Die Oldenbourg-Reihe "Grundriss
der Geschichte" steht für forschungsorientierte Darstellung, Lesbarkeit,
Verständlichkeit und strukturierte Aufbereitung, kurzum: ein wissenschaftliches
Qualitätsprodukt. Dies sind Attribute, die auch den jüngsten Band
"Die Bundesrepublik Deutschland 1969-1990" von Andreas Rödder
kennzeichnen. Das Buch des Hochschuldozenten für Neuere Geschichte am
Historischen Institut der Universität Stuttgart schließt an die
Arbeit von Rudolf Morsey1 an und
damit eine zeitgeschichtliche Lücke. Die bewährte Gliederung umfasst
die beiden Hauptteile Darstellung und Grundprobleme sowie Tendenzen der Forschung;
sie wird ergänzt durch ein umfassendes und systematisch geordnetes Literatur-
und Quellenverzeichnis sowie einen überaus nützlichen Anhang mit
chronologischer Zeittafel, Statistiken, Tabellen, Angaben zu Archiven und
einem Register. Die Darstellung beginnt mit der Charakterisierung wichtiger
Entwicklungslinien, die als allgemeine übergreifende Tendenzen den Rahmen
der bundesdeutschen Geschichte abstecken. Zu ihnen gehören:
- in der Außenpolitik: Deutschlands weltpolitische Lage an der Nahtstelle
der bipolaren Welt und der streckenweise sklerotische europäische Einigungsprozess
(S. 4, nicht 2!),
- in der Ökonomie: der
technologische Wandel durch das Aufkommen von Mikroelektronik und Massenkommunikation
sowie Tertiarisierung und Globalisierung mit weit reichenden Folgen für
Gesellschaft und Individuen,
- in der Wirtschafts- und
Rechtsordnung: die Kontinuität von Korporatismus, die Stabilität
der Staats- und Verfassungsordnung und die zunehmende Verselbstständigung
des Sozialstaates,
- in der Sozialstruktur und
-kultur: die mit einem Wertewandel verbundenen Prozesse einer entstehenden
postmodernen Gesellschaft.
Anschließend behandelt Andreas Rödder chronologisch in vier klassisch
politisch periodisierten Abschnitten die bundesdeutsche Geschichte von 1969
bis zur Wiedervereinigung. Er beginnt der von ihm als "Modernisierungseuphorie"
bezeichneten Phase, die die vier Jahre vom "Machtwechsel" bis zur
Weltwirtschaftskrise umfasst. Die dort kulminierenden Probleme kennzeichnen
in Verbindung mit neuen Herausforderungen die Zeit des Krisenmanagements unter
Helmut Schmidt und schließen den Terrorismus der RAF, die Turbulenzen
im Ost-West-Verhältnis bzw. innerhalb des westlichen Bündnisses
(z.B. NATO-Doppelbeschluss) sowie die sozial-politischen Bewegungen (Anti-Atomkraft,
Friedens-, Frauenbewegung, Ökologie) ein. Die von Helmut Kohl eingeleitete
"Wende" steht am Beginn der merkwürdig ambivalenten achtziger
Jahre, die sich im Rückblick sowohl durch Kontinuität als durch
eine Neuorientierung auszeichnen: "1989 war die Bundesrepublik wie nie
zuvor in ihrer Geschichte bei sich selbst angekommen; alles konnte, so mochte
es scheinen, so bleiben wie es war. Dann kam alles anders." (S. 94) Der
Zusammenbruch des Ostblocks und die deutsche Wiedervereinigung schließen
die Überblicksdarstellung ab; ein Ausblick auf die neunziger Jahre leitet
zum zweiten großen Teil Grundprobleme und Tendenzen der Forschung über.
Dieser zweite große Abschnitt umfasst wiederum gut 100 Seiten und zeichnet
sowohl ein umfassendes Bild der Forschungsergebnisse als auch der offenen
Fragen und Probleme. So steht gleich zu Beginn eine Reflektion über Methoden
und Themen, Quellen, Darstellungen und Deutungen der Zeitgeschichte im engeren
Sinne. Es folgen die klassischen Schwerpunkte Außenpolitik, Deutschlandpolitik,
innere Ordnung, Wirtschaftspolitik und -ordnung, Gesellschaft und sozialkulturelle
Entwicklungen. In überschaubaren Abschnitten und mit Hilfe der Marginalien
kann der Leser auf diese Weise einzelne Aspekte der Darstellung vertiefen
und zugleich den kontroversen Deutungsprozess der (Zeit-)Geschichtsschreibung
nachvollziehen. - Dem Forschungsstand ist zusätzlich zur Arbeit des Autors
die Unterstützung der im Vorwort erwähnten namhaften Wissenschaftler
zu Gute gekommen. - Das korrespondierende Quellen- und Literaturverzeichnis
belegt mit seinen 874 verzeichneten Titeln diese Sicht (bei Nr. 668 fehlt
der Autor) und ermöglicht zugleich eine schnelle erste Literaturerschließung.
Fazit: Andreas Rödder hat mit seiner soliden und präzisen Darstellung
ein überaus nützliches Hilfsmittel für die bundesdeutsche Zeitgeschichte
vom Ende der Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung bereitgestellt, dass
zweifelsohne weite Verbreitung finden wird. Angesichts der zeitlich-thematischen
Fokussierung und sowie seiner Struktur steht es trotz anderer gewichtiger
Darstellungen2 weitgehend konkurrenzlos
da, und sei deshalb dem breiten Adressatenkreis der Studenten, Lehrer und
historisch Interessierten nachdrücklich empfohlen.
1
Rudolf Morsey: Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis
1969, Oldenbourg Grundriss der Geschichte Bd. 19, Oldenbourg Verlag, 4. überarb.
und erw. Aufl. München 2000.
2 Christoph Kleßmann: Zwei Staaten,
eine Nation. Deutsche Geschichte 1955-1970, 2. Aufl. Bonn 1997; Manfred Görtemaker:
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart,
München 1999; Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 2:
Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung,
München 2002; Rolf Steininger: Deutsche Geschichte. Darstellung und Dokumente
in vier Bänden, Bd. 4: 1974 bis zur Gegenwart, Frankfurt a. M. 2002.
Michael von Prollius:
Unternehmensberater und
Historiker in Berlin; Promotion in Wirtschaftgeschichte an der FU Berlin;
Lehrbeauftragter zum Themenfeld "Soziale Marktwirtschaft" an der FU Berlin.
Buchveröffentlichung u.
a.:
Das Wirtschaftssystem der
Nationalsozialisten 1933-1939. Steuerung durch emergente Organisation und
Politische Prozesse, Paderborn 2003 (zugleich Diss.).
E-Mail: MvP@prollius.de