, Darmstadt. (Hierzu ist von den Schülern und Schülerinnen eine CD-ROM entstanden, die auf unserer Werkstatt-Seite im Internet vorgestellt wird.16) In Ausstellungen, wie z.B. zum 60. Jahrestag der Einkesselung der 6. Armee bei Stalingrad geplant, können die Lebensdokumente präsentiert werden.
Feldpostbriefe erlauben einen transdisziplinären Zugang, indem die Fachgebiete ihre fachspezifischen Forschungsfragen stellen und sie auch autonom bearbeiten können. Die Quelle erlaubt aber auch interdisziplinäre Untersuchungen, in denen Forschungsfragen fachübergreifend gestellt und beantwortet werden können. Eine Zusammenarbeit mit anderen Instituten und Hochschulen aus dem In- und Ausland wird angestrebt. Das Projekt ist offen für weitere Initiativen.
Jeder einzelne nahm den Krieg anders wahr, jeder erlebte ihn auf seine Weise, so dokumentieren dies Feldpostbriefe. Eine Betrachtung des Krieges durch solche Dokumente bedeutet einen Perspektivenwechsel in der Erklärung von Massenphänomenen in kriegerischen Auseinandersetzungen. Denn die Wahrnehmung des Krieges durch den einzelnen unterscheidet sich von dem Krieg, wie wir ihn heute z.B. in seiner ganzen Komplexität erfassen können.
Feldpostbriefe können
nicht prospektiv interpretiert werden. Die Kenntnis über
Kriegsverlauf und -ereignisse, militärische, politische oder
wirtschaftliche Prozesse, kurz die ganze Komplexität des
Kriegsverlaufes, die in den Nachkriegsjahren zu Tage gefördert
worden ist, kann nicht als Interpretationsrahmen für
Feldpostdokumente dienen, denn über dieses Wissen konnte der
einzelne Briefverfasser zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht
verfügen. Daher müssen Feldpostdokumente aus der
Vergangenheit heraus interpretiert werden, d.h. aus dem Wissen, über
das die Menschen (vermutlich) zum Zeitpunkt des Verfassens verfügten.
Hierzu sind Sozialdaten über den Briefschreiber hilfreich.
Ansonsten müssen und können die Feldpostbriefe nur aus sich
selbst heraus gedeutet werden. Zwei Beispiele: Mir ist kein Brief
bekannt, in dem der 1.9.1939 den Beginn eines Weltkrieges markiert.17
In der Erfahrung der Bevölkerung waren der Einmarsch in die
Tschechoslowakei, der "Anschluß" Österreichs, die
"Heimführung" des Sudetenlandes gespeichert, also kurze
militärische Operationen. In Hitlers und Goebbels' Reden wurde
immer wieder der Friedenswille betont. Aus Briefen geht hervor, daß
die Menschen im Überfall auf Polen eine in sich abgeschlossene
militärische Operation sahen, nicht jedoch den Beginn eines
(Welt-)Krieges. Dieses Denkmuster findet sich auch in vielen Briefen
nach dem Einmarsch in Frankreich im Mai 1940. Ab Mitte Juni 1941,
also unmittelbar nach dem Angriff auf die Sowjetunion, kippte die
Stimmung um18.
Von nun an wird deutlich, daß viele Soldaten nicht mehr
uneingeschränkt hinter den vorgegebenen Zielen standen und sich
für sie ein Krieg mit ungewissem Ende abzeichnet.
Am
Datum der Invasion (6.6.1944) läßt sich anhand von
Feldpostbriefen zeigen, daß die Umbrüche für die
Menschen nicht unbedingt militärische oder politische Ereignisse
waren, sondern allenfalls die damit zusammenhängenden
Veränderungen eigener Lebensbedingungen als Einschnitte erlebt
wurden. Das persönliche Wohlergehen und das subjektive Empfinden
standen im Vordergrund.
Zäsuren und Kontinuitätslinien
liegen bei der Betrachtung von Biographien oft außerhalb der
von der Geschichtsschreibung fixierten Daten. Einberufungsdaten, Tod,
Verwundung, Heirat, Angriffe auf die Heimatstädte, Heimaturlaub,
Hunger, Kälte und das Ende oder der Beginn einer einkehrenden
"Normalität" in das Leben, aber auch Evakuierung, Flucht und
Vertreibung stellten bedeutsame Ereignisse für die
Briefverfasser dar. Diese individuellen Einschnitte sind wichtig für
die Erklärung einer Kriegsdynamik. Die als emotional
einschneidend empfundenen Erlebnisse sind diejenigen, welche für
die eigene Person als relevant empfunden werden. Geschichte wird
stets in Bezug auf die eigenen Erfahrungen oder Situationen
wahrgenommen und bewertet. Krieg der Massen ist ohne Erkenntnisse
über Auslöser von Verhaltens- und Denkmustern der Massen
nicht vollständig erklärbar. Geschichte konstruiert sich
aus Geschichten.
Jeder einzelne hat den
Krieg anders wahrgenommen. Diese Wahrnehmung hing von der ganz
persönlichen Situation ab. Vielfach wurde an mehreren
"Fronten" zugleich gekämpft: Ärger mit den Kameraden,
nervliche Belastung durch hohe Gewaltintensität an
Kriegesschauplätzen, Angst um Angehörige, Krankheit,
Verwundung; Ehen und Beziehungen wurden sprichwörtlich auf dem
Papier geführt. Bei der großen Anzahl unterschiedlicher
Wahrnehmungen kann in Hinblick auf Kriegserlebnisse und -erfahrungen
nicht von einem einzelnen und einzigen Kriegsverlauf gesprochen
werden. Davon kann nur in Hinsicht auf militärische Operationen
und politische Handlungen gesprochen werden.
Durch Briefe ist
der Krieg lediglich ausschnittweise zu erfahren - die Komplexität
militärischer Operationen, wie sie heute in Geschichtsbüchern
nachzulesen ist, war damals vom einzelnen der Mannschaften und der
Zivilbevölkerung nicht erfaßbar. Ebenso lag der Krieg,
solange er sich nicht innerhalb der Reichsgrenzen abspielte, für
die Bevölkerung in Deutschland außerhalb ihrer
unmittelbaren Wahrnehmung.19
Das Basistheorem des Konstruktivismus besagt, daß
Bedeutung bzw. Wirklichkeit vom Individuum konstruiert wird, also
auch soziale Welten. Daraus folgt, daß Wirklichkeit nicht
objektiv20
gegeben ist. Sie wird von den Menschen nicht als Abbild in ihr
kognitives System abgespeichert, sondern muß jeweils subjektiv
konstruiert werden. Somit ist jede sprachliche Handlung Ausdruck
einer individuellen Konstruktion der Realität. Als eine solche
können die Aussagen in den Feldpostbriefen begriffen werden. So
lassen sich in den Lebensdokumenten aus dem Krieg sowohl
unterschiedliche Wahrnehmungen bzw. unterschiedliche Realitäten
ablesen und auch kollektive Denk- und Verhaltensmuster freilegen - im
Sinne der Watzlawick-These "Wirklichkeit ist keine Voraussetzung für
Kommunikation, sondern deren Ergebnis". Dabei kann die subjektive
Wahrnehmung und deren Darstellung in den Briefen nicht genug
hervorgehoben werden. Die Selbstzeugnisse beantworten also keine
Fragen bezüglich einer tatsächlichen Kriegswirklichkeit,
sondern nach jenen Ereignissen, die von Zeitzeugen erlebt und in
privater Kommunikation manifestiert wurden (und somit eine
persönliche Relevanz innerhalb der
Sender-Empfänger-Konstellation hatten).
Jeder Mensch hat physisch gesehen zwar nur eine Biographie, aber im gesellschaftlichen Gefüge kann er verschiedene soziale (auch sich widersprechende)21 Vitae (z.B. der Theologe als Soldat oder der Verantwortliche von Massakern als liebender Vater und geschätzter Vorgesetzter) haben. Von einer solchen Komplexität einer Persönlichkeit muß auch bei den Verfassern von Feldpostbriefen ausgegangen werden. Hierin könnte sich eine Erklärung finden, warum z.B. Verfehlungen in den Briefen kaum thematisiert werden. Denn "die Systematisierung von widersprüchlichen oder weit auseinander liegenden Lebenserfahrungen hin auf einen übergreifenden Sinn unseres Lebens wird uns abverlangt (...) durch grundlegende Regeln unserer Sozialwelt."22 Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, daß Briefe, die nationalsozialistische Äußerungen oder Hinweise auf etwaige Verfehlungen von Soldaten oder SS beinhalten, entweder kurz nach Kriegsende vernichtet wurden oder, sofern sie erhalten sind, heute nicht unbedingt an Institutionen herausgegeben werden. Die Gründe hierfür liegen seitens der Besitzer solcher Dokumente hauptsächlich in der Befürchtung einer (juristischen oder moralischen) Verurteilung der Briefverfasser. In der Bemühung um ein positives Andenken werden auf diese Weise Kriegsbiographien teilweise oder vollständig dem moralischen Wertesystem der Nachkriegsgenerationen angepaßt.
Vorab lassen sich drei wesentliche Gründe für die Sammlung aufführen.
Während des Zweiten Weltkrieges sind geschätzte 30 bis 40 Milliarden Feldpostsendungen im deutschen Postbereich versandt worden. Davon ist bislang lediglich ein verschwindend kleiner Teil erfaßt. Das noch greifbare Material in Privathand sollte möglichst bald verifiziert werden. Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß die Kriegsgeneration ausstirbt, ist es höchste Zeit, das noch vorhandene Material zu erschließen. Erfahrungen belegen, daß die Kinder- und Enkelgeneration von Feldpostbriefverfassern oft keine Einstellung zu diesem bedeutungsvollen Material haben, was in der Regel zur Vernichtung von Nachlässen führt. Es besteht rascher Handlungsbedarf.
Mit Hilfe eines großen und breit gefächerten Bestandes an Lebensdokumenten kann davon ausgegangen werden, daß präzisere Untersuchungsfragen gestellt und differenzierte Ergebnisse erzielt werden können. Bislang beschränken sich die Feldpostuntersuchungen auf einige wenige Arbeiten. Fragestellungen wie etwa zur subjektiven Wirklichkeit der Kriegsteilnehmer, zur Wirkung von Propaganda, Einstellungen, Reflexionen in einem totalitären System sind bisher nur marginal angeschnitten worden.
Durch den Einsatz moderner Software23 ist es möglich, große Mengen an Datenmaterial effektiv und präzise zu analysieren. Für ein solches neues Untersuchungsdesign kann ein großer und breit gefächerter Datenpool ausgewertet werden.
Über die Anzahl der
durch die Feldposteinheiten beförderten Sendungen während
des Zweiten Weltkrieges existieren unterschiedliche Angaben, die
deutlich voneinander abweichen. Leider wird in keiner der Quellen der
Begriff "Feldpost" näher definiert, so daß nicht
nachvollziehbar ist, welche Sendungen in den Zahlen enthalten sind.
Aus posteigenen Dokumentationen geht hervor, daß 28,2
Milliarden Briefe als Gesamtaufkommen an Feldpost während des
Krieges befördert worden sind.24
Gerd R. Ueberschär25
gibt das Postaufkommen der Feldpost von 1939 bis 1943 mit rund 28
Milliarden Briefen und Postkarten an, wobei er sich auf
Sekundärquellen aus der Nachkriegszeit bezieht. Er übernimmt
auch Zahlen einer Sekundärquelle26
zum Feldpostaufkommen in der Zeit von September 1939 bis Ende 1944.27
Demnach seien über 30,6 Milliarden Feldpostsendungen
transportiert worden (exklusive dem direkten Feldpostverkehr zwischen
den Armeen). Diese Zahl wurde ohne Angaben von Quellen auch von der
Deutschen Post veröffentlicht.28
Nach Buchbender und Sterz wurden während des Zweiten Weltkriegs
über 40 Milliarden Feldpostbriefe zwischen Heimat und Front
transportiert.29
Dies sei eine Schätzung, die eher zu niedrig als zu hoch
angesetzt ist.30
Die Autoren gründen ihre Aussage auf der Auswertung von
Frontpropaganda, vor allem der "Mitteilungen für die
Truppe."31
Der Heeresfeldpostmeister Karl Ziegler spricht sogar von 25 Millionen
Feldpostsendungen (jährlich) in "verkehrsstarken Jahren wie
1942."32
Das Feldpostaufkommen während der Kriegszeit kann somit nur
ungenau beziffert werden und muß mit 30 bis 40 Milliarden
angenommen werden. Ob in diesen Zahlen auch Sendungsarten wie
Päckchenpost, SS-Feldpost oder Militärpost enthalten sind,
ist nicht nachvollziehbar. Auch wenn die Grundgesamtheit nicht
feststellbar ist, bleibt unumstritten, daß Feldpost nicht nur
in hohem Maße verschickt worden ist, sondern daß sie für
den Einzelnen von existentieller Bedeutung war. Es kann davon
ausgegangen werden, daß die Glaubwürdigkeit dieser Briefe
aufgrund ihrer Authentizität sehr hoch gewesen ist. Ihre
Signifikanz als Augenzeugenberichte bleibt bis heute erhalten.
Um
z.B. die Zollkontrollen, denen die Versendung von Gütern
unterlag, zu umgehen, wurde immer wieder nach illegalen Postwegen
gesucht. Bei Feldpostvergehen wurden vom Oberfinanzpräsidenten
(der durch das Zollamt wegen beschlagnahmter Waren informiert wurde)
die zuständigen Feldgerichte zur Verfolgung dieser Strafsachen
eingeschaltet. Feldpostvergehen wurden nach MStGB33
(Ungehorsam) bestraft. Das Generalgouvernement war z.B. ab Mitte 1941
bis 1944 ein großer Umschlagplatz für die vielfältigen
Post- und Feldpostsendungen von und zu den Ostgebieten.34
In den Akten des Reichsfinanzministeriums finden sich diverse Fälle
von Mißbrauch der Feldpost als Warentransporte, die über
den Eigenbedarf hinausgingen. Ein Beispiel: In der "Nachweisung über
die vom Oberpostmeister W. Arens ausgelieferten Expressgutsendungen
in der Zeit vom Monat August bis Oktober 1941"35
durch das Feldpostamt Eydtkau wird dieser Mißbrauch beklagt:
Die Nachweisung zeige",in welchem Umfange Waren von den mit der
Grenzkontrolle beauftragten Wehrmachtsposten unbeanstandet
hereingelassen werden."36
Demnach hat Arens 19 Sendungen zwischen 31.8.41 und 23.10.41
aufgegeben, die Lebensmittel, Bekleidung, Pelze, Haushaltsgegenstände
beinhalteten.37
Zu den illegalen Postwegen gehörte auch die Post, die gerne
Heimaturlaubern mitgegeben wurde. Aus Feldpostbriefen ist zu
erfahren, daß dies in erheblichem Umfang geschehen sein muß.
Praktisch jeder, der nach Hause fuhr, hat Mitteilungen mitgenommen.
Sie wurden an den Augen der Zensoren und Kontrolleure
vorbeigeschleust.
Feldpostsendungen werden
derzeit in bundesdeutschen Archiven lediglich zu einem Bruchteil
aufbewahrt. Gezielt gesammelt wurden Lebensdokumente aus dem Zweiten
Weltkrieg von Archiven und Museen nur punktuell. Zu nennen sind vor
allem die Württembergische Landesbibliothek, Bibliothek für
Zeitgeschichte, Stuttgart, wo auch die "Sammlung Sterz" liegt, das
Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg und das Landeshauptarchiv,
Koblenz. In der Regel gelangen Feldpostbriefe als Schenkung in
regionale Archive oder Heimatmuseen. Der Großteil der Bestände
ist nicht katalogisiert. Sie sind nur vor Ort einsehbar. Ein
systematischer Zugriff ist somit nicht möglich. Die Bestände
in Museen sind selektiert, meist unter dem Gesichtspunkt der
Exponierbarkeit. Die Briefe in den Archiven haben fast alle eine
Vorselektion erfahren (meist regionale Schwerpunkte). Dieser Mangel
an Zugriffsmöglichkeiten für die Forschung ist Grundlage
der Kritik, daß kaum systematische Sammlungen vorhanden sind.38
Daher tragen die der Forschung zugänglichen Bestände einen
wesentlich höheren Zufallscharakter als andere historische
Quellen.39
Auf Feldposteditionen kann ebenfalls nicht zurückgegriffen
werden, weil auch hier eine Auswahl und Fragmentierung von Briefen
vorgenommen worden ist. Diesem Problem kann mit unserem Projekt auf
doppelte Weise begegnet werden. Zum einen durch eine breit angelegte
Sammlung, zum anderen durch die systematisierte Datenbank, die auch
alle bekannten Sammlungen erfaßt.
Im Verlauf der
vergangenen 50 bis 60 Jahre ist ein Großteil der Feldpost
bereits verlorengegangen: entweder kriegsbedingt, durch Vernichtung
nach Kriegsende oder durch Verkauf an Sammler und Philatelisten im
In- und Ausland. Auf der anderen Seite sind es meistenteils
emotionale Beweggründe, warum bis heute solche Dokumente in
Familien aufbewahrt werden. Sie sind nicht immer ideal gelagert
worden und bei vielen Zeugnissen ist bereits das Papier vergilbt oder
es zerfällt; Tinte und Blei sind verblaßt. Es ist höchste
Zeit, die noch vorhandenen Unterlagen fachgerecht aufzubewahren und
auf Dauer zu sichern. Hierzu ist ein Bewußtsein notwendig, daß
es sich bei den privaten, persönlichen Dokumenten aus dem Krieg
um bedeutende Forschungsquellen und Zeitdokumente handelt. Der von
uns gesammelte Bestand wird fachgerecht im Museum für
Kommunikation, Berlin archiviert und als digitales Faksimile
gesichert.
Feldpostbriefe sind
keine Dokumente, die im Bewußtsein verfaßt worden sind,
daß sie später einmal als (wissenschaftliches)
Quellenmaterial verwendet werden. Die Möglichkeit, daß sie
von Dritten überhaupt gelesen werden könnten, war für
den Korrespondierenden nicht absehbar. Sie spiegeln die geistige
Verfassung des Schreibers, seine Reflexionen und seine Kenntnis ohne
prospektive Einschränkungen40
wider. Ihre Aussagen sind auch keine retrospektiven Äußerungen
und somit nicht durch später vorherrschende Meinungen,
Kenntnisse oder Ereignisse verzerrt. Dies macht die Aussagen in den
Briefen zu einer originalen und höchst authentischen Quelle.
Dies sind sie aber auch, weil die ganze Problematik des Erinnerns41
ausgeklammert ist. Auch eine etwaige Beeinflussung, wie sie
beispielsweise durch die Gesprächslenkung in einem Interview
möglich ist, fällt hier fort. Allerdings bestimmen die
Briefpartner auch, was wem mitgeteilt und was verschwiegen wurde.
Denn Erzählbarkeit ist eine wesentliche Voraussetzung in der
biographischen Forschung.42
In Feldpostbriefen sind zeitgenössische Deutungsmuster und
Handlungsstrukturen unverfälscht manifestiert.
Nicht
vergessen werden darf dabei die Zensur. Die Zensurbehörden
nahmen ihre Arbeit am 12. März 1940 auf.43
Die Briefe wurden von Angehörigen der Reichspost an die
Zensurbehörde des Oberkommandos der Wehrmacht44
weitergeleitet und dort inhaltlich geprüft. Feldpost ist stetig
in den "Mitteilungen für die Truppe" thematisiert worden.
Offensichtlich wurde versucht, das Schreibverhalten zu steuern und
durch Prüfung und Vorschriften zu kontrollieren. Die Prüfstellen
untersuchten den gesamten Feldpostverkehr stichprobenartig nach
genauen Vorschriften.45
Ihre wichtigste Aufgabe war es, nach Möglichkeit zu verhindern,
daß "geheimzuhaltende Nachrichten" oder "Nachrichten
zersetzenden Inhalts" durch die Feldpostsendungen verbreitet wurden.
Welchen Eindruck die permanente Thematisierung der
Feldpostvorschriften und der Zensurstellen in den Organen der
Wehrmacht und der NSDAP auf das Schreibverhalten der Soldaten und
ihrer Angehörigen machte, ist schwer auszumachen. Hemmenden
Einfluß auf ein freies Schreiben mögen mitunter auch
traumatisierende Kriegserlebnisse gehabt haben, die in den Briefen
kaum reflektiert werden. Da ein Feldpostbrief ein Lebenszeichen und
ein potentieller Abschiedsbrief zugleich ist, könnten Abwägungen
über die Selbstdarstellung oder auch Überlegungen zur
Zumutbarkeit von Mitteilungen zu einer sogenannten inneren Zensur
geführt haben.
Eine konstruktivistische Geschichtsbetrachtung, die davon ausgeht, daß Krieg sehr verschieden wahrgenommen worden ist, könnte ein differenzierteres Bild derjenigen 18,2 Millionen46 Menschen schaffen, die gemeinhin unter dem Begriff der Wehrmacht zusammengefaßt werden. Es wäre einen Versuch wert, sich anhand der Feldpostbriefe der drückenden Frage nach dem großen Wie und Warum aus verschiedenen Blickwinkeln anzunähern. Hierbei gilt es, die Aussagen der Briefe47 zu analysieren, unabhängig davon, ob sie einer Wahrheit entsprechen oder nicht. So wenig wie es um die Dichotomie von wahr oder falsch geht, so wenig geht es bei einer Untersuchung von Lebensdokumenten um die Fragen nach Schuld oder Unschuld. Dies bedeutet auch die Loslösung von geschichtswissenschaftlichen Zäsuren und von Wert- oder Moralvorstellungen unter Verzicht der Überheblichkeit des besserwissenden Spätergeborenen. Den "anderen Krieg" zu betrachten, könnte Einblicke in das Menschliche in einem unmenschlichen Krieg erlauben.